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Gondor hilft Westeros  - Band 1: Ein anderer Krieg der fünf Könige

Kurzbeschreibung
CrossoverAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
Arya Stark Eddard "Ned" Stark Robb Stark Sansa Stark Stannis Baratheon Tyrion Lannister
27.07.2018
20.11.2020
98
150.606
48
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27.07.2018 1.963
 
Tief in Gedanken versunken blickte Stannis Baratheon auf das Meer hinaus. Es war ein schöner Morgen, doch der Mann auf den Mauern der Festung Drachenstein achtete weder auf den frischen Morgenwind noch auf das strahlende Licht der aufgehenden Sonne, das sich in der Schwarzwasserbucht spiegelte. Mit seiner hohen, gefurchten Stirn, seinem kantigen Kinn und seinem finsteren Blick wirkte er viel älter als die sechsunddreißig Jahre, die er zählte. Früh am Morgen war er hinaus auf die Mauern gegangen, um in aller Ruhe mit sich Rat zu halten. Seine Gedanken kreisten um die Ereignisse, die sich in den Sieben Königslanden abspielten, seit sein älterer Bruder Robert nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Unmittelbar nach König Roberts Tod hatte dessen Witwe Cersei Roberts Hand Eddard Stark wegen angeblichen Hochverrats in den Kerker werfen lassen – ein völlig lächerlicher Vorwurf! Stannis kannte den wahren Grund. Lord Stark hatte herausgefunden, was Stannis (ebenso wie die vorherige Hand, der heimtückisch ermordete Jon Arryn) schon lange geahnt hatte: Keines der drei Kinder von Cersei war von Robert; sie waren Bastarde, hervorgegangen aus blutschänderischer Unzucht der schamlosen Hure Cersei mit ihrem Bruder Jaime Lannister, dem Königsmörder – auch der Knabe Joffrey, der älteste der drei, der dazu noch auf dem Eisernen Thron saß, war eine solche Abscheulichkeit. Dieser Bastard hatte kein Recht auf den Thron! Er, Stannis Baratheon, war der rechtmäßige König der Andalen, der Rhoynar und der Ersten Menschen, Herr der Sieben Königslande und Beschützer des Reichs! Er und sonst niemand!

Umso mehr schmerzte ihn, dass nicht einmal sein jüngerer Bruders Renly ihn unterstützte. Vielmehr hieß es, dass er durch eine Heirat mit Margaery Tyrell die Unterstützung von Rosengarten und der Lords der Weite gewinnen und sich selbst zum König ausrufen wollte. Seit wann durfte sich der jüngere Bruder vor dem älteren zum König ausrufen? Das war Hochverrat! Würden Renlys Gefolgsleute, die Lords der Sturmlande, bei einem derartigen Verrat mitwirken? Stannis hatte einen besonders treuen Lehnsmann, Ser Davos Seewert, in die Sturmlande geschickt, um die Unterstützung der dortigen Lords zu gewinnen. Doch diese Mission hatte wenig Aussicht auf Erfolg – das meinte zumindest der alte Maester Cressen, der Robert, Stannis und Renly seit ihren Kindheitstagen kannte. Einst hatte Stannis Cressen sehr geschätzt, doch nun fragte er sich, ob er den mittlerweile sehr alten und gebrechlichen Maester nicht in den wohl verdienten Ruhestand schicken sollte. Die Zitadelle hatte ja bereits mit Maester Pylos einen jungen Nachfolger nach Drachenstein geschickt.

Falls Maester Cressens Einschätzung der Sturmlords aber zutreffend war und diese weiter zu Renly hielten, würde dieser über eine gewaltige Streitmacht verfügen. Groß genug, um den falschen König Joffrey und die Macht der Lannisters herauszufordern. Doch wer würde ihm, Stannis, dem rechtmäßigen König folgen? Über welche Macht verfügte er? Stannis' Gemahlin Selyse riet ihm, statt auf Lords und ihre Krieger auf Zauberei und eine fremde Religion zu vertrauen. Selyse wurde beeinflusst von Melisandre, der Schattenbinderin aus Asshai und Priesterin des Herrn des Lichts. Diese Fremde behauptete, dass der Sieg Stannis sicher sei, wenn er sich vom Glauben der Sieben abwandte und sich zu ihrem Roten Gott bekannte. Doch Stannis teilte die Begeisterung seiner Gemahlin für die Fremde und ihren Glauben nicht. Kriege wurden mit kampfstarken Heeren gewonnen, nicht mit Gebeten und Wahrsagerei!

Stannis dachte weiter an das Spiel der Throne und einen weiteren Mitspieler: Robb Stark, den Sohn von Eddard Stark, der nach der Festnahme seines Vaters mit dessen Vasallen in den Krieg gegen die Lannisters gezogen war. Dieser Jüngling zählte noch nicht einmal siebzehn Jahre, aber er hatte sich bereits als geschickter Feldherr erwiesen, die Lannisters in zwei Schlachten geschlagen und dabei auch Jaime Lannister, den Königsmörder, gefangengenommen. Stannis vermutete, dass Robb Stark nun versuchen würde, sich mit den Lannisters zu verständigen und den Königsmörder gegen seinen Vater auszutauschen.

Eine seltsame Erscheinung riss Stannis aus seinen Gedanken. Im Südwesten, hinter der Insel Driftmark, wurde es auf einmal hell, fast als ob dort eine zweite Sonne aufginge. Das Licht, dessen Quelle durch die Insel verdeckt war, strahlte einige Zeit, dann erlosch es ebenso plötzlich, wie es aufgeschienen war.

"Was war das?", fragte sich Stannis. "Hat es auf Driftmark gebrannt? Aber ein Brand von solcher Helligkeit müsste gewaltig sein, länger dauern und würde auch nicht augenblicklich erlöschen!" Stannis blickte noch einige Zeit in die Richtung der Insel, doch das Licht erschien nicht wieder. Unterdessen wurde er gewahr, dass er nicht der Einzige war, der das Licht bemerkt hatte. Er hörte, wie einige Wachen aufgeregt miteinander sprachen. Sicher, das Licht hatte so hell und so lange gestrahlt, dass es viele Leute auf Drachenstein gesehen haben mussten – die Wächter auf den Zinnen ebenso wie die Leute in der Steintrommel, gewiss auch die beiden Maester im Meerdrachenturm.

Stannis wandte seinen Blick vom Meer ab und schritt zügig zur Steintrommel, dem Bergfried, der den Mittelpunkt von Drachenstein bildete. Er begab sich in die Kammer der bemalten Tafel und befahl einem Diener, die beiden Maester zu ihm zu rufen. Während er vor der Tafel sitzend wartete, sann er darüber nach, was die Ursache dieses Lichts war, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen.

Schließlich trafen Cressen und Pylos ein. Das Auftreten der beiden Maester konnte kaum unterschiedlicher sein – der eine alt, hinfällig und mit langen schlohweißen Haaren, der andere jung, eifrig und mit kurzem braunem Haar. "Euer Gnaden…" begann Maester Cressen. Ohne auch nur einen Gedanken an ein "Guten Morgen" oder sonst einen Gruß zu verschwenden, schnitt Stannis dem alten Mann das Wort ab und fragte: "Ihr habt es doch auch gesehen? Was war das?"

"Gesehen haben wir es", antwortete Cressen, "doch wir wissen noch nicht, was es war."

"Ja, dergleichen haben wir noch nie erblickt", ergänzte Pylos.

"Berichtet mir etwas, was ich noch nicht weiß!", murrte Stannis ungeduldig. "Ihr Gelehrten solltet doch wenigstens eine Vermutung haben!"

"Ja, Euer Gnaden!", antwortete Cressen. "Ich glaube, ich habe vor vielen Jahren in einer Schriftrolle gelesen, dass es jenseits der Sommerinseln Vulkane im Meer geben soll…"

"Mein Gemahl!", rief eine energische Frauenstimme. "Hört uns an!" Selyse Baratheon war ungefragt eingetreten, gefolgt von der Priesterin Melisandre. Stannis' schwarz gekleidete Gemahlin war groß, dunkelhaarig und schlank, doch mit ihren zu großen Ohren, ihrem strengen Mund und ihrer ausgeprägten Nase nicht gerade eine hübsche Frau. Dagegen war die stets in Rot gekleidete Schattenbinderin aus Asshai eine berückende Schönheit. Auch sie war groß und schlank, aber anders als Selyse wirkte sie elegant und anmutig. Blass und makellos war ihre Haut, rot ihr langes, wallendes Haar und auch ihre Augen glänzten rot.

"Was wollt Ihr, Selyse?", seufzte Stannis, der sich durch das Eindringen der beiden Frauen gestört fühlte.

"Lady Melisandre kann Euch erklären, was dieses erstaunliche Licht zu bedeuten hat!", versicherte Selyse.

Stannis zögerte kurz. "Also gut! Sprecht!", sagte er dann und nickte Melisandre zu.

"Euer Gnaden!", begann die Rote Frau. "Dieses Licht war ein Zeichen von R‘hllor, dem einzig wahren Gott. Aber es war mehr als das. In diesem Licht hat sich das Tor zu einer anderen Welt geöffnet. Zehntausend Krieger des Lichts haben es durchschritten um unsere Welt gegen die Finsternis zu verteidigen und um Euch in Eurem Kampf beizustehen!"

"Abergläubischer Unsinn!", warf Cressen verächtlich ein. "Woher wollt Ihr das wissen, Ausländerin? Seid ihr vorhin über Driftmark geschwebt, um Euch das anzuschauen und seid anschließend hierher zurückgeflogen? Ihr habt keine Beweise für Eure abenteuerlichen Behauptungen!"

"Ich habe es in den Flammen gesehen, alter Mann!", erwiderte Melisandre ruhig. "Und auch Ihr werdet bald die Wahrheit meiner Worte erkennen!"

"Mein Gemahl! Kümmert Euch nicht um diesen ungläubigen Greis!", rief Selyse und zeigte verächtlich auf Cressen. "Schwört den falschen Göttern ab und bekennt Euch zum Herrn des Lichts, auf dass seine Krieger Euch beistehen!"

"Ruhe!", fuhr Stannis seine Gemahlin an. "Ich habe einige hübsche Worte von Lady Melisandre gehört, doch ich hätte in der Tat gerne Beweise, die über einen Blick in die Flammen hinausgehen!"

"Verzeihung, Euer Gnaden", meldete sich der junge Maester Pylos schüchtern zu Wort, "aber sollten wir nicht besser den Lord von Driftmark oder den Lord der Scharfspitze befragen, was sie und ihre Leute gesehen haben? Auf Driftmark hatten sie eine bessere Sicht auf dieses Ereignis. Auch die Männer auf dem Wachturm der Scharfspitze haben sicher mehr gesehen als wir."

"Das ist endlich ein brauchbarer Vorschlag", brummte Stannis. "Also gut, sorgt dafür, dass Lord Velaryon von Driftmark herkommt und mir über diese Erscheinung Bericht erstattet. Von ihm erfahren wir eher etwas Nützliches als von dem Knaben von Scharfspitze." Lord Duram Bar Emmon von Scharfspitze war nämlich ein Jüngling von fünfzehn Jahren.

Bevor aber ein Bote nach Driftmark geschickt werden konnte, meldeten die Wachen, dass sich bereits die Stolz von Driftmark, das Schiff von Lord Monford Velaryon, das auf seinem meergrünen Segel das Wappen des Seepferdchens trug, Drachenstein näherte. Es dauerte nicht lange, ehe das Schiff anlegte und Monford Velaryon, Lord der Gezeiten und Meister von Driftmark darum bat, seinen König sprechen zu dürfen.

Lord Velaryon kniete nieder, als er den Eingang zur Kammer durchschritten hatte. Er war ein gut aussehender Mann mit dem langen blonden Haar der Abkömmlinge von Valyria. "Erhebt Euch!" befahl Stannis. "Ich wusste, dass Ihr kommen würdet, Lord Velaryon. Was habt Ihr mir zu berichten?"

"Euer Gnaden", antwortete der Lord der Gezeiten, "ich begab mich zu Euch, um von einem wahrhaft wunderlichen Ereignis zu berichten. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte."

"Ja, kommt zur Sache!", knurrte Stannis ungeduldig, "ich habe selbst gesehen, dass da etwas geleuchtet hat. Was habt Ihr gesehen?"

"Euer Gnaden, ich sah, wie im Südosten auf dem Meer ein Licht erstrahlte, als ob dort plötzlich eine zweite Sonne erschiene. Doch diese Sonne ging weder auf noch unter, sondern schien mit der Meeresoberfläche verwoben zu sein. Plötzlich entsprang dem Licht ein großes Schiff mit einem schwarzen Segel. Auf dem Segel war ein mir unbekanntes Wappen zu sehen: Eine silberne Krone und sieben Sterne über einem weißen Baum. Diesem Schiff folgten weitere, manche mit dem gleichen Wappen, andere mit schwarzen oder weißen Segeln ohne Wappen und wieder andere mit blauen Segeln, auf denen ein Schiff in Form eines Schwans als Wappen zu sehen war."

"Schiffe mit Schiffen als Wappen?", fragte Stannis. "Welche Art Schiffe waren es denn und wie viele? Und wo sind sie jetzt?"

"Zweifellos Kriegsschiffe", antwortete Lord Velaryon, "die größeren waren unseren Dromonen ähnlich. Einige waren mit Skorpionen ausgestattet. Insgesamt waren es wohl etwa fünfzig Schiffe. Sie fuhren zunächst in westlicher Richtung. Als hinter ihnen das Licht erlosch, wandte sich die Flotte nach Südwesten zur Schwarzwasserbucht. Sie fahren in die Richtung von Königsmund."

"Es ist wahr!", rief Melisandre. "Euer Gnaden, auf diesen Schiffen sind die zehntausend Krieger des Lichts aus einer anderen Welt, die Euch im Kampf beistehen werden!"

"Vielleicht habt Ihr Recht", räumte Stannis ein und sein Blick streifte Maester Cressen, der bestürzt und verwirrt wirkte, "doch selbst eine Verstärkung von zehntausend Männern dürfte nicht ausreichend sein, um die Sieben Königslande unter meine Herrschaft zu bringen. Außerdem frage ich mich, warum Eure Krieger des Lichts geradewegs nach Königsmund fahren."

"Habt Geduld, mein König!", antwortete die Priesterin. "Sie werden bald zu Euch kommen und dafür sorgen, dass Eure Streitmacht noch um ein Vielfaches vergrößert wird."

"Also gut, Priesterin!", sagte Stannis. "Wenn meine Streitmacht tatsächlich auf so wundersame Weise vervielfacht wird, dann bekenne ich mich zu Eurem Gott!"
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