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Ruins Of The Past

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
Daryl Dixon Dwight Negan OC (Own Character) Paul "Jesus" Rovia Rick Grimes
20.07.2018
13.04.2021
130
471.116
6
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7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
20.07.2018 4.108
 
Hallo zusammen. Ich freue mich, dass ihr den Weg hierher gefunden habt (Zufall, Langeweile, Neugier, was auch immer) und heiße euch ganz herzlich zu dieser Fanfiction willkommen.

Bevor es aber direkt mit dem Kapitel losgeht, wollte ich noch einige Worte loswerden.

Zunächst einmal möchte ich mich bei meiner Freundin MickyMouse bedanken. Von ihr stammt das geniale Titelbild und die grobe Grundidee der Fanfiction (Danke, dass du immer wieder seltsame Sachen träumst). Sie und eine andere sehr gute Freundin haben mir dabei geholfen, die Fanfiction auf die Beine zu stellen und mich immer unterstützt, wenn ich mal nicht weiterwusste. Vielen Dank euch beiden.

Da ich schon seit einer Weile an der Story arbeite, stehen die Kapitel bereits zu einem Großteil, weswegen ich erst einmal regelmäßig jeden Montag und Freitag eins hochladen werde. Wenn sich etwas ändert, gebe ich euch Bescheid.

Falls ihr irgendwelche Anregungen oder Verbesserungsvorschläge habt, dann lasst es mich wissen und ich werde sehen, ob und wie ich diese einbringen kann. Auch sonst könnt ihr mir - wenn ihr Zeit und Lust habt - gerne ein Review dalassen.

Aber genug geredet.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen

Cover: Ruins Of The Past


Sommer
***Fiona***

Aufgeregt lief Fiona im Haus hin und her. Beinahe drei Wochen hatte sie gewartet und jetzt war es endlich soweit. Ihre beiden besten Freundinnen würden endlich wieder nach Hause kommen. Sie wusste nicht, wann genau die beiden eintreffen würden, aber sie wusste, dass sie bis dahin noch viel zu tun hatte. Das Haus musste geputzt und Orani gefüttert werden. Und nach Damien sollte sie auch mal wieder sehen. Seit einigen Stunden war er verdächtig still und heckte bestimmt wieder irgendetwas aus, um ihr auf die Nerven zu gehen. Wenn Michelle und Selina nicht da waren, war das wohl seine Lieblingsbeschäftigung.

Mit einer Hand balancierte sie dreckiges Geschirr, mit der anderen schnappte sie nach dem Besen. Sie wollte irgendetwas kochen, wusste aber nicht was. Die Ressourcen waren begrenzt, aber vielleicht konnte sie ja einen Kuchen backen. Natürlich musste sie der Stadt dafür etwas zurückgeben, aber das machte ihr ja nichts. Sie war froh, wenn sie etwas zu tun hatte. Fiona fühlte sich schuldig, immer zu Hause zu bleiben und auch wenn Michelle und Selina ihr jedes Mal versicherten, dass es überhaupt kein Problem war und sie hier viel sicherer war, konnte sie die leise Stimme in ihrem Kopf nicht ausschalten, die jedes Mal leise flüsterte: Trau dich. Sie wusste, dass sie draußen keine großen Überlebenschancen hatte - erst recht nicht allein - aber sie hatte leider noch nicht herausgefunden, wie sie ihr Gewissen abstellen konnte.

Fiona seufzte und drehte sich um. Der Besen glitt zu Boden, als sie mit beiden Händen das Geschirr festzuhalten versuchte, während sie gleichzeitig damit beschäftigt war, nicht zu hyperventilieren. Der kleine schwarzhaarige Junge stand direkt vor ihr und grinste sie schelmisch an.

>>Damien!<<, rief sie und warf die Arme in die Luft, nachdem sie das Geschirr ganz vorsichtig auf den Tisch neben sich gestellt hatte. Sie hatte gewusst, dass der Kleine so etwas geplant hatte. Ihr war nur nicht klar gewesen, wann das passieren würde. Streng sah sie ihn an und deutete auf das Geschirr, das wahrscheinlich mehr durch Zufall als durch ihr Geschick überlebt hatte. >>Das hätte böse enden können!<<, fügte sie mit einem strengen Blick hinzu.

Beinahe sofort verwandelte sich das Grinsen des Jungen in einen schuldbewussten Gesichtsausdruck. >>'Tschuldigung<<, murmelte er und scharrte mit einem Fuß auf den Fliesen herum.

Fiona's strenger Ausdruck wurde wieder sanfter. Sie konnte ihm einfach nicht lange böse sein. Er war wirklich zu niedlich und wenn man überlegte, was der Kleine alles durchgemacht hatte, war sie froh, dass er überhaupt lachen konnte - sogar, wenn er den schrägen Humor ihrer Freundinnen mehr übernommen hatte, als ihr vielleicht lieb war.

Sie wuschelte Damien liebevoll durch das rabenschwarze Haar. >>Schon gut, ist ja nichts passiert. Sei nur nächstes Mal vorsichtiger, okay?<<, sagte sie. Als der Junge nickte, gab Fiona ihm einen kleinen Schubs, um ihn aus dem Raum zu scheuchen. Sie hörte, wie er nach Orani rief und kurze Zeit später die Haustür zufallen. Gut so. Wenn er nicht im Haus war, konnte er auch keine Unordnung veranstalten. Sie hoffte nur, dass er nicht wieder auf die Idee kam, sich im Schlamm zu verstecken und Leute zu erschrecken. Ihn zu baden blieb dann nämlich immer an ihr hängen.

Naja, wie dem auch sei. Schnell zog sie sich eine dünne Jacke über und verließ das Haus, um Zutaten für den Kuchen aus der Vorratskammer zu holen, wo alle Vorräte gesammelt und aufgelistet wurden. Jeden Monat bekamen die Leute ihre Proviantrationen mit einigen Überraschungsleckereien. Wenn jemand etwas brauchte, was nicht in seinem Päckchen war, konnte er zu Sarah gehen und die fehlenden Zutaten beantragen. Sarah war eine nette, junge Frau, die sich bereit erklärt hatte, sich um die Lebensmittel zu kümmern. Sie listete immer alles sorgfältig auf, wusste immer genau wie viel noch da war und kümmerte sich auch um die Rationierung. Fiona verstand sich gut mit ihr, weswegen es auch keine Probleme geben dürfte, Zutaten für einen Kuchen zu bekommen. Zumal sie das ja auch nicht zum ersten Mal machte.

Auf dem Weg zur Vorratskammer lief ihr Leo über den Weg. Ein anstrengender, kleiner Besserwisser von dreizehn oder vierzehn Jahren. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Augenrollen und schaffte es, freundlich zu nicken. Sie ging an ihm vorbei und dachte schon es wäre vorbei, doch da schloss der nervige Junge auch schon zu ihr auf.

>>Dich habe ich gesucht<<, begann er.

>>Ach ja?<<, antwortete Fiona, sehr darauf bemüht, nett zu klingen.

Der Besserwisser nickte. >>Ich hörte, du hast Nachricht von Daryl erhalten<<, redete er weiter.

Ihr fiel auf, dass er bewusst nicht ihre Freundinnen erwähnte, weil er wusste, dass sie das hasste und weil er ein Problem damit hatte, dass Michelle und Selina ihn die meiste Zeit ignorierten. Das machten sie eigentlich mit fast jedem, da sie den Menschen hier meistens gekonnt aus dem Weg gingen, aber Leo war der Einzige, den es wirklich zu stören schien. Anstatt auf seine kindische Stichelei einzugehen, nickte sie jedoch nur.

Leo's Augen verengten sich ein wenig, aber er sprach dennoch weiter. >>Wann kommen sie wieder? Gibt es Verletzte?<<

Fiona seufzte verärgert. >>Sie sind alle gesund und sie müssten bald hier eintreffen<<, meinte sie und beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte diesen Kuchen fertig haben, bevor ihre Freundinnen die Stadt betraten. Etwas weiter hinten konnte sie Damien sehen, der mit Orani in der Sonne saß und zu ihnen rüber schaute. Fiona wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Wenn sie ihm jetzt ein Zeichen gab, würde er sie dabei unterstützen Leo loszuwerden. Aber Fiona würde es doch wohl hinkriegen diese besserwisserische Nervensäge alleine abzuschütteln. Was hatte sie ihm eigentlich getan, dass er sie so hasste? Vielleicht hasste er aber auch nur Michelle und Selina und sie deshalb einfach nur aus Prinzip. Aber was es auch für ein Grund war, es war ihr ziemlich egal.

>>Aber wann genau?<<, nervte Leo weiter und brachte sie zum Zähneknirschen. Wenn das noch lange so weiterging, würde sie wohl doch die Beherrschung verlieren.

>>Das weiß ich nicht<<, zischte sie und ballte ihre Hände zu Fäusten.

Leo schnaubte.

Eine Weile sagte niemand etwas, was Fiona ganz recht war, da sie dachte, wenn sie nicht weiter auf ihn einging, würde er einfach verschwinden, aber natürlich war das nicht so. Als ob er ihr den Gefallen tun und sie in Ruhe lassen würde. Also machte sie schließlich doch einen kleinen Schwenker zu Damien, der gerade dabei war, ein Loch zu buddeln. Na super. Der kam ihr nicht mehr ins Haus.

>>Damien, komm mit<<, sagte sie und streckte die Hand nach dem kleinen Jungen aus. Dieser starrte sie eine Weile an und stand dann auf, bevor er sie ergriff.

>>Wo gehen wir hin?<<, fragte er und schnalzte einmal mit der Zunge, woraufhin Orani ihm sofort folgte. Der kleine Junge hatte ihn echt im Griff.

>>Wir backen einen Kuchen<<, antwortete sie. Triumphierend warf Damien seine Arme in die Luft, wobei Orani, wie Fiona aus dem Augenwinkel bemerkte, erschrocken zusammenzuckte, stehen blieb und erst einen großen Abstand zwischen sich und die beiden brachte, bevor er ihnen wieder hinterherlief. Diesmal langsamer und skeptischer.

>>Was will der denn jetzt hier?<<, fragte Leo abschätzig und betrachtete Damien von oben herab, als wäre er etwas besseres.

Fiona's Blick wurde finster. Das hatte diese kleine Nervensäge gerade nicht wirklich gesagt. Hatte er Damien gerade beleidigt? Von allen Sachen, die er hätte sagen können, hatte er sich wirklich dazu entschieden auf Damien loszugehen? Sie musste zugeben, dass der kleine Junge manchmal ziemlich nerven konnte und auch seine Versorgung blieb größtenteils an ihr hängen, aber für nichts auf der Welt würde sie ihn weggeben oder zulassen, dass ihn jemand beleidigte.

Sie entschied sich dazu, stehenzubleiben und drehte sich langsam zu Leo um, der beinahe in sie rein rannte. Ihre Augen blitzten sauer. Sie wurde nicht oft wütend, aber wenn doch, dann hatte die betroffene Person es auch verdient.

Selbstsicher und entschlossen tippte sie mit ihrem Zeigefinger auf Leo's Brust. >>Wenn du ihn noch einmal beleidigst oder auch nur schief von der Seite ansiehst, dann wirst du das bereuen. Hast du verstanden?!<<, drohte sie und versuchte, so böse wie möglich zu schauen.

Zu ihrer Enttäuschung schien Leo nicht sehr verunsichert oder beunruhigt zu sein. Im Gegenteil. Das hinterlistige Grinsen verriet ihr, dass er sie anscheinend überhaupt nicht ernst nahm.

Na schön. Fiona war noch nicht fertig mit ihm. Mit zusammengekniffenen Augen verschränkte sie die Arme vor der Brust, baute sich vor ihm auf und funkelte ihn an. >>Mal sehen, ob du auch noch lachen kannst, wenn Michelle und Selina von diesem kleinen … Zwischenfall erfahren<<, begann sie.

Fast sofort war das Grinsen aus Leo's Gesicht verschwunden.

>>Was meinst du, wie sie reagieren werden, wenn sie herausfinden, dass du nicht nur Damien, sondern auch mich beleidigt hast?<<, fuhr sie fort und sah die wachsende Angst in Leo's Augen. Sie wusste genau, wie ihre Freundinnen reagieren würden. Selina würde mit ihren Drohungen maßlos übertreiben und müsste von Daryl festgehalten werden, damit sie sich nicht sofort auf Leo stürzen konnte und Michelle würde irgendeine unheimliche Drohung aussprechen, die ihn tagelang nicht schlafen lassen würde. Auch Leo wusste das, immerhin war er schon eine Weile Bewohner dieser Stadt.

>>Ich kann diesen Zwischenfall auch für mich behalten, aber nur, wenn du jetzt auf der Stelle verschwindest<<, sagte sie und sah Damien an. Der kleine Junge schaute begeistert zu ihr auf und Fiona wusste, dass, obwohl Leo sie vermutlich jetzt auch mit Sicherheit hasste und versuchen würde, ihr das Leben zur Hölle zu machen, es sich dennoch gelohnt hatte. Schon allein, weil es Damien freute.

Sie lächelte den Kleinen an. >>Und jetzt lass uns einen Kuchen backen<<, meinte sie, nahm ihn wieder an die Hand und setze ihren Weg zur Vorratskammer fort.


***Selina***

>>Ich liebe die Natur<<, rief Selina lachend und hüpfte locker neben ihrem vollgepackten Pferd Nightmare, her, wobei sie die Arme weit zu beiden Seiten ausstreckte. >>Hab' ich das schon erwähnt?<<

Michelle warf ihr einen belustigten Blick zu. >>Nein, nur so ungefähr zweihundert Mal<<, antwortete sie sarkastisch und brachte Selina so nur noch mehr zum Lachen.

Eigentlich war es schade, dass sie heute schon wieder in die Stadt zurückkehrten, denn dort waren wieder so viele Menschen, die sie begrüßen musste. Und reden wollten die meistens ja auch noch. Der einzige Grund, aus dem es sich lohnte, waren Orani, Fiona und Damien. Selina hatte Fiona fast drei Wochen nicht gesehen und vermisste ihre aufgedrehte Art. Und ihr Essen. Hoffentlich gab es etwas Leckeres, wenn sie ankamen.

Von weitem erblickte sie einen Beißer, der langsam auf einem Feld umherirrte.

>>Meiner!<< Selina kreischte fast vor Freude, zog ihren Baseballschläger von der Schulter und hüpfte vergnügt auf den Beißer zu, um ihn unschädlich zu machen. Sie kam näher, Meter für Meter. Als sie in Schlagnähe war, holte sie schwungvoll mit ihrem Schläger aus, doch bevor sie zuschlagen konnte, wurde der Beißer durch einen Pfeil in den Schädel niedergestreckt.

>>Daryl, das war meiner<<, rief Selina verärgert, musste aber trotzdem lachen, konnte gar nicht mehr aufhören.

Daryl musste grinsen. >>Beruhig dich, Crazy<<, sagte er.

Sie biss sich auf die Lippe und versuchte wirklich, sich zu beruhigen, was aber schwer war, da Daryl's Spitzname für sie, "Crazy", sie immer wieder zum Lachen brachte. Sie sah, dass Michelle grinsend den Kopf schüttelte und auch das trug nicht gerade dazu bei mit dem Lachen aufzuhören. Ja, Selina liebte die Natur. Und sie liebte es, gegen Herden von Beißern anzukämpfen. Sie musste zugeben, dass auch sie manchmal schlucken musste, wenn es eine besonders große Herde war, aber hey … ein toter Beißer, war eine Bedrohung weniger. Sie konnte nicht verstehen, wenn es Menschen gab, die um die Herden herumlaufen wollten. Klar, es gab zu große Herden, gegen die nicht einmal sie mit ihren Waffen ankam, aber meistens jedenfalls waren sie überschaubar und leicht zu töten. Außerdem nervte es Daryl und Michelle, wenn sie ohne Vorwarnung auf Gruppen voller Beißer zulief und das nutzte sie aus, sooft sie die Gelegenheit dazu bekam.

>>Mann, das war wirklich meiner<<, grummelte Selina in einem plötzlichen Gefühlsumschwung und zog dem Beißer den Pfeil aus dem Schädel. Den würde Daryl so schnell erstmal nicht zurückbekommen. Da konnte sie stur sein.

>>Du findest einen neuen, Pudpud<<, grinste Michelle und tätschelte ihr den Kopf.

>>Ja schon, aber wann?<< Sie machte eine theatralische Geste und hängte sich den Baseballschläger, mitsamt dem Pfeil wieder über die Schulter. Hier war tote Hose. Nichts los. Aber vielleicht liefen ja vor der Stadt ein paar Beißer rum, die durch die Geräusche aus dem Inneren angelockt wurden. Da konnte sie sich dann richtig schön austoben. Und ihren Freunden auf die Nerven gehen.

>>Hey, seht euch das an<<, rief Daryl plötzlich. Michelle hielt ihr Pferd an und drehte sich um und auch Selina hörte auf zu hüpfen. Gespannt und neugierig drehte sie sich zu dem Armbrustschützen um und wartete darauf, was er zu sagen hatte. Er sagte nichts. Stattdessen zeigte er auf eine Rauchwolke, die in der Ferne zu sehen waren. Selina's Augen begannen zu leuchten. Egal was es damit auf sich hatte, es war bestimmt gut. Sie schwang sich auf Nightmare und wollte schon losreiten, doch zu ihrer Enttäuschung hielt Michelle sie zurück.

>>Das kann warten<<, sagte diese.

Daryl nickte zustimmend. >>Ja, wir müssen erst zurück.<<

Fassungslos starrte Selina zwischen ihren Freunden hin und her. Da hatten sie sich doch tatsächlich gegen sie verbündet. >>Da könnte was Gutes versteckt sein.<< Sie guckte gespielt traurig, wovon sich Michelle und Daryl jedoch nicht beirren ließen und Selina dachte bei sich, dass sie die Nummer doch vielleicht ein wenig zu oft abzog.

>>Was auch immer da ist, Crazy, es kann bis zu unserer nächsten Tour warten<<, sagte Daryl.

Michelle lenkte ihr Pferd neben Selina's und sah sie beruhigend an. >>Der Rauch wird eine Menge Beißer anlocken. Wenn wir das nächste Mal daran vorbeireiten, kannst du dich austoben<<, versprach sie ihr und Selina's Trübsal war wie weggeblasen. Ihre Freundin hatte ihr gerade versprochen, dass sie Beißer töten konnte. Jede Menge von ihnen. Das ließ alle Trauer verfliegen.

Schwungvoll drehte sie sich mit ihrem Pferd um und ritt los Richtung Stadt. Nach einigen Metern drehte sie sich zu ihren Freunden um. >>Was ist los mit euch? Kommt schon!<<, rief sie und lachte. Sie war wieder ganz die Alte. Diesmal jedoch entschied sie sich, auf Nightmare sitzen zu bleiben, denn je schneller sie zu Hause waren, desto schneller konnten sie auch wieder losziehen und nachsehen, was es mit dem Rauch auf sich hatte. Also auf nach Newton. Es sollte nicht mehr allzu lange dauern. Wenn Selina in die Ferne blickte, konnte sie schon die Umrisse des Wasserkraftwerks erkennen, das ihnen Strom und fließendes Wasser spendete. In einer verrückten Idee heraus, trieb sie ihr Pferd zum Galopp und hängte ihre Freunde in Windeseile ab. Ein Blick zurück verriet ihr genervte Gesichter. Ja, sie wusste, wie nervig sie sein konnte, aber es machte ihr Spaß und auf den würde sie unter gar keinen Umständen verzichten wollen.

>>Wer zuerst zu Hause ist, ja?<<, rief sie aufgedreht und wartete, bis Michelle und Daryl zu ihr aufgeschlossen hatten, bevor sie im Galopp wieder vorausritt. Der Wind peitschte durch ihre Haare und sie fühlte sich frei. Bevor alles begann hatte sie sich noch nie so frei gefühlt. Noch nie so zufrieden und glücklich. Ja, sie liebte die Natur.


***Michelle***

Es war nicht mehr weit bis zur Stadt und da Selina in vollem Galopp vorausritt und darauf hoffte, dass jemand mit ihr ein Wettrennen machte, würde es auch nicht mehr allzu lange dauern, denn Daryl und Michelle konnten ihre Freundin doch nicht alleine so weit reiten lassen. Am Ende passierte noch etwas Schlimmes. Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich durch ihre Haare. Als sie über die linke Seite ihres Kopfes fuhr bemerkte sie, dass sie sich den Sidecut mal wieder nachrasieren müsste. Dann konzentrierte sie sich wieder auf die wesentlichen Dinge und fragte sich, was in ihrer Abwesenheit wohl so alles in der Stadt passiert sein mochte. Ob Fiona alles im Griff hatte? Immerhin waren sie oft weg und sie musste alles alleine regeln. Nicht, dass es Michelle sonderlich störte, denn sie bevorzugte es, außerhalb der Stadt zu sein. Dort, wo keine Menschen waren, ließ es sich viel besser nachdenken. Außerdem erklärte sich außer Daryl, Selina und ihr meist niemand freiwillig bereit draußen nach Vorräten zu suchen. Aber sie wollte sich gar nicht beschweren.

Daryl holte Michelle ein und nickte mit seinem Kopf in Richtung Rauch. >>Was meinst du? Was könnte da sein?<<, fragte er und sprach absichtlich leise, damit Selina sie auch ja nicht hören konnte. Es wäre nicht klug, sie jetzt auf dumme Gedanken zu bringen.

Michelle zuckte mit den Schultern und sah nachdenklich die Rauchwolken an. >>Keine Ahnung. Könnten Waffen oder Vorräte sein …<<

>>Oder nichts<<, führte er ihren Gedanken zu Ende und sie nickte. Es konnte nichts sein. Es konnte sein, dass sie bei ihrer nächsten Tour völlig umsonst einen Umweg machten, aber genauso gut konnten dort die größten Schätze auf sie warten. Man konnte es nie genau vorhersagen, aber eigentlich gab es nichts, das man nicht irgendwie verwenden konnte, es sei denn, sie hatten es schon.

>>Wo bleibt ihr denn?<< Selina's ungeduldiges Geschrei riss Michelle aus ihren Gedanken und sie verdrehte genervt, aber gleichzeitig belustigt die Augen. Selina konnte wirklich nerven, wenn sie wollte. Allerdings schenkte sie dem blonden Mädchen keine Aufmerksamkeit - sehr zu dessen Enttäuschung - sondern zählte die Beißer, die um die Mauern der Stadt verteilt waren. Es waren nicht besonders viele und keine zwanzig Sekunden später war Selina bereits dabei, ihnen mit ihrem Baseballschläger die Schädel einzuschlagen.

Seufzend trieb Michelle ihr Pferd zum Galopp um ihrer Freundin zu helfen und Daryl folgte ihr auf den Fuß. Noch im Galopp zog sie ihr Katana aus der dazugehörigen Scheide und trennte einen Schädel vom dazu passenden Körper. Sie gab Daryl ein Zeichen, damit dieser vorreiten und den Wachposten am Tor Bescheid geben konnte. Sie waren zu Hause. Naja, noch nicht ganz. Erst musste Michelle Selina irgendwie von den Beißer wegbekommen.

>>Kommst du, Puddin? Fif hat bestimmt was leckeres gekocht<<, rief sie. Das wirkte immer, und auch jetzt sah sie, wie Selina von den Untoten abließ und zu ihr aufschloss. Zusammen ritten sie auf das Tor zu, das langsam geöffnet wurde. Neben dem Tor stand ein großes Schild, auf das mit Graffiti "Newto(w)n" gesprayed worden war. Der Name ihrer Stadt. Daryl wartete auf die beiden und zu dritt ritten sie durch das Tor in die abgesperrte Quarantänezone, in der Dr. Sanchez bereits auf sie wartete.

>>Hey, Doc!<<, kreischte Selina, hüpfte von ihrem Pferd runter und umarmte den Arzt. Michelle beobachtete, wie Dr. Sanchez sie sanft von sich wegdrückte und schnell ihre Arme und Beine auf Bisse untersuchte. An ihrem Arm fand er einen langen Kratzer.

>>Was ist passiert?<<, wollte er wissen.

>>Das war kein Beißer. Keine Ahnung mehr, wie genau das passiert ist, aber ein Beißer war es nicht<<, antwortete Selina. Der Arzt nickte, säuberte die Wunde und verband sie in wenigen Sekunden.

Michelle schwang sich von ihrem Pferd runter und winkte zur Begrüßung. Sie war nicht so auf herzliche Umarmungen aus. Auch sie wurde von Dr. Sanchez kurz untersucht, hatte aber keine nennenswerten Verletzungen. Sowieso war sie gerade eher damit beschäftigt nach Fif Ausschau zu halten, die sonst immer als Erste am Tor stand, heute aber nicht. Bestimmt war ihr irgendetwas dazwischengekommen. Und nach Orani suchte sie, der immer in Damien's Nähe war. Etwas weiter hinten erblickte sie den ängstlichen Hund, mitsamt dem Fünfjährigen, der aufgeregt auf und ab hüpfte und ihnen zuwinkte. Michelle winkte zurück und lief auf ihn zu. Die Wachposten öffneten das Zwischentor und Damien stürmte herein. Alle Versuche ihn davon abzuhalten schlugen fehl und brachten sie zum Grinsen. Die Ignoranz irgendwelchen überzogenen Regeln gegenüber hatte er eindeutig von Selina und ihr übernommen. Sie umarmte ihn kurz, bevor sie sich Orani zuwendete, der schwanzwedelnd auf alle zugehüpft kam. Oh Mann, wie sehr hatte sie ihn vermisst. So lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen und dabei war er doch gewissermaßen ihr Hund. Michelle war schon öfter auf die Idee gekommen, ihn einfach mal auf eine Tour mitzunehmen, doch jedes Mal verwarf sie den Gedanken wieder, weil ihr klarwurde, dass dieser Hund viel zu viel Angst vor einfach allem hatte. Also blieb er bei Damien und Fiona, wo ihn keine Beißer auffressen konnten.

>>Wo ist Fif?<<, fragte sie Damien, der sich gerade an Selina dranhängte und sie beinahe erdrückte.

>>Sie wollte Kuchen backen<<, sagte der Kleine und kletterte an Selina's Rücken hoch, bis er auf ihren Schultern saß und von oben auf alle herabblicken konnte.

>>Wollte?<<, hakte Michelle nach. Es machte sie misstrauisch, dass Damien in der Vergangenheit sprach. Als wäre irgendetwas Schlimmes passiert. Aber wenn Fiona tot wäre, würde Damien nicht so vergnügt auf Selina's Schultern sitzen. Es sei denn, er wäre in kurzer Zeit zum Soziopathen mutiert, was sie allerdings stark bezweifelte.

>>Ja, dieser doofe Leo hat sie aufgehalten<<, antwortete er.

>>Was hat er getan?<<

Michelle bemerkte die wachsende Schärfe in Selina's Stimme und wusste, dass sie sie eventuell davon abhalten musste, diese Nervensäge umzubringen. Aber auch sie war neugierig, was Leo denn getan haben könnte, dass Fiona bei der Begrüßung nicht dabei sein konnte.

>>Ich glaube, es ging um mich.<< Der Junge zuckte mit den Schultern.

>>Ich bringe ihn um! Wo ist der Mistkerl?<<, fauchte Selina.

>>Okay, Puddin, ganz ruhig<<, sagte Michelle rasch und stellte sich zwischen sie und das Tor. Jetzt war nicht die Zeit für neue Leichen. Schon gar nicht für Leichen in der Stadt. Getötet von einem Gründungsmitglied der Stadt. Es reichte, wenn die Menschen hier wussten, dass man sich lieber nicht mit Selina oder auch ihr selbst anlegte. Daryl gingen sie sowieso aus dem Weg.

Selina schnaubte, sagte aber nichts weiter, was Michelle als gutes Zeichen deutete, ihr Pferd Mojito an den Zügeln nahm und vorausging, während Orani ihr in sicherem Abstand folgte, damit ihm die Pferde nichts tun konnten. Selina trottete mit Nightmare neben sich und Damien auf ihren Schultern hinterher. Daryl war verschwunden. Vielleicht war er schon zu Hause oder er geisterte irgendwo in der Stadt herum, wo ihn niemals jemand fand, es sei denn er wollte, dass ihn jemand fand. Kompliziert, diese Menschen.
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