Fresh meat

von Enigma
GeschichteAllgemein / P16
18.07.2018
18.07.2018
3
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Megumi schnaubte abfällig. Als könnte ein dämlicher Charm dafür sorgen, dass sie und Hitomi sich wieder vertrugen und ihre  Pseudofreundschaft für immer halten würde. Das war vollkommen absurd. Total hirnverbrannt das Ganze. Warum hatte sie sich überhaupt überreden lassen, zu später Stunde, in die Schule einzubrechen und diesen überflüssigen Hokuspokus durchzuführen? Ein finsterer Blick traf Takeshi, welcher neben ihr auf einem der wackeligen Schultische saß und unschuldig vor sich hin pfiff.

„Die blöde Schlampe kommt wahrscheinlich nicht einmal“, knurrte Megumi missgelaunt, als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. Rosa mit hellblauem Ziffernblatt und in Gold gehaltenen Zahlen. Hitomi verspätete sich. Sie verspätete sich und das nicht zu knapp.

Seit einer gefühlten Stunde warteten sie auf das blonde Mädchen, mit der niedlichen roten Haarspange in ihrem Haar. Auf das Mädchen, welches sie einmal beste Freundin genannt hatte. Erneut schnaubte Megumi. Am liebsten wäre sie gegangen. Sie verspürte kein großes Bedürfnis Hitomi wiederzusehen und an die Wirkung des Charms glaubte sie ohnehin nicht. Dennoch blieb sie sitzen und wartete. Takeshi, der dies alles ins Rollen gebracht hatte, wurde allmählich ebenfalls nervös.

„Doch, doch. Sie kommt schon“, versicherte er, klang dabei jedoch alles andere als überzeugend. Die Rothaarige verdrehte genervt die Augen. Wenn sogar der optimistische Takeshi zu zweifeln begann, sah sie für die Aktion schwarz.
Megumi war kurz davor, sich zu erheben und nach Hause zu gehen. Der Gedanke an ihr warmes, kuscheliges Bett lockte sie. In dem alten Schulgebäude in welchem sie sich befanden, war es nämlich alles andere als gemütlich. Außerdem war es dunkel. Einzig und allein die Kerze in Takeshis Hand spendete etwas Licht.

Dennoch fühlte sich Megumi unwohl. Wenn sie ehrlich mit sich war, fand sie es ziemlich unheimlich nachts allein in der Schule zu sein. Das Gelächter und Geschnatter ihrer Klassenkameraden fehlte. Es war zu still. Gespenstisch ruhig. Megumi schrie erschrocken auf, als sie ein lautes, polterndes Geräusch vernahm. Takeshi wäre vor Schreck beinahe die Kerze aus der Hand gefallen. Alarmiert sprang er vom Tisch auf und ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu.

Schwungvoll öffnete er sie, während Megumi sich die Hand vor den Mund hielt und angespannt zu ihrem Freund hinübersah. Takeshi blickte den finsteren Gang entlang. Er schaute zuerst nach links, dann nach rechts. Das schummerige Licht der Kerze reichte nicht aus, um weit blicken zu können. „Takeshi, bist du das?“ Erleichtert seufzte er auf, als er Hitomis unsichere Stimme vernahm. „Ja, wir sind hier“, antwortete er und wenig später löste sich ihre Gestalt aus den Schatten. Mit einem entschuldigenden Lächeln trat sie näher.

„Tut mir leid, dass ihr warten musstet.“ Takeshi winkte ab. „Nicht schlimm, aber musstest du uns unbedingt zu Tode erschrecken?“ Hitomi legte den Kopf schief. „Habe ich das?“ Der schwarzhaarige Junge nickte leicht. „Oh ja, hast du. Mach das nicht nochmal. Man fühlt sich hier nicht besonders wohl, da erschreckt man sich schnell.“

Hitomi konnte ihm nur zustimmen. Es war wirklich unheimlich. Sie hatte nicht gewusst, dass das Schulgebäude dermaßen dunkel war. Sie konnte die Hand vor Augen nicht sehen und war schlussendlich über einen Stuhl, welcher ungünstig mitten im Korridor stand, gestolpert. „Zu dumm, dass wir ausgerechnet heute einen Stromausfall haben“, murmelte Hitomi, die den kleinen Klassenraum, in welchem Megumi wartete betrat.

Takeshi zuckte mit den Schultern und schloss die Tür hinter sich. „Um den Charm auszuführen, hätten wir das Licht sowieso ausmachen müssen“, antwortete er, stellte die Kerze auf den Boden und begann mit der Vorbereitung des Rituals.

Unterdessen ging Hitomi zögerlich auf ihre ehemals beste Freundin zu. „Hi“, sagte sie leise und blickte schuldbewusst zu Boden. Inzwischen tat es der Blonden unendlich leid, dass sie ihrer Freundin unterstellt hatte, sie würde mit jeden rummachen und sämtlichen Mädchen den Freund ausspannen. Es war gemein und falsch von ihr gewesen. Sie hatte sich bereits mehrere Male entschuldigt. Jedoch vergeblich. Abfällig musterte Megumi sie.

Mittlerweile hatte sie sich von dem Schreck erholt und konnte nun wieder ihre Wut auf dieses Mädchen, welches sich beste Freundin schimpfte, schüren. „Hallo“, antwortete sie knapp in einem unterkühlten, feindseligen Tonfall. Eine unangenehme Stille breitete sich in dem kleinen Klassenraum aus. Hitomi wollte etwas sagen. Etwas, das alles wieder gut machen würde. Doch ihr fiel nichts ein. Megumi war froh darüber. Sie war die ständigen Entschuldigungen leid.

Gerade, als Hitomi den Mund aufmachte, um irgendetwas zu sagen, winkte Takeshi sie zu sich. Megumi stand wortlos von ihrem Sitzplatz auf und stolzierte an Hitomi vorbei. Mit einem leisen Seufzer folgte die Blonde. Offenbar hatte sie kein Interesse daran, sich mit ihr zu vertragen. Irgendwie verständlich, wie sie fand. Ihre letzte Hoffnung die Freundschaft mit Megumi zu retten, schien tatsächlich der Sachiko-Ever-After-Charm zu sein. Hoffentlich würde er funktionieren.

„Setzt euch“, bat Takeshi und blickte die beiden Mädchen aus dunkelgrünen Augen ernst an. Wortlos kamen sie der Bitte nach. Einen Augenblick herrschte absolute Stille. Misstrauisch betrachtete Megumi die weiße Papierfigur, welche der Schwarzhaarige in den Händen hielt.

„Der Charm funktioniert folgender Maßen. Jeder von uns fast die Figur irgendwo an. Danach wiederholen wir im Stillen drei Mal die Worte `Sachiko we beg on you´, also je einmal für jede Person in diesem Raum. Sobald wir damit fertig sind, ziehen wir so stark an dem Papier, bis es reißt und jeder von uns einen Schnipsel in der Hand hält. Diesen verwahren wir dann gut und ja, das wäre schon alles... Machen wir es richtig, sollte Megumi dir vergeben und ihr werdet für den Rest eures Lebens die besten Freundinnen bleiben“, endete Takeshi und grinste breit. Er war schon ein echtes Genie. Damit musste es einfach klappen.

„Aha“, war alles, was die Rothaarige dazu loswerden wollte. Als ob das funktionieren würde. Pure Zeitverschwendung, aber zu diesem Schluss würde Takeshi in den nächsten Augenblicken selbst kommen. „Warum machst du eigentlich bei dem Charm mit?“, fragte Megumi und blickte zweifelnd die Papierfigur an. Sie sah aus, wie ein Mensch mit ziemlich dicken Gliedmaßen und großem Kopf. Wirkte auf sie irgendwie merkwürdig. Nahezu lächerlich.

„Na ja, wenn wir schon mal dabei sind. Außerdem möchte ich auch Freundschaft für immer“, lächelte der naive Junge und streckte ihnen schließlich die skurrile Figur entgegen. Mit einem leisen Seufzen ergriff Megumi den rechten Arm des aus Papier bestehenden Männchens. „Das wird sowieso nicht funktionieren“, säuselte sie und fragte sich insgeheim, weswegen sie noch immer hier war. Takeshi hielt den Kopf zwischen zwei Fingern fest und blickte Hitomi auffordernd an. Diese zögerte.

„Was... Was passiert eigentlich, wenn etwas schief geht?“ Takeshi neigte leicht den Kopf. „Keine Ahnung. Ich nehme an, dann wird der Charm einfach nicht hinhauen.“ Langsam nickte Hitomi. Solange sie nicht verflucht wurden, oder dergleichen, konnte sie ohne Bedenken mitmachen. Sie war ziemlich abergläubisch, sodass sie sich lieber über die Folgen eines verpfuschten Charms informieren wollte. Die Blonde griff nach dem linken Bein.

„In Ordnung. Sind alle soweit?“ Die beiden Mädchen  nickten und umfassten ihren Teil des Papiermännchens noch ein wenig fester. „Dann los“, grinste Takeshi und begann damit die Worte drei Mal in seinem Kopf zu wiederholen.

`Sachiko we beg on you´
Ein leises Knarren ertönte. Leise genug, um es nicht wahrzunehmen.
Geräuschvoll pfiff der Wind um die Ecken des alten Gebäudes.
Draußen hatte es begonnen zu regnen. Das Prasseln des Regens wirkte unwirklich.

`Sachiko we beg on you´
Megumi kam sich ziemlich merkwürdig vor. Auf dem kühlen Boden der Schule hockend, mitten in der Nacht, mit einem Papiermännchen in der Hand und immer diese Worte wiederholend. Lächerlich.
Hitomi spürte, wie sich die feinen Härchen an ihren Armen aufstellten. Sie bekam eine Gänsehaut, doch ihr war nicht kalt.
Takeshi fühlte sich beobachtet. Er spürte Blicke in seinem Rücken. Irgendetwas war bei ihnen. Am liebsten wäre er herumgewirbelt und hätte sich vergewissert, dass niemand außer ihnen da war. Er tat es nicht.

`Sachiko we beg on you´
Die Kerze neben ihnen begann unruhig zu flackern. Seltsam. Keines der Fenster war geöffnet, die Tür geschlossen. Kein Windzug konnte ins Zimmer dringen.
Der Wind heulte auf, lauter als zuvor. Als würde er sie warnen wollen.
Erneut ein Knarren. Lauter, als käme etwas näher.
Ein leises Kratzen an der Tür. Es wird von dem Heulen des Windes verschluckt. Keiner der drei Freunde konnte die Stimme hören, welche von der anderen Seite kam.

Mit einem Ruck zogen sie an der Papierfigur, welche mit einem reißenden Geräusch in drei unterschiedlich große Teile gerissen wurde. Zufrieden betrachtete Hitomi ihren Teil. „Es ist alles gut gegangen, oder?“ Megumi nickte leicht und blickte nachdenklich auf den Papierfetzen in ihrer Hand.

„Jupp und ich hasse dich immer noch dafür, was du getan hast“, antwortete die Rothaarige trocken. Takeshi drehte sich kurz um und warf einen prüfenden Blick in die dunkle Ecke des Zimmers. Nichts. Offensichtlich hatte er sich alles nur eingebildet. Vermutlich lag es daran, dass sie diesen dämlichen Charm ausgeführt hatten und seine Fantasie endgültig mit ihm durchging. „Vielleicht dauert es eine Weile, bis er wirkt?“, mutmaßte der Schwarzhaarig und lächelte die beiden Mädchen aufmunternd an. Sowohl Megumi als auch Hitomi wirkten irgendwie enttäuscht.

„Kann ich jetzt gehen?“, maulte Megumi als Antwort und stopfte ihren Teil des Charms in die Hosentasche. Auch die anderen beiden verstauten ihre Papierstücke. „Schätze schon“, antwortete Takeshi und erhob sich. Hitomi blieb niedergeschlagen sitzen, während sich ihre ehemalige Freundin ebenfalls erhob und das Weite suchen wollte. „Gut. Dann-“, der Rest von Megumis Satz ging in einen erschrockenen Schrei unter. Der Boden begann zu beben. Der gottverdammte Boden bewegte sich! Takeshi geriet ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und stürzte.

Hitomi wimmerte leise und kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung das Beben würde gleich vorbei sein. Die Kerze erlosch ohne Grund und kippte eine Sekunde später um. Megumi versuchte sich an einem der Tische festzuhalten, jedoch begannen auch diese über den Boden zu rutschen, sodass sie keinen sicheren Halt fand. Entsetzt sah Megumi, wie sich Risse im Boden bildeten. Sie waren im dritten Stock! Wenn der Boden wegbrach, dann...

Bevor Megumi auch nur ansatzweise versuchen konnte die rettende Tür zu erreichen, zerbarst der hölzerne Boden mit lautem Splittern. Die Schreie ihrer Freunde und ihre eigenen klingelten in ihren Ohren. Sie spürte wie sie fiel. Diesen Sturz würde sie nicht überleben.