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Einer für alle, alle für Athos

GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Aramis Athos Captain Treville D'Artagnan OC (Own Character) Porthos
24.07.2018
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Einer für alle, alle für Athos

Surrend fliegt die Kugel an Athos vorbei und schlägt krachend in dem Baum hinter ihm ein. Holzsplitter fliegen durch die Luft und eines der hölzernen Geschosse streift ihn an seiner Wange. Leise fluchend hastet er hinter den nächstgelegenen Stein. Für eine kurze Weile legt sich Stille über den Wald. Behutsam lugt Athos um den Stein, um zu erkennen, wo sich sein Gegner verschanzt hat. Ein erneutes lautes Krachen lässt ihn sich wieder hinter den Stein zurückziehen. Trotz des unfreiwilligen Rückzuges konnte er ein beinahe unmerkliches Glitzern im Dickicht auf der anderen Seite der Lichtung erkennen. Er atmet tief durch, während er sich umblickt, um einen Plan zu entwickeln. Seine Pistole ist zum Glück noch geladen, so hat er einen Vorteil, wenn er es schafft, seinen Gegner zum Schießen zu bewegen und dann einen gezielten Treffer zu versenken. Oder nah genug heranzukommen, um seinen Degen zu ziehen. Bevor er sich aufmacht, um seinen Plan in die Tat umzusetzen, schickt er ein Stoßgebet in den Himmel, dass es seinen Brüdern gut geht.
Er verflucht noch immer die morschen Seile der Hängebrücke, durch welche er von den anderen dreien getrennt wurde. Aramis konnte sich nur mit einem gewagten Hechtsprung auf die andere Seite retten, doch dadurch stand Athos alleine auf der Seite mit den Banditen. Nachdem ihm die anderen versprochen haben einen Weg zurückzufinden, um ihm zu helfen, rannt er ins Unterholz, um seinen Verfolgern zu entkommen. Die Tatsache, dass ihm momentan nur einer der Banditen ans Leder will, offenbart ihm, dass der Plan teilweise funktioniert hat. Er hofft, dass sich die anderen Banditen im Wald verlaufen haben und nicht doch noch einen Weg über die Schlucht gefunden haben und nun seine Freunde verfolgen.
Ein lautes Knacken reißt ihn zurück in die Gegenwart. Vorsichtig lugt er erneut um die Ecke. Der laute Knall der Pistole ertönt und wird kurz darauf gefolgt von dem Krachen einer Kugel auf Stein. Eilig springt Athos auf und hechtet in die Richtung seines Angreifers. Dieser hat mit dem überraschenden Angriff des Musketiers nicht gerechnet und so zieht er eilig seinen Degen, als Athos nur noch wenige Schritte von ihm entfernt ist. Dieser hebt nun seine Pistole, doch bevor er einen Schuss abgeben kann, schlägt der Bandit nach seiner Hand. Ein brennender Schmerz durchzuckt seinen Handrücken, doch er reicht nicht aus, damit er die Waffe fallen lässt. Im Gegenteil. Es macht ihn eher wütend. Kaum dass er den Griff seiner Waffe wieder gefestigt hat, zielt er auf seinen Gegner und schießt. Doch jener hat damit gerechnet und duckt sich aus dem Weg. Ganz kann er der Kugel allerdings nicht ausweichen. Sie streift seinen rechten Arm und zischend zieht er die Luft ein. Reflexartig greift er nach dem verwundeten Arm und dies gibt Athos die Chance seinen Degen zu ziehen. Gekonnt wirbelt er ihn durch die Luft und hält ihn an die Kehle des Banditen. Dieser schluckt schwer, als er seine Lage erkennt und hebt beschwichtigend die Hände.
„Wieso verfolgst du mich?“, fragt Athos ihn.
„Ein königlicher Musketier wird wohl etwas von Wert bei sich haben“, grinst der Bandit höhnisch.
„Mag sein, aber nichts davon ist für dich bestimmt“, zischt der Musketier.
„Das werden wir noch sehen.“
Mit diesen Worten dreht sich der Bandit um und sprintet in das Unterholz. Athos macht einen großen Ausfallschritt, dennoch zischt seine Klinge knapp an dem Flüchtling vorbei. Fluchend verstaut er seinen Degen und setzt dem Mann hinterher. Dieser läuft wie ein Hase Haken schlagend vor ihm lang und Athos muss ständig die Richtung wechseln, um an ihm dran zu bleiben. Den kleinen Vorsprung, den sich der Bandit erarbeitet hatte, wird immer kleiner. Athos erkennt die Angst im Gesicht des Mannes, den er verfolgt als er seinen Kopf zu ihm umwendet, um den Abstand zwischen sich und ihm abzuschätzen. Er erkennt offenbar, dass er dem Musketier nicht entkommen kann, denn er dreht sich zu diesem um und zieht im Drehen seine Waffe. Schnell blickt Athos sich um und sucht nach einer geeigneten Deckung. Gerade, als sich der Schuss löst, hechtet Athos hinter einen Baum. Doch scheinbar ist er nicht schnell genug, denn ein Schmerz explodiert in seinem rechten Oberschenkel. Schwer atmend lehnt er sich gegen die raue Baumrinde. Eilig wirft er einen Blick auf die schmerzende Stelle. Augenscheinlich hatte die Kugel sein Bein seitlich getroffen und ist schräg durch dieses hindurch gegangen, wobei es garantiert den Muskel getroffen hatte. Es ist somit etwas mehr, als nur eine Fleischwunde, die nur einen kleinen Verband benötigt. Zischend zieht Athos die Luft ein und lehnt seinen Kopf gegen den Baumstamm.
„Tat´s weh?“, ruft eine Stimme links hinter ihm.
Der Musketier gönnt dem Mann nicht einmal eine Antwort, sondern konzentriert sich auf die Geräusche um ihn herum. Das leise Rascheln des Laubes verrät, dass der Bandit langsam näher kommt und wenn er sich nicht bald einen Plan überlegt, ist er in wenigen Sekunden Futter für die Raben. So leise, wie möglich, zieht er seine zweite Pistole aus dem Gürtel. Das leise Klicken, welches diese von sich gibt, als er den Hahn spannt, kann er nicht vermeiden und kurz hält er inne, um zu überprüfen, ob der Bandit etwas gehört hatte. Scheinbar hat er es nicht mitbekommen, denn die Schritte kommen mit derselben Geschwindigkeit auf ihn zu. Grimmig legt er seinen Finger an den Abzug der Pistole, bevor er mit einem großen Schritt hinter dem Baum hervorspringt. Laut krachend hallen zwei Schüsse durch die Luft. Als sie verhallt sind, legt sich eine schwere Stille über den Wald und nur die Bäume sind stille Zeugen der grässlichen Tat, die sich soeben in dem friedlichen Waldstück abgespielt hat.

Ziellos laufen Aramis, Porthos und d´Artagnan durch das Unterholz. Nachdem sie endlich eine weitere Brücke gefunden hatten, sind sie den ganzen Weg an der Kante der Klippe zurückgelaufen, nur um festzustellen, dass Athos längst weg war. Natürlich hatten sie damit gerechnet, aber dennoch hatten sie gehofft, dass er sich nicht allzu weit von ihr entfernt hatte. Ohne einen Anhaltspunkt, in welche Richtung Athos verschwunden war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die nächst beste Richtung zu laufen. Natürlich wären sie schneller, wenn sie sich aufteilen würden, aber in mit dem Wissen, dass noch immer Banditen durch diese Wälder streifen, die höchstwahrscheinlich hinter ihnen her sind, erscheint ihn dies zu riskant. Mit jeder Sekunde, die sie planlos durch die Gegend laufen, verstärkt sich ihre Angst. Vor nicht allzu langer Zeit ertönten mehrere Schüsse und wenn zwei der Schüsse von Athos abgefeuert wurden, hat ihr Anführer nur noch seinen Degen als Verteidigung. Man kann Athos zwar nicht vorwerfen, dass er nun wehrlos ist, ganz im Gegenteil, aber selbst der beste Fechter des Musketierregiments kommt an seine Grenzen und eine ganze Horde an mordlustigen Banditen bringt ihn definitiv an eine dieser Grenzen.
„Wir haben eine Weile nichts mehr gehört“, sagt d´Artagnan besorgt.
„Das liegt bestimmt daran, dass Athos die Banditen überwältigt hat und nun auf unsere Ankunft wartet“, verkündet Porthos grinsend, wobei man ganz leicht erkennen kann, dass sich der Musketier selbst nicht glaubt.
„Ja, vielleicht.“
Nach dem kurzen Wortwechsel verfallen die drei wieder in ein tiefes Schweigen, während sie auf jede Bewegung achten, die auf Athos oder einen Überfall hindeuten könnte. Doch ein Hinweis kommt nicht in Form einer Bewegung zu ihnen, sondern durch ein Geräusch. Ein nicht überhörbares Geräusch.
„Das kam aus dieser Richtung“, sagt Aramis und deutet nach links.
Augenblicklich rennen die Musketiere durch den inzwischen verstummten Wald. Doch die Ruhe hält nicht lange an, denn kurz darauf ertönen erneut zwei Schüsse. Die Stille, welche darauf folgt, hält zu ihrem größten Unbehagen an. Die drei beschleunigen ihre Schritte und rennen so schnell sie können in die Richtung, aus der die Schüsse erklangen. Als sie an der ungefähren Position ankommen, bremsen sie ab und sehen sich mit geschärften Sinnen um. Bedächtig setzen sie einen Fuß vor den anderen, die Waffen halten sie schussbereit auf Hüfthöhe. Plötzlich sieht Aramis hinter einem Busch eine Hand hervorschauen. Das Herz klopft ihm bis zum Hals, als er sich behutsam nähert. Mit jedem Schritt kommt mehr des regungslosen Körpers in Sicht. Zu Aramis’ Erleichterung ist weder Athos’ Schulterplatte noch sein Wams zu sehen. Stattdessen steht er vor einem unbekannten Mann, dessen Erscheinung vermuten lässt, dass er einer der Banditen ist.
„Der hier ist tot“, verkündet er laut. „Glatter Schuss durchs Herz.“
„Und wo ist der glückliche Schütze?“, fragt Porthos leise, während er sich umsieht.
Er hofft zutiefst, dass dieser Schütze nicht Athos ist, denn wenn es so wäre, ist Athos entweder tot oder bewusstlos. Ansonsten hätte er sich längst gemeldet.
„Hier ist Blut.“
Sofort eilen Aramis und Porthos zu ihrem jüngeren Gefährten. Dieser hat sich hingehockt, um den Waldboden besser untersuchen zu können. Die dunkelroten Sprenkel hätte er beinahe übersehen, wenn nicht durch Zufall das Sonnenlicht in einem günstigen Winkel gestanden hätte. Die Augen auf die Blutspur gerichtet, um diese nicht zu verlieren, folgen die drei Musketiere dieser. Die Blutstropfen werden dabei stetig größer und anstatt einer geraden Linie führen sie von Baum zu Baum, bis sie in einer großen Blutlache enden. In eben jener ruht eine schmerzlich vertraute Person.
„Athos!“, ruft d´Artagnan entsetzt aus, sobald er den leblosen Körper seines Freundes erblickt.
„Lebt er?“, fragt Porthos aus dem Hintergrund, während Aramis den Zustand seines Waffenbruders erfasst.
„Er atmet, obwohl es sehr schwach ist.“
„Er hat einen glatten Durchschuss im Bein und ein Einschussloch in der äußeren rechten Seite“, teilt ihm d´Artagnan mit, der soeben Athos’ Wams öffnet.
Das ehemals cremefarbene Leinenhemd ist durchnässt von dunkelrotem Blut. Für eine Sekunde schießt Aramis die Frage durch den Kopf, ob Athos’ Körper überhaupt noch Blut beherbergt.
„Dreh ihn auf die Seite“, weist er den jungen Musketier an. „Ich muss sehen, ob die Kugel durch gegangen ist.“
Behutsam, doch so schnell wie möglich, führt d´Artagnan den Befehl aus. Zu seiner großen Sorge zeigt Athos keinerlei Reaktion auf die gewiss schmerzhafte Lageveränderung.
„Ein Durchschuss“, sagt Aramis.
Die Erleichterung in seiner Stimme ist unüberhörbar. Immerhin kann er Athos damit die schmerzhafte Suche nach der Kugel in dessen Körper ersparen. Doch leider bedeutet dies auch, dass Athos aus vier Löchern gleichzeitig blutet.
„Wir müssen hier weg“, sagt Porthos, während er seinen Blick von Athos in den umliegenden Wald wendet. „Die anderen Banditen sind noch irgendwo hier draußen und wenn wir hier bleiben, können wir uns nicht effektiv verteidigen.“
„Ich muss zuerst die Blutung stoppen.“
Ohne ein weiteres Wort macht sich Aramis an die Arbeit sein Unterhemd in Streifen zu reißen, wobei ihm die anderen beiden still zusehen, ohne den umliegenden Wald aus den Augen zu lassen. Zu ihrem Glück verbleibt alles still, bis Aramis seine notdürftige Verarztung beendet hat. Trotz der vielen Lagen Verbandsmaterial, die er um die Wunden gewickelt hat, sind auf diesen schon blutige Flecken zu sehen. Nichtsdestotrotz müssen sie sich einen taktisch besseren Ort suchen. Schweren Herzens geht Porthos neben Athos in die Hocke, legt sich jenen mit Unterstützung seiner Freunde über die Schulter und steht langsam auf. Aramis blickt ihn fragend an und Porthos nickt zur Bestätigung, dass er alles im Griff hat. So schnell, wie sie können, bewegen sie sich Richtung Paris. Aramis verflucht den Moment, in dem ihnen die Pferde durchgegangen sind. Mit ihnen wäre die ganze Sache einfacher. So müssen sie zu Fuß den zwei Tages Marsch hinter sich bringen. Mit dem bewusstlosen Athos dauert es allerdings länger. Zeit, die Athos nicht hat. Abgesehen davon, dass die Wanderung durch den Wald nicht gut für die Wunden sein kann.

Mit unerbittlicher Gewissheit nähert sich die Sonne dem Horizont. Aramis hat das Gefühl, dass seitdem sie sich mit Athos in Bewegung gesetzt haben, sie kaum ein Stück näher an Paris herangekommen sind.
„Wir sollten uns ein Plätzchen für die Nacht suchen“, sagt d´Artagnan.
Kurz wirft er bei diesen Worten einen Seitenblick auf Athos zu, der sich inzwischen nur noch durch die Kraft von Porthos’ und seinen Armen aufrecht halten kann. Sofort verstehen seine Waffenbrüder den Wink und behutsam lassen sie Athos auf den weichen Waldboden sinken. Schwer lässt sich jener gegen den nächst stehenden Baumstamm fallen. Rasselnd hebt und senkt sich seine Brust und sein gesamtes Gesicht ist vor Schmerzen verzerrt. Betrübt lässt d´Artagnan den Kopf sinken. In diesem Tempo brauchen sie mindestens noch zwei Tage, doch mit dem sich immer weiter verschlechterndem Zustand von Athos ist es ungewiss, ob er noch so lange durchhält.
„Lasst mich zurück.“
D´Artagnan hätte die geflüsterten Worte über das laute Rauschen des Windes beinahe nicht vernommen, doch als er die Augen seines Freundes und Mentors entdeckt, die ihn flehentlich ansehen, weiß er, dass jener sie tatsächlich laut ausgesprochen hatte. Bevor er etwas erwidern kann, erklingt die donnernde Stimme von Porthos.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage.“
„Porthos“, setzt Athos an, wird jedoch unterbrochen.
„Nein! Wenn wir dich zurücklassen, finden dich die Banditen, bevor wir wieder zurück sind.“
Unausgesprochen bleibt dabei, dass Athos vermutlich tot sein wird, bevor einer der beiden Fälle eintritt.
„Ohne mich seit ihr schneller.“
„Den einen Tagesmarsch schaffen wir jetzt auch noch. Zusammen.“
„Du darfst jetzt nicht aufgeben Athos“, steigt der jüngste Musketier mit ein. „Paris ist zum Greifen nahe.“
Gequält schließt Athos die Augen. Der Gedanke seine geliebte Stadt nie wieder zu sehen lastet schwer auf seinem Herzen. Doch es ist nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den er verspürt, bei dem Gedanken, seine Freunde zu verlassen. Beziehungsweise, dass jene ihn in diesem verdammten Wald alleine zurücklassen müssen. Nur dumpf nimmt er wahr, wie Porthos und d´Artagnan auf ihn einreden. Erst die ruhige Stimme von Aramis reißt ihn wieder aus seinen Gedanken.
„Er hat recht.“
„Was?“
Verständnislos blickt d´Artagnan Aramis an, während Porthos so aussieht, als wollte er jenem an die Gurgel springen.
„Athos hat recht“, wiederholt Aramis unnötigerweise, denn er weiß genau, dass ihn seine Freunde verstanden haben. „Ohne ihn können wir bis zum Sonnenuntergang des nächsten Tages in Paris sein. Mit ihm wahrscheinlich erst am Tag darauf.“
„Willst du ihn einfach zurücklassen?“, ruft Porthos mit dröhnender Stimme. „Hilflos und verwundet.“
Bei diesen Worten blickt Athos pikiert zu Porthos hinauf. Er wird bis zu seinem letzten Atemzug kämpfen und das deckt sich ganz und gar nicht mit der Definition von Hilflosigkeit. Dennoch hält er den Mund. Was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ihm Atmen im Moment wie die schwerste Sache auf der Welt vorkommt.
„Ich habe nicht gesagt, dass wir ihn alleine hier lassen. Ich bleibe bei ihm, während du und d´Artagnan nach Paris geht, um Hilfe zu holen.“
Bei diesen Worten scheint sich Porthos etwas zu beruhigen. Zumindest hat Aramis nicht mehr die Sorge, dass jener ihn gegen den nächsten Baum wirft. Wiederholt.
„Das klingt nach einem logischen Plan.“
Aramis dankt dem Himmel für die Vernunft des jungen Mannes. Jener ist bestimmt genauso unwillig, wie Porthos seinen Freund zurückzulassen, doch immerhin erkennt er den Nutzen dieses Vorgehens.
„Ihr solltet sofort aufbrechen.“
Vehement schüttelt Porthos den Kopf über die Worte seines verwundeten Freundes, als könnte er damit das Unausweichliche doch verhindern.
„Wir sollten uns nicht trennen. Die Banditen …“
„Haben wir abgehängt“, vollendet Aramis seinen Satz. „Mach dir keine Sorgen darum.“
Starr blickt Porthos in den dichten Wald vor sich. Als er sein Gesicht wieder zu Aramis umwendet, erkennt jener den gebrochenen Ausdruck in seinen Augen.
„Pass auf ihn auf.“
Bei diesen Worten legt sich ein seichtes Lächeln auf Aramis’ Lippen.
„Für wen hältst du mich eigentlich?“
„Schürzenjäger, Trunkenbold, Albtraum meiner Nächte. Und verdammt guter Musketier.“
Porthos fasst Aramis am Unterarm, der die Geste erwidert, bevor er den bulligen Soldaten in eine Umarmung zieht. Wortlos löst sich Porthos nach einigen Sekunden aus jener. Kurz hält er den Augenkontakt mit seinem Freund, bevor er jenen abbricht, um sich zu dem am Boden liegenden Athos zuzuwenden. Während er jenem verspricht so schnell, wie möglich zurückzukommen, wiederholt Aramis die Umarmung mit d´Artagnan.
„Pass auf den Hitzkopf auf“, flüstert er jenem ins Ohr.
„Das ist eine Aufgabe für eine ganze Kompanie.“
Kurz lacht Aramis auf, während er sich von seinem jungen Kumpanen löst.
„Du musst mir auch etwas versprechen.“ Fragend blickt Aramis ihn an. „Lass ihn nicht gehen.“
Versichernd nickt Aramis. Daraufhin wendet sich d´Artagnan um, verabschiedet sich von Athos und zusammen mit Porthos machen sie sich auf den Weg in die Dunkelheit des Waldes. Aramis blickt ihnen hinterher, bis der letzte Zipfel ihrer Gewänder von den Blättern des Waldes verschlungen wurde. Seufzend lässt er sich neben Athos sinken und lehnt sich mit dem Rücken gegen den Baum. Er bewegt sich nach links und rechts, bis er die bequemste Stelle an der kratzigen Rinde gefunden hat. Zufrieden lehnt er den Kopf gegen den Stamm.
„Was?“, fragt er, als er den amüsierten Blick von Athos bemerkt.
„Nichts. Mir ist nur gerade aufgefallen, dass sich in all den Jahren nichts verändert hat.“
„Was soll das denn heißen?“
„Du warst schon immer anspruchsvoll, was deinen Sitzplatz angeht.“
„Das stimmt überhaupt nicht. Allerdings ziehe ich den weichen Busen einer Frau diesem piksenden Gestrüpp vor. Da zu meinem Bedauern eine solche holde Maid nicht aufzufinden ist, möchte ich dennoch den bequemsten Platz für mich beanspruchen.“
Leise schnaubt Athos. Dies geht allerdings kurz darauf in ein zischendes Einatmen über. Besorgt beobachtet Aramis seinen Freund, während dieser mutig die Zähne zusammenpresst, damit ihm kein weiterer Laut über die Lippen entwischen kann. Im Licht der untergehenden Sonne glitzernd die Schweißperlen auf Athos’ Stirn wie die Diamanten in der Krone seiner Königin. Einige von Athos’ braunen Haarsträhnen kleben in seinem Gesicht und durch die blasse Farbe seiner Haut heben sie sich ab, wie Rabenfedern im Schnee. Der fiebrige Glanz spiegelt sich auch in Athos’ Augen wieder, die das Blätterdach über sich fixieren. Nur noch einen Tag. Athos muss noch einen Tag durchhalten, dann kommen Porthos und d´Artagnan aus Paris wieder und mit ihnen die Rettung.
„Wenn du mich weiter so ansiehst, mache ich mir Sorgen, dass ich auf der Stelle vom Blitz getroffen werde.“
„Du redest Unsinn. Es ist keine Wolke am Himmel zu sehen.“
„Du weißt, was ich meine.“ Grummelnd gibt Aramis einen Laut von sich, den man gemeinhin als Laut der Zustimmung verstehen könnte. „Du hast getan, was du mit den begrenzten Möglichkeiten leisten konntest. Jetzt schließ die Augen und schlaf eine Runde. Ich halte Wache.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“
„Mit diesen Schmerzen kann ich sowieso nicht schlafen. Und du brauchst etwas Ruhe. Und sei gewiss, ich wecke dich, falls sich irgendetwas anbahnt.“
Aramis lässt sich den Gedanken durch den Kopf gehen. Nach reiflicher Überlegung kommt er zu dem Schluss, dass Athos recht hat. Mal wieder.
„Wenn auch nur der kleinste Laut zu hören ist oder du spürst, dass sich deine Schmerzen verstärken, weckst du mich. Und wehe du widersetzt dich.“
„Was würdest du dann tun?“, fragt Athos amüsiert mit gespieltem Interesse.
Doch Aramis bleibt ihm eine Antwort schuldig. Finster verzeiht er die Augen zu Schlitzen, bevor er seinen Hut über seine Augen zieht. Athos beobachtet, wie sich die Atmung seines Freundes immer weiter verlangsamt und seine Muskeln sich entspannen. Als er sicher ist, dass sich Aramis im Land der Träume befindet, lässt er ein Stöhnen über seine Lippen entweichen. Zu seinem Glück dringt durch das Laub noch genug Licht, damit er seine Wunden inspizieren kann. Zuerst widmet er sich dem Verband um seinen Oberschenkel. Die Blutung scheint inzwischen fast versiegt zu sein, denn seit er das letzte Mal einen Blick auf die Binden geworfen hatte, hatte sich der Blutfleck auf ihnen nicht signifikant vergrößert. Im Gegensatz dazu steht der Verband um seinen Bauch. Jener ist beinahe komplett blutrot und inzwischen sickert frisches Blut aus jenem hervor. Seine Odyssee durch den Wald hatte offensichtlich nicht zur Heilung beigetragen. Zusätzlich dazu fühlt sich seine gesamte rechte Seite an, als würde sie in Flammen stehen, während durch seinen restlichen Körper Eiswasser fließt. Erneut stöhnend lässt er seinen Kopf wieder gegen die Borke der mächtigen Eiche hinter sich sinken. Müde schließt er die Augen. Im Gegensatz zu seinem Kumpanen verbleibt sein Geist und Gehör hellwach. Aufmerksam lauscht er, ob sich ihnen irgendetwas nähert. Doch über das Rauschen des Windes vernimmt er nichts, außer der nächtlichen Rufe der Vögel.

„Verdammt Athos! Du hättest mich wecken sollen.“
„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen.“
„Es ist schon hell. Hättest du mich den ganzen Tag verschlafen lassen?“
„Und was ist wenn? Wir können sowieso nirgendwo hin. Das Einzige, was wir tun können, ist warten.“ Leise vor sich hin grummelnd steht Aramis auf und streckt sich ausgiebig. „Wir sollten heute versuchen den nächstliegenden Pfad zu erreichen.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Deine Wunden brauchen Ruhe und außerdem werden d´Artagnan und Porthos uns hier suchen und nicht auf irgendeinem der Pfade.“
„Wenn wir den nehmen, der nach Paris führt, kommen sie unweigerlich an uns vorbei. Damit können wir Zeit sparen.“
„Nein. Wir bleiben hier.“ Mit diesen Worten klingt Athos wie der Anführer, den Aramis kennt und liebt. Folgsam senkt er den Kopf und gewährt Athos somit seinen Befehl. Wahrscheinlich wäre es sowieso nicht gut, wenn er sich bewegen würde. „Hab Vertrauen. Die beiden werden uns schon finden.“
Sich ergebend setzt sich Aramis wieder an seinen Baum. Die beiden Musketiere verfallen in Schweigen. Tief lauschen sie in den Wald hinein, in der Hoffnung die Ankunft ihrer Freunde zu hören. Doch sie vernehmen nur die Klänge der Vögel und des Windes.

Laut flucht d´Artagnan, als er sich erneut in einigen der tief hängenden Äste eines Baumes verfängt. Etliche Schnitte zieren schon seinen Körper, doch von keinem einzigen lässt er sich aufhalten. Zugegeben, er ist müde. Um nicht zu sagen todmüde. Nur der Wille endlich Paris zu erreichen, um Hilfe für Athos zu holen, hält ihm noch am weiter gehen. In Gedanken verloren folgt er Porthos, in dem blinden Vertrauen, dass jener weiß, wohin er geht. Gerade, als d´Artagnan denkt, dass er niemals das Ende des Waldes sehen wird, beginnt sich das Unterholz vor ihm zu lichten. Nur wenige Schritte später steht er am Rande einer weitläufigen Wiese.
„Endlich“, knurrt Porthos zufrieden. „Paris.“
Er wirft einen Seitenblick zu d´Artagnan, welcher genauso erleichtert den Anblick vor sich betrachtet, wie er. Doch ihnen bleibt nicht viel Zeit sich auszuruhen. Die Sonne hat ihren Zenit längst überschritten und bis sie in der Garnison sind, wird es bestimmt längst dämmern. Ohne ein weiteres Wort setzen die beiden ihren Weg nach Paris fort.

Der Durchgang zur Garnison kommt den beiden Musketieren vor, wie das Tor zum Himmel. Mit allerletzter Kraft beschleunigen sie ihre Schritte erneut und rennen förmlich in den Innenhof. Jener ist zu dieser späten Stunde beinahe komplett leer. Die meisten sitzen momentan im Speiseraum und nehmen ihr Abendbrot ein. Die wenigen der Musketiere, die sich noch unter dem freien Himmel aufhalten sehen verdutzt auf, als Porthos und d´Artagnan schlitternd vor ihnen zum Stehen kommen.
„Was ist los?“, fragt André alarmiert, als er die Gesichter der beiden sieht.
„Wir sind auf Banditen gestoßen. Athos ist schwer verwundet und Aramis ist bei ihm geblieben. Wir brauchen sofort einen Wagen, um die beiden aus diesem verfluchten Wald zu holen.“
Augenblicklich setzen sich die Anwesenden in Bewegung. André sprintet die Treppe nach oben, um Treville zu wecken, während Clément und Bonnet in Richtung Stall rennen, zweifelsohne, um die Transportmöglichkeit vorzubereiten. Erschöpft setzen sich Porthos und d´Artagnan auf die Bänke. Mercier, der zwei Krüge mit Wasser geholt hatte, stellt jene vor seinen beiden Waffenbrüdern ab. Innerhalb von wenigen Sekunden haben jene diese ausgetrunken. Als die beiden wieder halbwegs zu Atem gekommen sind, stellt Mercier die Frage, die ihm seit der Ankunft der beiden Musketiere auf der Seele brennt.
„Was ist geschehen?“
Drei kleine Worte, die nicht mit genauso vielen zu beantworten sind. Seufzend stützt Porthos die Ellbogen auf dem Holztisch auf und legt sein Kinn auf seinen gefalteten Händen ab.
„Der erste Tag verlief ganz normal. Wir haben uns Richtung Calais aufgemacht, um unseren Auftrag zu erfüllen. Der Tag verlief ohne große Vorkommnisse und am Abend machten wir Rast. Hätten wir gewusst, was vor uns liegt, wären wir umgekehrt.“
Bei diesen Worten legt er kurz eine Pause ein, in welcher d´Artagnan, bewusst oder unbewusst, zustimmend brummt. Die Augen des jungen Musketier starren in die Luft vor sich. Mit den Gedanken scheint er ganz weit weg zu sein. Besorgt runzelt Mercier die Stirn. Er weiß, wie sehr Athos dem jungen Mann bedeutet. Er kann sich nur ansatzweise vorstellen, wie sehr jener darunter leidet, nicht zu wissen, wie es seinem Freund geht. Wenn André etwas geschehen würde, wäre er außer sich vor Sorge. Genau in diesem Moment taucht sein bester Freund mit Treville im Schlepptau auf. Der Hauptmann wirft einen Blick in die Runde. Im Anblick der verminderten Anzahl seiner ausgesandten Musketiere, sowie deren zu frühes Erscheinen, runzelt er fragend seine Stirn. Porthos nimmt dies als Anlass, um fortzufahren.
„Am Vormittag des zweiten Tages waren wir gerade dabei aufzusatteln, als die Pferde nervös wurden. Wir wollten sie noch festhalten, aber sie gingen uns durch. Zum Glück hatten wir unsere Waffen noch nicht verstaut, denn nur wenige Sekunden später fanden wir heraus, was die Tiere so verschreckt hatte. Vierzehn Banditen hatten uns als geeignete Beute auserkoren und uns umzingelt. Wir konnten drei von ihnen niederstrecken und haben die Lücke genutzt, um das Weite zu suchen. Eigentlich ist das nicht unsere Art, aber diese Banditen waren mehr, als die gewöhnlichen Übeltäter. Sie haben gekämpft, wie ehemalige Soldaten. Wir hatten eindeutig die schlechtere Position und wir wollten nichts riskieren.“
Irgendwie fühlt sich Porthos verpflichtet ihren Ruf zu verteidigen. Immerhin sind er und seine Waffenbrüder noch nie vor einem Kampf davon gelaufen. Doch sie alle wussten, dass wenn sie gekämpft hätten, es nicht gut geendet hatte. Und sie hatten recht behalten. Athos ist der beste Zeuge dafür. Um Vergebung bittend sieht er seinen Hauptmann an, doch anstatt Vorwürfen sieht er Verständnis in den Augen des erfahrenen Soldaten. Mit Erleichterung im Herzen fährt er fort.
„Unsere Hatz endete schließlich an einer Schlucht. Wir waren gezwungen jener zu folgen und aus heiterem Himmel spannte sich eine Seilbrücke über jene. Im Normalfall wäre niemand von uns auf die Idee gekommen auch nur einen Fuß auf jene zu setzen, doch mit den Verfolgern im Nacken blieb uns keine Wahl. Doch nachdem d´Artagnan und ich sicher auf der anderen Seite ankamen, hielten die alten Seile dem Gewicht nicht mehr stand. Aramis wäre beinahe in die Tiefe gestürzt. Auf jeden Fall waren wir auf der einen Seite und Athos allein auf der anderen. Er rannte davon, um die Banditen wegzulocken. Wir suchten einen Weg auf die andere Seite und nachdem wir ihn fanden, suchten wir Athos. Als wir ihn fanden, war es allerdings schon zu spät.“
Erneut unterbricht sich Porthos. Mercier sieht, wie schwer es dem harten Musketier fällt, sich die Ereignisse wieder ins Gedächtnis zu rufen. Auch d´Artagnan scheint in diesem Moment wieder mit vollem Bewusstsein bei der Erzählung zu sein.
„Er hatte einen Durchschuss am Bein und einen in der rechten Seite über der Hüfte. Aramis hat sein Bestes gegeben, aber mit den begrenzten Mitteln kann auch er keine Wunder vollbringen. Wir haben danach versucht mit Athos Richtung Paris zu laufen. Doch die Wunden … d´Artagnan und ich sind alleine weiter gelaufen, während Aramis bei Athos geblieben ist. Und jetzt brauchen wir einen Pferdewagen, um die beiden heil nach Hause zu bringen.“
Porthos’ Erzählung endet und seine Worte verhallen in tiefes Schweigen. Treville ist der Erste, der seine Stimme erhebt.
„Wir werden sofort aufbrechen.“
„Clément und Bonnet bereiten den Wagen soeben vor. Sobald sie fertig sind, sind wir startklar.“
Zufrieden nickt Treville. In Momenten, wie diesen, ist er stolz darauf, dass seine Männer so vorausschauend denken.
„Sehr gut. Fühlt ihr euch bereit?“
„Für Athos immer.“
Mit einem Nicken stimmt Porthos dem jungen Musketier zu.
„Dann sollten wir die Pferde satteln.“

Der Anbruch des nächsten Morgens ist ein Segen für die kleine Truppe. In der Nacht machten sie nur wenige Wegmeilen, denn trotz des beinahe vollen Mondes, bot ihnen jener, selbst in Verbindung mit den Fackeln, nicht genug Licht, um allzu schnell voranzukommen. Jetzt im Tageslicht kann Mercier den Pferden endlich die Sporen geben. Laut rattert der Wagen über den unebenen Untergrund. Sorgsam halten Treville, d´Artagnan, Clément, Bonnet und André von jenem Abstand, in der Sorge, dass das darin verteilte Stroh und die Decken vor die Hufe ihrer Pferde fallen und diese zu Fall bringen können. Sorgenvoll betrachtet Mercier Porthos, der neben ihm auf dem Kutschbock sitzt. Ihn würde es nicht wundern, wenn jener plötzlich von der Bank rutschen würde. Jetzt, im Tageslicht, ist ihm die Erschöpfung anzusehen. Porthos’ Haut ist blass und unter seinen Augen haben sich dunkelblaue Ringe gebildet. Vermehrt blinzelt Porthos, wobei dies von immer längeren Phasen an geschlossenen Lidern durchbrochen wird. Innerlich seufzend schüttelt Mercier den Kopf. Er weiß, dass Porthos zu stur ist, um eine Pause zu machen. Immerhin hatte er es ihm inzwischen schon drei Mal angeboten. Das Einzige, was er tun könnte, wäre den Mann neben sich mit einem kräftigen Schlag auf den Hinterkopf gewaltsam ins Land der Träume zu schicken. Doch weder Porthos, noch ihr Hauptmann, werden dies voraussichtlich als adäquate Lösung erachten. So ergibt er sich dem vor Müdigkeit schwankenden Mann neben sich und hofft, dass jener beim Fall nicht unter die Räder gelangt.

Müde blinzelt Aramis gegen das helle Licht der Sonne. Eilig hält er sich die Hand vor den Mund, als ein Gähnen aus ihm heraus bricht. Er streckt seine müden Knochen und lässt seinen Blick schweifen. Der Wald hat sich im Vergleich zum Vortag nicht verändert. Athos allerdings schon. Augenblicklich ist Aramis an dessen Seite.
„Athos?“
Er verflucht sich, dass er nicht öfter den Zustand seines Freundes überprüft hat. Gestern Abend war jener zwar schwach, doch die Blutungen schienen fürs Erste versiegt zu sein. Er hatte gehofft, dass dies ausreicht.
„Athos!“, wiederholt er, nur diesmal lauter.
Jener gibt kein Zeichen von sich, dass er ihn gehört hat. Stattdessen hält das Zittern, welches von seinem gesamten Körper Besitz ergriffen hat, an. Schweißperlen stehen auf Athos’ Stirn und als Aramis seine Hand berührt, fühlt sich seine Haut feuchtkalt an.
„Oh Athos.“ Fest schüttelt er seinen Freund an der Schulter, bis jener ein unwilliges Knurren von sich gibt. „Du hast lang genug geschlafen mon ami.“ Er widmet sich nun den Verbänden, allerdings nicht ohne aller paar Sekunden einen Blick auf Athos’ Gesicht zu werfen, um sich zu vergewissern, dass jener langsam sein Bewusstsein wiedergewinnt. Als er die Verbände beiseite schiebt, offenbart sich ihm der Anblick, den er erwartet hatte. Die Wundumgebung ist stark gerötet, geschwollen und erscheint aufgeweicht, während aus den Wunden gelblicher Eiter abgesondert wird. Zweifelsohne entstand die Entzündung, da Aramis zum Verbinden nur sein halbwegs sauberes Unterhemd hatte. Fluchend bedeckt er die Wunden wieder. Was Athos nun braucht, ist eine saubere Umgebung und ein weiches Bett und nicht dieser versiffte, harte Waldboden.
„´mis?“
„Ich bin hier Athos.“
„Ich fühl mich nicht so gut.“
Augenblicklich versteht Aramis, was sein Freund ihm zu sagen versucht. Gekonnt wendet er ihn auf die Seite. Gerade noch rechtzeitig, damit Athos seinen Mageninhalt auf dem Waldboden verteilen kann. Doch mehr als Magensäure bringt er nicht zustande. Schwer atmend liegt Athos in Aramis’ Armen, welcher sich bemüht ihn soweit, wie möglich, aufzurichten, damit jener besser Luft bekommt. Beruhigend fährt Aramis in kreisenden Bewegungen mit der Hand über seinen Rücken. Nach einer gefühlten Ewigkeit scheinen sich Athos’ Lungen wieder ausreichend mit Luft zu füllen. Unbeholfen dreht Athos seinen Kopf und mit glasigen Augen schaut er zu Aramis auf.
„Ich bin froh, dass du hier bist.“
Eine einzelne Träne rollt aus Athos’ Augenwinkel und verschwindet in seinem Hemdkragen. Aramis spürt einen schweren Druck auf seiner Brust und jener entsteht nicht nur durch Athos’ Körper, welcher mit seinem vollen Gewicht gegen ihn lehnt. Zitternd holt er Luft, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
„Ich bin immer für dich da.“
Ein schiefes Lächeln schleicht sich auf Athos’ Gesicht. Geschafft schließt er die Augen, um seine Kraft zu sparen. Doch nur wenige Sekunden darauf reißt er sie wieder auf.
„Hast du das gehört?“
Verwirrt schüttelt Aramis den Kopf. Angestrengt lauscht er, doch außer dem Zwitschern der Vögel fällt ihm nichts auf. Gerade, als er Athos fragen wollte, welches Geräusch er vernommen hat, dringt ein Rascheln an sein Ohr. Aus einer anderen Richtung ertönt das Knacken eines Astes. Eilig blickt sich Aramis um, auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für ihn und Athos. Doch das Einzige, was in unmittelbarer Nähe ist, ist der dicke Stamm einer Eiche, welcher etwas Schutz bieten könnte. Doch um dahin zu gelangen, muss sich Athos bewegen. Als er wieder auf Athos hinabblickt, sieht jener ihn direkt an.
„Ich schaffe das.“
Aramis verschwendet keine Zeit. Augenblicklich springt er auf und zieht Athos dabei mit sich. Jener gibt sein Bestes, um die Laute des Schmerzes zu erdrücken. Wackelig hält er sich auf den Beinen und mit Aramis’ Unterstützung schaffen sie es hinter den Baumstamm. Total erschöpft fällt Athos zu Boden. Aramis sieht hinter dem Stamm hervor, doch kann noch niemanden entdecken. Einzig die Geräusche von mehreren Füßen, die auf sie zukommen, ist lauter geworden. Inständig wünscht er, dass es nicht die Banditen sind, die auf der Suche nach Rache für ihren verstorbenen Freund sind. Einige Momente später zerstört das Auftauchen einer der Banditen seine Hoffnung. Ihr Erkennungsmerkmal, ein blutroter Umhang, ist nicht zu übersehen.
„So habe ich mir den Morgen nicht vorgestellt“, sagt Aramis genervt.
„Du solltest gehen, solange du noch kannst.“ Aramis zeigt keinerlei Reaktion auf diese Aussage. Doch Athos lässt nicht locker. „Ich werde diesen Wald nicht lebend verlassen. Wenigstens einer von uns sollte lebend in die Garnison zurückkehren.“
„Athos“, zischt Aramis. Seine Wut ist unüberhörbar. „Wenn du jetzt noch ein Wort in diese Richtung verlierst, renne ich laut rufend, ohne meinen Degen auf diese Banditen zu.“
Leise schnaubt Athos, hält zu Aramis’ Zufriedenheit allerdings den Mund. Jener überlegt fieberhaft, wie er und Athos aus dieser Situation wieder herauskommen. Athos hat zwar seine Pistole gezogen, doch Aramis bezweifelt stark, dass jener sein Ziel trifft. Auch er zieht nun seine Pistole und überprüft, ob jene geladen ist. Als er sich dessen sicher ist, lugt er wieder um den Baum herum. Inzwischen kann er fünf der Banditen entdecken und er hofft, dass die andere Hälfte nicht auch in diese Richtung unterwegs ist.
„Es sind fünf von ihnen.“
Leise knurrt Athos, während er sich mühsam umdreht, um seine Waffe in die Richtung der Banditen zu richten. Geduldig warten die beiden auf eine geeignete Chance.

„Halt.“ Vor Schreck reißt Mercier fest an den Zügeln, sodass die Pferde abrupt zum Stehen kommen und es ihn beinahe vom Kutschbock reißt. „Von hier aus sind es noch einige hundert Meter in den Wald.“
Mit diesen Worten springt Porthos vom Pferdewagen. Leicht strauchelnd landet er, fängt sich zu Merciers Erleichterung relativ schnell. Sie verknoten die Zügel ihrer Pferde fest an den Bäumen.
„Bonnet bleibt hier und bewacht die Pferde, während wir anderen Porthos und d´ Artagnan folgen.“
Jene beiden verschwendet keine Sekunde und verschwinden so schnell ins Dickicht, dass die anderen ihre Mühe haben, an ihnen dranzubleiben. Plötzlich hält d´Artagnan inne und gibt ihnen das Zeichen sich zu ducken. Behutsam kraucht Treville nach vorne, um von seinem jungen Schützling zu wissen, was er gesehen hat. Bedeutungsvoll zeigt jener auf einen Mann, der einen blutroten Umhang trägt. Sein ungepflegtes Aussehen und die Narben sind das Aushängeschild für seinen harten Lebensstil.
„Das ist einer der Banditen“, flüstert Porthos links neben ihm. „Und wo einer ist, ist ein zweiter nicht weit.“
Wie Recht Porthos mit dieser Aussage hat, offenbart sich ihm nur wenige Sekunden später, als er noch vier weitere Umhänge im Unterholz aufblitzen sieht. Die fünf Banditen bewegen sich langsam durch den Wald. Dennoch sehen sie nicht so aus, als würden sie direkt etwas suchen, eher erscheint es, als wüssten sie, dass sie bald auf etwas stoßen werden. Plötzlich ertönt direkt vor ihnen ein Schuss, dem kurz darauf ein zweiter folgt. Damit ist klar, wen die Banditen erwartet haben, zu treffen. Laut aufschreiend stürzt einer der Banditen zu Boden, während der zweite Schuss knapp neben dem Kopf eines anderen einschlägt.
„Das sind Aramis und Athos!“, ruft Porthos und sprintet ohne zu zögern los.
Die anderen haben keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Mit neu gewonnen Kräften stürzen sie sich auf die Banditen. Diese wirken obgleich des Anblicks der Überzahl an Musketieren überrascht und für jene ist es ein leichtes die vier verbliebenen Gegner zu überrumpeln.
„Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, euch zu sehen.“ Aramis verstaut seine Degen und zieht den am nächsten stehenden Musketier vor überschwänglicher Freude in eine feste Umarmung. Vollkommen überrumpelt weiß André gar nicht, wie er reagieren soll, doch bevor er sich etwas überlegen muss, löst sich Aramis wieder von ihm. Die Erleichterung ist ihr ins Gesicht geschrieben. „Athos ist hinter der Eiche. Er braucht dringend einen Arzt!“
Er führt die anderen fünf Musketiere in die angegebene Richtung. Während Porthos und d´Artagnan halbwegs auf den sich ihnen bietenden Anblick vorbereitet sind, verharren die übrigen drei in sekundenlanger Schockstarre.
„Hauptmann?“, fragt Athos überrascht. „Was macht Ihr hier?“
„Zwei meiner Männer retten. Wir bringen dich nach Hause.“
Erschöpft lässt Athos seinen Kopf gegen den Baumstamm sinken. Das Adrenalin, welches sein Körper ausgeschüttet hatte, als die Banditen immer näher kamen, verlässt seine Blutbahn und damit schwindet auch sein Energieschub. Wie gerne würde er sich der Dunkelheit hingeben, die immer weiter in seinen Geist eindringt. Doch er kann seine Waffenbrüder nicht mit seinem bewusstlosen Körper allein lassen. Mühselig öffnet er seine Lider wieder. In der kurzen Zeit, in der er sie geschlossen hatte, hat Aramis die anderen offensichtlich auf den neusten Stand gebracht, denn ihre Gesichter sehen, wenn überhaupt möglich, noch sorgenvoller aus. Er will es zwar nicht zugeben, doch möglicherweise haben die tiefen Falten der Sorge ihre Berechtigung. Sein Körper fühlt sich seltsam taub an und auch der Schmerz ist dumpfer als zuvor. Als würde sich sein Geist langsam von seinem Leib lösen. Schwerfällig versucht er seine Beine unter seinen Körper zu bringen, doch er schafft es gerade mal sein linkes Bein anzuwinkeln.
„Lass dir doch helfen“, schimpft Aramis laut, als er merkt, was sein Freund vorhat. „Du richtest sonst nur noch mehr Schaden an.“
Augenblicklich umzingeln die Musketiere ihren verletzten Kameraden und mit vereinten Kräften helfen sie ihm sich aufzurichten und den beschwerlichen Gang in Richtung Pferdewagen anzutreten. Trotz der tatkräftigen Unterstützung benötigt der kleine Trupp mehr als dreimal solange zurück. Der unebene Boden, die tief hängenden Äste und piksenden Sträucher machen die Sache ziemlich schwierig. Als der Wagen in Sichtweite kommt, sind alle erleichtert. Allen voran Athos. War der Schmerz zuvor abgestumpft gewesen, fühlt sich sein Körper inzwischen an, als stünde er in Flammen. Er ist sich sicher, dass in diesem Moment seine gesamte Last auf Mercier und Clément lastet, die in von beiden Seiten stützen. Kaum, dass sie endlich am Wagen ankommen, eilen ihnen Bonnet und André zur Hilfe. Mit vereinter Kraft hieven sie Athos auf dessen Ladefläche. Schwer atmend und am Rande der Bewusstlosigkeit liegt Athos mit dem Rücken auf den weichen Decken. Geschwind springt Aramis hinterher und kniet sich neben seinen Freund.
„Habt ihr frisches Verbandsmaterial mitgebracht.“
„Ich habe sogar etwas besseres.“
Bei diesen Worten öffnet d´Artagnan seine Satteltasche. Aus jener holt er eine kleinere Ledertasche, eine Flasche, sowie sorgsam aufgerollte Leinenbahnen.
„Armagnac?“
„Ein gutes Stück Heimat.“
Dankbar nimmt Aramis den Weinbrand an. Während er die alten Verbände entfernt, schwingen sich die anderen in den Sattel beziehungsweise auf den Kutschbock. Nur wenige Sekunden später setzt sich der Wagen in Bewegung. Kurz wirft Aramis einen Blick gen Horizont. Die Sonne hat sich jenem beinahe angenähert und er muss sich beeilen, wenn er Athos Wunden bei ausreichend Licht versorgen möchte. Die Bindenbahnen fallen zu Boden und Aramis hört, wie d´Artagnan zischend die Luft einzieht. Der junge Mann reitet mit seinem Pferd dicht neben dem Wagen, um zu sehen, was sich darin abspielt. Im Anblick der Wunden wird ihm schlecht.
„Aramis?“
„Ich muss die Wunden desinfizieren und neu verbinden. Es ist jetzt wichtig, dass die Wunde sauber bleibt, damit die Infektion abklingt.“ Er wirft seinem jungen Freund einen kurzen Blick zu. Er kann sehen, dass die Frage, die er eigentlich gestellt hatte, noch nicht beantwortet ist. „Ich gebe mein Bestes. Und wenn Athos endlich Ruhe hat, stehen seine Chancen deutlich besser.“
Mit diesen Worten angelt er sich den Armagnac. Er zieht den Holzstopfen aus der Flasche und gießt den Inhalt großzügig über die oberen Einschusslöcher. Zischend zieht Athos die Luft ein.
„Porthos. Ich brauche deine Hilfe.“ Sofort klettert Besagter vom Kutschbock aus in Richtung seines Freundes. „Hilf mir, ihn zu drehen, damit ich auch seine Austrittswunden desinfizieren kann.“
Behutsam fasst er Athos mit einer Hand am rechten Oberarm und mit der anderen am Oberschenkel an, darauf bedacht nicht in die Nähe der anderen Wunden zu kommen. Mit einem kräftigen Ruck dreht er Athos auf seine linke Seite. Eilig begießt Aramis die beiden Austrittswunden.
„Kannst du ihn noch halten? Ich will gleich sein Bein verbinden.“
Zustimmend brummt Porthos. Er beobachtet, wie Aramis die erste Bindenrolle anlegt und sie in zirkulären Bahnen um Athos’ Oberschenkel wickelt. Gekonnt fixiert er das Ende.
„Dreh ihn jetzt vorsichtig zurück, passt aber auf, dass sein Oberkörper nicht den Boden berührt. Am besten setzen wir ihn auf.“
Porthos befolgt die Anweisung und Aramis wiederholt der Vorgang. Als der Verband sitzt, hilft er Porthos Athos wieder auf den Rücken zu legen. Fürsorglich bettet er dessen Kopf auf dem weichesten Kissen, welches er auf der Ladefläche finden kann. Erschöpft atmet er durch. Jetzt kann er nichts mehr für seinen Freund tun, außer für ihn beten.

Der Pferdewagen durchrollt ratternd den Eingang zur Garnison. Kaum, dass er zum Halten kommt, strömen die anwesenden Musketiere zum Wagen, bereit zu helfen.
„Wir sind zuhause mon ami“, sagt Aramis zu dem bewusstlosen Athos.
Jener zeigt keinerlei Reaktion, doch Aramis ist sich sicher, dass Athos ihn gehört hat und die Geborgenheit der Garnison um sich herum spürt. Zum ersten Mal seit Tagen überlässt er anderen die Fürsorge über seinen Freund. Mit wachsamen Augen beobachtet er, wie seine Kameraden Athos so behutsam, wie irgend möglich, in sein Zimmer tragen. Sie betten ihn auf seiner Pritsche und treten respektvoll zurück, als seine engsten Freunde in den Raum treten. Jene sind so müde, dass sie kaum wissen, wie sie sich noch auf den Beinen halten können. Treville ist sich dessen bewusst und baut sich mit in die Hüften gestützten Händen vor den drei Soldaten auf.
„Ich befehle euch, ins Bett zu gehen. Fabien wird vor der Tür Wache halten und wenn er auch nur eine Haarspitze von einem von euch sieht, hat er hiermit meine Erlaubnis ihn in die Bastille zu werfen.“
Schmunzelnd beobachtet Fabien, wie seine Waffenbrüder ihren Hauptmann entgeistert ansehen. Zu seiner großen Verwunderung verlegen sich jene darauf zu schweigen. Ob aufgrund der Müdigkeit oder durch Einsicht, kann Fabien nicht abschätzen. Treville scheint jedoch zufrieden zu sein und unter seinem stahlharten Blick, treten die drei den Rückzug in ihre Quartiere an. Kaum, dass sie außer Hörweite sind, wendet sich Treville den verbliebenen Anwesenden zu.
„Ich denke, dass ihr euch auch ins Bett begeben solltet. Fabien, Ihr könnt auch gehen. Ich denke nicht, dass einer der drei hier heute noch mal auftaucht. Sobald ihre Köpfe die Kissen berühren, werden sie tief und fest schlafen.“
„Und Athos?“, fragt Mercier, der sich um Fabien herum lehnt.
„Wir in meiner Obhut verbleiben. Bonnet.“ Augenblicklich tritt der Musketier vor. „Sucht den Arzt und bringt ihn hierher.“
Kurz angebunden nickt Bonnet, bevor er sich stehenden Fußes umwendet, um den Auftrag auszuführen. Nach und nach folgen ihm die anderen Musketiere, sodass Treville alsbald allein mit Athos ist. Seufzend schnappt er sich den kleinen Schemel, der in der Ecke des Raumes steht und lässt sich neben dem Bett auf jenem sinken. In Momenten, wie diesem, hasst er es Hauptmann zu sein. Er hat in seinem Leben eine unüberschaubare Anzahl verwundete Soldaten gesehen. Viele von ihnen haben ihre Verwundung nicht überlebt. Doch obwohl er stolz darauf ist immer gerecht gegenüber seinen Untergebenen zu sein, kann er nicht abstreiten, dass ihm einige mehr ans Herz gewachsen sind, als andere. Athos und seine Gruppe an Unglücksmagneten gehört eindeutig dazu.
„Ihr vier habt mir in den letzten Jahren mehr graue Haare verpasst, als der König, der Kardinal, Frankreich und Spanien zusammen. Jedes Mal, wenn ich euch auf eine Mission schicke, graut es mir davor, in welche Schwierigkeiten ihr euch diesmal bringen werdet. Vielleicht sollte ich euch nur noch zum Palastdienst einteilen, aber ich bin mir sicher, selbst dann findet ihr Schwierigkeiten. Ach, ich weiß auch nicht, was ich mit euch anstellen soll.“
Kopfschüttelnd starrte Treville auf den Boden. Die dünne Stimme von Athos lässt ihn allerdings sogleich aufsehen.
„Wir finden die Schwierigkeiten nicht, sie finden uns. Wir sind ganz unschuldig.“
Lächelnd beugt er sich näher an Athos heran, um ihn besser verstehen zu können.
„Von der Unschuld seit Ihr weit entfernt.“ Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens, runzelt er seine Stirn. „Wie viel habt Ihr mitbekommen?“
„Genug, um zu wissen, dass ihr die Schuld für all Ihre Probleme bei uns abladen wollt.“
Ungläubig schüttelt Treville den Kopf.
„Wie geht es Euch?“
„Es ging mir schon besser.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen legt Treville den Kopf schief. Schweigend blickt er Athos an, bis jener leise seufzend nachgibt.
„Mir ist verdammt heiß und mein Körper schmerzt an fast jeder Stelle. Und zudem fühlt sich mein Kopf seltsam benebelt an.“
„Ich habe Bonnet zu Doktor Lenoir geschickt. Bevor jener eintrifft, solltet Ihr versuchen, Euch etwas auszuruhen.“
Zustimmend brummt Athos. Er schließt die Augen und nach einigen Momenten hat sich seine Atmung signifikant verlangsamt. Treville glaubt schon, dass Athos eingeschlafen ist, als sich jener wieder zu Wort meldet.
„Ihr müsst mir etwas versprechen.“
„Ich bin ganz Ohr.“
„Sagt Aramis, dass es nicht seine Schuld ist. Und d´Artagnan und Porthos …“
Athos’ Stimme versiegt, dennoch weiß Treville, was jener sagen wollte. Verständnisvoll nickt er. Das ist alles, was Athos braucht, um seine Gedanken zu beruhigen. Erneut schließt er die Augen, doch diesmal bleiben sie geschlossen. Treville lauscht dem tröstlichen Klang der regelmäßigen Atemzüge seines Schützlings. Unbemerkt wandert draußen vor dem Fenster die Sonne über die Dächer von Paris und taucht die Stadt in das gleißende Licht des neuen Tages. Mit sich bringt sie Hoffnung und das Versprechen, dass alles gut wird.
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