Schallschutzmauern im Sommer

OneshotAllgemein / P12
21.07.2018
21.07.2018
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Schallschutzmauern im Sommer


Wenn es etwas gibt, das ich unerträglich finde, dann ist es Hitze. Gnadenlose, unbarmherzige, sommerliche Hitze. Diese Art von Hitze, die innerhalb kürzester Zeit Kopfschmerzen und flimmernde Oberflächen erzeugt.
Die meisten Menschen, die von meiner Abneigung gegen den Hochsommer erfahren, halten mich deshalb für seltsam oder gar abgebrüht. Wobei letzteres durchaus im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen ist – und auch einer gewissen Ironie nicht entbehrt.
Doch fasse ich meine sommerlichen Eindrücke zusammen, so komme ich immer zu demselben Ergebnis: Hitze wird sichtbar. Vermutlich nur, um mich zu verhöhnen, wie ich mit klebender Haut und schweißbedecktem Gesicht in der U-Bahn sitze, deren unzuverlässige Klimaanlage aus geöffneten Fenstern besteht.
Ich sitze regelmäßig in öffentlichen Verkehrsmitteln und beobachte das Flirren der Hitze im Sommer, das sich in schlängelnden Bewegungen, die an einen unheimlichen rituellen Tanz erinnern, gen Himmel schraubt.
Hitze steigt bekanntlich immer nach oben. So weit nach oben, dass sie unsichtbar und unerfahrbar wird, während die neu entstehende Hitze am Boden stark anwächst. So stark, dass sich der Mensch unweigerlich wie in einem gigantischen Gewächshaus fühlen muss.
Ein Gewächshaus, von dessen transparenten Dachplatten das neuerliche Flirren ausgeht und Unbehagen erzeugt, während sich das Kondenswasser an der Decke sammelt und irgendwann in einer wässrigen Explosion über den Insassen ergießt.
Ich schmecke Salz, wenn ich mir über die Lippen lecke, die wegen der trockenen Wärme allmählich spröde werden. Salz, das leider nicht wegen einer Meeresbrise auf meinem Gesicht liegt, sondern wegen der Ausdünstungen.
Ob es alleine meine sind, wage ich zu bezweifeln. Mensch und Tier sind bis zur Verzweiflung gereizt und schenken sich nichts außer angewiderter Blicke, die einem Schreien gleichkommen, das nichts anderes sagt als „Hau bloß ab!“
Dagegen kann ich nichts einwenden, ich denke genau so.
Auch wenn ich es zu unterdrücken versuche, aber ich kann ihn nicht abschütteln, diesen Gedanken an Einsamkeit in der Kälte, die so verlockend scheint. Noch vor einem halben Jahr habe ich schlotternd in meinem Bett gelegen, dicke Wollsocken an den Füßen und ein aufgebauschtes Plymo über meinem Körper.
Mein Vergangenheits-Ich würde vermutlich über mich die Augen verdrehen. Unentschlossenes und undankbares Gör, das ich bin. Manchmal frage ich mich, ob ich jemals mit den Verhältnissen zufrieden sein werde, oder ob ich einfach weiter über jedes Extrem jammere, dem ich ausgesetzt werde.
Man hat mich nie gefragt, ob ich damit einverstanden wäre den jährlichen Wahnsinn von Hitze und Kälte mitzumachen, ob ich mich gerne quälen möchte, egal von welcher Situation man nun ausgeht. Es bleibt ätzend.
Was mir aber immer wieder sauer aufstößt, ist der Fakt, dass ich mich nie früh genug den Umständen habe anpassen können. Es wurde Herbst und ich hatte mir eine Jacke mitgenommen, aber hätte ich ahnen können, dass schon Schneeregen vom Himmel fallen würde?
Es wurde Frühling und ich zog offene Schuhe an, aber hätte ich wissen müssen, dass es am Nachmittag bereits hochsommerliche Zustände geben würde?
Nein, ich hätte es nicht wissen können, ich bin nur ein unbedeutender Mensch in einem Haufen aus Kontingenz, der sich den Umstänen anpassen muss, auch wenn sie noch so unvorhersehbar sind und bleiben.
Vielleicht ist das die große Tragik, der ich mich unterzuordnen habe, denn ich kann sowieso nicht gewinnen, egal wie sehr ich mich anstrenge. So oder so ähnlich hat es Karl Jaspers einmal ausgedrückt, ohne dabei die Hoffnungslosigkeit unterdrücken zu können, die aus dieser These für den Menschen hervorgeht.
Flirrende Hoffnungslosigkeit, die sich in den Himmel dreht und mich von dort oben verhöhnt, denn sie verwandelt sich in das nächste Unwetter, das zahlreiche Keller flutet und Autobahnen überspült, während die Menschen versuchen dem Unglück Herr zu werden – bewaffnet mit Wasserpumpen und ABS.
Der Kampf ist sinnlos, das weiß ich mittlerweile. Ähnlich sinnlos wie meine inneren Beschwerden über die Hitze oder die Kälte oder meine Ohnmacht, der ich als Mensch von Anfang bis Ende ausgeliefert bin.
Ich werde mich also damit zufrieden zeigen müssen, dass ich nichts weiß und nichts ändern kann. Es ist unangenehm, genau wie der salzige Geschmack auf meinen Lippen.
Aber ich weiß, dass ich nichts ändern kann, das weiß auch Karl Jaspers und der flirrende Boden und der überhitzte Zug und natürlich auch das brodelnde Gewächshaus inklusive seines Gärtners, wenn es denn überhaupt einen gibt.
Danke für nichts.

Anmerkung: Hier geht es zu Teil 1 - Wellenbewegungen im Frühling, Teil 3 - Massensterben im Herbst und Teil 4 - Wasseroberflächen im Winter.
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