Rotten Day

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Eric Beal Nell Jones
28.07.2018
17.02.2019
24
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Mit klatschnassen Hosenbeinen wankte Eric über den Asphalt. Nachdem er diesen erreicht hatte, erschien es ihm, als habe er einen Weg nach Hause gefunden. In Sicherheit. Doch er fror und die Kälte fraß sich unweigerlich durch seine Haut und sein Fleisch, bis tief in die Knochen. Seine Gelenke gaben nach und seine Knie konnten sein Gewicht kaum mehr ertragen.
Orientierungslos torkelte er durch das Dunkel, versuchte, auf der Straße zu bleiben, die einen festen Untergrund für ihn bot. Den Weg den er hinter sich gelassen hatte, war nicht mehr als taufeuchter Waldboden gewesen, der stetig unter ihm weggebrochen war, wenn er einen Fuß auf die klamme Erde gesetzt hatte. Er wusste nicht, wo Norden oder Süden war. Er wusste nicht, wohin ihn diese Straße bringen würde, aber irgendwo musste sie enden und irgendjemand würde ihn irgendwann finden.
Er lief seit zwanzig Minuten auf dem Asphalt, den langen Weg davor hatte er fast wieder vergessen. Er könnte kehrt machen und zurückgehen, doch es graute ihm davor. Deshalb war er hier, weil er so weit wie möglich von dort weg wollte. Seine durchnässten Hosenbeine tropften nicht mehr im Sekundentakt und auch seine Schuhe schienen leichter zu werden. Er wollte die Schuhe abstreifen, die wie schwere Ketten an seinen Fußgelenken klammerten und dafür sorgten, dass er sich auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren musste, aber er wollte keine Fährte legen. Er musste verdeckt bleiben. Noch bot ihm die Dunkelheit den Schutz, sobald die Sonne aufging, musste er vielleicht doch die Straße verlassen und sich am Waldrand entlang tasten. Es erstreckten sich auch genügend Felder mit hochgewachsenen Maispflanzen an der Grenze zur Straße hin, in denen er sich verbergen konnte.
Wie gerne hätte er sich in die Büsche geschlagen und für wenige Minuten pausiert, um seinen Atem, den man in der kalten Nachtluft sehen konnte, unter Kontrolle zu bringen und seinen Herzschlag zu beruhigen, der heftig gegen seine Brust schlug, sodass es ihm Magenschmerzen bereitete und er sich krümmen musste. Vielleicht würde er sich schon bald erbrechen. Dann würde er eine Spur legen, die man nicht nur sehen, sondern auch riechen könne. Eric zwang sich, weiterzugehen, wenn auch in langatmigen Schlangenlinien.
Aus weiter Entfernung konnte er schließlich einen Lichtkegel wahrnehmen, welcher wie die am Horizont aufgehende Sonne aussah, aber auch ohne Brille konnte Eric erkennen, dass es sich um die Scheinwerfer eines Fahrzeugs handelte. Der Motor ratterte und es dröhnte tief in seinem Kopf, während er versuchte, seine Sinne beisammen zu halten und stehen zu bleiben. Der Wagen drosselte seine Geschwindigkeit als er sich Eric näherte. Der Fahrer musste ihn gesehen haben. Eric blickte in direkt in die Lichter und hob seinen Arm, um ihn sich schützend vors Gesicht zu halten und dem Fahrer gleichzeitig damit zu winken. Eric wankte einen Schritt in die Mitte der Straße. Der Wagen fuhr im ersten Gang an und vermittelte tatsächlich den Eindruck, er würde vor Eric zum Stehen kommen.
Dieser senkte seinen Blick und schaut auf seine Füße, seine Beine, seinen Oberkörper. Er trug mit Erde und kleinen Blättern und Grashalmen beschmutzte Schuhe dessen Schnürsenkel nicht mehr vorhanden waren. Seine Hosenbeine waren vom Fuß bis zur untersten Oberschenkelhälfte durchweicht, sein linkes Hosenbein war sogar an der Wade zerrissen und schien schwarz verfärbt worden zu sein. Das letzte, das er entdeckte, waren die vielen kleinen Punkte an der Seite seines T-Shirts, unterhalb seiner Brust. Sie waren überall und wurden nach unten hin größer und er konnte im grellen Licht der Scheinwerfer die Farbe der Flecke erkennen. Ein dunkles Rot. Es war Blut.
Eric drehte sich, erschüttert über diese Beobachtung, wahllos im Kreis und suchte auf seinem Oberteil nach mehr Blut. Er selbst war nicht verletzt, es war nicht sein Blut. Dennoch fragte er sich, woher es stammte, denn er war seit langer Zeit alleine unterwegs.
Das Auto näherte sich langsam, doch als Eric wie wild begann, sich um die eigene Achse zu drehen, schaltete der Fahrer sofort einen Gang höher und machte einen großen Bogen um den verwirrten Mann, um dann urplötzlich in der Dunkelheit zu verschwinden und Eric alleine zurückzulassen. Eric rief etwas hinterher, doch sein Körper bebte vor Verzweiflung, sodass er kaum ein Wort zustande brachte. Es machte ihn wütend, stehen gelassen worden zu sein. Doch wer würde schon einen Fremden in sein Auto steigen lassen, der nachts mutterseelenallein auf der Straße weit außerhalb der nächstgelegenen Stadt herumirrte und mit Blut bespritzt war, welches er nicht einmal jemandem zuordnen konnte. Vielleicht waren diese Faktoren der Grund, weshalb der Fahrer vor lauter Furcht das Weite gesucht hatte. Eric erkannte jedoch noch einen Grund, der nicht nur dem Fahrer in den nächsten Nächten Albträume bescheren sollte. Er untersuchte seinen Arm auf weiteres Blut und obwohl seine linke Körperhälfte übersäht davon war, riss er verwundert die Augen auf, als er im Mondlicht feststellte, dass auch dieser vom Handgelenk bis zum Ellenbogen mit der bereits getrockneten Flüssigkeit vollgeschmiert war. Hingegen sein rechter Arm kaum einen Tropfen aufwies.
Und da war etwas, durch die Kälte der Nacht, an seiner Hand festgefroren und klebrig durch das Blut. Er hatte es die ganze Zeit umklammert, seine Finger waren verkrampft und um dieses Ding geschlungen. Es hatte ihn ebenfalls fest im Griff. Es war eine Hand. Eine Hand und der Rest eines Unterarmes aus dem zwei stumpfe Knochenenden ragten. Am Ringfinger der leblosen Hand glänzte ein silberner Ring im gedämpften Mondlicht. Es war Nells Ring.
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