Breaking Minds

von Enigma
OneshotAllgemein / P16
18.07.2018
18.07.2018
1
1852
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
„M-Morishige?“ Satoshis Stimme zitterte. Vor einiger Zeit hatte Morishige sich mit der Begründung, die Umgebung zu überprüfen, von ihnen getrennt. Er wollte sich vergewissern, ob dieser Gang einigermaßen sicher war, oder sich die mörderischen Geister in ihrer Nähe aufhielten. Wenn Satoshi ehrlich zu sich selbst war, hatte er sich darüber gefreut, dass Morishige diese Aufgabe freiwillig übernommen hatte. Ayumi, welche neben ihm stand, klammerte sich halt suchend an seinen Arm. Misstrauisch fixierte sie Morishige, welcher starr zurückblickte.

Seine Hände waren blutbefleckt. Satoshi schluckte. Er hatte keine Ahnung, was die blutigen Hände seines Gegenübers zu bedeuten hatten. Entweder sie reagierten gerade grundlos über und verdächtigten Morishige zu Unrecht, oder er hatte tatsächlich... „Wo warst du?“, brachte er schließlich hervor und verbannte die Unsicherheit mit Mühe aus seiner Stimme. Es gab keinen Grund sich zu fürchten –  hoffte er zumindest. „Ich habe den Schlüssel für die Krankenstation gefunden. Hier draußen ist es viel zu unsicher.“ Morishige griff in seine Jackentasche und zog eben diesen hervor. Er war ebenfalls über und über mit Blut befleckt. Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er fortfuhr. „Ich habe den Schlüssel im Inneren einer Leiche gefunden. Ich gehe davon aus, dass diese Person ihn hinunterschluckte, um ihn vor jemanden zu verstecken“, erklärte Morishige und blickte nachdenklich das kleine Stück Metall in seiner Hand an. Satoshis Körper entspannte sich augenblicklich. Es bestand kein Grund zur Sorge. Er hatte niemanden getötet, lediglich die Leiche abgesucht, richtig? „Ach so. Das ist super, dann können wir uns dort schlafen legen. Ist vermutlich wirklich sicherer...“

Satoshi klang nicht sehr überzeugt. Irgendetwas sagte ihm, dass die Krankenstation vielleicht nicht so sicher war, wie sie den Anschein machte. Andererseits wollte er auch nicht im Gang schlafen, wo er von jemanden oder etwas leicht entdeckt werden konnte. Im Gegensatz zu Satoshi schien Ayumi ihr Misstrauen gegenüber Morishige nicht abgelegt zu haben. Noch immer hielt sie seinen Arm fest umschlungen und blickte angespannt zu ihm hinüber – sagte jedoch nichts. Morishige nickte leicht und drehte sich um. „Gut, dann lasst uns gehen.“ Satoshi schielte kurz zu Ayumi hinüber, welche Morishiges Rücken mit ihren Blicken durchbohrte. „Ich traue ihm nicht“, flüsterte sie, ehe sie sich in Bewegung setzten und Morishige den düsteren Gang hinunter folgten.

Morishige steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn nach rechts. Ein leises Klicken ertönte. „Sollte jetzt offen sein“, teilte er seinen Begleitern mit und stieß die Tür sogleich auf. Ohne zu zögern betrat der Brillenträger den Raum. Satoshi folgte ihm, ebenso wie Ayumi, welche inzwischen seinen Arm losgelassen hatte.

„Sieht in Ordnung aus“, kommentierte der Braunhaarige und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Ayumi schien seine Meinung nicht zu teilen. „Irgendetwas stimmt mit diesem Raum nicht“, murmelte sie und trat unruhig von einem Bein aufs andere. Satoshi warf ihr einen verwunderten Blick zu. „W-was ist mit dem Zimmer?“ Er klang nervös und schaute sich beunruhigt genauer um, suchte nach etwas, was möglicherweise gefährlich werden könnte. Morishige setzte sich auf eines der Betten. Seine blutigen Hände befleckten das weiße Laken. Ayumi fasste sich an den Kopf und schüttelte diesen leicht.

„Es ist nur so ein Gefühl... Spürst du nichts?“ Satoshi horchte einen Augenblick in sich hinein. „Nein, nichts“, antwortete er stirnrunzelnd. „Was ist mit dir, Morishige?“ Angesprochener starrte die gegenüberliegende Wand des Raumes an und reagierte nicht. „Morishige?“, versuchte Satoshi ein weiteres Mal die Aufmerksamkeit ihres Klassenkameraden zu gewinnen. Einen kurzen Augenblick herrschte Stille, dann antwortete er schließlich. „Ja, was ist?“ „Ich äh, ich habe gefragt, ob du ein schlechtes Gefühl hast...“ Morishige sah etwas verwirrt aus. „Also wegen dem Raum“, fügte Satoshi noch unbeholfen hinzu. „Nein“, erwiderte er und wendete sich ab. Ein dunkler Schatten huschte über Ayumis Gesicht. Vielleicht wurde die Vorahnung, dass irgendetwas schreckliches passieren würde, nicht durch den Raum ausgelöst, wie sie anfangs geglaubt hatte. Vielleicht lag es auch an etwas anderem. Oder an jemand anderen...

Als Ayumi Schritte vernahm, öffnete sie ihre müden Augen. Sie fühlte sich träge. Ihr Körper erschien ihr unglaublich schwer. Überraschenderweise war ihr Geist erstaunlich klar. Sie hatte Schritte gehört. Klar und deutlich, dessen war sie sich sicher, obwohl diese nun verklungen waren. Im Raum herrschte Totenstille. Irgendjemand war hier. Ayumis Herzschlag beschleunigte sich. Keine Panik, vielleicht war es nur einer von uns, versuchte sie sich zu beruhigen. Der Gedanke war wenig tröstlich. Die aufkommende Panik ließ sich nicht unterdrücken. Das schlechte Gefühl kehrte wieder. Stärker als das erste Mal. Etwas stimmte nicht. Ayumi wollte sich aufrichten, konnte jedoch keinen Muskel rühren. Ihre verzweifelten Versuche aufzustehen, steigerten ihre Angst.

Was war bloß los? Wieso gehorchte ihr Körper nicht? Ayumis Augen weiteten sich, als die Schritte erneut ertönten. Unangenehm laut hallten sie in ihren Kopf wieder. Offenbar bewegte sich jemand auf sie zu. Sie lag im hinteren Bett, neben ihr schlief Satoshi, dessen gleichmäßigen Atem sie ebenso klar vernahm, wie die bedrohlichen Schritte. Morishige hatte sich dazu bereit erklärt, auf dem Boden zu schlafen. Ayumi blickte angespannt in die Richtung, aus welcher die Schritte kamen.

Wenig später konnte sie eine Silhouette erkennen. Wäre sie in der Lage gewesen, dann hätte sie geschrien. Bewegungslos, wie sie war, konnte sie nicht einmal den Jungen neben ihr warnen. Die Gestalt griff in seine Jackentasche und zog etwas hervor, das Ayumi wegen der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Plötzlich zerriss ein greller Blitz die Finsternis. Der Gegenstand, den die Person in der Hand hielt, war ein Handy. War es etwa... Morishige? Ein irres, schrilles Lachen ertönte. Die Finsternis schlug wieder über sie zusammen. Ayumi schloss die Augen. Nein, bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Sie hörte das Rascheln von Stoff.

Und dann einen furchtbaren Schrei. Satoshi neben ihr begann wild um sich zu schlagen, versuchte sich zu wehren. Sein qualvoller Schrei wurde lauter, ein widerliches Geräusch ertönte – als würde man Fleisch zerreißen. Ayumi spürte eine warme Flüssigkeit auf ihrer Wange. Satoshi schnappte verzweifelt nach Luft. Er starb neben ihr. Sein Schreien ging in ein gurgelndes Geräusch über. Irgendwann verstummte er. Wenig später erhellte erneut ein greller Lichtblitz den Raum und gab den Blick auf Satoshies zerfetzte Leiche frei. Das Blut hatte das Laken durchnässt. Ayumi konnte noch immer nicht schreien. Auch dann nicht, als Morishige das Messer in ihren Körper stach.

Ayumi riss die Augen auf. Sie war schweißgebadet und zitterte am ganzen Körper. Neben ihr schlief Satoshi. Er war unverletzt. Ihm fehlte nichts. Dennoch saß ihr die Angst in den Knochen. Morishige. Er würde sie töten, wenn sie nichts dagegen unternehmen würden! Ayumi schüttelte den Jungen neben ihr. „Wach auf, bitte wach auf“, flüsterte sie, spürte wie ihr Tränen in die Augen traten. Schnell, schnell, bevor Morishige uns umbringt. „Ayumi? Was ist los?“, erklang die verschlafene Stimme Satoshis. „Gott sei Dank, du bist wach! Satoshi, Morishige will uns töten! Wir müssen ihn aufhalten.“ Verwirrt richtete er sich auf. Ayumi tat es ihm gleich.

„Was? Wieso... wie kommst du darauf?“ „Denk doch mal an vorhin. Seine Hände, hast du seine Hände nicht gesehen? Wer sagt uns, dass er den Schlüssel wirklich nur gefunden hat? Was wenn er den Besitzer des Schlüssel umbrachte? Und wenn nicht, wer ist so krank und holt ihn aus dem Inneren einer gottverdammten Leiche? Mit ihm stimmt etwas nicht! Ich weiß es einfach! Los, wir müssen etwas tun, bevor er aufwacht“, drängte Ayumi. Satoshi wirkte unschlüssig. Sollte er seiner Freundin glauben? Sie wirkte dermaßen überzeugt, aber was, wenn sie sich irrte?

【Ayumis Warnung beherzigen】←
【Ayumis Warnung ignorieren】


Satoshi griff nach der kaputten Nachttischlampe neben seinem Bett. Morishige schlief direkt neben ihnen auf dem Boden. Satoshi atmete tief ein, bevor er die Lampe auf Morishiges Kopf schlug.

Mit einigen Bandagen hatten Ayumi und Satoshi ihren Klassenkameraden gefesselt und vor die Tür der Krankenstation getragen. Die Kopfwunde hatte Satoshi notdürftig versorgt um sein schlechtes Gewissen zu mildern. Trotzdem war ihm nicht wohl bei der Sache. Das einzige was ihre Tat rechtfertigte, war eine einfache Vermutung. Andererseits war Ayumi dermaßen in Panik gewesen, dass er mittlerweile selbst zu zweifeln begann. Sie hatte darauf bestanden, dass er aus dem Zimmer musste, anderenfalls könne sie mehr einschlafen. Konnte sich Ayumi wirklich so sehr irren? Möglicherweise hatten sie doch das richtige getan.

Als Morishige zu sich kam, schmerzte sein Kopf höllisch und er war nicht in der Lage sich zu bewegen. Fassungslos stellte er fest, dass er gefesselt worden war. Wieso taten sie ihm das an? Weswegen hatten sie ihn sogar aus dem Zimmer getragen? Ein leises Kichern ertönte. Morishige erstarrte. Hektisch suchte er mit den Augen die Umgebung ab. Die dunklen Gänge der Heavenly Host Elementary School schienen leer zu sein, doch wenig später löste sich die Gestalt eines kleinen Mädchens aus den Schatten. Ein Mädchen mit langen, schwarzen Haaren und einem roten Kleid. Sie blieb vor ihm stehen, sah auf ihn herab und legte dann langsam den Zeigefinger an ihre Lippen. Morishige starrte ängstlich zu ihr hinauf. Das war doch eines dieser Geisterkinder. Sachiko.

【Schreien, um die anderen aufzuwecken】
【Ruhig bleiben, wie Sachiko andeutete】←

Das Mädchen im roten Kleid öffnete die Tür und glitt lautlos in den Raum.
Ein schmales Lächeln stahl sich auf Morishiges Gesicht. Sie hatten ihn verraten und von der Gruppe abgespalten. Dann brauchten sie seine Hilfe auch nicht länger.
Ein dumpfes Poltern ertönte, gefolgt von einem Schrei. „Satoshi, wa-?“
Erneut ein Schrei, dieses Mal schriller. „Oh Gott, was ist das?“ Das Geräusch einer zuschnappenden Schere. Weinen, Kreischen, panisches Rufen – und dann Stille.
Wenig später tauchte das Mädchen wieder auf. Über und über mit Blut bedeckt, eine rostige, alte Schere in der Hand. Sie lächelte ihn an. Dann drehte sie sich um und ging. Morsishige versuchte sich von den Fesseln zu befreien, sobald sie aus seinem Blickfeld verschwunden war. Mit Schrecken stellte er fest, dass Ayumi und Satoshi nicht nur einfache Bandagen verwendet hatten – sondern zusätzlich Kabelbinder benutzten.

Ohne eine Schere oder dergleichen, würde er sich nicht befreien können. Seine Klassenkameraden waren tot. Sie konnten ihn nicht mehr befreien. „Nein“, flüsterte  er und kämpfte mit aller Kraft gegen die Fesseln an. „Nein, nein, nein, nein, nein!“ Er würde hier sterben. Er würde qualvoll verdursten müssen, wenn niemand kam, um ihm zu helfen. Oder die Geister würden ihn holen. Tatsächlich war der Wahn schneller. Er nahm ihm bereits nach dem zweiten Tag seinen Verstand. Als der Versuch den Kabelbinder mit den Zähnen durchzureißen fehlschlug, begann Morishige sich wie ein gefangenes Tier die Hände abzubeißen. Er verblutete, bevor er auch nur den Knochen erreicht hatte.

Ein leises Lachen zerriss die Stille in den düsteren Gängen.
„Hättest du doch nur geschrien.“

»W r o n g    E n d«