Meine Hure aus Athen

OneshotDrama, Freundschaft / P16 Slash
Alexander Cleitus Hephaestion
17.07.2018
17.07.2018
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Willkommen zu einem kurzen OneShot der schon seit einigen Monaten hier herum lag und den ich erst in eine andere Sammlung verfrachtete. Doch da ich ihn als sehr gelungen empfinde, dachte ich mir, ich überlasse ihm als eigene Geschichte und nochmal etwas überarbeitet das Rampenlicht. Ich hoffe euch gefällt diese kleine Anekdote und möge sie euch zum einen oder anderen Kommentar inspirieren, oder gar, selbst zur Feder zu greifen. Bis dahin, viel Freude mit dieser Kurzgeschichte.

LG. M.







Er tanzte. Sein glänzender Oberkörper reflektierte das matte Licht, welches das Zelt erhellte, wie eine polierte Bronzeschale. Er tanzte gerne und er tat es häufig. Mal ausgelassen, mal wie mit dem Geist in einer anderen Welt. Er war wunderschön. Alles an ihm. Sein Anblick löste in jedem Begehren aus, der seinen Weg kreuzte und auch meine Lenden brannten, als er seine Glieder in fast unmenschlicher Anmut vor meinen Augen bewegte. Doch ich wusste, der Tanz war nicht für mich bestimmt. Nicht für den König. Nicht dieses Mal. Nie. Nicht von ihm. Er galte all jenen, die dasselbe verspürten wie ich und die bereit waren, ihre Geheimnisse gegen körperliche Lust zu tauschen. Denn wenn er in einer Sache gut war, dann war es Geheimnisse. Seine süßen Lippen versprachen einem das Himmelreich auf Erden und sein sinnlicher Körper die Glückseligkeit. Er tat es für mich. Er sprach nie darüber, doch ich wusste es. Ich sah es in seinen Augen, jedes Mal, wenn er verschwand, im Zelt eines Ratsherrn dem ich misstraute, einer Dienerin, die einer meiner eifersüchtigen Ehefrauen diente. Er flüsterte ihnen süße Nichtigkeiten ins Ohr, küsste ihre Haut, ihre Lenden und sie sagten ihm alles was er wissen wollte. Er besaß diese Gabe bereits seit er den Kinderbeinen entwachsen war und auch jetzt, zögerte er keine Sekunde, um von ihr Gebrauch zu machen. Ich beobachtete über den Rand meines Weinbechers hinweg, wie er sich bewegte. Beinahe, als sei eine zierlich Frau in seinem Körper gefangen und kein Krieger. Ich hörte die Pfiffe und die dreckigen Sprüche, die er tagtäglich zu hören bekam, wenn er auf der Jagd war, wie er es nannte. Mit einem gekünstelten Lächeln ließ er sich auf den Schoß eines bereits ergrauten Beraters ziehen, den er für diesen Abend auserwählt zu haben schien. Die Schmeicheleien und das Gegurre, sollte er den jungen Lüstlingen und Dienern überlassen und seinen wertvollen Körper nicht an diese alten Säcke verschwenden! hatte Kleitos geknurrt als er seine Machenschaften nach einigen Malen beobachtete. Und er hatte recht, wie so häufig. Ich sah mit aufkeimendem Zorn dabei zu, wie mein Freund sich diesem Mann an den Hals warf. Wie er ihm schöne Augen machte, ihm zu säuselte, über alles lachte was er sagte und ihm das Gefühl gab, einzigartig zu sein. Ich spürte die Eifersucht in mir auflodern und krallte meine Finger etwas fester um den goldenen Weinkelch. Meine Knöchel wurden weiß und mein Gesicht immer röter. Mit zusammengebissenen Zähnen beobachtete ich, wie er meinem Vertrauten die Hand unter die spärliche Kleidung schob und ihm etwas zuflüsterte. Sie erhoben sich und er folgte ihm in Richtung Ausgang des Zeltes. Da war er wieder. Dieser Blick der sagte: Ich tu es für dich! Ich wollte es nicht. Ich wollte nicht, dass er sich für mich verkaufte und diese ganze Schande über sich ergehen ließ, die diese Taten mit sich brachten. Doch er war meine einzige Informationsquelle. Niemand war so ehrlich wie unter Einfluss von Alkohol und nackter Haut. Und beides besaß er und beides setzte er ein. Ich sah ihm hinterher, als er verschwand und hatte die ganze Zeit diesen Blick vor Augen. Diesen Blick den man hatte, wenn man etwas tat, wofür man sich schämte, es aber nicht vermeiden konnte. Ich hasste mich dafür, dass ich es zuließ. Doch ausreden ließ er es sich nicht, denn auch er wusste, wie wichtig und einzigartig diese Informationen derer waren, denen ich misstraute. Alles was er brauchte waren Namen und bezügliche Themen. Einen Tag darauf lieferte er mir, was ich wissen musste, um ein Urteil zu fällen. Drei Verräter war ich so in der Vergangenheit losgeworden, die ihre Zunge im Alkohol gebadet hatten und deren Männlichkeit ihnen zu viel abverlangte.  „Da geht sie wieder… die kleine Hure!“ die Stimmen waren leise, doch deutlich zu hören. Ich hätte ihnen böse sein sollen, doch ich konnte es nicht mal. Sie hatten ja recht. Ich verkaufte seinen Körper für meine Sicherheit. Ich ekelte mich mehr vor mir selbst als je vor jemand anderen. „Er nimmt kein Geld hab ich gehört. Also keine Hure… Wie nennt man eine Person, die sich beinahe täglich ficken lässt?“ „Schlampe? Flittchen!“ Ich vergrub das Gesicht in den Händen und danach im Wein. Ich wollte das alles nicht mehr hören. Nachdem ich einen tiefen Schluck genommen hatte, stellte ich den Becher neben mir ab und erhob mich. Leise verließ ich die Feier ohne viel Aufsehen zu erregen und zog mich in mein Zelt zurück. Meine Frustration versenkte ich in Alkohol und einer gefügigen Dienerin die zu ihrem Pech zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Beinahe mechanisch bewegte ich mich in ihr als sei mir meine Handlung geradezu gleichgültig.

„Alphaeus von Soloi wusste vom Verrat an dir…Er wusste es und schwieg.“ Hephaistions Lippen waren so nah an meinem Ohr, dass ich seinen warmen Atem spüren konnte. Seine Hand lag vertrauensvoll auf meiner Schulter, als er mir das, mehr oder minder, freiwillige Geständnis zuführte. Ich schloss die Augen und vergrub das Gesicht in der rechten. „War er ein Unterstützer oder ein Tadelnder?“ wobei es relativ egal war, ob er es befürwortet oder abgelehnt hatte. Durch sein Schweigen hatte er mein Ableben in Kauf genommen und darauf stand die Todesstrafe. „Es war ihm egal…“ raunte er. „Es war ihm egal, ob sein König stirbt oder lebt. Philotas wollte ihn durch verschworene Diener anwerben lassen. Alles was Alphaeus kannte, war das Gesicht eines seiner Diener. Darauf lässt sich der Verdacht zweifelsfrei bestätigen, dass Philotas deinen Tod wollte, Alexander!“ Wie beschränkt konnte man nur sein und seine eigenen Diener Schicken. „Hat er gesagte um welchen Diener es sich handelt?“ „Nein, aber soweit ich zwischen den Zeilen lesen konnte, war er nicht unter den Hingerichteten.“ „Er lebt also noch?“ „Und er wird ihn vermutlich identifizieren können.“ Ich richtete mich etwas auf und atmete tief durch. „Danke, Hephaistion. Lasse doch bitte meine Wachen den mutmaßlichen Verräter vorführen und die übriggebliebenen Diener aller Befehlshaber. Wer weiß, wo er untergekrochen ist.“ Er senkte knapp den Kopf und entschwand im Sonnenlicht außerhalb des Zeltes. Ich ließ meine obersten Ratsherren zusammenkommen und sich hinter mich aufstellen. Mehr als ein Dutzend Wachen kehrten mit dem Beschuldigten und gut zwei Dutzend Untergebenen zurück. Mein Vertrauter nahm neben mir Aufstellung und wartete auf weitere Befehle. Ohne mich zu erheben, doch mit durchdringender Stimme begann ich zu sprechen. „Ist es wahr, hier anwesender Alphaeus von Soloi, dass Ihr vom Verrat an mir wusstet und mit voller Absicht Schweigen bewahrtet? Denkt lieber zwei Mal nach, bevor Ihr Euren König belügt!“ Es herrschte Stille. „Ich habe aus verlässlichen Quellen erfahren, dass einer von Philotas Dienern zu Euch sprach, um Euch anzuwerben. Ihr lehntet ab. Doch anstatt dies zu melden, wie sich ein jeder Untergebener, ein jeder Mensch meines Volkes aus Liebe und Respekt dazu verpflichtet sieht, wart Ihr stumm und nahmt meinen Tod ruhigen Gewissens in Kauf.“ Er leugnete. Natürlich leugnete er. „Ihr wollt meinen treusten Untergebenen der Lüge bezichtigen?“ „Ich weiß nicht, woher Ihr das habt, mein König. Ich hatte nichts mit dem Verrat an Euch zu tun… und trug kein Wissen davon. Das beteure ich!“ Ich wandte meinen Blick von diesem armseligen Wurm ab und zu den Wachen hin. „Man führe mir die Diener vor. Hat einer von Euch Kunde, dass dieser Mann hier, Wissen über das Attentat trug?“ Schweigen. „Diente irgendeiner von euch Philotas, Sohn des Parmenion?“ Zwei der Deiner traten vor. Gerademal Anfang zwanzig. „Und ihr sagtet, ihr hattet kein Wissen davon, weder vom Anschlag, noch vom Wissen dieses Herren?“ Meine Stimme hatte sich etwas erhoben, doch die beiden schüttelten ihre Köpfe. Sie wagten es nicht einmal aufzusehen und ich begann den Gestank der Lüge wahrzunehmen. „Hephaistion, wärst du so freundlich?“ Ich nickte in die Richtung der Befragten. Wortlos schritt mein Vertrauter hinüber zu ihnen und zog mit einer raschen Handbewegung einen schmalen Silberdolch aus seinem Waffengürtel. „Wollt ihr noch einmal über meine Frage nachdenken?“ Stille. Ich gab ein stummes Handzeichen und meine rechte Hand versenkte den Dolch ohne mit der Wimper zu Zucken im Handgelenk des Jungen. Ein erbärmlicher Schmerzensschrei drang aus seiner Kehle. „Ich weiß nichts! Ich weiß nichts, ich schwöre es!“ „Deine Zeit läuft ab, Junge. Je länger du schweigst, desto mehr Blut wird fließen. Schenkst du mir die Wahrheit, werde ich dir Linderung verschaffen.“ Er zitterte am ganzen Leib, wie er da so vor mir im Staub Kniete. Er wollte seine Blutung stoppen, doch Hephaistion bog ihm unsanft die Hand auf den Rücken, den anderen Arm noch immer fest im Griff. „Ich war Euch immer treu ergeben. Immer! Mein König, bitte glaubt mir doch, ich habe nichts getan.“  Ich seufzte und merkte, dass es wieder mal ein langer Abend werden würde.

Es war ein zu Unrecht, von vielen ersehnter Posten. Doch brachte er oft mehr Ärger und Kummer, als wahrliche Freuden. Als König eines mächtigen und vermögenden Reiches, hatte ich gelernt, nicht mal mir selbst zu trauen. Und die einzige Person, bei der ich es noch immer tat, hatte sich beängstigend verändert. Hephaistions Hass auf alles was mir Unrecht wollte, ging so weit, dass er Dinge tat, die er früher nicht einmal im Schlaf geträumt hätte. Seit er die Betten und Weinkelche einflussreicher Untergebener teilte, offenbarten sich mir immer mehr Schreckgespenster des Betrugs, der Lüge und des Verrats. Es graute mir, dass ich kaum noch ein Auge zu tat. Alles reden nützte nichts. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die eigenen Reihen vom Unrat zu säubern und ging mit radikaler Härte vor.

Eines kühler werdenden Herbstabends, lag ich wieder da. In meinem Zelt, die Wachen verdoppelt. Wein nur noch versiegelt und vorgekostet, wie alles andere auch. Ein leiser Windhauch wehte leicht den Stoff des Zeltes zur Seite als jemand auf leisen Sohlen das Zelt betrat. „Phai?“ Ich richtete mich auf und späte in die Dunkelheit. Er trat aus den Schatten und legte sanft einen Finger auf die Lippen. „Sch“, machte er leise und trat lächelnd auf mich zu. Erleichtert atmete ich wieder aus und entspannte mich etwas. Er ließ sich auf meine Bettstatt sinken und blickte mich fragend an. „Habe ich dich geweckt?“ Ich verneinte mit einem Kopfschütteln und gab ihm ein Zeichen näher zu kommen. Er rückte etwas an mich heran und legte seinen Kopf auf meine Schulter. „Konntest du nicht schlafen?“ Er seufzte. „Mein Körper ist ausgelaugt. Ich fühle mich so dreckig, dass nicht mal ein heißes Bad mir Abhilfe verschafft.“ „Dann hör auf!“ bat ich ihn, im Wissen, dass diese Worten keine Wirkung zeigen würden. „Ich liebe dich, Bruder und ich bange um deine seelische Gesundheit!“ Er sah knapp zu mir auf. „Solange ich dich nicht in Sicherheit weiß, werde ich alles Nötige tun, um dir diese zu gewähren…und wenn ich des Nachts an deinem Lager sitzen und den Dolch schärfen muss! Ich tue alles für dich, Alexander. Und wenn meine Seele dafür geschändet wird, dann nehme ich auch das in Kauf, denn du allein bist mein Herz und ein jeder braucht es um zu leben.“ Er schmiegte seine Stirn an meine freie Schulter und küsste meinen Oberarm. „Du weißt, das würde ich niemals von dir verlangen.“ „Und deshalb tue ich es mit tiefer Hingabe.“ Ich seufzte schmerzlich im Angesicht seiner unerschütterlichen Überzeugung und wünschte mir, mein Bruder hätte den Thron bestiegen. Wäre er doch nicht geistig unzurechnungsfähig. Ach, Zeus, meinen Thron würde ich geben, mein Königreich, für das Wohl meines Gefährten. Doch würde er es nie zulassen, selbst wenn es mein größter Wunsch wäre, wusste er doch tief im Innern, dass ich für dieses Leben bestimmt war und für kein anderes.



Vorsichtig ließ ich meinen Kopf unter die Oberfläche gleiten und ließ alle Geräusche im Umfeld verstummen. Das warme Wasser wusch die Seife von meiner Haut und brannte in meinen Augen. Notgedrungen tauchte ich wieder auf und sah verschwommen ein vertrautes Gesicht vor mir. Eilig winkte ich die Dienerinnen aus dem Bad und ließ mir einen Lappen reichen, um das Brennen entfernen zu können. „Erlaube mir Bericht zu erstatten.“ „Ich erlaube dir, dich zu entkleiden und mir hier drin Gesellschaft zu leisten. Noch ist es warm und mit dir steigt die Temperatur gewiss in den dreistelligen Bereich“ lächelte ich, erwartete jedoch nicht, dass er meiner Aufforderung Folge leistete. Das Gesagte unbeachtet lassend, begann er zu erzählen. „Ich habe den vergangenen Tag damit verbracht, jeden Diener, Berater, Soldaten, oder Höfling, was auch immer Fuß in diesen Palast setzt, registrieren zu lassen.“ Meine Braue wanderte gen Himmel. Registrieren. Musste so ein neues Wort aus einer der größeren Städte Griechenlands sein. Athen womöglich. „Ich habe jeden Namen notiert, dazu Stand, Anstellung, sowie Geburtsdatum und Herkunft. Wenn also etwas geschehen sollte, habe ich alles im Blick und der Verdächtige kann sogleich ausfindig gemacht werden. Ich werde zusätzlich dafür sorgen, dass jeder, jeden beim Namen kennt. Das macht die Sache zusätzlich einfacher.“ Ich seufzte und glitt etwas tiefer in die löwenbeinige Wanne zurück. „Du arbeitest zu viel. Man sollte doch meinen, wenn man von einem Feldzug zurückkehrt, könnte man mal die Füße hochlegen. Du hast bereits so viel getan in letzter Zeit… mehr als ich von dir verlangen dürfte. Also komm her und entspanne dich etwas.“ Er machte jedoch keine Anstalten meiner Bitte zu folgen. „Alexander, ich versuche lediglich das Risikolevel um dich herum so niedrig wie möglich zu halten. Also bitte, lass mich einfach meiner Arbeit nachgehen.“ „Du bist ein Spielverderber“, „mag sein…“ „Ich will den alten Phai zurück. Der, der einst mit sonnengebräunter Haut, leuchtenden Augen und einem verschmitzten Grinsen mit mir die Ziegen der Nachbarsbauern austauschte, bevor wir die Weinkammer meines Vaters plünderten.“ Ich lächelte bei der Erinnerung, wurde von seinem Gesichtsausdruck jedoch prompt ernüchtert. „Was ist aus dem Phai geworden?“ „Er ist erwachsen geworden, Alexander. Und wenn du am Leben bleiben und anders als dein blühendes Vorbild, die Dreißig überschreiten möchtest, dann solltest du dasselbe tun.“ Ich blickte ihn eine Weile schweigend an und senkte den Blick. „Danke für deinen Bericht, Hephaistion, ich werde es zur Notiz nehmen. Du kannst jetzt gehen und tun, wofür du bezahlt wirst.“ Ich spürte, ohne ihn anzusehen, dass meine Worte ihn verletzten. Aber das war mir in diesem Moment gleich. „Ich tu das nicht, weil ich dafür bezahlt werde, Alexander. Ich tue es, weil du mir wichtig bist. Und anstatt mich von meiner Arbeit, dich zu schützen, mit albernen Kinderrein abzuhalten, könntest du mir wenigstens ein kleinwenig Dank und Wertschätzung entgegen bringen.“ Ich nickte leise. „Also gut. Ich merk’s mir. Bitte geh jetzt.“ Wortlos wandte er sich an der Tür noch einmal um und erwiderte meinen Blick, den ich ihm hinterher warf. Dann verschwand er geräuschlos hinter der schweren Flügeltür.

Müde ließ ich meinen Kopf auf den elfenbeinfarbenen Rand der Wanne sinken und schloss die Augen. Ich hasste solche Arten von Konversationen. Und hasste, was aus uns geworden war. Es war, als werfe er mir unterschwellig seinen aggressiven Wandel vor. Alles was ich wollte, war, unsere Freundschaft zurück. So wie sie früher war. Denn lieber würde ich mit dreißig sterben, als für den Rest meines Lebens ohne ihn zu verbringen. Denn genau das war meine Befürchtung. Ich würde sicher sein, wie damals an der Brust meiner Mutter, doch einsam, wie nie zuvor.

Vorsichtig klopfte ich an der dunklen Tür und wartete, bis geöffnet wurde. Ungeduldig winkte ich den Bediensteten fort und trat ein. „Störe ich?“ Beinahe fürchtete ich, die Antwort könnte bejaht werden. „Komm herein“, murmelte mein Freund, über seinem Schreibtisch gebeugt. „Wenn du mit mir Stöckchen werfen spielen willst, muss ich leider ablehnen. Frag Herakles, der liegt den ganzen Tag faul in der Sonne rum und sabbert meinen Perser voll.“ Stumm trat ich neben den schweren Tisch und beobachtete ihn, wie er die aufgelisteten Personen nach Rang und Namen sortierte.  „Du hast recht, Hephaistion.“ Er warf mir einen kurzen Blick zu. „Herzlichen Glückwunsch, Eure Majestät. Ihr habt mal wieder das offensichtliche erkannt.“ Ich verpasste ihm einen leichten Schlag an den Hinterkopf. „Du weißt, ich hasse das.“ „Wenn ich recht habe?“ „Nein, das habe ich längst akzeptiert. Aber du sollst mich nicht als solches bezeichnen. Das gibt mir das Gefühl, dass der Abstand zwischen uns immer weiter wächst und das möchte ich nicht.“ „Tut er das nicht ohnehin… Großkönig… Scheich, Pharao?“ Ich verpasste ihm noch einen Schlag, doch diesmal wich er aus und meine Hand lief ins Leere. Noch etwas, was er perfektioniert hatte, seit wir uns kannten. „Viele Dinge geschehen, Alexander. Nur weil du sie nicht wahrhaben willst, werden sie nicht verschwinden. Du magst ein Reich befehligen, welches das der Perser Meilenweit übersteigt, doch das Schicksal kannst du nicht kontrollieren.“ „Du liest zu viel Platon“ „Ich bin Diplomat, ich weiß mich auszudrücken.“ „Vielleicht sollte ich dich von deinen Kriegspflichten entbinden und hier in Babylon postieren…“ Er blickte mir argwöhnisch entgegen. „Bitte tu mir das nicht an. Abgesehen davon würdest du untergehen… so ganz ohne mich. Wie viele, angeblich treu ergebene Feldherren und Räte habe ich bereits überführt?“ „Das ist der nächste Punkt auf den ich zu sprechen kommen möchte“, „Halte mich nicht von meiner Arbeit ab.“ „Das möchte ich auch nicht. Ich bitte dich lediglich, deine Strategie noch einmal zu überdenken.“ „Alexander, lass mich dir was über mächtige Männer erzählen. Sie sind mächtig, korrupt, trinken und ficken alles was sich bewegt. Die letzteren beiden Attribute, nutze ich um das zweite unter Beweis zu stellen, weil es das erste möglich macht. Lass mich meine Arbeit machen und du wirst ein langes glückliches Leben führen.“ „Lang, vielleicht…“ Er unterbrach die Liste und legte die Feder beiseite, bevor er sich mir nun vollständig zuwandte. „Ich tu es nicht, weil es mir Freude bereitet, sondern, weil ich die einzige Person bin, der du vorbehaltlos vertrauen kannst. Es ist traurig, aber wahr. Und damit ich meinem Posten gerecht werde, muss ich mich darauf verlassen können, dass du mir gehorchst, wenn’s brenzlig wird und deinen königlich herangezüchteten Stolz für eine Weile vergisst. “ „Du hast mein Wort.“ „Ich will dein Wort nicht, Alexander, ich will dein Handeln.“ Er sah mir direkt in die Augen und ließ meinen Geist für einen Moment abdriften. Seine Lippen bewegten sich, doch an meine Ohren drang nur ein leises Rauschen. Ich sah im Augenwinkel, wie er ein Buch vom Tisch nahm und spürte kurze Zeit später, wie er es mir über den Schädel zog. Die Benommenheit abschüttelnd  erwiderte ich überrascht seinen verärgerten Blick. „Hältst du das hier alles für ein Spiel, Alexander?“ Ich wusste nicht ganz, worauf er hinaus wollte. „Glaub ja nicht, bloß weil wir Vertraute sind, dass du einen Freifahrtschein in mein Bett hast. Ich bin dein Freund und Beschützer und nicht eine deiner nächtlichen Eroberungen, die sich für ein paar Stunden für etwas Besonderes halten, weil du ihnen deine Aufmerksamkeit schenkst. Dabei wissen diese armen Seelen nicht, dass sie genauso gut eine Ziege sein könnten.“ „Hast du mich gerade als Ziegenficker bezeichnet?“ Fragte ich nun etwas verblüfft. „Nein, ich sage lediglich, dass der Geschlechtsakt etwas so banales für dich geworden ist, dass man diesen wohl lang nicht mehr mit dem Wort Romantik in Verbindungen bringen kann. Geschweige denn, Liebe. Deshalb sehe ich es als Beleidigung, wenn du solche Dinge versuchst, wie sie grad geschehen sind.“ Nun war ich noch verwirrter. „Ich kann dir nicht ganz folgen, deine Augen lenken mich ab.“ „Genau das!“ knurrte er. „Du bedeutest mir etwas und du sollst niemals denken, dass du bloß ein Zeitvertreib für mich bist… wie kann ich dir das deutlich machen?“ „Indem du meinen Bitten Folge leistest und jetzt halte bitte den Mund, ich möchte endlich diese Liste zu Ende bringen, bevor mir die Augen zufallen.“ Er wandte sich wieder seiner Liste zu und ich folgte einer Weile seinen flinken Fingern mit dem Blick. Er hatte die Schrift eines Schreiberlings. So leserlich und geradezu elegant. Vielleicht sollte ich den meinen entlassen und ihn anheuern. Aber dann würde ich ihm noch mehr auflasten, als er ohnehin längst über sich ergehen ließ. „Also gut“, brach ich die Stille und sah, wie sein Kiefer ungeduldig zuckte. „Ich werde deine Bitten befolgen, wenn du mir einen Gefallen tust.“ „Einen Gefallen?“ „Richtig.“ „Seit wann muss ein König um Gefallen bitten?“ „Seit es jemanden gibt, der ihm Befehle erteilen kann“, lächelte ich. „Also gut, was ist es?“ „Sag erst ja!“ „Den Teufel werd ich tun. Am Ende verspreche ich dir, eine erotische Nacht, oder gar deine Krone zu übernehmen“ „Hey, kein Grund frech zu werden. Also, ich möchte, dass du dir eine andere Art und Weise überlegst, wie du für meine Sicherheit sorgen kannst, anstatt dich an all diese alten Säcken zu verkaufen. Sonst wird der Geschlechtsakt in naher Zukunft auch für dich nichts mehr mit Romantik oder Liebe zu tun haben.“  „Da bist du etwas spät. Aber ich danke für deine Besorgnis.“ Er setzte seine Initialen unter das Dokument und legte es zum trocknen beiseite. „Ich wäre dir dankbar, wenn du dich jetzt zurückziehen würdest, ich würde mich gern zu Bett begeben.“ „Vielleicht wäre ich besser hier aufgehoben, wo du ein Auge auf mich hast…“ „Du tust es schon wieder, Alexander. Wenn du das nicht unterlässt, werden dies hier die tödlichsten Räume, die du je betratst.“ Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er sich entkleidete und seufzte schwer. „Ich verstehe nicht ganz, wo das Problem liegt. Wenn es für uns beide doch so unbedeutend ist, warum tun wir es dann nicht einfach.“ „Weil du keine Ziege bist und ich auch nicht… Du bedeutest mir etwas“, fügte er hinzu, als ich seinen Blick skeptisch erwiderte. „Und wie zeigst du Leuten, die dir etwas bedeuten für gewöhnlich, dass sie dir etwas bedeuten?“ „Ich sorge dafür, dass es ihnen gut geht und sie in Sicherheit sind. Du?“ Ich zuckte leicht mit den Schultern. „Ich schätze, ich… weiß nicht, ich sage es ihnen.“ „Worte sind unbedeutend in einer Welt gespaltener Zungen“ seufzte er und lehnte sich in die weichen Kissen. „Unterweise mich, oh großer Phai.“Säuselte ich schmeichlerisch und ließ mich auf die Bettkannte nieder. Er öffnete die Lider einen Spalt breit und selbst in diesem Spalt, konnte ich den Argwohn aufblitzen sehen.  

Zu meiner Überraschung klopfte er leicht neben sich und ließ mich näher rücken. „Vielleicht sollte ich heute Nacht wirklich ein Auge auf dich haben“, murmelte er und musterte mich eingehend. „Du brauchst es mir nicht zu beweisen. Beende einfach deine Versuche mich zu umgarnen. Nicht auf jeden hast du diese unglaublich hypnotisierende Wirkung“, lächelte er sanft. „Und was, wenn ich das nur tue, um dir nahe zu sein?“ „Wieso solltest du mir nahe sein wollen?“runzelte er die Stirn. Jetzt hatte ich mich verraten. „Genieße ich abgesehen von deinem Vertrauen, noch etwas anderes von dem ich nichts weiß?“ Seine Skepsis wich der Neugier. „Du hast recht, ich sollte gehen, bevor du mich noch verführst…“, sagte ich rasch und erhob mich von der Bettstatt. „Feigling.“ „Selbst Feigling.“ „Ich, ein Feigling? Weshalb?“ „Weil du dich versteckst. Hinter unbedeutenden Vögeleien und Geschwafel von Sicherheit. Gib zu, dass du Gefühle für mich hast!“ „Ich dachte immer du wüsstest, dass du mir wichtig bist?“ „Hör auf damit!“ „Womit?“ Ich schien ihn erfolgreich in die Enge zu treiben, deshalb ging ich nun einen Schritt weiter. „Du bist meine einzige Schulter zum ausweinen, ich muss dir vertrauen können, also hör auf mich zu belügen.“ „Ich habe dich nie belogen, das ist die Wahrheit.“ „Gut, dann bitte, fang jetzt nicht damit an.“  Er erwiderte meinen Blick deutlich nervöser werdend. „Alexander, du weißt, ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich in die Ecke drängt. Bitte unterlasse es.“ „Wer ist es, den du liebst? Sag es mir. Bin ich es, oder habe ich mich all die Zeit geirrt. Ich habe ein Recht es zu wissen.“ „Tu mir das nicht an.“ „Dann höre auf zu leugnen, Hephaistion“ „Alexander, ich warne dich!“ Mein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von dem seinen entfernt. „Ich muss dir vertrauen können.“ Stille zog über den Raum, in der jeder unserer Atemzüge an mein Gehör drangen. „Sind wir nicht ein wenig zu alt für diese Spielchen?“ erwiderte er meine Worte. „Wir beide wissen es und wir beide wissen auch, dass es keinen Sinn hat, dem nachzugeben.“ „Wo bleibt da die Freude am Leben? Was ist das Leben wert, wenn man nicht ab und zu etwas vollkommen Sinnloses tut?“  „Du willst Sinnlosigkeit? Dann geh und fick weiterhin deine Diener und Zofen, mein Lieber. Mein Leben ist mir zu teuer für solcherlei Dinge.“ „Du gibst also offen zu, dass du mich liebst und stößt mich dennoch von dir? Wieso?“  Er blickte mich eine Weile erschöpft an. „Weil ich, mein lieber Alexander, Vergnügen von Arbeit trenne. Und da du meine oberste Priorität bist, kann ich mir eine Verschmelzung beider Lebensbereich nicht leisten. Zu hoch ist die Gefahr, dass die Kontrolle verloren geht und ich aus den Augen verliere, was über Leben und Tod entscheiden kann. Ich verbringe lieber ein Leben ohne Liebe, anstatt das Einzige zu verlieren, die mir diese schenken könnte.“ Ernüchtert blickte ich auf ihn hinab und nickte dann schließlich. „Also gut“, kam es enttäuscht über meine Lippen. „Laufen wir also weiterhin herum in dem Wissen, dass da etwas ist, ohne es je auszuleben…“ „Es klingt so schrecklich grausam, wenn du es sagst.“ „Das ist es. Auch, wenn’s jeder andere sagen würde.“ Er fuhr sich verzweifelt mit der Hand übers Gesicht. „Gib mir diese eine Nacht, Hephaistion und ich werde die Falschheit deiner Worte beweisen. Wenn du mich dann noch immer fortstoßen möchtest, werde ich es akzeptieren, du hast mein Wort. Ich möchte auf meinem Sterbebett nicht zurückblicken und bereuen, es nie wenigstens auch nur versucht zu haben.“  Stumm zog er mich zurück auf die Decken. „Also gut, diese eine Nacht. Und wenn ich dir dann sage, du sollst dich von meinem Schlafgemach fernhalten, wirst du hören?“ Ich bejahte seine Worte mit einem wortlosen Nicken. „Gut, dann lass uns heute Nacht ausnahmsweise mal etwas empfinden.“







ENDE