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(Nur) ein Augenblick?

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dr. Kai Hoffmann Prof. Dr. Maria Weber
23.07.2018
23.07.2018
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Was, wenn du einen Augenblick lang nur auf dein Gefühl vertraust? Dich in ihren Augen verlierst, ihre Berührung spürst, das Kribbeln an der Stelle, an der ihre Finger deine nackte Haut berühren? Du bist nicht mehr Herr deiner Sinne, lässt dich fallen, gibst dich ihr vollkommen hin, denkst nicht nach. Es war immer so, einfach musste es gehen, schnell, praktisch, ohne Verantwortung. Eine Nacht, völlig ohne Gefühle, einfach nur guter Sex. Kai hatte stets darauf geachtet, welche Frau er für seine Liebesspiele aussuchte, nie war es eine Kollegin gewesen, das war ihm wichtig. Bei Maria hatte er nicht nachgedacht, keine einzige Sekunde. Sie war ihm vorher nicht aufgefallen, er hatte sie als Kollegin gesehen, ebenso wie Dr. Peters oder Dr. Globisch. Der Moment, indem sich ihre Blicke trafen, war anders gewesen als bei seinen ganzen Bekanntschaften vorher. Zum allersten Mal war da diese Wärme gewesen, die seinen Körper durchflutete, sein Herz erreichte. Er dachte nicht weiter darüber nach, dass er der Chefarzt war, dass er neu war, dass er Hierarchien einhalten sollte, dass es Gerede geben könnte. All das war ihm egal. Kai hatte nur noch Maria gesehen und während sie miteinander schliefen, bemerkte er gar nicht, dass da mehr als der bloße Sex für ihn war. Auch in der Zeit danach bemerkte er es nicht direkt. Er ging seiner Arbeit nach, traf die Kollegin auf dem Flur, bei Konferenzen und ja, sie schien ihm aus dem Weg zu gehen, aber das war nichts Ungewöhnliches, das kannte er. Frauen tickten einfach anders als Männer. Ihm war nicht aufgefallen, in welcher Lage sie sich befand, dass sie seinem Blick auswich, dass sie rot wurde, wann immer sie ihn direkt ansah, dass sie Mühe hatte, normal zu sprechen, wenn sie zusammenarbeiteten. Erst als er die Tränen in ihren Augen gesehen hatte, an dem Tag, an dem er mit einer der Krankenschwestern flirtete, fiel ihm auf, dass es ihr nicht gut ging. Er wunderte sich einen Moment, schob es auf die derzeit stressige Situation. Maria war nach ihrer Reha wegen des Tumors erst seit einer Woche wieder im Dienst, doch als er den Briefumschlag mit seinem Namen in ihrer Handschrift auf dem Tisch in seinem Büro liegen sah, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Kai setzte sich seufzend, nahm den Umschlag und drehte ihn ein paar Mal in seiner Hand, bevor er ihn öffnete. Er wusste, was sie ihm zu sagen hatte, denn so langsam erinnerte er sich an Situationen, die ihm im Nachhinein plötzlich verständlich vorkamen. Sie hatte sich verliebt und wusste nicht damit umzugehen. Für sie war es kein einfacher, bedeutungsloser Sex ohne Gefühle gewesen. Der Chefarzt ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und massierte seinen Nacken. Unweigerlich stellte sich ihm die Frage, was er für sie empfand. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Liebesbrief bekam und normalerweise ging er souverän damit um, doch zugegebenermaßen, diese Situation überforderte ihn mehr, als er zugeben wollte. Wenn er an Maria dachte, bildete sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen. Er schloss die Augen und fühlte die Wärme, die ihr tiefer Blick in ihm ausgelöst hatte. Nachdem er einige Sekunden mit geschlossenen Augen verharrt hatte, faltete er den Brief auf, doch es war kein Liebesgeständnis. Der Brief war mit dem Computer geschrieben, in fetter Schrift stand im Betreff das Wort "Kündigung". Kai traute seinen Augen nicht. Ein nüchternes, einfaches Kündigungsschreiben ohne Angabe von Gründen. Er verstand nicht, fragte sich, ob seine Gedanken ihn eben getäuscht hatten, ob Maria tatsächlich etwas empfand, ob er etwas empfand. Was war nur los mit ihm? So kannte der ehemalige Bundeswehrarzt sich nicht. In seinem Leben hatte er Vieles gesehen, hatte in Ausnahmesituationen stets einen kühlen Kopf bewahrt, hatte sich immer auf sein logisches, rationales Denken verlassen können. Er war im besten Alter, stand mitten im Leben. Kai hätte nicht gedacht, dass Maria ihn so verwirren könnte. Er steckte das Schreiben zurück in den Umschlag und schob es unter seine Schreibtischunterlage. Er wollte nicht, dass es in die falschen Hände kam, bis er sich überlegt hatte, wie er damit umgehen wollte. Warum überhaupt hatte Dr. Weber seine Kündigung an ihn gerichtet? Für Personalsachen war die Verwaltungschefin zuständig und selbst wenn sie das nicht wissen sollte, hätte es noch Dr. Heilmann gegeben. Vielleicht war diese Kündigung auch ein Hilfeschrei, ein verzweifelter Versuch mit ihm ins Gespräch zu kommen, eine Nachricht, die ihm sagen sollte, dass sie mit der Situation zwischen ihnen nicht zu Recht kam. Vielleicht war Dr. Weber sich ihrer Gefühle genauso unsicher wie er selbst. Der Chefarzt stand auf und lief seufzend ans Fenster. Eigentlich war er sich seiner Gefühle bis zum heutigen Tag gar nicht unsicher gewesen, es hatte nichts zwischen ihnen gegeben. Sie war seine Kollegin, mehr nicht. Zugegeben, eine Kollegin, die ihm vielleicht sympathischer war als die anderen, aber eben auch nicht mehr. Sein Leben war ein ständiger Aufbruch gewesen, immer startbereit, um jederzeit überall auf der Welt an der Front medizinische Hilfe leisten zu können. So hatte er auch nie Wert auf eine feste Beziehung gelegt. Er kannte es nicht, sein Leben mit einem anderen Menschen zu teilen, sich mit ihm abzustimmen, füreinander da zu sein. Jetzt aber hatte er ein geregeltes Leben, war Chefarzt einer angesehenen Klinik, hatte zum ersten Mal begonnen, eine Wohnung wirklich einzurichten, sich niederzulassen, anzukommen. Was also hielt ihn von der Vorstellung ab, auch in Sachen Liebe sesshaft zu werden? Er öffnete das Fenster und lauschte dem Zwitschern der Vögel. Unabhängig davon war er der direkte Vorgesetzte von Dr. Weber und als solcher hatte er dafür Sorge zu tragen, dass es ihr an ihrem Arbeitsplatz gut ging. Er würde so oder so mit ihr über die Kündigung reden wollen, bevor er damit zu Dr. Heilmann oder Frau Marquardt ging. Dr. Weber war eine ausgezeichnete Thoraxchirurgin, die er schon allein wegen ihrer ausgezeichneten fachlichen Kompetenz nicht an seiner Klinik missen wollte. Genauso und nicht anders, sollte er ein Gespräch mit ihr anfangen. Kai überlegte noch einen Augenblick und wählte dann die Nummer des Ärztezimmers. "Hoffmann hier. Schicken sie mir bitte Frau Dr. Weber nach oben?"
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