Crystal Horror [MMFF]

von Shizena
MitmachgeschichteAllgemein / P16
23.07.2018
05.10.2019
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Efeupfote


Die junge Kätzin presste sich dicht an ihre Schwester, als sie zusammen durch den dichten Wald stolperten. Ihr letztes Mahl lag ihr schwer im Magen und sie kniff die Augen gegen den Regen und aufkommenden Wind zusammen.
“Warum straft der SternenClan uns mit so einem Regen?”, schimpfte sie kläglich, die Flanke dicht an die von Nesselpfote gepresst. Die ruhigere von Beiden blinzelte Regen aus den Augen und schüttelte den Kopf etwas.
“Er straft uns nicht, er schützt uns”, miaute sie dann leise und schmiegte den Kopf an Efeupfote. Sofort fühlte die hellbraun getigerte Kätzin sich geborgener und atmete leicht aus. Natürlich würde Nesselpfote das sagen, auch wenn sie selbst nicht daran glaubte. Mit einem leisen Murren schmiegte sich Efeupfote wieder an ihre Schwester, ehe sie sich in dem Wald umzusehen versuchte.
Sie hatten vermutlich Glück, dass sie nicht auf der offenen Ebene waren, auf der Efeupfote sich am Vortag wieder gefunden hatte. Dort wäre der Regen wohl noch nerviger gewesen, aber auf der Suche nach ihrer Schwester hatte sie sich schnell in den Wald geflüchtet, der relativ in der Nähe gelegen war.
Zu ihrem Glück hatte sie Nesselpfote schneller gefunden, als gedacht und nun würde sie sich darum kümmern, dass sie die Kämpfe zusammen überstehen würden! Auch wenn Nesselpfote sich ziemlich erschrocken und abweisend verhalten hatte, als sie ihre Schwester erblickt hatte, was Efeupfote ein wenig Sorgen bereitete.
Hatte ihre Schwester etwa wirklich vorgehabt, jemanden zu töten?

Sie zwang sich, diesen Gedanken zur Seite zu schieben. Nein, das würde sie niemals tun. Nesselpfote war eine liebliche Katze, die niemals einer anderen etwas antun würde. Nicht einmal, wenn der SternenClan es ihr befahl. Sie wollten immerhin zusammen groß werden. Efeupfote, später einmal eine Anführerin… und Nesselpfote an ihrer Seite als Stellvertreter. Sich in diesem Kampf um den Sternenkristall zu verlieren, würde nur ihre Chance erhöhen, zu früh zu sterben, um diesen Traum verwirklichen zu können.
Auch wenn Efeupfote den Gedanken nicht mochte, würde sie darauf warten, dass die anderen Katzen sich gegenseitig töteten und ihre Zahlen dezimierten, in der Hoffnung, dass es nicht auf ihre eigenen Clanmitglieder zutreffen würde. Erst, wenn sie nicht mehr zu zweit einer absoluten Übermacht gegenüber standen, würden sie sich einschalten.
So lange nicht töten, wie es ihnen möglich war… das musste ihre Devise sein.

Und sie glaubte daran, dass sie und ihre Clangefährten gute Chancen hatten. Sie hatte ihre Schwester und würden nur zu zweit kämpfen, was sie gegen andere, die alleine kämpfen mussten, immer im Vorteil lassen würde. Schneefalke war ein schneller Kater, sowohl im Kampf, als auch in der Jagd - sollte er in Schwierigkeiten geraten, konnte er ganz schnell abhauen.
Und Flammenpfote… Flammenpfote war stark und gerissen. Er würde mit Sicherheit gar nicht erst in Schwierigkeiten kommen! Er hatte so viel trainiert, dass er sicherlich überleben würde, ja!
Efeupfote lächelte etwas bei dem Gedanken und spürte kaum Nesselpfotes Blick auf sich, bis die Kätzin ihr sanft in die Seite stieß.
“Was gibt es zu lächeln?”
“Ah.” Efeupfote schüttelte den Kopf und lächelte fröhlich. “Ich dachte nur, dass wir wirklich Glück haben. Mit den Katzen, die mit uns hier unten sind.” Sie warf einen Blick nach oben und versuchte, durch die Baumwipfel hindurch, zum Himmel zu sehen. Doch die Regentropfen zwangen sie schnell dazu, den Kopf wieder zu senken, um ihre Augen zu schützen.
Ob es mittlerweile Nacht war? Sie waren den ganzen Tag gelaufen und sie fühlte sich bereit, in ein kuscheliges Nest zu verschwinden, um zu schlafen. Doch es war schon die ganze Zeit dunkel und sie konnte kaum ausmachen, ob die Sonne überhaupt schon unter gegangen war. Es war beinahe gespenstisch…
Dazu kamen die Bäume, die so dicht aneinander standen, dass es sowieso fast ununterbrochen schattig war. Sie vermisste bereits die weite Ebene ihres Territoriums, das Gras unter ihren Pfoten, die Jagd mit ihrem Mentor… ob sie auch vermisst wurde? Ein seltsamer Gedanke regte sich in ihr, eine doch eigentlich unbegründete Sorge. Vermisste Nadelpelz sie?

Sie atmete tief durch. Sie wollte jetzt nicht über ihren strengen Vater nachdenken, das brachte immer nur Probleme. Sie musste sich auf die Aufgabe vor ihr konzentrieren. Trotzdem… gewissermaßen hoffte sie, dass er endlich mal merkte, was er an seinen Töchtern hatte, nachdem seine Gefährtin und ihre Mutter gestorben war…
Nesselpfote legte den Schweif über die Schulter ihrer Schwester und lächelte sie an. “Wie wäre es, wenn wir noch einmal etwas jagen gehen, ehe wir uns verstecken? Das bringt dich vielleicht auf andere Gedanken.”
Efeupfote atmete erneut tief durch, dann nickte sie lächelnd. “Das ist eine gute Idee. Sollen wir es etwas näher am Waldrand versuchen?”
Die dunkel getigerte Kätzin schüttelte den Kopf. “Ich dachte, wir teilen uns diesmal auf. Mehr Chancen für Beute.”
Ihre Schwester blinzelte verwirrt. Aufteilen? “Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist”, widersprach sie, “wir wissen immer noch nicht, wo die anderen Katzen sind. Wir stehen zwei gegen zwölf.”

Nesselpfote blinzelte. “Na eben. Wenn wir uns aufteilen, könnten wir vielleicht auch auf Schneefalke oder Flammenpfote treffen.” Sie lächelte und zuckte mit dem Schweif, dann grinste sie neckend. “Das würde dich doch freuen, oder?”
Efeupfote blinzelte überrascht und sah von ihrer Schwester weg, beleidigt die Augen niederschlagend. “Ich bitte dich. Flammenpfote wäre sicherlich hilfreich als Teamkamerad, aber ich glaube, er ist eher der Einzelkämpfer.”
“Kann man nie wissen”, antwortete Nesselpfote schnurrend und stieß sie sanft in die Seite. “Also? Aufteilen oder nicht?”
Efeupfote schüttelte den Kopf. “Nein, nicht aufteilen. Das ist mir viel zu riskant.” Sie sah auf und ihrer geliebten Schwester direkt in die Augen. “Ich will dich nicht verlieren.”
Nesselpfote blinzelte und Efeupfote glaubte, Überraschung in ihren Augen zu erkennen. Dann lächelte sie jedoch schief und drückte ihren Kopf sanft an Efeupfotes. “Du tust ja fast so, als würde ich einfach sterben, wenn du mal kein Auge auf mich hast.”

Efeupfote schnurrte amüsiert und unterdrückte die Sorge, die sie wirklich um ihre Schwester hatte. Sie wusste ja, dass Nesselpfote sich verteidigen konnte, aber das erleichterte ihr Herz nicht wirklich.
“Keine Alleingänge. Wenn wir zusammen große Gebiete durchstreifen, werden wir sie mit Sicherheit auch finden”, miaute Efeupfote bestimmt und lief los. Sie konnte förmlich sehen, wie Nesselpfote das Maul öffnete, um etwas spitzes zu erwidern, doch sie schnurrte nur. “Und keine Widerrede! Ich werde einmal die Anführerin sein, schon vergessen?”
“Und ich die Zweite, ich habe Stimmrecht!”, protestierte Nesselpfote, folgte aber schnell ihrer Schwester.

-   -   -


Die beiden Schwestern strichen durch den Wald, auf der Suche nach Beute, ihren Freunden, aber vor Allem, einem Unterschlupf. Es war relativ schwer, ein ordentliches Versteck zu finden, auch wenn das Unterholz dicht war und der Regen ihre Spuren verwischte, war dennoch die stete Angst da, das eine Katze, sie dennoch finden und im Schlaf überfallen konnte.
Efeupfote hing an ihrer Schwester wie eine Klette und sah sich aufmerksam um, doch immer öfter sprach Nesselpfote die besseren Chancen an, die sie haben würden, wenn sie sich aufteilen würden. Langsam wurde die hellbraun getigerte Kätzin davon genervt. Warum verstand Nesselpfote nicht, dass es ihr weniger um die Chancen ging, als darum, zusammen sicher zu sein?
Gerade schwieg die dunkelbraun getigerte Schülerin und hielt ihren Blick auf den Pfoten. Ihr Fell war gesträubt, um sie gegen den Regen zu schützen und ihre Beine zitterten in der Kälte, was Efeupfote leicht gegen ihre Schwester schmiegen ließ, wenn auch nur, um ihr ihre Sicherheit zurück zu geben.

Nesselpfote jedoch, zuckte nur zurück und sah aus den Augenwinkeln zu Efeupfote. “Tut mir Leid”, flüsterte sie leise, “mir geht es im Moment nicht so gut. Ich glaube… ich muss mich ausruhen.”
Efeupfote blieb schlagartig stehen und sah ihre Schwester besorgt an. Hatte sie die kleinere Kätzin etwa zu sehr zur Eile getrieben? Das hatte sie nicht gewollt!
Trotzdem blieb sie diesmal auf Abstand und sah zu, wie die dunklere Kätzin sich setzte und leicht über eine ihrer Pfoten leckte. Sie sah geistesabwesend aus und Efeupfote beobachtete sie dabei, wie sie immer wieder hinauf in den Himmel blickte, ungeachtet der Regentropfen, die ihr unweigerlich in die Augen fallen mussten.
Efeupfote folgte ihrem Blick irgendwann und blinzelte, als sie sah, dass die Wolken sich langsam verzogen und einen hellen Mond Preis gaben. Auch wenn sie nur für einen Augenblick aufsehen konnte, erkannte sie schnell, dass er bereits fast an höchster Stelle stand. Zögerlich wandte sie sich wieder an ihre Schwester.
“Nesselpfote, wir müssen wirklich einen Unterschlupf für uns finden. Wir brauchen Schlaf und Kraft für morgen.”

Die dunkelbraun getigerte Kätzin zuckte bei den Worten zusammen und ihr Zittern wurde nur noch stärker. Die Besorgnis kroch nun wie eine dunkle Vorahnung in Efeupfotes Pfoten und ihren Körper hoch, während sie die junge Kätzin weiter beobachtete.
“Nesselpfote…”
“Ich weiß”, antwortete Nesselpfote und Efeupfote konnte die betont sanfte Stimme kaum hören, so leise war sie. Die dunkelbraun getigerte Kätzin starrte weiter auf ihre Pfoten und legte die Ohren an, ehe sie sich plötzlich ihrer helleren Schwester zuwandte und sich aufrichtete.
Efeupfote zuckte zurück, als sie die blauen Augen ihrer Schwester sah, die mit einem Feuer brannte, das sie zuvor noch nie gesehen hatte.
Dann sprach Nesselpfote: “Ich gehe. Ich kann nicht länger bei dir bleiben. Du ziehst mich zu sehr runter.”
Verdutzt stellte Efeupfote die Ohren auf. “W-was? Wie bitte? Nesselpfote, was sagst du denn da?”
Doch die dunkelbraun getigerte Schülerin wandte sich ab und schnaubte genervt. “Nie hörst du mir zu, oder? Und so etwas wie du will Anführerin werden.” Dann blickte sie über die Schulter zurück zu ihrer hell getigerten Schwester und lächelte amüsiert. “Es tut mir Leid, Schwesterherz. Aber dieses kleine Abenteuer hier zeigt mir, dass du einfach nicht würdig bist, Anführerin zu werden. Schon die ganze Zeit versuche ich, dich loszuwerden, in der Hoffnung, dass du dann alleine in die Krallen einer anderen Katze rennst. Aber nein, du hängst an mir wie eine Klette. Ich denke, ich überspringe dich einfach und werde selbst Anführerin.”

Efeupfote konnte ihren Ohren nicht trauen. Wovon redete Nesselpfote da? Die Besorgnis verschwand wie Laub im Wind und stattdessen trat Wut an ihre Stelle. Die Worte ihrer Schwester trafen sie direkt ins Herz und das musste Nesselpfote doch wissen, also warum sagte sie so etwas?
“Das meinst du nicht so”, brachte sie gekränkt zwischen gefletschten Zähnen hervor, während sie die Krallen in die nasse Erde drückte. Langsam löste sich der dichte Regen und man konnte die Sterne am Himmel funkeln sehen, sowie Nesselpfotes bösen, kaltherzigen Blick, ehe die junge Kätzin sich abwandte.
“Und du willst eine Schwester sein. Du kennst mich ja nicht einmal richtig”, fauchte sie, dann sprang sie ins Unterholz. Efeupfote blieb für einen Augenblick verdutzt zurück. Nein. Das konnte Nesselpfote einfach nicht so meinen, wie sie sagte. Schnell zwang die hell getigerte sich dazu, die Wut zurück zu drängen.

Irgendetwas war mit ihrer Schwester los und sie würde herausfinden, was! Sie kannte ihre Schwester, egal was Nesselpfote auch sagte!
Die junge Kätzin spannte all ihre Muskeln an und sprang hinter der dunklen Tigerkätzin her, überzeugt davon, sie einzuholen und nicht alleine umherwandern zu lassen. Sie konnte ihre Schwester nicht einfach allein lassen!
Sie sprang über Äste und Wurzeln, stolperte hin und wieder auf dem nassen Untergrund, doch zwang sich dazu, weiter zu rennen und bloß nicht stehen zu bleiben. Sie musste sie einholen, sonst konnte sie ihre geliebte Schwester doch schneller verlieren, als sie gedacht hatte! Aber woher war dieser plötzliche Sinneswandel gekommen? Efeupfote verstand gar nichts mehr. Und der Regen, der Nesselpfotes Geruch verdeckte, half immer weniger und frustrierte sie dafür nur immer mehr.
“Nesselpfote!”, rief sie, ohne darauf zu achten, wer vielleicht noch da war und sie hörte. Ohne ihre Schwester wollte sie nicht sein, auch wenn sie den ganzen Wald gegen sich aufbrachte!
Endlich entdeckte sie ihre Schwester. Nesselpfote hatte vor einem hohen Baum gehalten und sah sich dort um, vermutlich nach einer Richtung, die sie nun einschlagen sollte. Sie lief zur Seite, doch da sprang Efeupfote aus dem Gebüsch und warf ihre Schwester mit einem gezielten Tackle zu Boden.
Keuchend richtete sich die helle, getigerte Kätzin auf und schüttelte etwas Schlamm aus ihrem Fell, ehe sie zu ihrer Schwester hinab sah, die sich orientierungslos umblickte.
“Efeupfote…?”

“Nesselpfote!”, fauchte die Schülerin und bohrte ihre Krallen neben ihrer Schwester in den Boden. Mondlicht erhellte sie und ihre blauen Augen blitzten vor Unsicherheit und… war das Reue? Efeupfote zitterte und spürte, wie ihr die Stimme zu versagen drohte, doch sie musste reden. “Warum? Nach allem was wir durchgemacht haben, warum willst du jetzt so tun, als würdest du mich hassen?”
“Efeupfote, du verstehst nicht…”, versuchte Nesselpfote zu sagen, doch ihre Schwester unterbrach sie direkt wieder. “Nein, ich verstehe nicht! Ich will es auch nicht verstehen! Ich will nur, dass wir zwei zurück zum LöwenClan gehen und dort leben können! Für immer!” Das Zittern in ihrer Stimme wurde immer stärker und Efeupfote konnte spüren, wie die Erschöpfung an ihr nagte.
Nesselpfote sah sie für einen Augenblick schweigend an, dann schob sie Efeupfote von sich. Die hell getigerte Kätzin landete im Schlamm und zuckte zusammen, dann richtete sie sich auf und sah zu Nesselpfote, die ebenfalls versuchte, sich aufzurichten.
“Du musst gehen, Efeupfote. Sofort.”

Efeupfote wollte etwas erwidern, doch da ertönte plötzlich eine freundliche, tiefe Stimme aus den Schatten und sie wirbelte herum. “Dafür ist es leider zu spät, meine Liebe. Regeln sind Regeln.”
Ein junger Kater trat aus den Schatten, silbergraues Fell schien im Schein des Mondes zu glitzern und letzte Tropfen fielen von seinen Schnurrhaaren hinab zu Boden. Seine dunkelgrünen Augen leuchteten förmlich vor Amüsierung und Efeupfote sprang aufmerksam einen Schritt zurück, den Schlamm an ihrer Seite ignorierend.
“Wer bist du und was willst du?”, fauchte sie und fuhr die Krallen aus. Der Kater blinzelte für einen Augenblick sichtlich verwirrt, dann wurden seine Gesichtszüge jedoch wieder freundlicher und er lächelte. Er war der jungen Kätzin nicht geheuer. Sie wurden jedem der Auserwählten vorgestellt, bis auf der zweiten, weiblichen LeopardenClan-Kätzin, da sie verfrüht in die Schlucht gebracht werden musste, aber das da war definitiv keine Katze, die sie dem LeopardenClan zuschreiben würde.

Er hatte ein klares, dunkles Leopardenmuster auf seinem Pelz und er hatte den großen, straffen Bau einer TigerClan Katze.
“Ist das wichtig?”, fragte er sanft, ehe sein Blick zu Nesselpfote glitt. “Sie hat eine Regel verletzt und wird nun dafür bestraft.”
Nesselpfote zuckte zurück und sofort sprang Efeupfote zwischen sie und den Fremden, die Lippen zu einem bösen Fauchen zurückgezogen. “Sie hat nichts getan! Ich war die ganze Zeit bei ihr!”
Das Lächeln des Katers wankte nicht. “Das ist das Problem.” Er zuckte mit dem Schweif und zwei weitere Katzen traten hervor. Eine von ihnen war silbergrau, mit ein paar schwarzen Fellsträhnen an Pfoten und Ohren und hellen, bernsteinfarbenen Augen, die vollkommen auf Nesselpfote fixiert waren.
Die andere Katze, eine Kätzin… dieses dicke, hellgraue Fell… diese blauen Augen… “Eisschweif?”, hauchte sie, als sie ihre Clangefährtin erkannte. Die Kätzin blinzelte und sah Efeupfote an, ehe sie hinter ihr Nesselpfote erblickte.
“Ihr kennt euch also”, schnurrte der fremde Kater mit den Leopardenmustern, “das erleichtert mir einiges. Also? Wer von euch beiden will Nesselpfote für ihren Regelverstoß bestrafen? Ah… ich weiß. Eisschweif, wenn ihr schon aus demselben Clan kommt, sollst du den Vortritt haben.”

Der hellere Kater blickte auf. “Was? Aber Hagelflug, ich dachte, wir hatten uns darauf geeinigt, dass ich sie töte!”
Efeupfote horchte auf. Töten? Der Kater mit dem Leopardenmuster schnurrte beruhigend und schmiegte seinen Kopf etwas an den hellgrauen. “Du bekommst deine Chance noch, Frostblut. Lass den Spaß erst einmal Eisschweif, okay?” Frostblut zog den Kopf zurück und grummelte, sein Schweif peitschte durch die Erde, doch er sagte nichts mehr. Blickte lediglich aus seinen bernsteinfarbenen Augen voller Hass auf Efeupfote, die bei dem Ausdruck in seinen Augen zusammen zuckte.
Nervös sah sie über ihre Schulter zu Nesselpfote, die ausdruckslos auf die drei Katzen vor sich starrte, die Ohren angelegt und die Krallen ausgefahren. Sofort wirbelte Efeupfote wieder zurück und fuhr die Krallen schützend aus.
“Wenn einer von euch meine Schwester töten will, müsst ihr erst einmal an mir vorbei!”, fauchte sie, “aber denkt nicht, ich mache es euch einfach! Lieber töte ich euch, als dass ihr meine Schwester tötet!”
Hagelflug, der die Zeit über beruhigend auf Frostblut eingeredet hatte, stoppte in all seinen Bewegungen. Für einen Moment blieb er beinahe gespenstisch still, ehe er den Kopf hob und aus plötzlich kalten, grünen Augen heraus auf die junge Schülerin herab blickte. “Du willst uns töten?”
Nesselpfote schien aus ihrer Starre zu erwachen, als sie den Kopf gegen Efeupfote stieß und sie flehend ansah. “Efeupfote! Sag so etwas nicht! Sie sind die Richter, wir Auserwählten dürfen ihnen nichts tun! Sie stehen über uns…”
“Aber du hast nichts getan!”, fauchte Efeupfote wütend und sah zurück zu Hagelflug, Frostblut und Eisschweif. Der graue Kater, der sich wohl zu dem Anführer ihrer kleinen Gruppe gemacht hatte, zuckte mit den Ohren.
“Eisschweif, meine Liebe. Willst du deiner Clangefährtin erklären, was Nesselpfote falsch gemacht hat, bevor du sie tötest? Mit Sicherheit wird sie dann verstehen, dass die Ordnung gewahrt und Regeln eingehalten werden müssen”, miaute Hagelflug, seine Stimme zitternd, aber nach wie vor freundlich.
Eisschweif räusperte sich und sah beinahe zögerlich zu Efeupfote. “Deine Schwester… war der erste Spion. Sie hätte mindestens ein Mal bis zu Mondhoch des heutigen Tages jemanden angreifen müssen. Das hat sie nicht getan, denn wie du schon sagtest… sie hat nichts getan.”
Efeupfote erstarrte und sah erneut zu Nesselpfote, die betreten auf ihre eigenen Pfoten starrte. Deshalb wollte sie weg. Deshalb wollte sie nicht mit Efeupfote reisen. Bei ihrer Schwester zu sein, hieß für Nesselpfote, dem Risiko ausgesetzt zu sein, ihre Aufgabe nicht zu erfüllen! … oder ihre Schwester angreifen zu müssen.
Sofort schüttelte Efeupfote den Kopf und stellte sich erneut schützend vor Nesselpfote. “Ich lasse sie euch nicht töten.”
Hagelflug legte die Ohren an. “Dann widersetzt du dich der Ordnung der Kristallkämpfe”, antwortete er, seine Stimme nach wie vor diplomatisch, aber kaum mehr freundlich. Sie war bestimmt und ruhig, aber hatte nichts beruhigendes mehr. “Geh zur Seite, Junges.”
“Niemals!”, fauchte die hellbraun getigerte Schülerin und sprang auf Eisschweif zu, die es gewagt hatte, einen Schritt nach vorne zu tun. Ehe ihre Krallen jedoch das silber-weiße Fell der Kriegerin auch nur streifen konnten, sah sie aus den Augenwinkeln, wie eine Art weißer Blitz auf sie zuschoss.

Sie wurde mit Wucht zur Seite gestoßen, landete im Matsch und rollte auf die Seite. Schlamm spuckend versuchte sie sich auf den Rücken zu rollen, doch scharfe Krallen bohrten sich in ihre Schulter und als die Schülerin aufblickte, sah sie in vor Aufregung blitzende, bernsteinfarbene Augen.
“Bitte! Tut ihr nichts! Ihr wollt mich, nicht sie!”, jaulte Nesselpfote verzweifelt, lauter, als Efeupfote sie zuvor je gehört hatte. Die junge Schülerin sah auf und wollte zu ihrer Schwester blicken, doch Frostblut verdeckte noch immer ihren Blick mit seinem Gesicht.
Hagelflug schnaubte. “Eisschweif. Tust du uns die Ehre?”
“Ist das wirklich nötig, Hagelflug?”, fragte Eisschweif sanft und Hoffnung keimte in Efeupfote auf. Ihre Clangefährtin setzte sich für sie ein! Wenn sie nur diesen stinkenden Haufen Fell von sich hinunter kriegen würde! Sie versuchte, ihre Hinterläufe in Frostbluts Magen zu treten, doch der Kater hatte sie so fest im Griff, dass sie sich kaum bewegen konnte.
Hagelflugs Stimme erhob sich laut über die restlichen Geräusche des Waldes: “Du willst dich über das Gesetz stellen, Eisschweif? Nesselpfote hat es nicht geschafft und es ist nur im Sinne des SternenClan, dass sie nun stirbt.”
Efeupfotes Magen drehte sich um. Nein, das konnte sie nicht zulassen. Nicht ihre geliebte Schwester! Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schaffte es, sich ruckartig zur Seite zu drehen. Für einen Augenblick verlor Frostblut seinen Halt und rutschte zurück und Efeupfote nutzte diesen einen Moment, um ihn mit einem gezielten Tritt der Hinterläufe in seinen Bauch zurück zu treten.
Kaum war der große Kater von ihr runter, sprang sie keuchend auf, ignorierte die Schmerzen in ihrer Schulter und sah zu Eisschweif, die mittlerweile vor Nesselpfote stand. Die junge Kätzin zitterte vor Angst und Efeupfote fühlte sich, als würde ihr das Herz zerspringen.
Frostblut rappelte sich auf und der hellbraun getigerten Kätzin kam eine letzte, verzweifelte Idee. Sie fuhr die Krallen aus, wirbelte herum und schlug sie mit voller Wucht über Frostbluts Schnauze.

Der helle, silberne Kater jaulte auf vor Schmerz und zog die Aufmerksamkeit von Eisschweif und Hagelflug auf sich. Fast sofort kam der Kater mit dem Leopardenmuster zu seinem Freund und stieß Efeupfote zur Seite.
“Sie hat dich angegriffen, Frostblut?”, fragte er ungläubig, worauf der helle Richter das blutende Gesicht zur Seite drehte, um dem grünen Blick auszuweichen. Hagelflug betrachtete für einen Augenblick seinen Kameraden, ehe er sich zu Efeupfote umwandte. “Hat deine Schwester dich nicht eben belehrt, dass man uns nicht schaden darf?”
“Das ist mir egal!”, fauchte Efeupfote und spuckte dem Älteren die Wörter förmlich vor die Pfoten. “Dann töte halt uns Beide!” Dann würde sie nicht ihre Schwester alleine zum SternenClan schicken und sie selbst alleine in diesem Horror zurück bleiben. Wenn es hieß, sterben zu müssen, damit ihre Schwester sicher war, und sie zusammen sein konnten… dann musste es so sein.
Noch dazu war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen, wie sie Nesselpfote aus dieser Misere retten sollte. Der Kater vor ihr wirkte nicht wie jemand, der gerne diskutierte, so freundlich er auch Lächeln mochte.

Hagelflug bedachte ihrer mit einem aufmerksamen Blick aus seinen grünen Augen. “Euch beide töten”, miaute er schließlich vorsichtig, seine Stimme nun wieder sanft. “Nein, nein. Ich denke, ein doppelter Regelverstoß von Geschwistern sollte… gesondert bestraft werden.” Er wandte sich an Frostblut und berührte ihn sanft mit der Schnauze, worauf der verletzte Kater sich abwehrend fauchend erhob und zu Eisschweif trabte, die in dem Getümmel noch immer bei Nesselpfote stand, nun aber lediglich darauf achtete, dass die dunkelbraun getigerte Kätzin nicht abhaute.
Hagelflug selbst stieß Efeupfote unsanft zu ihrer Schwester und schnell drückte die Schülerin sich an Nesselpfote, die hektisch atmend den Kopf schüttelte. “Das hättest du nicht tun sollen”, miaute die dunkle Schwester leise, doch Efeupfote schnurrte nur leise, um sie zum Schweigen zu bringen.
Die drei Richter betrachteten die Schwestern, dann begann Hagelflug zu sprechen: “Eine von euch muss gegen einen von uns Richtern auf Leben und Tod kämpfen. Gewinnt sie, werden wir uns zurückziehen und Nesselpfote hat zwei weitere Mondaufgänge Zeit, um jemanden anzugreifen und bestmöglichst zu töten. Wenn wir gewinnen, muss die Überlebende von Euch die Rolle des Spions annehmen, aber sie wird verschärft - ihr müsst jeden Tag jemanden töten, sonst werden wir auch die Letzte töten. Wenn der SternenClan nicht damit einverstanden ist, möge er bitte die Wolken vor den Mond legen.”
Die Katzen blickten hinauf und Efeupfote drückte sich an Nesselpfote, in stiller Hoffnung, dass die Regenwolken von zuvor, sich nun vor den Mond schieben würden. Doch mittlerweile war nicht eine einzige Wolke mehr zu sehen und auch als sie einige Zeit gewartet hatten, verdunkelte sich nichts mehr.

Hagelflug sah hinab und lächelte. “Der SternenClan hat meinem Vorschlag zur Wiederherstellung der Ordnung zugestimmt. Also? Wer von euch will kämpfen?”
“Ich werde kämpfen”, miaute Nesselpfote, sichtlich bemüht, ruhig zu bleiben. “Ich habe den ersten Verstoß begangen, ich sollte bestraft werden, nicht meine Schwester.”
Hagelflug nickte Eisschweif zu und die Kätzin trat erneut vor, die Krallen ausgefahren und das Nackenfell aufgestellt. Efeupfote blinzelte. Nesselpfote konnte, nein, durfte nicht kämpfen! Und wenn Eisschweif die Gegnerin war, würde Efeupfote sich schon selbst durchsetzen können.
Die hellbraun getigerte Kätzin warf sich vor Nesselpfote und schlug mit ausgefahrenen Krallen nach Eisschweifs Gesicht. Die helle Kätzin zuckte zurück und blinzelte mit ihren hübschen, dunkelblauen Augen überrascht. Efeupfote grollte leise. “Nein. Ich kämpfe, nicht Nesselpfote.”
“Efeupfote!”, miaute Nesselpfote protestierend, doch Hagelflug lächelte und unterbrach sie: “Du hast sie gehört, Nesselpfote. Freu dich. Deine Schwester will deinen Regelverstoß wieder gut machen. Also, Eisschweif… komm zurück.”
Verwirrt sah die Richterin auf und zu dem gefleckten Krieger. “Was?”
“Du hast mich gehört, oder?”, fragte er schnurrend und legte seinen Schweif auf Frostbluts Schulter. “Sie hat Frostblut angegriffen. Ihm gebührt die Ehre.”
Eisschweif blinzelte und sah zu Frostblut, dann zurück zu Efeupfote, die vor Schreck förmlich erstarrt war. Für einen kurzen Moment zuckte so etwas wie Mitleid durch die blauen Augen der Richterin, dann trat sie ohne ein weiteres Wort zurück und versteckte sich förmlich hinter Hagelflug im Schatten des Waldes.

Efeupfote beobachtete aufmerksam, wie Frostblut vor sie trat. Seine Schnauze war mittlerweile verklebt mit Blut und er musste es sich hin und wieder aus den Augen blinzeln, doch seine bernsteinfarbene Iris glänzte noch immer vor Wut und Mordlust. Angst zuckte durch die hellbraun getigerte Schülerin, doch sie musste sich zwingen, stark zu bleiben. Sie durfte Nesselpfote nicht enttäuschen.
Hagelflug schnurrte zufrieden und trat vor, um Nesselpfote von Efeupfote weg zu drängen, ehe er sich mit etwas Abstand zu den beiden Kämpfenden setzte. “Auf los geht es los.”
Efeupfote spannte sich an und machte sich bereit, auf jeden Angriff des Kriegers zu reagieren. Sie hatte die Ohren gespitzt und die Krallen ausgefahren. Sie konnte das gewinnen. Sie konnte-
“Los.”

Im nächsten Moment verlor Efeupfote den Halt und spürte, wie selbst ihre Hinterpfoten nicht länger auf dem Boden standen. Sie war komplett in der Luft, schwebte förmlich. Was war passiert? Wie? Ein Schrei. Wer schrie da?
Sie sah auf und direkt in bernsteinfarbene Augen, umrahmt von hellem, silbernem Fell. Der Schreck saß Efeupfote tief in den Knochen und sie wusste kaum, was sie nun tun sollte. Dann traf sie ein Schlag gegen die Brust und sie krachte zu Boden, jegliche Luft aus ihren Lungen gepresst, das Maul geöffnet zu einem stummen Schrei.
Dann kam der Schmerz. Sie sackte zur Seite und blickte verwirrt und Blut spuckend hinab. Von ihrer Brust abwärts zog sich eine lange Wunde, aus der zunächst langsam, dann immer schneller und intensiver, das Blut strömte.
Die Welt um sie herum wurde für einen Augenblick schwarz. Wann war das passiert? Wie hatte sie nicht bemerken können, dass der Kater überhaupt die Krallen gezogen hatte?
Trotz des überwältigenden Schmerzes versuchte sie, die Augen offen zu halten. Sie hielt Ausschau nach ihrer Schwester und erkannte sie bei Hagelflug. Nesselpfote… sie kam auf sie zu gerannt und drückte den Kopf schreiend, flehend, bettelnd, an Efeupfotes Schulter.
Efeupfote öffnete das Maul um etwas zu sagen, irgendetwas, doch es kam nichts heraus. Langsam, ganz langsam, wurde es erneut dunkel, der Schmerz ließ nach, bis er kaum mehr als ein sanftes Pochen war.
Das Schreien rückte immer mehr in weite Ferne und mit jedem Herzschlag, der vergang, schwanden Efeupfotes Sinne.
Dann war da nichts mehr.

Nacht 2:

LeopardenClan: Ginsterpfote | Sturmpfote | Mirabellenpfote | Krähenschwinge
TigerClan: Ahornschweif | Gletscherfarn | Dämmerpfote | Gewittersturm
JaguarClan: Silberpfote | Rabenkralle | Schattensee | Igelstich
LöwenClan: Flammenpfote |  Efeupfote | Nesselpfote | Schneefalke

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Joah... phew... brauche ich noch groß etwas zu sagen?

Viel Spaß beim Lesen!

Lg,
Shizena
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