Bereit zu sterben

von lzumi
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P16
Shifu Tigress
20.07.2018
20.07.2018
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Die kalte Nachtluft streift mein Fell, während die Sterne den kleinen Waldpfad heller scheinen lassen, den ich entlang renne. Meine Pfoten schwingen über den trockenen Boden und wirbeln dabei immer wieder kleine Staubwolken auf. Aber hören kann man meine Schritte nicht. Dieses lautlose rennen habe ich gelernt, als ich noch ein Kind war. Wenn dich niemand hört, kann dir niemand etwas antun. An meiner Seite sind die anderen der Furiosen Fünf, sie sind ein Stück hinter mir, selbst Crane, ich bin die Schnellste, was sollte man also erwarten?

Aber während ich ganz vorne, an der Spitze der Fünf renne, schweifen meine Gedanken von der bevor stehenden Schlacht ab. Ich bin auf dem Weg Tai Lung zu bekämpfen, bevor er dem Tal des Friedens zu nahe kommen kann. Aber ich kann nicht an ihn denken, stattdessen muss ich an ihn denken. Ihn, dessen Schuld es ist, dass Tai Lung überhaupt frei ist. Ihn, der daran schuld sein wird, dass ich sterben werde. Der Grund, warum ich gerade in mein Verderben laufe. Und ich kann nicht mal stoppen. Dafür ist schon zu viel geschehen, was nicht hätte passieren dürfen.



Auf meinem Gesicht formt sich ein bitteres Grinsen, als ich daran denke, warum ich das hier überhaupt tue. Ich tue das alles nur für ihn! Nur für ihn!



Und dann schleicht sich sein Name in meine Gedanken….



Shifu…..



Ich weiß, dass er mich nicht hören kann, wie auch, wenn ich hunderte Meilen vom Jade Palast entfernt bin. Und trotzdem fühlt es sich an, als wären wir über unsere Gedanken verbunden. Das ist eine bloße Einbildung, das weiß ich auch, aber trotzdem nutze ich die Chance um meinen ganzen Schmerz hinaus zu schreien. Nicht in die Welt, nein, in meine Gedanken.



Shifu, ich weiß, du hörst nicht was ich jetzt denken werde, aber es ist trotzdem eine Nachricht, die ich dir widme, allein dir!



Du bist im Jade Palast, bei Po und fragst dich wo wir sind. Ich gebe dir die Antwort, wie sind auf dem weg unserem Tod gegenüber zu stehen. Wen ich meine? Tai Lung! Warum? Weil er uns töten wird!



Ich weiß genau, dass wir diesen Kampf verlieren werden, ich weiß es. Du hast uns gut ausgebildet, aber wir werden verlieren. Und dieser Grund werde ich sein. Ganz genau, ich! Warum ich, fragst du dich? Weil ich sterben will!



Ich renne in einen Kampf, den ich verlieren werde, obwohl ich gewinnen kann. Ich habe ein starkes Team hinter mir und bin selber eine gute Kämpferin, aber ich werde trotzdem versagen, denn ich will verlieren. Ich weiß, dass ich Tai Lung besiegen kann, ich weiß, dass ich ihn ausschalten kann, ich bin stark genug um den Kampf allein gegen ihn zu gewinnen und selber könnte ich immer noch überleben, den ich habe hart genug trainiert um das zu wissen.

Aber ich will nicht gewinnen, ich will verlieren!



Und der Grund dafür bist du!



Der große Kung Fu Meister Shifu hat einen seiner Schüler zu einem Monster gemacht und bei dem Versuch bei dem zweiten nicht den gleichen Fehler zu machen ist er gescheitert. Er hat das Monster in mir zum Schlafen gebracht, aber es wartete nur darauf wieder aufzuwachen und sich zu zeigen. Es hat sich versteckt, niemand wusste, dass es da ist, es hat sich nicht gezeigt, aber es hat sich in meinem Herzen niedergelassen und sich ein zuhause gemacht, es verletzte mich von innen.



Und du hast es nie gemerkt! Jetzt bin ich soweit, dass ich sage, dass es mich zerstört hat. Und es gibt für mich keinen Grund mehr zu leben, deshalb soll Tai Lung mich töten.



Alles, was ich jemals wollte ist, dass du sagst, dass du stolz auf mich bist. Aber ich war nicht gut genug.

Ich denke nicht, dass jemand jemals gut genug sein wird, keiner außer Tai Lung. Ich denke dass, weil ich nicht glaube, dass du lieben kannst. Diese Fähigkeit ist nicht mehr in dir. Es ist nicht mehr in dir, weil Tai Lung alles

gebrochen hat, was gut in dir war. Und es ist nicht mehr in mir, weil du mich dazu erzogen hast meine Liebe fallen zu lassen. Du hast meine unschuldige, von Herzen kommende Liebe genommen und weggeschmissen, als wäre sie Müll.



Was war ich nur für ein Idiot.



Warum war ich als Kind nur so naiv, wie Po? Ich gab dir alles, ich gab dir meine Liebe, Hingabe, Aufmerksamkeit.



Du warst mein Gott. Mein Idol.



Und du hast mich nie geliebt. Du kannst niemanden lieben. Du lässt Tai Lung dein Herz und dein Mitgefühl aus deiner Brust reißen, doch ich habe immer versucht, gut genug für dich zu sein.



Ich war so ein Idiot.



Du hasst mich, nicht wahr?



Deshalb bin ich so kalt. Ich bin nicht der Auserwählte, weil mein Herz hart ist. Es muss so sein.



Wenn man vom jungen Alter an gesagt bekommt, du bist wertlos und deine Form ist fehlerhaft, kannst du nicht erwarten, dass ich offen bin.

Ich bin wie ein geschlossener Lotus, die welkende Blume, die es besser weiß, als sich zu öffnen.



Ich kümmere mich nicht um Tai Lung oder Po oder jemanden um mich herum. Wenn ich das täte, würden sie mir einfach sagen, dass ich nicht gut genug bin, genau wie du. Sie würden mich korrigieren und mir meine Unvollkommenheit zeigen, so wie du es getan hast. Aber wenn ich hart bin, wenn ich sie immer abweise und an meiner Verteidigung nicht vorbei lasse werden sie mir nie nahe kommen. Sie werden niemals an meiner Verteidigung vorbeischleichen können, dass ist unmöglich.



Es ist zu spät. Ich kann nicht zurück in die Zeit gehen und mich davon abhalten, so zu werden, wie ich jetzt bin.



Du warst mein alles. Mein Meister, Lehrer, älterer Bruder und mein Vater. Und egal wie weit ich zurück denke, du warst immer mein alles. Das bist du immer noch.

Da ich keine Familie hatte, nahm ich dich als meine Familie in mein Herz auf. Ich bin dein demütiger Diener gewesen



Ich würde mich umbringen, wenn du den Befehl geben würdest.

Ich würde tausend Runden durch China laufen, wenn du das Wort sagen würdest.



Ich bin dir ein Sklave gewesen.

Du bist mein leitendes Licht. Mein Bild von Perfektion, von totaler Kontrolle.



Das Problem ist, ich sehe, dass es dir egal ist. An einem Tag ist Po alles, worüber du reden kannst. Ich habe an deiner Seite gestanden, seit du mich das erste Mal besuchen kamst und du hast mich für einen Idioten im Stich gelassen.



Meine Überzeugung, dass alles was du sagst richtig ist, ist seit unserem ersten Treffen nicht einmal geschwankt.



Und du weißt nicht mal, dass ich existiere. Die wichtigste Person in meinem Leben weiß nicht, dass ich existiere.



Ich hoffe, Tai Lung tötet mich.



Ich hoffe, er bringt mich aus diesem Teufelskreis.

Jeden Tag habe ich mich so angestrengt. Ich habe gegen jeden Feind gekämpft, jede Übung trainiert, bis ich meinen Körper nicht mehr spüren konnte und selbst nachdem du das tägliche Training beendet hast und wir schlafen gehen sollten, habe ich mich weiter trainiert.

Ich habe deine Entscheidungen und Anweisungen bis jetzt nie in Frage gestellt. Ich gehorche ohne Frage alle Anweisungen und meistere Kämpfe, die sich der Panda niemals vorstellen könnte.



Ich bin dein und genau das hat mich zerrissen.



Ich habe mein Bestes gegeben, ehrlich, Meister, ich habe es getan



Ich kann dir nicht mehr geben. Dich zu lieben hat mich getötet. Du hast mich dazu gebracht, zu verachten, wer ich bin, und ich habe mich schließlich geschlagen geben. Ich habe meinen Wert verloren.



Ich weiß, dass es dir nichts ausmachen wird, wenn ich sterbe. Es ist dir egal, du hast dich nie für mich interessiert.



Ich werde da rausgehen und mich dem Kampf stellen, denn ich bin bereit zu sterben!



Ist es schlimm, wenn ich sterbe?



Es ist so kalt in mir. Ich erfriere und zugleich spüre ich diese Kälte nicht, ich habe sie schon zulange gefühlt.



Güte ist verloren in meiner müden Seele. Ich habe jede Emotion aus mir verbannt. Ich habe sie ersticken lassen, damit ich dein perfekter Krieger sein konnte. Aber ich habe meine Gefühle so lange unterdrückt, dass sie jetzt nicht mehr da sind, in mir ist nichts.



Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich es nicht mehr aushalten kann.



Es wird dir egal sein, wenn ich sterbe. Aber ich persönlich kann keinen weiteren Tag in dieser Hölle aushalten.



Ich bin nicht wichtig. Ich bin nur ein Hintergrundkrieger, für dich und für China. Niemand denkt an uns als Individuen, nur als Set. Wenn ich sterbe, bedeutet das nur, dass ein Teil des Sets verschwunden ist. Wie ein Geist in den Wind, werde ich verschwinden und in Sekunden wird niemand meinen Namen mehr kennen.



Ich bin der unsichtbare Tiger Chinas!



Ich hasse dich.

Ich hasse es, wie du mich ignorierst.

Ich hasse es, wie du mich behandelst.

Ich hasse meine Treue zu dir.



Mein Herz ist gebrochen, mein Geist ist ein rasender Tornado widerstreitender Interessen.



Du glaubst nicht, dass ich gut genug bin Shifu? Ich hasse dich. Ich hasse dich genauso wie du mich hasst, mit vielen zurückgehaltenen Worten und Gefühlen, die wir beide zu dumm sind, um sie anzuerkennen.

Du hast mich zum Perfektionisten gemacht. Aber ich bin trotzdem nicht gut genug.



Ich bin nicht stark genug, schnell genug, wild genug.



Aber dafür bin ich bereit zu sterben!



Ich kann es versuchen und versuchen, bis meine Pfoten auf Holzblöcken splittern und mein Körper von den Klingen des Trainingskurses zerbricht.

Ich werde immer noch ein Versager sein. Alles, was du mich sein lässt, ist ein Versager, denn selbst wenn du nicht sprichst, schüttelst du verächtlich deinen Kopf.

Ich bin eine Enttäuschung für dich, und deshalb bin ich eine Enttäuschung für mich.



Es schmerzt.



Ich will dich schlagen, dich angreifen oder dich zumindest anschreien.

Ich möchte weinen, dich umarmen und dich fragen, “was willst du mehr?”.

Ich möchte weglaufen, bis ich nicht mehr kann.

Ich möchte dieses Leben wegwerfen und meine leiblichen Eltern finden, wenn sie überhaupt gefunden werden können.



Doch ich kann nichts davon tun, egal was ich fühle. Ich habe diese Fähigkeit verloren. Und dieser dumme Panda besitzt die Fähigkeit auf seine Gefühle zu hören und ihnen zu folgen noch immer! Manchmal wünschte ich, ich wäre genauso ein Idiot wie er. Seine Gefühle würden nie verschwinden, egal wie sehr er es versuchen würde.



Meine Gefühle hast du jedoch schon lange weggesperrt. Und deshalb will ich sterben.



Und so renne ich in eine Schlacht, von der ich weiß, dass ich sie gewinnen kann. Aber ich werde sterben. Mein Leben wegzuwerfen ist eine feige Bewegung, ich weiß, und du würdest es nie gutheißen.

Was soll ich sonst tun, Shifu? Ich habe versucht, dich zu lieben, dich zu hassen und nichts für dich zu fühlen.

Ich habe versucht, mit dir zu reden, doch die Worte verfangen sich in meinem Mund und bringen mich zum Schweigen, weil ich Angst habe sie auszusprechen.



Mich dir wieder zu öffnen, würde mich nur weiter brechen. In Wahrheit möchte ich nicht sterben, ich habe

einfach keine Optionen mehr.



Es ist egal, was passiert. Ich werde mich immer noch hassen.

Ich werde dich immer noch hassen und lieben.

Du wirst mich immer noch hassen und ignorieren.

Wie Yin und Yang sind wir einander so nahe, Teile voneinander, doch die Trennung wird uns töten.

Es kann mich töten. Es könnte mir auch Ruhm bringen, Ruhm, den ich wollte, seit ich alt genug war, um zu verstehen, dass du von mir enttäuscht warst.

Nicht Ruhm, nicht Glück, nicht die Ehre der Welt meine ich. Diese Dinge sind nicht mehr wichtig als die Selbsterhaltung an dieser Stelle. Wenn ich von Ruhm rede, spreche ich von meinem möglichen Tod im Kampf oder meinem unvorstellbaren Triumph. Nichts anderes ist wichtig, wenn ich eine dieser beiden ehrenwerten Optionen erreichen kann.



Das ist alles was ich noch in mir habe. Ich bin kaputt, jenseits des Punktes, an dem die Dinge irgendwie in Ordnung gebracht werden können. Ich kann nicht mehr repariert werden.



Aber ich kann meine Verbindung mit dir nicht brechen, und so stehe ich im Kampf. Für dich, nicht für mich oder für China. Nur für dich, mein Vater. Mein Meister. Wolltest du das von mir? Plötzliche Brutalität mit totaler Kontrolle? Ich hoffe, dass du das von mir wolltest, denn das ist es, was ich geworden bin. Es ist alles was ich noch bin.



Ein Monster!



Wenn ich falle und alles verloren ist, dann wirst du eine Parade zu meinen Ehren besuchen, wenn auch eine Trauerparade.



Wie auch immer, ich hoffe, du wirst endlich sagen, dass du stolz auf mich bist, denn ehrlich, Shifu?

Ich bin bereit zu sterben, um es von dir zu hören.

Es wird bedeuten, dass ich gut genug bin.







Langsam atmete er die schwere Nachtluft ein. Es hatte erst kurz zuvor geregnet und die Wiese war komplett durchnässt. Aber das störte ihn nicht weiter. Er saß auf einem kleinen, mit Moos bewachsenen Felsbrocken, seine Holzflöte in den Händen und spielte ein Lied. Es war das Lied „Trails of the Angels“, das gleiche Lied hatte er auch an dem Abend gespielt, als die Furiosen Fünf das erste Mal alle im Jade Palast trainiert hatten. Es weckte eine Menge Erinnerungen an diesen großen Tag in dem kleinem Kung Fu Meister.

Ein leichter Nordwind streifte Shifu. Er mochte diesen Wind. Er war kalt, aber trotzdem angenehm. Er brachte die Gerüche und Geräusche aus dem Norden mit, von da, wo die meisten Händler kamen.

Das Lied war beinahe zu Ende, Shifu spielte die letzten, sanften Akkorde, doch gerade als er bei dem letzten Ton angekommen war, um diese wundervolle Melodie zu vervollständigen, hielt er inne.

Er blinzelte ein paar Mal, der Wind hatte sich geändert, nun kam ein starker Ostwind auf, der an seiner Robe zog und zerrte. Die Bäume um ihn herum hatten aufgehört im Takt seiner Flöte ihre Kronen zu wippen, stattdessen bogen sich die Äste, ohne eine Melodie.

Und dennoch, dies war nicht das, was den Meister zum abrupten beenden seines Liedes verleiten hatte, irgendetwas fühlte sich falsch an. Er wusste nicht was, aber es fühlte sich an, als hätte er etwas Wichtiges verloren, als hätte er einen Teil von sich in diesem Lied hinfort gespielt. Und dieses Gefühl, dieses Gefühl des Alleinseins und der Trauer ließ sich nicht abschütteln. Es klammerte sich an ihn und wurde immer intensiver.

Langsam wurde Shifu klar, woher er dieses beklemmende Gefühl kannte, es war das Gleiche, wie jenes, welches er empfunden hatte, als er Tai Lung verloren hatte. Damals hatte er einen Teil von sich verloren und nun fühlte es sich so an, als hätte sich ein zweiter Teil von ihm gelöst und zwar der Teil, der ihm über Jahre hinweg der Wichtigste war.

Der Teil ihn ihm, der ihm sagte, dass er ein guter Vater war, der Teil in ihm, der sich für seine Schüler sorgte, der Teil in ihm, der Tigress als Tochter liebte.

Tigress, seine Lotusblüte, die sich noch nicht geöffnet hatte, die sich als letztes öffnen würde und dann am schönsten sein würde.

Tigress, seine Tochter, die er so sehr liebte, dass er an dieser Liebe fast erstickte.

Tigress, den kleinen Tiger, der ihm die Chance gegeben hatte, noch einmal ein Vater sein zu dürfen.

Langsam wurde das Gefühl von ihm getragen, der Ostwind wurde schwächer und der Nordwind übernahm wieder die Kontrolle, die Bäume wippten ihre Kronen wieder im Takt, des Liedes, welches Shifu wieder anspielte.

Es war genau das gleiche, wie zuvor, nur war die ganze Wärme die er dafür gefühlt hatte nun verschwunden.
Er fühlte sich kalt und leer.
Eine Träne lief ihm die Wange hinab und tropfte auf das nasse Gras.
Die Melodie seiner Flöte wurde durch den Wind weiter getragen, durch das ganze Land und jeder, der einen Teil von sich verloren hatte konnte sie hören.

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