Leben in Käfigen

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
OC (Own Character)
27.07.2018
15.11.2018
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Die Vorgeschichte zu diesem Charakter ist ein (geplanter) Zweiteiler, der vor dem Beginn des eigentlichen Abenteuers (Carrion Crown) spielt. Keine Sorge, zum Lesen braucht ihr keinerlei Kenntnisse zu besagter Kampagne. ;) Die Kapitel werden vermutlich auch nicht übermäßig lang werden, sondern dienen für mich gleichzeitig als Einarbeitung in deutsche FFs, da ich zuvor vor allem auf English geschrieben habe. Dies geschieht natürlich in der Hoffnung, dass weitere Geschichten in Zukunft folgen werden. Und nun, ohne viel weiter um den heißen Brei zu reden, das erste Kapitel:
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Da waren sie wieder. Er hörte sie schon hinter dem Vorhang. Die dümmlichen Menschen mit ihren dümmlichen Gesichtsausdrücken. Jedes Mal, wenn der Vorhang hochgezogen wurde, sah er neue Gesichter und jedes Mal kam ihm fast die Galle hoch. Er hasste die Besucher fast so sehr wie die Menschen, die ihn in diesen Käfig auf Rädern gesteckt hatten. Das war ihnen bewusst. Seitdem sie ihn eingeschlossen hatten, hatten sie das Schloss nicht mehr angerührt. Sie wussten um seine Wut, einige hatten sie am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er konnte immer noch das Blut schmecken. Bei diesem Gedanken hätte er breit gegrinst, wenn er Lippen gehabt hätte. Stattdessen öffnete er sein Maul einen Spalt und offenbarte die Gesamtheit seiner chaotischen Zahnreihen.

Der kleine Anflug einer guten Laune verflog, als er den Mann mit dem Narbengesicht hörte. Er sprach mit der Menge so wie jedes Mal. Sebek kannte ihre Sprache nicht, doch der Tonfall war ihm nicht unbekannt. Wie der alte Geschichtenerzähler aus seinem Dorf, der seine jungen Zuhörer auf die beste Geschichte des Abends vorbereitete.  Der Vorhang wurde zurückgeworfen und die Menge keuchte auf. Ihre Nähe zu den hiesigen Gewässern hatte bei manchen womöglich schon zu einer Begegnung mit einem Krokodil geführt. Aber eine Mischung zwischen diesen Jägern der Trüben Gewässer und ihrer selbst… Sicherlich hatte keiner von ihnen je so etwas gesehen wie ihn.

Ein Teil von ihm genoss diese Furcht, die er ausstrahlte. Es wäre aber ein bedeutend größerer Teil von ihm gewesen, wenn er nicht durch dicke Metallstäbe von ihnen getrennt gewesen wäre. Mittlerweile allerdings erschöpfte ihn diese laute Reaktion der Menge fast. Außerdem wollte er seinen Wärtern nicht die Genugtuung einer Reaktion geben. Er saß in der Mitte des Käfigs und bewegte sich nicht. Seine Kaltblüter-Natur gestattete es ihm, sehr lange regungslos zu bleiben und er wusste genau, dass diese Warmblüter das nicht ausstehen konnten. Diesen Ausdauerkampf gewann er regelmäßig und er sah auch dieser Gruppe schon die Langeweile an.

Doch natürlich hatten seine Aufseher ihre Antworten. Wenn die Gäste genug Interesse zeigten packte der Narbenmann den Speer aus. Diese hier zogen nicht schnell genug weiter und der Mann sah seine Chance, das Publikum wieder zu packen. Er nahm den Stab und versetzte Sebek einen Hieb mit dem stumpfen Ende. Durch seine Schuppenhaut spürte er den Schlag kaum und provozieren ließ er sich dadurch schon lange nicht mehr. Er wusste, was als nächstes kommen würde, doch er wartete es trotzdem ab. Vielleicht würden sie weitergehen. Es kam durchaus vor.

Diese Gruppe tat es jedoch nicht und so spürte Sebek wenige Sekunden später das Eisen, das sich durch seine Schuppen in sein Fleisch biss. Er zuckte kurz, riss sich aber zusammen. Jetzt zu reagieren wäre nicht nur ein Zeichen von Schwäche, sondern es würde sie nur noch bekräftigen. Er war nicht dafür da, um angegafft zu werden und weigerte sich, dieses Ereignis für die Menschen lohnenswerter zu machen.

Diese Gruppe war hartnäckig. Die Erwachsenen starrten und die Kinder guckten hinter ihren Beinen hervor. Er wollte sie verscheuchen und verschrecken, aber das wäre kontraproduktiv. Also hieß es ausharren und die Schande ertragen. Irgendwann würde er schon freikommen und dann würde er sie bezahlen lassen… Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ihm auffiel, dass die erwarteten Einstiche ausblieben.

Alle seine Muskeln spannten sich an und ein tiefes Grollen entwich unwillkürlich seiner Kehle als er die verdeckte Platte sah. Der mit dem großen Hut hatte wohl zugeschaut und brachte jetzt aus reiner Boshaftigkeit diesen verhassten Gegenstand zu ihm. Auch er sprach zur Menge und es war, als könne man das Gift in seinen Worten hören. Dann hielt er die Platte in die Höhe und riss dann das Tuch weg.

Die Sonne blitzte auf der hüfthohen polierten Fläche des Spiegels und Sebek zischte und drückte sich an die hintere Gitterwand um möglichst viel Abstand zu gewinnen. Der mit dem Hut lachte und begann, Sebek durch den Wagen zu treiben. Er bewegte sich in seine Nähe und Sebek sah sich gezwungen, zum Entkommen in Bewegung zu bleiben. Dann begann auch die Menge zu lachen, zuerst verhalten und dann zuversichtlicher. Sebek hätte vor Wut aufschreien können und doch konnte er nicht anders als sich weiter zurückzuziehen.

Nach einiger Zeit entschlossen sich die Menschen, weiter zu ziehen und Sebek wollte erleichtert aufatmen, doch der Mann mit dem Hut hatte andere Pläne. Er sah zu wie der Mann zu der Wand hinter seinem Käfig schritt und den Spiegel aufhängte, wo er ihn nur knapp nicht erreichen konnte. Auch dies tat der Mann von Zeit zu Zeit, wenn er besonders gehässig sein wollte. Sebek knurrte und brüllte ihm seine Frustration entgegen, aber dieser grinste einfach, zündete eine große Kerze an und ließ ihn allein. Er starrte erwartungsvoll den Spiegel an und sein Spiegelbild starrte zurück. Und so verharrte er stundenlang.

Die Nacht war schon halb um und Sebek begann zu ermüden. Doch diese Schwäche konnte er sich eigentlich nicht leisten und so kam es, dass ein anderes Gesicht ihn plötzlich aus dem Spiegel anblickte. Seine dunkelbraune Haut streckte sich ausgehungert über seine Knochen und spiegelte Sebeks Zustand nur zu gut wider, selbst wenn es bei seinem Körper nicht so offensichtlich war. Sein Mund, für menschliche Verhältnisse ungewöhnlich breit, war missbilligend zusammengepresst.

„Da sind wir nun wieder“, sagte der Mann im Spiegel. Sebek schwieg.

„Das nützt dir doch auch nichts. Seien wir ehrlich, ich bin der einzige, mit dem du nicht zu stolz zum Reden bist. Nicht zuletzt, da du mir genauso wenig entkommen kannst wie ich dir. Also sprich doch mit mir. Wenn du so lange mit niemandem redest, wirst du noch verrückt.“ Große weiße Zähne blitzten auf als der Mann es sich gestattete, über seinen eigenen Versuch eines Witzes zu lächeln. Doch Sebek schwieg weiter.

„Antworte mir!“ Der Mann hatte jegliche gekünstelte Freundlichkeit beiseitegelegt und schrie jetzt. „Es ist deine Schuld, dass wir in diesem Käfig sitzen! Lass deinen Stolz endlich fallen und gib mir die Kontrolle zurück. Dann besteht wenigstens eine Chance, dass sie uns rauslassen. Wenn es weiter nach dir geht, werden wir in diesem Käfig noch verrecken.“ Wie gerufen begann Sebeks Magen sich wieder zu beschweren.

„Lass mich in Ruhe.“, knurrte Sebek leise. Den Mann im Spiegel vermochte sonst niemand zu hören, ihn aber schon und er würde es nicht zulassen, dass seine Peiniger auch nur einen einzigen Grund mehr  bekamen, diesen Spiegel weiter aufzuhängen. Schließlich ahnten sie noch nichts, von dem eigentlichen Grund seiner Reaktion. „Du bist schwach. Du hast nichts mehr zu sagen. Ich werde das Problem alleine lösen. Dann bin ich frei von ihnen und mit etwas Glück brauch ich dich auch nie wieder zu sehen.“

Der Mann schnaubte. „Das glaubst du doch selbst nicht. Ich werde langsam stärker und irgendwann reicht es, um dich zu verdrängen. Irgendwann in der Zukunft wirst du müde werden. Du wirst einschlafen und ich werde der sein, der wieder aufwacht. Du zögerst es nur unnötig hinaus.“

„Das sagst du schon seit Monaten.“, zischte Sebek leise. „Ich bin jetzt schon müde und du langweilst mich. Also werde ich jetzt schlafen. Und wenn morgen die Sonne aufgeht und sie den Spiegel wegbringen, dann werde ich deine Abwesenheit genießen.“