Rotten Day

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Eric Beal Nell Jones
28.07.2018
17.02.2019
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Zwei Wochen zuvor…

„Darf ich mich setzen?“ fragte Eric und beugte sich zu der jungen Frau herunter, die alleine auf der langen Bank in der letzten Reihe saß. Die Sitzplätze waren tief ausgelegt, sodass man sich auch auf den Boden hätte knien können. Die Frau nickte aufgeregt, als sie zu Eric aufsah und rutschte weiter in die Mitte, damit er sich neben sie fallen lassen konnte, wobei er stets versuchte, ihr nicht zu aufdringlich in die Augen zu starren. Sie schielte auf dem rechten Auge.
Von hier aus war das Innere der Kirche überschaubar, bemerkte Eric. Sie war provisorisch aufgebaut worden. Trotz der schmalen Fenster, die das Licht geringfügig durch die dicken, verglasten Scheiben passieren ließen, der langen Bänke, die jeweils Links und Rechts an die Wände gereiht waren und einige religiöse Verzierungen aus handgewebten Soffen oder geschnitztem Holz die rauen, kalten Backsteine beschönigten, wirkte es nicht einmal für das ungeübte Auge annähernd wie eine Kirche. Es rief etwas Unpersönliches, etwas Fremdes hervor. Es war eine alte Scheune, die aus nur einem Grund restauriert wurde, um unter Verschluss armen, verzweifelten Menschen die Verbesserung ihrer Lebensqualität zu versprechen, indem sie einem Glauben folgten, der auf einer Vorstellung basierte.
Eric befand sich mitten im Zentrum einer heiligen Messe einer Sekte. Und er war nicht zum ersten Mal hier, um sich die Predigten derer anzuhören, die dieser Gemeinschaft mit voller Hingabe zu einem festen Status verhalfen. Jeden Tag der letzten zwei Wochen war er hergekommen, hatte den Vorträgen applaudiert und eine Spende dagelassen. Sein letzter Beitrag war großzügig ausgefallen, auch wenn er nicht wusste, was mit dem Geld passierte, das die Mitglieder und die okkasionellen Kirchengänger gnädig zurückließen. Es fiel ihm von Mal zu Mal schwerer, doch es war ein Bestandteil seiner Person, die Hetty ihm vor Wochen zugewiesen hatte.  
Als Eric seinen Blick über die Besucher hinweg gleiten ließ, kam er nicht drum herum, Nells Rotschopf etwa drei Reihen vor ihm zu erblicken. Sie saß mitten im Getümmel und unterhielt sich mit einem Sektenmitglied, wobei sie eindeutig Interesse vortäuschte, so wie sie es tat, sobald Eric anfing, über seine Videospiele zu reden. Seine Mundwinkel zuckten, während seine Augen auf ihrem Hinterkopf ruhten. Es war ihm ein unbeschreiblich großer Stein vom Herzen gefallen, als Hetty ihm versichert hatte, dass Nell ihm bei dieser Aufgabe den Rücken stärken sollte, da sie bereits einige Erfahrung gesammelt hatte, aber willig war, sich auch dieser Ermittlung zu stellen. Sie waren ein gutes Team.
„Ich bin froh, wieder hier zu sein. Sind Sie zum ersten Mal hier?“ Die junge Blondine neben ihm spielte ungeduldig an dem Reißverschluss ihrer Handtasche herum, als könne sie die Verkündigung Gottes Worte nicht abwarten. Eine naive Persönlichkeit, dachte Eric bei näherer Betrachtung. Genau das Opfer, wonach diese Sekte Ausschau hielt.
„Ich komme seit zwei Wochen jeden Tag her“, antwortete Eric und entriss sich der Betrachtung seiner Partnerin. „Wir haben uns bisher aber noch nicht gesehen, stimmt‘s?“ Wieder senkte er seinen Kopf, um nicht auf ihr Schielauge zu starren. Ein Makel, der besonders herausstach, da sie eine reine, blasse Haut und große, blaue Augen mit langen Wimpern hatte. Ihre Nase war sehr grazil, doch sie sah nicht nach einer Frau aus, die sich freiwillig dafür unters Messer legen würde. Wenn sie einen Eingriff veranlasst hätte, dann wäre ihr Auge mit Sicherheit das erste gewesen, das sie hätte korrigieren lassen wollen.
„Dann finden Sie es also auch schön, hier zu sein“, entgegnete die Frau und ihre Hände, die sie um ihre Ellenbogen schlangen, begannen zu zittern. „Wir tun das Richtige, nicht wahr?“ sagte sie mehr zu sich selbst und Eric konnte sehen, wie sich ihr Unterkiefer anspannte. Nochmals ließ Eric seinen Blick über die Menge huschen, um einen Eindruck von den Menschen zu bekommen, dessen verlorengegangene Hoffnung sie her verschlagen hatte. Keiner wirkte auf dem ersten Blick wie ein Außenseiter, doch die bittere Wahrheit sah anders aus. Sie allesamt waren eine Handvoll Menschen die sich an das klammerten, was ihnen von den Täuschern dieser Sekte vorgeworfen wurde. Die Frau neben ihm war das beste Beispiel für eine Versagerin, die von allen guten Geistern verlassen war. Umso mehr Mitleid empfand Eric für sie und all diese Menschen, die sich manipulieren und benutzen ließen, ohne dabei von Gut und Böse zu unterscheiden. Doch er musste neutral bleiben und seiner Rolle gerecht werden.
„Es wäre auf jeden Fall falsch, nichts zu unternehmen.“ sagte er leise und ohrfeigte sich innerlich dafür, die arme Frau wissentlich weiter in die Ausbeutung dieser Sekte zu treiben.
„Ich komme seit einem Monat mehrmals in der Woche her und höre mir an, was sie zu sagen haben. Sie sagen, sie haben eine Lösung für jeden von uns.“ murmelte die Frau noch leiser und Eric lehnte sich in ihre Richtung, um ihre Worte zu verstehen.
„Es gibt immer die eine Lösung.“ wiederholte Eric die Worte des Mannes, der vor wenigen Tagen in dieser Kirche seine Kundgebung mit diesem Fazit abgeschlossen hatte. Zu Erics Erstaunen hatte er damit mehr als genug Leute um den Finger gewickelt, die sich im Verlauf der Woche immer wieder hatten blicken lassen. An diesem Tag waren vielleicht fünfundzwanzig Leute, Eric und Nell mit eingeschlossen, in der Kirche versammelt. Es waren dennoch mehr als in den letzten Tagen, dachte Eric, was ihn verunsicherte. Die Prediger hatten es also doch mit einfachsten Worten geschafft, die Herzen dieser armen Seelen zu berühren.
Die Frau lächelte Eric vertraut zu, bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, öffnete sich eine kleine Tür am anderen Ende der Kapelle und das Licht der Mittagssonne flutete für einen Moment den gesamten Raum. Die Frau reckte ihren Hals und auch das Getuschel  der anderen Anwesenden, die sich mittlerweile einen geeigneten Platz gesucht hatten, verstummte, während alle ihre Köpfe in eine Richtung drehten. Herein kam ein Mann, der kaum älter sein musste als Eric, und trat auf die Erhöhung, welche eine Art Altar andeuteten sollte. Er schien der heutige Prediger zu sein, der die Ehre hatte, auch die letzten noch Unentschlossenen zu bekehren und diese mit einem Hoffnungsschimmer nach Hause zu schicken, der wie eine Droge war. Sie würden wiederkommen und mehr verlangen, sobald sie abermals das Gefühl hatten, nichts wert zu sein.
Der Mann war Eric nicht unbekannt. Er hatte in den letzten beiden Wochen schon drei seiner Vorträge mitangehört. Sein Name war Maxwell. Seinen Nachnamen verriet er nicht, das war eine Regel innerhalb der Sekte. Nachnamen waren nicht wichtig, denn den einzigen Nachnamen den man tragen sollte, war nicht der Name der Familie, in die man unweigerlich hineingeboren wurde, sondern der Name der Familie, die man sich aussuchte. In diesem Fall die Sekte. Salvation, was so viel wie Erlösung bedeutete, welche die Sekte einem versprach. Eric konnte sich nicht vorstellen, dass eine kleine, fast schon unbedeutende religiöse Gemeinschaft eine Lösung für jedes Problem hatte. Die obersten Mitglieder müssten allesamt aus Psychiatern bestehen, doch die wenigen Profile, die Eric und Nell über einige von ihnen ergattern konnten, zeigten, dass mehr als die Hälfte nicht einmal einen Collegeabschluss in der Tasche hatte.
Maxwell, der Mann, der nun vor ihnen stand und sich namentlich den Leuten vorstellte, die ihn noch nicht zu Gesicht bekommen hatten, war jedoch von einem anderen Schlag. Das hatte Eric bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen gemerkt. Er war ein sehr intelligenter, junger Mann, der alleine mit der Macht der Worte, von denen er ganz genau wusste, wie er sie einzusetzen hatte, den Menschen um sich herum den Kopf verdrehte. Er strahlte eine Sympathie aus wie ein Nachrichtenmoderator mit seinem unverkennbaren weißen Zähnen, die er allzu gerne herzeigte, wenn er breit grinste und seinen Kleidungsstil, der dem eines Professors glich. Ein gebügeltes Hemd, ein ordentliches Jackett, eine passende Hose und stets plierte Schuhe. Dennoch wirkte er nicht überheblich. Er war wie ein beliebter Schüler der Oberstufe, der nicht bloß mit seinem Aussehen, sondern auch mit seinen Noten glänzte. Jemand der seine Intelligenz nutzte, um anderen bei ihren Hausaufgaben zu helfen, anstatt sie deshalb vor den Lehrern in ein schlechtes Licht zu rücken. Wenn Eric nicht wüsste, dass er Dreck am Stecken hätte und die Menschen einlullen würde, um ihre Hilflosigkeit auszunutzen und um ihr Geld zu bringen, wäre er schlichtweg von Maxwell begeistert gewesen.
Ungeachtet davon bemühte sich Eric, aufgeschlossen auszusehen, während Maxwell denselben Vortrag hielt wie die Male zuvor. Die letzten zwei Wochen hatte er sich jeden Tag ein und dasselbe anhören müssen, sodass er sich selbst hätte vorne hinstellen und davon erzählen können, wie toll diese Sekte doch sei. Eric hörte kaum noch hin. Die Frau zu seiner Linken war gerührt von dem, was Maxwell erzählte, wobei sie sich dies öfter angetan hatte als Eric. Er konnte und wollte sich nicht in ihre Lage versetzen, denn ihr gesamtes Leben musste in diesen Minuten an einem seidenen Faden hängen, welcher die Sekte gesponnen hatte. Ohne sie würde diese Frau vielleicht schon gar nicht mehr auf Erden wandeln. Und möglicherweise galt dies nicht bloß für sie alleine, überlegte Eric und sah, dass beinahe jeder in dieser Kirche gespannt an den Lippen des Predigers hingen. Wieder suchte er Nell in der Menge. Sie saß immer noch auf der Bank drei Reihen vor ihm und lauschte Maxwells Stimme, die das Innere füllte.
„…Und wenn der Tag der Erlösung für jeden einzelnen von euch gekommen ist, dann verspreche ich euch, werdet ihr all eure Probleme, eure Leiden zurücklassen und etwas Neues beginnen. Ein neues Leben. Ihr werdet die Schmerzen nicht vergessen, aber den Menschen, die euch diese bereiteten vergeben. Dann seid ihr in der Lage, das alles gehen zu lassen und selbst niemals in Vergessenheit zu geraten. Denn euer Selbst ist für Großes bestimmt, ihr werdet gebraucht.“ appellierte Maxwell und nahm sich Zeit, seinen versammelten Zuhörern lange genug in die Augen zu sehen, um das Gesagte zu bestärken. Obwohl er bereits seit einer halben Stunde ununterbrochen gesprochen hatte, schien niemand teilnahmelos auf den Boden oder den Fenstern zu starren. Im Gegenteil. Sie waren alle näher gerückt, um keine Sekunde zu verpassen. Auch die Blondine an Erics Seite faltete ihre Hände und nickte nach fast jedem Satz, den er verlauten ließ.
„…Mit diesen Worten überlasse ich sie wieder in ihren Alltag. Ich danke ihnen für ihr Erscheinen und ihr Interesse. Und scheuen sie nicht, uns nochmal einen Besuch abzustatten, wenn sie gerade erst hinzugekommen sein mögen. Unsere Gemeinschaft empfängt jeden, ganz gleich, wer diese Person auch ist oder was die Gesellschaft aus ihm gemacht hat, mit offenen Armen.“ Maxwell machte eine weitherzige Geste zum Abschluss und die Zuhörer applaudierten ihm.
„Ich habe jede Sekunde bereut.“ murmelte Eric wie gerädert. Das Zuhören hatte ihm zu schaffen gemacht.
„Was sagten Sie?“ wollte die Blondine wissen, als der Applaus abebbte.
„Ich sagte, es hat mich sehr gefreut.“ erwiderte Eric und gab der Frau lächelnd die Hand, welche sie erstaunt schüttelte. Normalerweise mischte sich Eric unter die Menschen, die direkt nach dem Vortrag durch die Tür die Kirche verließen, aber dieses Mal ruhte sein Blick auf Nell, die mit einem wohlgelaunten Mann in ein Gespräch verwickelt war. Es war ihr erster Besuch in der Kirche der Salvation gewesen. Es kam der verdeckten Ermittlung nur zu Gute, dass sie das Gespräch mit jemandem suchte, der ihr mehr Informationen beisteuern konnte. Eric selbst hatte sich mit Konversationen innerhalb der Sekte zurückgehalten, aber seine bloße tagtägliche Anwesenheit ließ ihn wie einen Interessenten auf die Mitglieder wirken.
Er stand dar und beobachtete Nell. Sie spielte eine schüchterne Rolle. Eine Frau, die von ihrem eigenen Umfeld als unrettbar abgestempelt wurde. Eine Frau, die Halt suchte, wobei es ihr egal war, wo sie diesen fand. Besonders die Frauen wurden schnell in ein Gespräch gezogen, bemerkte Eric, denn sie waren am hilflosesten. Auch die blonde Frau, neben der er gesessen hatte, umgriff ihre Handtasche fest und schnellte an den Bankreihen vorbei, um Maxwell in letzter Sekunde zu erwischen, der dabei war, den Rückweg aus dieser Scheune anzutreten. Eric sah, wie sie nervös mit ihrem Fuß über den Holzboden fuhr als sie mit ihm redete. Er lachte kurz auf und nickte sie vertraut an. Eric stolperte einen Schritt nach vorne und ließ seine Beine dann erstarren. Sie war eine beeinflussbare Frau und er ein manipulierender Profi. Gerne wäre er dazwischen gegangen und hätte sie rausgezehrt, ehe er auch nur seine Zunge erheben konnte, um sie zu betören, doch das hätte wohl jeden hier misstrauisch gemacht. Es blieb Eric nichts anderes übrig, als dabei zu zusehen, wie Maxwell einen Arm um sie legte und sie zur Hintertür herausführte. Eric wurde speiübel, bei dem Gedanke, dass Maxwell diese atemberaubend schöne Frau nicht nur mit sich nahm, um über Gott und die Welt zu reden. Einige Frauen verdankten ihren Platz innerhalb der Sekte nur ihrem Körpereinsatz, obwohl nicht alle von ihnen damit einverstanden waren, sich auf diese Weise von den Mitgliedern benutzen zu lassen. Und er konnte nur hinterherschauen.
„Entschuldigen Sie bitte“, tönte es neben Eric und er fuhr herum. Er schaute in das Gesicht eines Mannes, den er bisher nur von seinem Bildschirm aus dem OPS kannte. Der Name schoss ihm sofort durch den Kopf. Adam Cole. „Uns ist aufgefallen, dass Sie großes Interesse an Salvation zeigen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht und Sie genügend Zeit mitbringen, würden wir Sie gerne zu einem ausführlichen Gespräch einladen.“ Im Gegensatz zu Maxwell wirkte sein Lächeln kühl und geistlos. Doch Adam Cole war der Grund, weshalb sie hier waren. Nach diesem Mann hatten sie gesucht.
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