Sommernacht

von Robidu
KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
OC (Own Character) Piergeiron "Paladinsohn" Paladinstern
22.07.2018
22.07.2018
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Sommernacht

Die Nacht hatte sich über Tiefwasser gesenkt. Einzig die Dämmerung, die am nordwestlichen Horizont immer weiter verblaßte, gab einen Hinweis darauf, daß die Sonne erst vor etwa anderthalb Stunden untergegangen war.
Währenddessen war Selûne aufgegangen und erhob sich allmählich über den südlichen Horizont, wie immer dicht gefolgt von einer glitzernden Spur, Selûnes Tränen, wie dieses Phänomen allgemein genannt wurde.
Hier am Rande des kleinen Wäldchens auf dem Tiefwasserberg war die Luft angenehm warm, ganz im Gegensatz zu der heißen, stickigen Luft unten in der Stadt, die sich tagsüber in der prallen Sonne ordentlich hatte aufladen können und jetzt nur langsam wieder abkühlte. Daran änderte auch die leichte Brise nichts, die vom Meer herüberwehte und im Umland für ein wenig Abkühlung sorgte.

An einen Baum gelehnt saß ein Dunkelelf, der über Tiefwasser hinweg auf das Meer hinaus blickte.
Die Anwesenheit eines Dunkelelfen an der Oberfläche war für sich genommen schon ungewöhnlich, da dieses Volk im Regelfalle die Dunkelheit des Unterreiches bevorzugte und höchstens bei Nacht herauskam, um andere Völker – bevorzugt ihre hellhäutigen Vettern – zu überfallen. In einem solchen Fall hatte man es jedoch nie mit einem einzelnen Drow zu tun, sondern immer mit einer ganzen Gruppe, doch dieser Dunkelelf schien der einzige weit und breit zu sein.
Überhaupt war sein ganzes Erscheinungsbild ungewöhnlich für einen Dunkelelfen. Statt dunkler, den ganzen Körper bedeckender Kleidung, die es ihm erlaubte, sich im Dunkeln vollkommen unauffällig zu bewegen, trug er lediglich ein Hüfttuch aus weißem Stoff, ein menat, welches aus verschiedenen kleinen Edelsteinen sowie Kupfer und Silber bestand, und ein Paar Sandalen. Das Kurzschwert, das im Normalfalle an seinem Gürtel hing, hatte er abgelegt, etwas, das ebenfalls untypisch für einen Drow war. Dazu fielen auch der ausgeprägte Bartwuchs des Dunkelelfen sowie das heilige Symbol, das um seinen Hals hing, auf.
Es war Robidu Khorim, seines Zeichens Priester Tyrs und ein Hirathari, ein Nachkomme jener Dunkelelfen, die sich nach dem Fall der Drow nicht den Mächten der Finsternis angeschlossen hatten, auch wenn die Götter sie weiland ebenso verflucht hatten. Doch dann hatte Tyr ihr Flehen erhört und sich ihnen offenbart, lange bevor er offiziell auf Faerûn in Erscheinung getreten war, was höchstwahrscheinlich verhindert hatte, aus Verbitterung doch noch auf irgendeine finstere Gottheit hereinzufallen. Stattdessen arbeiteten sie unermüdlich daran, das Leid, das die Drow über andere Völker brachten, zu mildern, wenngleich sie lange Zeit nur im Unterreich aktiv waren und erst in jüngster Zeit verstärkt an der Oberfläche in Erscheinung traten.

Etwas abseits, auf einer Lichtung am Rande des Wäldchens, brannte ein Feuer, vor dem ein Mensch hockte, welcher etwas in die Flammen hielt.
Dessen Erscheinungsbild war mindestens ebenso ungewöhnlich wie das des Dunkelelfen, zumal er lediglich einen um die Taille geschlungenen Lendenschurz und ein Paar Sandalen trug. Dazu zeichnete sich ein Halsreif aus einem schwarzglänzenden Material auf der Haut des Menschen ab, der aus einem Stück gearbeitet worden zu sein schien und in den einige Ornamente sowie eine Art Wappen eingraviert waren. Er glich in etwa den Halsreifen, die die Sklaven in einigen Teilen Faerûns tragen mußten, allerdings unterschied er sich von den normalen Sklavenhalsreifen in ein paar Details, wovon die vier etwa halb fingerlangen Dornen, die dem Halsreif entsprangen, das auffälligste Merkmal waren.
Darüber hinaus war der Mensch in Hand- und Fußketten geschlagen, die aus dem gleichen schwarzen Material bestanden wie der Halsreif und deren Schellen keinerlei Verschlüsse aufwiesen. Dies schien den Menschen jedoch nicht zu stören, was in mehr als einer Hinsicht ungewöhnlich war.
Schließlich war dieser Mensch niemand anderes als Piergeiron Paladinstern, seines Zeichens einer der Fürsten Tiefwassers – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, da er nach Menzoberranzan in die Sklaverei verschleppt worden war. Da zudem jeder Hirathari es verabscheute, andere Personen in die Sklaverei oder Leibeigenschaft zu zwingen, so ließ dies nur einen einzigen Schluß zu.
Dazu konnte man bei genauerem Hinsehen eine Narbe auf Piergeirons linkem Unterarm erkennen, die jedoch nicht von irgendeiner Verletzung herrühren konnte. Dazu wirkte sie entschieden zu regelmäßig und war so perfekt verheilt, daß sie eine Art Ornament zu bilden schien, das dem ähnelte, das auf dem Halsreif zu sehen war, anscheinend ein weiteres Zeichen, zu wem Piergeiron zu gehören schien. Das einzig Verwunderliche an der Narbe war, daß sie sich leicht nach außen wölbte und sich so zusätzlich abzeichnete. Jemand, der sich mit der Materie auskannte, dürfte aus der Beschaffenheit und der Struktur dieser Narben einige interessante Schlüsse ziehen können.

Langsam aber sicher erloschen die Lichter in Tiefwasser, als die Stadt zusehends zur Ruhe kam. Die Stadttore hatten schon vor Stunden geschlossen, und als einziges waren höchstens noch die Nachtwächter auf den Straßen unterwegs, immer Ausschau nach irgendwelchem lichtscheuen Gesindel haltend.
Der Blick des Dunkelelfen schweifte ab und blieb an Selûne hängen, die sich weiter über den Horizont erhoben hatte und jetzt nicht mehr in einem rötlichen, sondern einem gelblichen Licht erschien.
Ab und an ließ das Pferd, mit dem Robidu gekommen war, ein Schnauben vernehmen.
Ein leises Knallen ertönte, als eines der brennenden Holzstücke platzte und einige Funken fliegen ließ.
Irgendwann strömte der Duft gegrillter Pilze herüber, woraufhin Robidu sich erhob und lautlos wie ein Schatten zum Feuer ging.
Dort angekommen, hockte sich der Dunkelelf hinter den Menschen, schlängelte seine Arme um dessen Oberkörper und stupste dessen rechtes Ohr mit seiner Nase an. Piergeiron zuckte bei der Berührung kurz zusammen, aber als er in ein vertrautes, schwarzes Gesicht blickte, beruhigte er sich schnell wieder.
„Meine Güte, mußtet Ihr mich so erschrecken,“ fragte der Paladin, was der Dunkelelf mit einem kecken Grinsen beantwortete.
„Mein lieber Piergeiron Paladinstern scheint mir ein wenig schreckhaft zu sein,“ stellte Robidu trocken fest und stupste dem Menschen leicht auf die Nase.
Piergeiron schüttelte den Kopf. „Manchmal seid Ihr wirklich unmöglich!“
„Wieso manchmal,“ erwiderte der Dunkelelf gespielt empört und entwand dem Menschen den Spieß mit den Pilzen. „Ich finde es überaus zuvorkommend, daß du die Pilze für mich geröstet hast,“ meinte er daraufhin mit einem schelmischen Grinsen und zog einen der Pilze mit seinen Zähnen vom Spieß herunter. Anschließend wedelte Robidu mit dem Spieß unter Piergeirons Nase herum.
Noch bevor dieser auch nur ansatzweise reagieren konnte, ließ Piergeiron seinen Kopf nach vorne schnellen und schnappte mit den Zähnen zu, um anschließend mit einer ruckartigen Bewegung den Pilz, den er zu fassen bekommen hatte, vom Spieß herunter zu ziehen.
Verdattert schaute der Dunkelelf seinen Sklaven an. „Mir scheint, du wirst ein wenig übermütig, wie,“ sagte Robidu gespielt verärgert, wobei er sich jedoch ein schiefes Grinsen nicht verkneifen konnte.
„Wiescho übermütisch,“ meinte Piergeiron daraufhin, während er noch kaute. „Isch finde esch schehr nett, dasch Ihr den Schpiesch für misch haltet!“
Robidu schüttelte den Kopf. Wer sich hier wohl unmöglich benimmt, dachte er mit einem Anflug von Belustigung.
„Verstehe: Je voller der Mund, umso gehaltvoller die Aussprache,“ lästerte er, was Piergeiron dazu veranlaßte zu nicken, woraufhin Robidu eine Hand über sein Gesicht schlug. Eines mußte man dem Menschen auf jeden Fall lassen: Langweilig wurde es mit ihm gewiß nicht.
Schließlich verspeisten die Beiden noch die restlichen Pilze, wobei Robidu seinen Sklaven neckte, indem er mit dem Spieß vor dessen Nase wedelte, wenn dieser an der Reihe war. Dieser jedoch stieg bereitwillig auf dieses Spiel ein und überraschte den Dunkelelfen mit der Geschwindigkeit, mit der er die für ihn bestimmten Pilze zu fassen bekam.

Als sie fertig gegessen hatten, lehnte Piergeiron seinen Kopf zurück an die Brust seines Herrn und schaute in den Himmel, woraufhin der Dunkelelf seine Arme um dessen Körper schlang.
„Ist es nicht wunderschön,“ fragte Piergeiron, anscheinend mehr zu sich selbst.
„Faszinierend,“ bestätigte Robidu. Dies war wirklich kein Vergleich zum Unterreich, und egal in welche Richtung man blickte, es gab so gut wie nichts, das die Sicht einschränkte. Höchstens dort, wo der Himmel auf die Erdoberfläche traf, gab es eine Grenze, doch schien diese nicht wirklich zu existieren. Bei seiner Reise von Mulhorand nach Tiefwasser konnte er bereits feststellen, daß sich diese Begrenzung verschob, wobei immer neue Landstriche erschienen, je weiter sie gereist waren, während in der rückwärtigen Richtung gelegene Gebiete aus der Sicht verschwanden. Genauso hatte er bemerkt, wie der Sonnenstand sich änderte, je weiter sie nach Norden gereist waren, und hatte dabei auch Bekanntschaft mit den Jahreszeiten gemacht, alles Dinge, die im Unterreich vollkommen unbekannt waren. Dort gab es nur ewige Finsternis, abgesehen von Höhlen, in denen Pflanzen zu finden waren, die Licht ausstrahlten, aber selbst das vermochte die Helligkeit, die tagsüber an der Oberfläche vorherrschte, nicht einmal ansatzweise zu erreichen. Dagegen war die Helligkeit, die tagsüber an der Oberfläche herrschte, äußerst unangenehm für einen Dunkelelfen, doch geeignete Schutzmaßnahmen gestalteten die Situation deutlich erträglicher.
Was Robidu an der Oberfläche ebenfalls besonders gut gefiel, war die Tatsache, daß die Luft deutlich frischer war als in den Tiefen des Unterreiches. Zwar war Hirathar insofern eine Ausnahme, daß es dort nicht ganz so warm war wie in den angrenzenden Gebieten, aber es war dennoch nichts im Vergleich zur Oberfläche. Zudem war die Luft zu den richtigen Jahreszeiten mit zahlreichen Düften erfüllt, die der Dunkelelf sehr wohl als angenehm empfand, und auch die Laute zahlreicher Tiere war tagsüber vielerorts zu vernehmen.
Doch wenn es dunkel wurde, verstummten diese Laute nach und nach. Meist war dann lediglich noch das Zirpen der Grillen zu vernehmen, während die übrigen Tiere ihre Verstecke aufsuchten. Dafür kamen dann andere Wesen zum Vorschein, die die Dunkelheit bevorzugten, und mehr als einmal hatte Robidu schon Fledermäuse bei ihren waghalsig anmutenden Manövern beobachten können, aber auch Eulen hatte er ab und an zu Gesicht bekommen, die auf der Jagd nach kleineren Tieren waren, meist Mäuse oder Ratten. Dies hatte natürlich den unbestreitbaren Vorteil, daß die Anzahl dieser Plagegeister in Tiefwasser und Umgebung niedrig gehalten wurde.
In der Ferne war der Ruf eines Uhus zu vernehmen.

Unvermittelt kehrten Piergeirons Gedanken in die Realität zurück, als er etwas bemerkte. Sein Kopf lehnte noch immer an der Brust des Dunkelelfen, welcher soeben damit begonnen haben mußte, ihn im Genick zu kraulen.
„Worüber denkst du gerade nach,“ hörte er seinen Herrn nach einigen Augenblicken sagen.
„Daran, wie wir uns kennengelernt haben,“ erwiderte Piergeiron leise nach einigen Augenblicken und blickte gen Himmel, wo sich sein Blick in der Ferne zu verlieren schien. „Wäre mir niemand zu Hilfe gekommen...“
Robidu legte dem Menschen sachte einen Finger auf die Lippen, woraufhin dieser den Satz unbeendet ließ.
„Ich weiß,“ entgegnete der Dunkelelf. Nur zu gut erinnerte er sich an das total verwahrloste, fast verhungerte und schlimm zugerichtete Häufchen Elend, das aus Menzoberranzan geflohen und von Khalariel und Tarilion vor einigen Jahren nach Hirathar gebracht worden war. Piergeiron hatte ob zahlreicher entzündeter und vereiterter Verletzungen mit dem Tode gerungen und konnte von Ra'thir Schattenlied gerade noch rechtzeitig gerettet werden.
Während Piergeiron genas, hatten sie die Zeit natürlich genutzt, sich intensiv miteinander zu unterhalten und sich so gegenseitig besser kennenzulernen. Zudem erfuhren sie so auch eine Menge über die Stadt, in der der jeweils andere lebte – Piergeiron großenteils sogar aus eigenem Erleben – aber es waren Piergeironns Erzählungen, die Robidu letztlich erst neugierig auf Tiefwasser gemacht hatten. Da es ohnehin in Ra'thirs Interesse war, Beziehungen zu anderen Städten und Reichen anzuknüpfen, hatte dieser nichts dagegen einzuwenden gehabt, daß er den Paladin in seine Heimat begleitete.
Allerdings hatte sich die Ankunft der Beiden in Tiefwasser als recht holprig erwiesen. Anscheinend hatten einige Leute tatsächlich geglaubt, daß er ein Spion irgendeiner Drowstadt gewesen wäre, der Tiefwasser für einen noch folgenden Angriff ausspionieren sollte, doch das war vollkommen absurd. Weshalb sollte sich ein Spion – insbesondere wenn er in der Öffentlichkeit so dermaßen auffiel wie ein Dunkelelf – einfach so offen zeigen? Zudem hätte dieses Vorgehen gar nicht zu den Drow gepaßt. Wenn, dann operierten sie im Verborgenen, und ein etwaiger Angriff hätte die Städter höchstens eiskalt überrascht.
Letztlich war es dem Erzmagier Tiefwassers, Khelben Arunsun, zu verdanken gewesen, daß die Situation nicht weiter eskalierte, und zwei Jahre später hatte er sich sogar im Rat der Adligen wiedergefunden, nachdem man ihm den Posten angeboten hatte, den Piergeiron zuvor innegehabt hatte.

Gedankenverloren zeichnete Robidu die Narbe auf Piergeirons linkem Unterarm mit zwei Fingern nach. Dabei bemerkte er die Macht, die von der Narbe ausging und die Piergeiron an ihn band, welche momentan jedoch inaktiv war, so daß die Berührungen auf der Narbe nur ein schwaches und mit bloßem Auge fast nicht wahrzunehmendes Schimmern hervorrief, das recht schnell wieder erlosch.
Welche Ironie, ging es dem Dunkelelfen durch den Kopf. Dies hier müßte mir absolut zuwider sein, und doch nenne ich einen Sklaven mein Eigen!
Fast schon reflexartig schüttelte er den Kopf bei diesem Gedanken, was seine weiße Mähne umherfliegen ließ. Er kannte die Schrecken der Sklaverei zu Genüge aus den Erzählungen diverser befreiter Sklaven, und alles davon war dazu angetan, eine ungeahnte Wut in dem Dunkelelfen aufsteigen zu lassen. Umso überraschter war er gewesen, als Piergeiron den Wunsch geäußert, ihn geradezu angefleht hatte, ihn als seinen Sklaven zu akzeptieren. Robidu war selbstverständlich alles andere als begeistert davon gewesen, einen, wie er es auffaßte, Verrat an seinen Prinzipien zu begehen, doch der Paladin war partout nicht von seinem Wunsch abzubringen gewesen, und so wie dieser gewirkt hatte – er schien regelrecht verzweifelt zu sein – hatte Robidu befürchtet, daß Piergeiron sich möglicherweise über kurz oder lang irgendetwas angetan hätte, wenn er nicht auf dessen Wunsch eingegangen wäre.
Nach intensiven Beratungen mit Tyr, der davon anfangs ebenfalls alles andere als begeistert gewesen war, hatte der Dunkelelf sich dann doch dazu bereit erklärt, Piergeiron als seinen Sklaven zu akzeptieren. Diese magische Bindung, deren Zeichen sich deutlich auf dem linken Unterarm des Menschen abzeichnete, hatte dieser in dem Zuge ebenfalls vorgeschlagen. All das ließ den Dunkelelfen bereits seit geraumer Zeit vermuten, daß in Menzoberranzan wesentlich mehr passiert sein mußte, als ihm bisher bekannt war. Weshalb sonst sollte jemand, der die Schrecken der Sklaverei am eigenen Leib erlebt hatte, sich freiwillig jemandem anderes auf diese Art und Weise unterwerfen? Entweder, so mutmaßte Robidu, hatte Piergeiron durch die Greuel der Sklaverei einen psychischen Schaden erlitten, doch dazu paßte nicht, daß er nicht in tiefe Depressionen versunken war oder sich andere psychische Probleme gezeigt hatten. Zudem hatte Piergeiron während ihrer Reise nach Tiefwasser über die Greuel, die er während der fünf Jahre vor seiner Flucht erlebt hatte, eingehend gesprochen, was ebenfalls dagegen sprach.
Die andere Möglichkeit, die dem Dunkelelfen so ad hoc einfiel, war, daß irgendetwas während Piergeirons Zeit in Menzoberranzan anders gelaufen war als man normalerweise annehmen mochte. Dazu paßte insbesondere, daß Piergeiron sich ihm zwar unterworfen hatte, aber dennoch nicht nur passiv darauf wartete, daß man ihm irgendetwas befahl.
Allerdings wollten Piergeirons Flucht aus Menzoberranzan auf der einen Seite und seine Unterwerfung ihm gegenüber auf der anderen Seite in Robidus Augen einfach nicht zusammenpassen. Wenn ihm die Rolle des Sklaven gefiel, weshalb nahm er dann überhaupt Reißaus? Hätte er dann nicht einfach bei seinem Herrn oder seiner Herrin bleiben können? Das wollte überhaupt keinen Sinn ergeben, es sei denn...
Wieder schüttelte der Dunkelelf vehement den Kopf.

Piergeiron bemerkte natürlich die abrupte Reaktion seines Herrn und schaute zu diesem auf.
„Was ist denn,“ wollte er wissen.
„Ich habe nachgedacht,“ erwiderte der Dunkelelf knapp, so als sagte diese Äußerung bereits alles.
Piergeiron wiederum schien verwirrt und richtete sich auf, was seine Ketten dezent klirren ließ. „Nachgedacht worüber?“
„Über deine Zeit in Menzoberranzan,“ sagte Robidu trocken, „und um ehrlich zu sein, ich bin verwirrt.“
Piergeiron hob eine Augenbraue. „Weshalb?“
„Na ja, mir will nicht in den Kopf, wie jemand, den man als Sklave übelst mißhandelt hat, kein Problem damit hat, sich jemandem so vollkommen zu unterwerfen, wie du es bei mir getan hast. Da paßt für mich eines nicht zum anderen!“
Piergeiron senkte seinen Blick. Wie soll man jemandem etwas erklären, was er selbst nie erlebt hat, fragte er sich. Aber irgendwie mußte er es seinem Herrn doch begreiflich machen können, auch wenn es sich für einen Außenstehenden vollkommen widersinnig darstellen dürfte!
Robidu bemerkte die Reaktion seines Sklaven. Es erschien ihm überaus ratsam, behutsam an dieses Thema heranzugehen, wenn er etwas in Erfahrung bringen wollte.
Zudem gibt es da immer noch eine Diskrepanz, die es aufzulösen gilt, dachte der Dunkelelf. Wenn ich das noch richtig im Hinterkopf habe, hatte er sich etwa zehn Jahre in der Gewalt der Menzoberranzanyr befunden, aber Piergeiron hat lediglich von fünf Jahren der Mißhandlung gesprochen. Was ist in den anderen fünf Jahren passiert? Irgendwie wurde er das Gefühl einfach nicht los, daß diese Zeit von entscheidender Bedeutung war.
„Zudem treibt mich, was diese Angelegenheit betrifft, immer noch eine Sache um,“ begann Robidu. „Du hattest gesagt, daß man dich fünf jahre lang mißhandelt hätte, bevor dir endlich die Flucht gelungen war, aber wenn ich mich recht erinnere, warst du zehn Jahre lang in Menzoberranzan. Was also ist in den ersten fünf Jahren passiert?“
Piergeiron preßte die Lippen aufeinander. Wenn er seinem Herrn jetzt erklärte, daß ihm diese Zeit durchaus gefallen hatte, erklärte er ihn doch für vollkommen verrückt!
„Oder gehe ich recht in der Annahme, daß währenddessen etwas passiert ist, das dich dazu gebracht hat, dich letztenendes mir zu unterwerfen,“ hakte der Dunkelelf nach. Vielleicht kommen wir so ja mal weiter!
Der Paladin nickte. „Derjenige, der mich vom Sklavenmarkt geholt hatte, war so etwas wie ein Lichtblick in dem ewigen Dunkel dieses Hexenkessels namens Menzoberranzan.“
„Inwieweit?“
„Na ja,“ begann Piergeiron, „nach außen benahm sich derjenige zwar wie andere Drow auch, aber wenn er ungestört war, kam etwas ganz anderes zum Vorschein.“
Robidu strich sich durch seinen Bart. Also konnte Piergeirons erster Herr dieser aufgeblasenen Spinne auch nichts abgewinnen. Das war auf jeden Fall etwas, auf dem man aufbauen konnte.
„Zwar hatte er mich dann auch für sich arbeiten lassen, aber im Gegensatz zu anderen Drow hatte er mich nicht schikaniert oder gefoltert.“ Mit Grausen erinnerte Piergeiron sich daran, wie die Drow mit den armen Seelen, die das Pech hatten, in ihre Gewalt zu geraten, umgingen. Sie setzten alles daran, die Unglücklichen zu brechen, um ihr krankhaftes Vergnügen aus deren Leid zu ziehen, und war ein Sklave erst einmal gebrochen, so zwang man ihn entweder zu Arbeiten, die kein Körper auf Dauer durchhalten konnte, oder er verschwand sehr schnell auf Nimmerwiedersehen. Wenn man den Gerüchten, die allenthalben unter den Sklaven in Umlauf waren, Glauben schenken konnte, landeten sie wohl als Opfergabe auf dem Altar dieser häßlichen Spinne. Bei seinem ersten Herrn war davon jedoch nicht einmal ansatzweise etwas zu erkennen gewesen. Stattdessen war es Piergeiron ein- ums andere Mal so vorgekommen, als verabscheute dieser Lolth aus ganzem Herzen.
Zudem hatte diese Zeit ihm einen guten Einblick in die Gesellschaft der Drow und das in ihr herrschende Chaos gegeben. Zwar schien alles in Menzoberranzan eine fest gefügte Struktur zu haben, doch wenn man hinter diese Fassade schaute, dann war sehr gut zu erkennen, daß alles letztlich dazu diente, die Drow gegeneinander auszuspielen. Dies war Lolths Dogma: Nur die Stärksten sollten überleben, und Schwäche wurde rigoros ausgemerzt. Zudem war jeder Drow sich selbst am nächsten, und wenn der eigene Aufstieg einen anderen das Leben kostete, verschwendeten sie keinerlei Gedanken daran, sondern taten das, was in ihren Augen notwendig war, um in der Gesellschaft voranzukommen. Liebe und Mitgefühl waren in der Gesellschaft der Drow so gut wie nirgends anzufinden, da sie als Schwäche aufgefaßt wurden und daher ausgemerzt werden mußten. Nur leider bemerkten die Drow nicht, daß sie so selbst immer weiter auf einen gewaltigen Abgrund zusteuerten, der sie alle zu verschlingen drohte.
Genau dieses Chaos hätte seinen ursprünglichen Herrn dann auch fast das Leben gekostet, doch der Angreifer hatte anscheinend nicht damit gerechnet, daß dieser nicht ganz so schutzlos war wie anscheinend ursprünglich angenommen. Letztlich war es Piergeiron zu verdanken gewesen, daß der Attentäter im entscheidenden Moment abgelenkt war.

„Wer war denn dein erster Herr,“ holte Robidus Frage den Paladin aus seinen Überlegungen.
„Gromph Baenre,“ erwiderte dieser.
Bei dem Namen begann etwas, im Geist des Dunkelelfen zu arbeiten. Diesen Namen hatte er schon einmal gehört, nachdem in Hirathar der Beschluß gefaßt worden war, Lolth in Menzoberranzan die Grundlage zu entziehen. Hier hatten sich die Auskünfte Izan'tyl T'zeds, selbst ein ehemaliger Menzoberranzanyr, als sehr aufschlußreich erwiesen.
Da Gromph Baenre als Erzmagier der Stadt nicht irgendwer war, verfügte dieser über zahlreiche Möglichkeiten, die anderen Drow, insbesondere Männern, nur sehr eingeschränkt oder aber überhaupt nicht zu Gebote standen. Es hätte Robidu nicht gewundert, wenn er im Bedarfsfalle nicht davor zurückgeschreckt hätte, eine Matrone, die meinte, ihm vorschreiben zu können, was er zu tun und zu lassen hatte, kurzerhand zu eliminieren, ausnähmlich der Oberin seines eigenen Hauses. Schließlich war das eigene Haus so etwas wie ein Rückhalt für einen Drow, auch wenn dieser meist nicht sonderlich verläßlich war. Wie oft kam es schließlich vor, daß jemand von einem Angehörigen seines eigenen Hauses eliminiert wurde, nur weil er jemand anderem im Weg stand.

Langsam kommen wir der Sache also näher, dachte Robidu. Also hatten die ersten fünf Jahre in Menzoberranzan, die Piergeiron an der Seite dieses Erzmagiers verbracht hatte, anscheinend einen bleibenden Eindruck bei dem Paladin hinterlassen. Das erklärte dann auch endlich, weshalb Piergeiron überhaupt kein Problem damit hatte, sich ihm so vollkommen zu unterwerfen und auch die magische Bindung ins Spiel zu bringen.
Zudem war diese Information auch noch anderweitig wichtig: Da man dem Erzmagier Menzoberranzans dessen Sklaven weggenommen hatte – Robidu vermutete eine der Oberinnen dahinter – war es höchst wahrscheinlich, daß dieser überhaupt nicht mehr gut auf die Gesellschaft der Drow zu sprechen war. Wenn jemand einzig auf den eigenen Vorteil erpicht war und sich daher einfach über alles hinwegsetzte, so sorgte das sehr schnell für Unmut, und wenn diese Person es dann auch noch übertrieb, war das Unheil meist nicht mehr fern. Eventuell war dieser Erzmagier ein hervorragender Ansatzpunkt, um etwas in Menzoberranzan zu erreichen, denn er war nicht irgendwer. Man mußte ihm lediglich eine deutlich akzeptablere Perspektive bieten. Auf jeden Fall mußte Ra'thir Schattenlied unbedingt hiervon erfahren!

Unvermittelt huschte eine Sternschnuppe über das Firmament. Fasziniert verfolgte Robidu das Schauspiel, während der Feuerschweif vor den Sternen entlangzog und kurz darauf ebenso schnell verschwand, wie er erschienen war.
„Was war das denn,“ fragte er einige Augenblicke später.
„Das war eine Sternschnuppe,“ erklärte Piergeiron. „Man sagt, wenn man einen Wunsch äußert, wenn man einer angesichtig wird, dann geht dieser in Erfüllung.“
Robidu hob eine Augenbraue an. „‚Man sagt‘? Das heißt also, daß derlei noch nie passiert ist?“
Piergeiron schüttelte den Kopf. „Davon ist mir zumindest nichts bekannt.“
Zugegeben, wie sollte eine solche Erscheinung einem auch einen Wunsch erfüllen können? Dennoch ließen die Äußerungen des Paladins einige interessante Schlußfolgerungen zu, insbesondere daß es anscheinend Leute gab, die daran glaubten. Dies schien ihm jedoch mehr Aberglaube als alles andere zu sein, denn wenn irgendwer einem ad hoc einen Wunsch erfüllen konnte, dann waren es die Götter – nur welche Gottheit sah sich normalerweise dazu veranlaßt, einfach irgendwelche Wünsche zu erfüllen? Die Antwort konnte er sich ganz gut selbst ausrechnen. Wenn dann auch noch jemand einen Wunsch äußerte, der einzig auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, dann konnte es garantiert nichts werden... Allerdings ergäbe sich, wenn da doch etwas dran sein sollte, eine Erklärung dafür, weshalb so manche Leute, von denen man es gar nicht vermutet hätte, sich mit rätselhaften Phänomenen konfrontiert gesehen hatten.
Dies sind aber auch nur Vermutungen, überlegte der Dunkelelf und schob den Gedanken beiseite.
Dabei bemerkte er jedoch nicht Piergeirons Blick, der der Sternschnuppe nachschaute, auch als diese schon längst verschwunden war.