Blaue Flammen.

von Aikoy
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Marco der Phoenix
29.07.2018
11.07.2019
5
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#5 Hoffnungsschimmer.

,,Ich bin Marco, yoi," stellt sich der Blonde vor, der heute neu zu deiner Therapiegruppe gestoßen ist. Wie im Chor ertönt das „hallo Marco" und auch deine Stimme ist zu vernehmen.
Wie von der Therapieleitung bedeutet, nimmt der neue auf dem Platz neben dir Platz. Mit gelangweilten Blick schaut er in die Runde. Dich beachtet er dabei kaum.

Für dich ist ganz klar, dass auch er nicht freiwillig hier ist. So wie eigentlich kaum jemand der Anwesenden hier freiwillig hier ist. Außer Dr. Chopper vielleicht. Immerhin leitet er diese Gruppe, in der Hoffnung euch alle zu resozialisieren. Pah. Gedanklich lachst du laut auf.

Der Arzt ist zwar nett, aber definitiv naiv. Alle die hier saßen waren Wracks. Menschliche Wracks, denen das Leben mehr oder minder schlecht mitgespielt hatte und die am Abgrund der Gesellschaft angelangt waren. Für sie gibt es keine Perspektive mehr. Ihnen allen ist das vollkommen bewusst, doch der junge Arzt weigert sich vehement auch nur einen einzigen von ihnen aufzugeben. Er ist der eine, der immer an sie glaubt und die Hoffnung auch am Ende niemals aufgibt.

„Ich hoffe ihr seid alle nett zu Marco,“ reißt dich die Stimme des Arztes aus deinen trübsinnigen Gedanken, „wer möchte von seinen Fortschritten erzählen?“
Wie immer keine Reaktion und der kleine Arzt blickt traurig in die Runde. Wie gesagt, er war einfach zu hoffnungsvoll. Durchdringend richtet er seinen Blick auf dich. Immerhin setzt er doch unglaubliche Hoffnung in dich. Das zumindest eine Personen aus der Gruppe doch noch den Weg zurück ins Leben findet. Doch du schüttelst den Kopf. Du hast keine Fortschritte gemacht, von denen du berichten könntest. Eher im Gegenteil. Aber das würdest du ihnen nicht erzählen. Nie erzählst du ihnen davon.

Ergeben seufzt Dr. Chopper auf. „Na gut, gab es, gab es, äh,“ er macht eine kurze Pause und blickte in die Runde, „Komplikationen über die ihr reden möchtet? Es ist wichtig, dass ihr ehrlich zu euch selber seid. Hier können wir über alles reden. Niemand wird über euch lachen oder euch kritisieren. Wir möchten eine Lösung finden.“

Gebahnt beobachtest du die Teilnehmer. Du kannst sehen, wie sich zögerlich der ein oder andere bewegt, aber niemand den Mut zusammennimmt als erstes den Arm zu heben. Doch plötzlich steht der Neue neben dir auf und erhebt das Wort.

„Wie gesagt, ich bin Marco und da ich erst seit heute hier bin, kann ich von keinen Fortschritten berichten. Das hier wird bereits meine neunte Therapie sein und ich glaube nach wie vor nicht, dass sie mir helfen wird. Aber dennoch möchte ich es versuchen und ehrlich sein. Immerhin habe ich es jemanden versprochen.
Ich habe Zyklothymia. Das heißt ich habe hypomanische und depressive Phasen. Anders als bei einer bipolaren Störung habe ich keine hochmanischen Phasen und die Depression obsiegt. Durch meine depressiven Episoden und familiären Problemen bin ich in die Alkoholabhängigkeit geraten.
Nach meiner letzten Therapie war ich ein halbes Jahr lang trocken, doch nun trinke ich wieder. Gegen meine Persönlichkeit kann ich nicht viel machen. Aber ich möchte nicht mehr trinken. Deshalb bin ich hier.“

Damit endet der Blonde und es ist unglaublich ruhig im Raum. Du bist dir sicher, eine fallende Stecknadel wäre jetzt das lauteste Geräusch der Welt. Gebahnt beobachtest du die anderen. Keiner traut sich etwas zu sagen.
Du ebenfalls nicht. Zu gefesselt warst du von den Worten des Neuen. So ehrliche Worte und das direkt in der ersten Stunde hattet ihr hier noch nie. Und du musst es wissen. Immerhin besuchst du diese Gruppentherapie nun schon seit einem Jahr und warst damit eins der längsten Mitglieder.

Plötzlich springt der junge Arzt auf, stürzt sich auf Marco und drückt ihn ganz fest an sich. Du versteht die Welt nicht mehr. Was ist denn nun kaputt? Auch die anderen Anwesenden blicken sich verwirrt um.
„Danke, danke, danke für deine Ehrlichkeit. Wir schaffen das. Versprochen,“ hörst du Chopper glücklich babbeln. Du kannst sehen, wie sich ein minimales Lächeln auf den Lippen des Blonden bildet. „Danke Doktor, danke, für ihren Glauben in mich, obwohl sie mich nicht mal kennen.“

Der kleine Arzt läuft purpurrot an und winkt mit einem breiten Lächeln ab. Er setzt sich wieder auf seinem Platz im Kreis. „Möchte jemand Marcos gutem Vorbild folgen und uns auch ehrlich von seiner Geschichte erzählen?“

Du kämpfst mir dir selber. Solltest du vielleicht? Deine Therapeutin hatte immer gesagt, es würde gut tun über seine Probleme zu reden und sie würden dir den Druck nehmen. Aber du hast nie gerne geredet. Auch hier hast du bisher nur wenig gesagt. Für dich ist es eine lästige Pflichtveranstaltung, die die Klinik dir aufgezwungen hatte. Montags und donnerstags musst du an der Gruppentherapie teilnehmen. Letztlich dient diese Pflicht nur der Überprüfung, ob du noch unter den Lebenden weilst. Da bist du dir absolut sicher. Vor einem Jahr bist du als austherapiert entlassen worden. Man hatte die Hoffnung aufgegeben. Nun schluckst du jeden Tag eine ganze Ladung Tabletten und schleppst dich zweimal wöchentlich hier hin. Warum du das alles überhaupt mitmachst, kannst du selber schon lange nicht mehr sagen.

Doch dann durftest du feststellen, dass dieser kleine Arzt, Dr. Chopper ganz anders als die anderen Ärzte war. Er hat dich noch nicht aufgegeben. Glaubt immer noch, dass es eine Rettung für dich gäbe. Zwischenzeitlich hatte er dir wirklich so etwas wie neuen Mut gemacht. Du hattest dir einen Moment der Hoffnung erlaubt. Doch wie immer im Leben und wie ein schwungvoll geworfener Bumerang, kam es stärker als zuvor auf dich zurück. Aber Dr. Chopper gibt die Hoffnung einfach nicht auf.

Und nun, nun stand dort dieser Mann, der offen und ehrlich über seine psychische Störung und seine Alkoholsucht redet. Das ganze ohne dabei in Tränen ausbrechen oder fluchtartig den Raum zu verlassen. Genauer betrachtet sieht er auch anders aus als die anderen Personen in diesem Raum. Weniger wie ein runtergekommenes, ramponiertes Wrack, sondern vielmehr wie ein in die Jahre gekommenes, wunderschönes Segelschiff, das die Weltmeere besucht hat und nun eingestaubt im Hafenbecken vertaut war, nur darauf wartend wieder ein Abenteuer zu bestreiten.

Dennoch kannst du an seinen Augen erkennen, dass auch er fiel erlebt haben muss, denn seine Augen waren von einem traurigen Schleier verhangen. Einem Schleier, den nur du wahrnimmst.
Sein ganzes Auftreten regt etwas in dir. Etwas das du zu diesem Zeitpunkt noch mit keinem Wort benennen kannst. Aber eins weißt du von diesem Moment an, dieser Mann vor Dir erweckte etwas in Dir, von dem du dir sicher warst, es niemals spüren zu können. Entweder er würde deine Rettung, oder dein vollständiger Untergang sein.

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*vorsichtig um die Ecke spins*
Nabend! :3. Ja, dieses Projekt lebt noch und ich habe gute Neuigkeiten. Ich habe hier ein paar Häppchen für euch vorbereitet, die ich in den nächsten Wochen, Monaten mit euch teilen möchte. Wie regelmäßig ich uploaden werde, ist abhängig von meiner Muse und den anderen Projekten :3.
Ich hoffe dieses - doch etwas andere Ding gefällt euch. Eigentlich war es als eigenständige Geschichte geplant, aber mit umfassenderen Projekten habe ich ja meine Schwierigkeiten *shame*. Dann wollte ich Drabbles rausmachen (der ein oder andere weiß, ich liebe Drabbles!), aber grade dieser Teil der Geschichte lässt sich nicht in Drabbles packen.  
Die Fortführung dieses Textes hier schon (zumindest teilweise) und so möchte ich euch das Angebot machen, dass, wenn Interesse besteht, es ausnahmsweise mal einen Part II geben wird - lasst es mich wissen. ^-^.
Und wenn noch Frage zum Inhalt sind, könnt ihr es mich gerne wissen lassen.
Wie immer liebsten Dank fürs Lesen und ich würde mich über Empfehlungen, Fav's und Reviews freuen!
Eure Aikoy :3