Glenn

GeschichteRomanze / P16
24.07.2018
12.08.2018
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Der Mann hinter dem Schreibtisch sah nicht nur völlig gelangweilt aus, sondern auch genau so, wie ich mir einen Beamten in meinen schlimmsten Alpträumen vorgestellt hatte.
„Was möchten sie anzeigen?“
Ich seufzte. Seit mehr als vier Minuten versuchte ich ihm verständlich zu machen, was genau mein Problem war, aber irgendwie kamen wir nicht weiter.
„Ich möchte keine Anzeige machen, ich möchte melden, dass ich jemandem den Spiegel abgefahren habe!“
Der etwas ungepflegte Mann zog die Augenbraue nach oben und schien noch immer nicht zu verstehen.
„Sie? Und warum sind sie dann hier?“
„Weil ich nicht weiß, wem der Wagen gehört den ich beschädigt habe, und ich leider keine Nachricht hinterlassen konnte.“
Mein Nervenkostüm war definitiv nicht dazu in der Lage dieses Gespräch durchzuhalten und ich musste alle Kraft darin legen, den Mann nicht anzukeifen. Tief durchatmen!
„Haben sie denn versucht, auf den Besitzer des Wagens zu warten?“
Nein, hatte ich nicht. Es gab ja Leute, die arbeiten mussten, und ich hatte an der viel befahrenen Straße auch keinen Parkplatz gefunden. Ich hatte auf dem Gehweg gehalten, mir das Kennzeichen des Wagens aufgeschrieben, und war schon dabei von diversen, missmutig hupenden, anderen Autofahrern geärgert worden.
Der Wagen, den ich auf dem Heimweg beschädigt hatte, war zwar alt, aber ich wollte auch nicht einfach weiter fahren. Nicht, weil ich angst davor hatte, dass mich jemand anderes melden würde, sondern eher, weil ich selbst es mir auch wünschen würde. Wenn mir jemand den Spiegel abgefahren hätte, wäre auch ich froh gewesen, wenn es gemeldet werden würde.
Genau für solche Fälle gab es doch Versicherungen, und ärgerlich waren Unfallfluchten doch am ehesten für den Geschädigten. Selbst wenn der Kratzer oder Schaden nur klein war, man hatte die ganze Rennerei und den Ärger, obwohl das doch so einfach zu Regeln war.
Doch leider stellte sich das Problem jetzt als viel komplizierter da, als ich es mir je gedacht hatte. Nach dem Unfall hatte ich überlegt, was ich als Nächstes tun sollte, und hatte mich dazu entschieden, das Polizeipräsidium aufzusuchen, um das ganze zu melden. Ich hatte mich von der Anmeldung aus durchgefragt, und so stand ich nun vor dem etwas dicklichen Polizeibeamten, der absolut lustlos schien, und mir offensichtlich auch nicht wirklich zuhörte.

„Nein, es war viel Verkehr, und ich wußte ja nicht, wann er wieder zurückkommt.“
„Sie wissen, dass das Strafe kostet?“
Ich schluckte.
„Es kostet Strafe, dass ich mich hier melde?“
„Ja. Wollen sie den Vorfall immer noch melden?“
Ich konnte es nicht fassen. Es kostete Strafe, weil ich mich gemeldet hatte? Wo lag da die Logik? Und bot er mir gerade an, mich einfach aus dem Staub zu machen?
„Ja, sicher. Ich möchte, dass sie den Fahrer informieren, damit wir den Unfall der Versicherung melden können.“
Das leise Schnauben strafte mich erneut ab, und ich zuckte innerlich zusammen. Warum nur hatte ich das hier für eine gute Idee gehalten?
Der Mann schien komplett entnervt, offenbar hatte er überhaupt keine Lust, meine Daten und mein Anliegen aufzunehmen.
Sein Hemd sah schmuddelig aus, ebenso wie das Büro, und auch seine wenigen Haare hatten eindeutig bessere Zeiten gesehen. Vermutlich hatte er viele Jahre in dieser Umgebung verbracht, denn er und der abgenutzte Raum bildeten eine fast homogene Masse. Als seien sie über die Jahre miteinander verschmolzen, und hätten irgendwann beschlossen gemeinsam die Zeit bis zur Rente abzusitzen.
Er saß hinter seinem unaufgeräumten Schreibtisch, in dem ebenso unordentlichen Büro, und verschränkte die Hände vor dem massigen Körper.
Alles in allem hatte ich mir das alles anders vorgestellt, und im Traum hatte ich nicht daran gedacht, dass meine Idee derart schlecht enden würde.
Das Büro war ungemütlich und wenig heimelig, alles war irgendwann in den siebziger Jahren vermutlich mal top modern gewesen, aber diese Zeiten waren definitiv vorbei. Alles sah abgenutzt und runtergekommen aus, selbst der Rechner vor ihm auf dem Tisch, hatte seine besten Zeiten längst hinter sich gelassen. Vermutlich hatte die Behörde einfach kein Geld für moderne Technik.
Der Hörer seines Telefons lag neben dem Gerät, was mich auch nicht wirklich wunderte, und eine Reihe von leeren Kaffeetassen war an der Stirnseite aufgereiht.
„Ihren Führerschein bitte.“
Er griff nach dem Plastikkärtchen und ich fragte mich ernsthaft, warum überhaupt jemand etwas derartiges melden sollte. Das hier war eindeutig kein Statement dafür, dass sich Ehrlichkeit lohnte.
Irgendwie hatte ich geglaubt, man würde mir dafür danken, oder zumindest gutheißen das ich mich freiwillig meldete, aber das Gegenteil war wohl der Fall. Auf derartige Freundlichkeit legte hier anscheinend keiner Wert.
„Das Kennzeichen des anderen Wagens?“
Ich kramte in meiner Tasche und sah zu, wie er mit zwei seiner dicken Finger Buchstaben auf der Tastatur eingab. Erstaunlicherweise tat er dies recht schnell, und noch mehr erstaunte mich, dass kein Staub aufwirbelte. Anscheinend war die Tastatur das Einzige in diesem schrecklichen Raum, was überhaupt regelmäßig benutzt wurde, im Gegensatz zu den leicht eingestaubten Akten auf seinem Tisch.
Er gab mir das Kärtchen zurück, und ich reichte ihm den Kassenbon, auf dem ich das Kennzeichen notiert hatte. Ich bereute bitter, dass ich nicht einfach meine Adresse darauf notiert, und an die Windschutzscheibe des anderen Wagens geklemmt hatte.
Nie vorher hatte ich einen anderen Wagen beschädigt, und auch diesmal fühlte ich mich nicht wirklich schuldig. Ein entgegenkommender Wagen hatte meine Fahrbahnseite geschnitten, und bei dem Versuch ihm auszuweichen, hatte mein Außenspiegel den Spiegel des parkenden Wagens gestreift.
Mein Spiegelglas war gesprungen, in tausend kleinen Splittern auf der Fahrbahn gelandet, der Spiegel des anderen Wagens hing auf halbmast, und mein Tag war gelaufen.
„War der Wagen ein beiger Mercedes?“
„Ja, ein älteres Modell.“
Der Mann sah mich mitleidig an, sah aber nicht mehr ganz so genervt aus.
„Das wird nicht so schlimm werden. Der Wagen ist sehr alt, das ist gut. Bei den neuen ist viel Technik in den Spiegeln.“
Das tröstete mich nicht wirklich. Den Schaden würde vermutlich ohnehin die Versicherung zahlen, den Schaden an meinem Glauben an das Rechtssystem, würde es jedoch nicht reparieren.
„Wir werden den anderen Fahrer informieren, notieren sie bitte hier ihre Telefonnummer.“
Er reichte mir ein Formular, und ich war heilfroh, dass ich endlich würde gehen können. Die Polizei, dein Freund und Helfer ...
Ich fühlte mich definitiv nicht so. Ich kam mir vor wie ein Eindringling, jemand der unnütze Arbeit machte.
„Was ist mit der Strafe?“
Der Polizist nahm mir den Zettel aus der Hand.
„Das lassen wir mal unter den Tisch fallen. Aber erzählen sie es nicht weiter. Wenn wir tatsächlich Strafe dafür nehmen würden, meldet bald keiner mehr einen Schaden.“
Da hatte er wohl recht. Niemand würde Derartiges mehr melden, und vermutlich war die Wahrscheinlichkeit, dass es jemand anderes tun würde, eher gering. Menschen war es doch meistens egal, was in ihrer Umgebung geschah. Jeder war so sehr mit sich selbst und seinem eigenen Leben beschäftigt, dass kaum jemand sich die Mühe machte, nach rechts oder links zu sehen.
„Das ist sehr freundlich.“
Eigentlich war er alles andere als freundlich, aber immerhin hatte er mir die Zahlung erlassen. Tatsächlich war ich zum ersten Mal in meinen Leben mit der Polizei in Berührung gekommen, mal abgesehen von einfachen Kontrollen vielleicht, und wirklich scharf war ich auf ein zweites Erlebnis dieser Art nun wirklich nicht.
Warum so viele Menschen auf die Polizei schimpften, verstand ich erst jetzt. Ein wenig Freundlichkeit und etwas mehr Kooperationsbereitschaft hätten an dieser Stelle wirklich geholfen.
Wortlos packte meinen Führerschein wieder ein und verabschiedete mich, sollte der Polizist doch endlich wieder seine Ruhe haben. Er und der Raum konnten wieder miteinander verschmelzen, und ich würde endlich dieser tristen Einöde, die wirklich enorm auf meine Stimmung drückte, endlich entfliehen können.
„Schönen Tag noch!“
Der Polizist rutschte auf seinem Stuhl hin und her, eindeutig sehr froh mich loszuwerden.
„Ihnen auch.“ Und mögen ihnen juckende Pusteln am Hintern wachsen, fügte mein Unterbewusstsein hinzu.


Ich ging den langen Gang entlang, und ärgerte mich maßlos. Das ganze hatte mich mehr als eine Stunde gekostet, und ich hatte nicht das Gefühl, dass Richtige getan zu haben.
Eigentlich war ich im Grunde der Meinung richtig gehandelt zu haben, aber so wie die Sache gelaufen war, hatte ich doch arge Zweifel.
Ich war auch nicht sicher, ob ich bei meinem nächsten Unfall auch wieder die Polizei hinzuziehen würde. Vermutlich hätte ich auch einfach eine Stunde neben dem anderen Wagen stehen bleiben können, und der Effekt wäre der gleiche gewesen.
Ich hatte mich gefühlt wie eine Schwerverbrecherin, und die ganze Situation war mehr als unangenehm gewesen.
Auf keinen Fall würde ich noch einmal ein derartiges Erlebnis brauchen, und schon gar nicht noch einmal bei diesem blöden Typen. Vielleicht aber wurde man in diesem Job einfach so. Vielleicht führte kein Weg daran vorbei, ein missmutiger, trauriger Mensch zu werden, wenn man ständig nur mit unschönen Dingen zu tun hatte, in einer Atmosphäre wie dieser, die einem Alptraum entsprungen sein musste.
Eine Gruppe Beamter in Uniform ging an mir vorbei und die Männer lachten über einen Witz. Irgendwie schienen diese Polizisten sehr viel lockerer und freundlicher als der Mann, der mich betreut hatte, und ich sah mich nach ihnen um. Die vier Männer waren jung, vielleicht Mitte zwanzig, und keiner von ihnen machte einen ähnlichen Eindruck wie der Mann in dem Raum. Vermutlich war es einfach nicht mein Glückstag. Wahrscheinlich hatte ich das einzige Arschloch im ganzen Gebäude erwischt, und alle anderen hier hätten meinen Fall in fünf Minuten abgewickelt.
Jeder von ihnen hätte meine Ehrlichkeit vielleicht zu schätzen gewusst, und mir zu meiner guten Tat gratuliert.

Ich sah mich nach dem Fahrstuhl um, entschied mich aber im letzten Moment dafür, die Treppe zu nehmen. Wenigsten würde ich etwas für meine Figur tun und aus dem vierten Stock nach unten gehen. Dann würde der ganze Ausflug wenigstens einen kleinen positiven Effekt haben.
Menschen wie ich, die normalerweise ihre Tage sitzend verbrachten, bewegten sich einfach zu wenig.
Ich stapfte über den grauen Linoleumboden und sah mich um, obwohl es im Grunde so gar nichts zu sehen gab.
In meiner Vorstellung hatte diese Ort anders ausgesehen, weniger traurig und eher modern, und auf keinen Fall wie etwas, was seit Jahren praktisch tot war.
Nichts hier schien zu leben, weder die Wände noch die Räume, und auch das drückte mir auf die Stimmung.
Meine Welt war bunt und lebendig, und Menschen wie ich sollten an diesem Ort nicht sein.
Das Gebäude war so unfassbar farblos und langweilig, dass es kaum zu fassen war. Elend lange Flure und gleiche Türen reihten sich aneinander, nirgendwo hing ein Bild oder irgendein Farbklecks.
Einzig und alleine ein paar Werbeplakate hingen vereinzelt an den Wänden, die Polizei suchte wohl dringend Nachwuchs. Nie und nimmer wäre das hier der Ort für mich, um zu arbeiten, sicher würde ich schon nach wenigen Wochen durchdrehen in dieser Einöde.
Vor manchen der Türen standen abgenutzte Stühle mit ebenso abgenutzten Stoffbezügen, und manchmal stand ein kleiner Tisch mit Zeitungen daneben. Vermutlich eine Sammlung aus den letzten zwanzig Jahren, denn es sah nicht so aus, als würde sich irgendjemand darum kümmern.
Alles machte den Eindruck, als sei seit den frühen Siebzigern nichts verändert worden und als würde genau hier die Zeit komplett stillstehen.
Der fiese gelbliche Farbton der Wände, und die noch fieseren braunen Türen, hätten sowohl zu einer Irrenanstalt als auch zu einem sehr unschönen Schulgebäude gehören können. Irgendwie schien alles etwas zu abgenutzt, zu alt, zu verbraucht.
Mir taten die Menschen leid, die jeden Tag aufs Neue über diese Flure gehen mussten.

Die Glastür zum Treppenhaus war unfassbar schwer, und ich musste einen Fuß zur Hilfe nehmen, um sie überhaupt zu öffnen. Vermutlich konnte man so schlechter flüchten, schnell und einfach ging hier eindeutig gar nichts, nicht mal die Glastür.
Schwer und langsam fiel sie hinter mir ins Schloss, während ich auf noch mehr graue Stufen und beige Wände sah.
Ich hopste die erste Etage nach unten und hörte Schritte, irgendjemand hatte wohl ebenso die Entscheidung getroffen, seine Fitness an diesem Tage mit Treppensteigen zu erhöhen. Sofort hörte ich auf zu hopsen, weil mir das unangebracht schien, und ging stattdessen an der Innenseite der Treppe weite nach unten.
Mein Versuch, die entgegenkommende Person durch das Geländer neben mir zu sehen, scheiterte, denn dort war einfach niemand. Obwohl ich die Schritte hörte, die eindeutig näher kamen, sah ich einfach niemanden. Sie hörten sich schnell an, als wäre die Person sehr in Eile, und ich vermutete, sie nahm mehr als eine Stufe auf einmal.
Bevor ich den Gedanken beenden konnte, fiel mir der junge Mann vor die Füße und eine Wolke aus Papierbögen flog durch die Luft.
Ich erschrak fürchterlich und griff nach seinem Arm, konnte ihn jedoch nicht halten, da er eindeutig mehr Schwung hatte, als ich es aushalten konnte.
Stattdessen landete ich neben ihm auf der Zwischenetage der Treppe und verlor einen meiner Pumps, der vorbei an dem Mann gegen die Wand schlitterte.
Verdammt. Warum passierten immer mir solche Dinge?
Unsicher sah ich mich nach ihm um, aber er schien sich für mein Unglück so gar nicht zu interessieren.
Statt mir zu helfen kramte er fluchend nach den losen, überall auf der Treppe verstreuten Blättern, und machte keinerlei Anstalten mir zu helfen.
Wie unhöflich.
Ich war auf meinem Hintern gelandet, sah vermutlich gerade total bescheuert aus, und meine Versuche auf einem Schuh wieder auf die Beine zu kommen, sahen mit Sicherheit ebenso lächerlich aus, aber er schien nichts davon wahrzunehmen.
„Sie könnten sich wenigstens entschuldigen!“
Ich war stinksauer. Das hatte mir noch gefehlt!
Nach dem wenig rühmlichen Erlebnis mit dem Polizisten gab mir das hier nun den Rest, und auch die nicht vorhandene Hilfsbereitschaft regte mich auf der Stelle auf.
Warum nur waren die Menschen so? Warum halfen sie nicht, entschuldigten sich nicht, und kümmerten sich nur um sich selbst?
Meine Handtasche lag irgendwo in der Ecke, und ich hoffte inständig, mein Handy würde den unsanften Aufprall überlebt haben. Ein kaputtes Display wäre die Krönung meines Alptraums gewesen, und leisten konnte ich mir eine Reparatur auf keinen Fall.
Der junge Mann reagierte nicht, und ich fand ihn ausgesprochen merkwürdig.
Alles an ihm schien falsch, nichts schien zusammenzupassen, und irgendwie wirkte er, als sei auch er aus einem anderen Zeitalter in diesen Flur katapultiert worden.
Er trug ein beiges Hemd und eine schmale Krawatte, dazu ein dunkelbraunes Cord-Jackett. Wer trug heute noch Cord-Jacketts? Und vor allem so einen bescheuerten Schlips?
Anderseits passte er damit perfekt in dieses Gebäude, das musste ich mir eingestehen.
Ich rappelte mich auf und wischte den Dreck von meinen Händen, während der Mann mich noch immer völlig ignorierte.
Seine Haare waren lockig und irgendwie zu lang, und während er noch immer weiße Blätter aufeinanderstapelte, strich er sich eine Strähne hinters Ohr.
„Entschuldigen! Haben sie mich verstanden?!“
Ich konnte nicht fassen, wie jemand so einen derartigen Stock im Hintern haben konnte. Eine Entschuldigung war das Mindeste, aufhelfen wohl auch, und keinesfalls würde ich das hier so einfach hinnehmen.
Die Angestaute Wut über die letzte Stunde entlud sich in dieser Situation, und auch wenn ich dem Polizisten in dem Raum meine Meinung nicht wirklich gesagt hatte, würde ich diesen Fehler sicher kein zweites Mal machen.
Es war falsch, all diese Verhaltensweisen einfach hinzunehmen, man musste sich gegen diese Menschen einfach zur Wehr setzen, sonst würden sie ewig so weiter machen.
Ich strich meine Kleidung glatt und überlegte, ob mir irgendetwas weh tat. Keine größeren Schäden, stellte ich fest, und griff nach meinem Schuh, um ihn wieder anzuziehen.
„Einhundertneunundreißig... wo ist die Einhundertneunundreißig...?“
Er wühlte in den übriggebliebenen Blättern und irgendwie tat er mir leid. Warum auch hatte er die Blätter nicht, wie jeder halbwegs normale Mensch, in einem Ordner abgeheftet?
Ich sammelte ein paar der Blätter auf und suchte nach Seitenzahlen, konnte aber keine finden. Woher wollte er denn dann wissen, welches Blatt dem anderen folgte?
„Hier.“
Ich hielt ihm die wenigen Blätter in meiner Hand entgegen, und er griff panisch danach.
„Einhundertfünfundfünzig... Nein, das ist falsch...“
Seine Augen flogen über die Bögen und ich setzte mich auf die unterste Stufe der Treppe über mir. Das hier würde länger dauern, und mein Gewissen hielt mich davon ab, ihn mit all dem alleine zu lassen.
Der Mann war schlank und nicht sehr groß, größer als ich, aber nicht viel. Ein mehr als merkwürdiger Typ, aber eigentlich mochte ich solche Menschen. Mir waren Außenseiter und Randgruppen immer lieber gewesen, als die breite Masse, und er gehörte dort eindeutig nicht dazu. Ich hatte noch nie jemanden mit so kindlichen Zügen gesehen, es war schwer, sein Alter zu schätzen, aber schien eindeutig zu jung für seinen Aufzug und sein Verhalten. Seine Kleidung sah altbacken aus, aber sein Gesicht sah keinen Tag älter aus als Mitte zwanzig.
Er würde zu dem Mann in dem Zimmer passen, eindeutig, aber auf keinen Fall zu den jungen Polizisten auf dem Flur.
Ich griff ein weiteres Blatt und überflog was darauf stand. Offensichtlich war es eine Fallakte, in bestem Beamtendeutsch wurde eine Straftat beschrieben. Ein Mann hatte scheinbar seinem Nachbarn irgendetwas angetan.
„Woher weiß ich, welche Seite es ist?“
Ich hielt ihm das Blatt entgegen und er hob den Kopf.
„Sie dürfen das nicht lesen!“
Er griff nach dem Blatt und seine Augen rasten über die Seite.
„Ich hab es nicht gelesen! Nur überflogen!“
Der Typ war wirklich merkwürdig. Er war hier in diesem Gebäude eindeutig richtig.
„Einhunderneunundreißig ...“
Er schien zufrieden und legte die Seite auf den kleinen Haufen, den er vor sich auf einer der Stufen aufgestapelt hatte. Woher zum Teufel wusste er, um welche Seite es sich handelte?
„Mein Name ist Rita.“
Ich hoffte, der seltsame Mann würde aus seiner Trance erwachen, wenn ich ihn mit etwas völlig Normalem konfrontierte.
„Rita... Wie Rita Hayworth... US-amerikanische Schauspielerin und Tänzerin, 1918 bis 1987.“
Er sah kurz auf, stapelte aber weiter Blätter auf den Stapel.
Ja, das stimmte. Rita Hayworth war der Grund für meinen Namen. Meine Mutter verehrte sie, und sie hoffte, ich würde genauso schön und erfolgreich werden wie sie. Leider war ich nur halb so schön geworden, und von Erfolg konnte auch keine Rede sein. Ich hatte es lediglich bis zu einem langweiligen Bürojob geschafft, und statt den traumhaften Wellen von Rita Hayworth, hatte ich blonde Spaghetti auf dem Kopf. Immerhin hatte ich eine ganz gute Figur, Meilen von ihr entfernt, aber dennoch zufriedenstellend.
„Und wie ist ihr Name?“
Der junge Mann hob den Kopf nicht mehr, und seine Augen rasten weiter über die wenigen noch übrig gebliebenen Blätter.
„Glenn. Wie Glenn Ford, US-amerikanischer Schauspieler, 1916 geboren, hat mit Rita Hayworth in einigen Filmen gespielt, ihr größter Erfolg war wohl „Gilda“ im Jahre 1946.“
Was war das hier? Wer wird Millionär?
„Sind sie ein Computer oder was?“
Der Mann sah mich an und seine Augen weiteten sich. Hatte ich ihn verletzt? Fast wirkte es so, obwohl ich es selbst nicht als Vorwurf empfunden hatte, und sofort fühlte ich mich schlecht.
„Nein, bin ich nicht.“
Das alles war seltsam. So absurd und surreal, dass ich fast lachen musste. Die gesamte Situation war lächerlich und völlig irrsinnig, aber irgendwie auch sehr amüsant.
„Dann interessieren sie sich für Filme?“
„Nein, nicht wirklich.“
„Woher wissen sie denn dann all das?“
„Ich kann mir Dinge gut merken.“
Ich zog eine Augenbraue nach oben. Gut merken? Ich konnte mir nicht mal den Geburtstag meiner Freunde merken, geschweige denn die Geburtsjahre irgendwelcher längst toter Schauspieler.
„Sind sie ein Genie oder sowas?“
„Laut Duden ist ein Genie ein Mensch mit überragender schöpferischer Begabung und Geisteskraft. Das bin ich nicht. Ich erschaffe nichts.“
Er legte das letzte Blatt auf den Stapel und drückte den Haufen an seine Brust. Irgendwie war er süß, man hatte sofort das Gefühl ihn beschützen zu müssen.
Seine kindliche Art und sein verlorenes, leicht verwirrtes Auftreten, weckten meine Mutterinstinkte, und ich hatte ehrliches Mitleid. Das Gebäude und all das andere schienen ihn zu erdrücken, alles war zu groß und zu kalt für ihn.
Ich hatte das dringende Bedürfnis ihn in eine bunte Decke zu wickeln, und ihm einen Tee zu kochen, damit er weniger einsam sein würde. Einsam, das war meine erste Empfindung im Bezug auf ihn, obwohl ich ihn nicht kannte. Nie vorher hatte ich jemandem getroffen, bei dem ich sofort das Gefühl hatte, er würde einsam sein. So etwas spürte man sonst erst, wenn man jemanden besser kennenlernte, und Einblicke in sein Leben hatte. Nur bei ihm war es anders.
Alles an ihm sah nach Einsamkeit aus, selbst seine merkwürdige Kleidung schrie förmlich danach. Als würde es niemanden geben, für den er sich nett anziehen müsste, als würde es einfach niemanden interessieren. Auch die Art wie er sprach, transportiere Einsamkeit, als würde er wenig oder gar nicht mit Menschen sprechen, und als kostete ihn jeder Satz Überwindung. Was war das für ein Mensch?
„Und wieso wissen sie dann all diese Dinge?“
„Eidetisches Gedächtnis.“
Ah ja. Natürlich.
„Heißt?“
Er trat von einem Fuß auf den anderen, ihm war das ganze offenbar sehr unangenehm, und er sah mir noch immer nicht in die Augen.
„Ich merke mir alles, was ich sehe. Oder lese.“
Wahnsinn. Alles? Jede dumme Nachricht, jedes blöde Buch? Ich zog eine Augenbraue nach oben. Ich hatte gehört, dass es Menschen gab, die dazu in der Lage waren, aber begegnet war ich natürlich nie so jemandem.
„Wie? ALLES?“
„Was auch immer ich sehe oder lese, speichere ich ab, und ich kann es abrufen, wann immer ich es benötige.“
So etwas Absurdes hatte ich noch nie gehört. Sich alles zu merken, schien mir überflüssig und völlig unmöglich. Ich stellte mir das wirklich schrecklich vor. Nie vergessen zu können, war sicher grauenhaft. Man vergaß Dinge, damit sie einen nicht belasteten oder damit sie einen nicht mehr schmerzten. Wie musste ein Leben sein, in dem all diese Dinge immer zu jeder Zeit präsent waren? Vor allem die schmerzlichen oder auch völlig überflüssigen Dinge?
Ich dachte an die vielen Zahlen, mit denen ich es auf meiner Arbeitsstelle zu tun hatten, die hunderte von Telefonnummern die ich täglich wählte, all die Adressen, die ich abglich. Wenn ich mir all das merken würde, würde es mir irgendeinen Vorteil verschaffen? Vermutlich nicht. Absolut unnützes Wissen.
„Ich dachte, so etwas gibt es nur im Film.“
Er drückte weiter sein Bündel an sich und sah noch immer verletzt aus. Er wirkte nicht, als würde er das Gespräch mit mir genießen, und auch nicht, als würde er sich dabei wohl fühlen.
„Nein, der Prozentsatz ist gering, aber wir sind Realität.“
„Tut mir leid, ich wollte sie nicht verletzen.“
Ich schämte mich fürchterlich. Ich hatte den fremden Mann beleidigt ohne es zu wollen. Er sah mich noch immer nicht wirklich an, mehr an mir vorbei, aber seine Haltung zeigte mir, wie unangenehm ihm das alles war.
„Verletzten würde bedeuten, dass es mich berühren würde. Diese Eigenschaft ist mir nicht eigen.“
Der Mann war eindeutig wahnsinnig. Er musste verrückt sein. Was auch immer er mir da gerade weiß machte, konnte so einfach nicht stimmen. Verschaukelte er mich hier gerade? Auch wenn es nicht den Anschein machte, konnte ich diese Vermutung einfach nicht unterdrücken, und irgendwie ärgerte ich mich über ihn.
Warum verschaukelte er mich, wo er mich doch gar nicht kannte?
„Sie haben ein fotografisches Gedächtnis, aber sie fühlen nichts?“
Das war so maximal das Grauenhafteste, was ich mir vorstellen konnte. Außerdem glaubte ich ihm nicht, ich hatte gesehen, dass er verletzt war.
„Gefühle sind zweitrangig. Wissen und Fakten sind vordergründig.“
Er machte Anstalten zu gehen, aber ich saß ihm im Weg, und er war eindeutig nicht daran interessiert, zu nah an mir vorbei zu gehen. Anscheinend war Nähe auch ein Problem für ihn, und ich befürchtete, er würde im nächsten Moment den Rückzug nach unten antreten. Fluchtartig.
„Glenn? Das war doch ihr Name?“
Ich hielt ihm meine Hand entgegen und er griff etwas unsicher danach.
„Ja. Glenn Attwood.“
Ich hielt seine Hand fester, als ich es normal tat, und hoffte, das würde ihm Sicherheit geben.
„Dann sind sie Engländer?“
„Mein Vater ist Amerikaner, meine Mutter Schwedin.“
Ich ließ die Hand los und er umgriff sofort wieder das Bündel vor seiner Brust.
„Ich bin Rita, wie bereits erwähnt. Schön, sie kennenzulernen Glenn.“
„Die anderen warten auf mich. Ich muß gehen.“
Er sah noch immer eher panisch aus, und ich machte etwas Platz auf der Treppe, um ihn vorbei zu lassen. Er hatte eindeutig überhaupt kein Interesse daran mich kennen zu lernen. Vermutlich war mein IQ nicht hoch genug für seinen.
Er quetschte sich nah am Rand des Geländers an mir vorbei, und achtete penibel darauf mich dabei nicht zu berühren.
Dann war er weg. Ein mehr als merkwürdiger Mann, eine mehr als merkwürdige Begegnung.