Dahlia Imperialis

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P12 Slash
17.07.2018
17.07.2018
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Dahlia Imperialis



Heute verstand Sanada Genichirou den Grund für all das Vergangene besser. Der Grund dafür, dass er seine “Bitten” nie abschlagen konnte und das sein Lächeln, die größte Trumpfkarte darstellte. Heute hätte Sanada ihn auf elegantere Weise zum Lächeln bringen können. Vielleicht aber ist genau dieser ungeschickte Sanada der gewesen, den er am liebsten hatte.

Damals ging alles furchtbar schnell und alles was sich abspielte, geschah so plötzlich. Sanada bereitete sich gern auf bevorstehende Ereignisse vor, aber manchmal gab es Zeiten im Leben, für die man nie gewappnet war. Ganz egal wie sehr man sich mental darauf vorbereitete. Irgendwann mussten sich ihre Wege trennen, denn sie konnten nicht ewig Kinder bleiben. Sanada wäre es nur lieber gewesen, wenn sein bester Freund nicht ganz so weit weggegangen wäre. Sanada wäre es auch lieber gewesen, hätte er sich selbst zuvor besser verstanden. Wahrscheinlich war er dafür noch nicht reif genug gewesen.
Nun spazierte Sanada den altbekannten Weg entlang, den er von Zeit zu Zeit immer wieder ging. Dort entlang wo Yukimura Seiichi mit seiner Familie einst wohnte und dann vorbei an der alten Tennisschule, welche sie als kleine Jungs besucht hatten und zuletzt vorbei, an ihrer Mittelschule. Es gab eine Zeit, da war der Tennis Club der Rikkai Mittelschule einer der besten Clubs des Landes gewesen. Auch heute noch genoss sie einen hohen Bekanntheitsgrad, denn unter der eisernen Hand von Kirihara Akaya, gelang es dem dortigen Tennisteam die Schultenniswelt noch einmal zu erobern. DIese Tradition setzte Kirihara nach allem was Sanada hörte zusammen mit Yanagi Renji auf der Oberschule fort. Wie zu erwarten war, genoss der Club an der Rikkai Oberschule ein ebenso hohes Ansehen in der Schultenniswelt, wie er es unter Yukimura Seiichi’s Führung getan hätte.
Sanada sog den Duft der Frühlingsblumen ein während er die gewohnten Wege entlangging. Gern wollte Sanada ihm alles mitteilen, doch wenn man so weit wegging wie Yukimura, dann war nicht alles mit einem Brief gesagt oder zu klären. Nein, diese Angelegenheit bedurfte nur eines direkten Treffens. Aber machte es eigentlich viel Sinn ihm gerade jetzt davon zu erzählen? Über die Niederlagen ihres Teams, Yukimuras ganzen Stolz, unbesiegt durch die drei Jahre der Schultennismeisterschaften zu kommen waren sie immerhin nie hinweggekommen. Als Yukimura ging, bemerkte es Sanada zum ersten mal. Er selbst hatte das Tennis nie so sehr geliebt, wie er Yukimura Seiichi geliebt hatte. Als Yukimura ging, hing auch Sanada das Tennisspielen ad acta.

Um seinen traditionellen Lebensstil mit dem Tennis zu verbinden, stand Sanada von Kindheit an zu einer so frühen Stunde auf, dass viele Leute ihm sagten er habe nicht mehr alle Sinne beisammen. Schon damals kam er oft an diesen Ort, auf den großen, grünen Hügel auf dem er oft mit Yukimura trainiert hatte. Von hieraus konnte man auf die Rikkai Oberschule hinuntersehen, deren Tennisplätze man gut im Auge behalten konnte. Dorthin wollten sie einst gehen, die Rikkai Oberschule um ihren Siegeslauf mit drei weiteren Jahren Tennis zu perfektionieren. Aber daraus wurde schlichtweg nichts.
Sanada liebte die Aussicht an diesem Ort trotzdem noch heute. Man konnte von dieser großen Anhöhe die Stadtlandschaft wunderbar erkennen und genießen. Er bekam hier leicht das Gefühl, welches typisch für sein Heimatland war. Diese Moderne kombiniert in einer grünen Oase. Kurz nachdem Sanada mit dem Tennisspielen aufgehört hatte, wusste er kaum noch etwas mit seiner freien Zeit anzufangen, deshalb kam er morgens und abends hierher um seinen Erinnerungen an die Zeit mit Yukimura nachzuhängen und sich auf sein Studium zu konzentrieren. In manchen Wochen, sobald die Studentenarbeit zu viel Zeit in Anspruch nahm, vermisste er diesen Ort schmerzlich, denn es bedeutete Yukimura zu vernachlässigen. Doch für Sanada ging die Zeit weiter und es kamen mehr und mehr Verpflichtungen auf ihn zu. Manchmal wünschte er sich, dass er doppelt so viel leben könnte, so dass er Yukimura doch ein wenig mehr davon widmen konnte. Aber Sanada wusste, dass soetwas unmöglich war.

„Bist du also doch hergekommen?”, fragte eine ihm vertraute Stimme, die hinter seinem Rücken auftauchte. Ganz gleich wie viele Jahre ins Land gingen, Zeit konnte nichts am Tonfall und der Intonation rütteln. Sanada war in der Lage diese Stimme unter Millionen wiederzuerkennen. Welche Gefühle sich tatsächlich in Yanagi Renji’s Stimme verbargen blieb den meisten stets verborgen. Als Sanada sich umdrehte, erblickte er seinen ehemaligen Klassenkameraden. Er antwortete ihm allerdings nicht, sondern beendete die Arbeit, die er soeben begonnen hatte. Sanada setzte den kleinen Topf, den er den ganzen Weg hierher getragen hatte unter den schönsten Baum auf diesem Hügel. In dem Topf wuchs eine bereits recht ansehnliche Strauchblume. Yanagi legte seine Handflächen aneinander und verbeugte sich kurz vor dem Baum, bevor er die Pflanze beäugte.
„Es ist noch nicht die passende Zeit für diese Blume, Genichirou, das weißt du doch? Sie war doch sicher teuer”, erklärte Yanagi ruhig, wenngleich ein schwacher Unterton der Überraschung in seiner Stimme lag.
„Das ist mir egal. Yukimura, er mochte diese Blume sehr. Außerdem gibt es nicht mehr viel für das ich Geld ausgeben kann”, entgegnete Sanada kurz angebunden. Ob Yanagi diesem Gespräch einen tieferen Sinn beilegte, konnte Sanada nicht mit Sicherheit sagen. Jedoch bemerkte er, dass sein Freund die Blume mit großem Interesse ansah. Heute morgen erst hatte Sanada sie beim Floristen gekauft. Gleich nach Ladenöffnung um zehn Uhr Vormittags war er in den Laden gegangen und hatte diese Pflanze mitgenommen nur um sie hierher zu bringen.
„Dahlien sind sehr schön, nicht wahr? Das müsste doch eine Baumdahlie sein?”, stellte Yanagi nüchtern fest. Kaum zu glauben, dass er diese Blume wirklich schön fand, seine Stimme signaliserte jedenfalls keinerlei Emotionen.
„Du weißt was das für eine ist? Typisch für dich, Renji”, bemerkte Sanada mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Es schien ihm so als habe sich seit ihren gemeinsamen Tagen auf der Mittel- und Oberschule überhaupt nichts verändert. Yanagi verfügte über ein kleines bisschen Wissen in jedem Gebiet.
„Nein, nein. Mir ist nur eingefallen, dass Seiichi sehr mochte. Ich kannte den Namen dieser Blumen nicht, bevor Seiichi ihn mir nannte, deshalb habe ich ein wenig mehr über sie gelesen”, erklärte Yanagi weiter.


Sanada erschauderte ein wenig dabei, wie leicht Yanagi der Vorname seines besten Freundes über die Lippen ging. Seiichi, dieser Name brachte sein Herz zum Hüpfen. Sanada selbst hatte ihn nie beim Vornamen genannt. Wann auch immer er es versucht hatte, empfand er ein befremdliches Gefühl, so als habe er es einfach nicht verdient Yukimura beim Vornamen zu nennen. Teilweise wollte Sanada natürlich auch nicht zeigen, wie viel Yukimura ihm eigentlich bedeutete und dass er deshalb lieber nicht seinen Namen in den Mund nahm. Yanagi fand nie, dass etwas zwischen seinen Klassenkameraden und Kameraden im Tennisteam stand, so dass es ihm auch der Name ‘Seiichi’ stets leicht im Mund lag. Sanada wiederum schnürrte es Herz und Kehle zu. Manchmal bekam er sogar ein brennendes Gefühl in all seinen Muskeln, sobald er daran dachte, jemand könnte Yukimura näher stehen als er. Diesen Zustand nannte man im Allgemeinen ‘Eifersucht’ und wenn es um Yukimura ging, hatte  Sanada schon immer so empfunden. Niemand sollte sich ihm gegenüber Frechheiten erlauben. Das ließ Sanada einfach nicht zu. Manche Dinge änderten sich eben doch nie, egal wie viel Zeit verging.
„Obwohl ich durch Seiichis Einfluss auch einige Bücher über Botanik gelesen habe. Vielleicht bin ich irgendwie doch ein kleiner Pflanzenexperte geworden, wenn man mich nur nicht mit Botanikern vergleicht”, behauptete Yanagi unverändert nüchtern. Scherzen lag ihm nicht besonders, aber Sanada kannte ihn genug um zu wissen, dass er niemand war der sich mit seiner Intelligenz und seinem Wissen brüstete. Sanada nickte schließlich: „Komisch, ich habe mir früher und auch heute noch Blumenarten gemerkt, obwohl es mir ein bisschen peinlich war.”
„Trotzdem, sehr aufmerksam von dir, dass du Seiichis Lieblingsblumen für ihn bereitstellst”, meinte er, wobei ein hauchdünnes Lächeln für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Lippen huschte.
„Ich denke mir, dass ich wenigstens am heutigen Tag die Blumen herbringen kann, die er am liebsten hatte. Wenigstens einmal im Jahr…”, erklärte sich Sanada, der den Kragen seines Hemdes ein wenig zurechtrückte, um seine Verlegenheit zu überspielen.
„Genichirou, weißt du warum Seiichi diese Blumen so gern hatte?”, erkundigte sich Yanagi weiter. Sanada schüttelte den Kopf: „Nein. Das hat er nie erwähnt. Ich habe mir einfach immer die Namen der Blumen gemerkt, die er mochte. Gründe für das Wieso oder Weshalb habe ich eigentlich nie erfragt. Blumen sind so ein mysteriöses Kapitel für mich, dass es genug Zeit gekostet hat sie mir zu merken.” Sanada musste über sich selbst lachen. Was Yukimura stets zuflog, empfand er als schwierig. So war es allerdings auch umgekehrt.
„Ist das so?! Dann lass mich dir eine andere Frage stellen: Kennst du den anderen Namen dieser Blume?”, wollte er nun wissen. Dabei blickte Yanagi seinen Freund eindringlich an, etwas das selten genug vorkam, denn Yanagi sah die Welt durch nur leicht geöffnete Augen. Das eindringliche Braun verriet Sanada, dass Yanagi ihm etwas ganz bestimmtes klar machen wollte und deshalb das Gespräch in diese Richtung lenkte. Sanada verstand dieses Drängen überhaupt nicht und konnte sich auch nicht erklären, worauf Yanagi hinaus wollte, allerdings fühlte er sich furchtbar in die Enge getrieben da er die Antwort nicht kannte. Sanada schloss die Augen und schüttelte leicht den Kopf anstatt direkt zu antworten.
„Mann nenn sie Kaiser.”

Ein Messer ging durch Sanadas Brust worauf die Zeit stehen blieb.

Ich hätte gar nicht erwartet dich hier zu sehen, Sanada”, bemerkte Yukimura mit einem sanften lächeln, jedoch lag keine Überraschung in seinen Augen. Er saß in den Blumenbeeten der Schule und kümmerte sich um die Grünanlagen, die ansonsten Stiefmütterlich behandelt worden wären. Sanada lachte ein wenig verlegen:
„Ich wollte mit dir über das bevorstehende Freundschaftsspiel reden, aber als ich in deiner Klasse nachfragte, sagte man mir dass du hier bist.”
„Ach so! Und ich dachte schon, dass du dich wenigstens ein kleines bisschen für die Kleinen hier interessierst. Das wäre wirklich schön, weißt du?”, entgegnete der Andere vergnügt. Was in seinem Kopf vorging, konnte Sanada nur erahnen.
„Du hast Pflanzen wirklich sehr gern, Yukimura”, sagte Sanada um die Stille zu unterbrechen, wobei er eigentlich bei allen offene Türen einrannte. Yukimura lachte leise: „WIe kommst du plötzlich darauf?”
„Weil deine Augen besonders freundlich werden, wenn du Blumen ansiehst”, entgegnete er kurz.
„Hmm, so ist das also”, Yukimura nickte und fügte hinzu, „Ich liebe Blumen ja auch! Aber ich denke du hast es einfacher bemerkt, weil ich diese Blume ganz besonders mag.” Er zeigte auf eine Pflanze, die viel mehr einem kleinen Strauch oder jungen Baum ähnelte, als einer gewöhnlichen Blume. Ihre Krone bestand aus feinen, zart fuchsiafarbenen Blütenblättern, welche sternenförmig am Kelch wuchsen. Sanada sah diese spezielle Blume neugierig an: „Wie heißt sie? Die Blume die du am liebsten hast?”
„Man nennt sie Baumdahlie”, antwortete Yukimura sofort, „Sie unterscheiden sich sehr von gewöhnlichen Dahlien, die man sonst beim Blumenhändler bekommt. Sie sind viel schlichter, aber erscheinen edler.”
„Baumdahlie, hm? Ich werd’s mir merken!”, versichterte Sanada, obwohl er Yukimuras Vortrag über die Dahlien sonst kaum folgen konnte. Nicht, weil Sanada es nicht interessant fand, sondern eher da er sich noch überhaupt nicht auskannte.
Wieder lachte Yukimura leise und sagte wie zu sich selbst: „Wirklich? Ich werde sie immer lieben. Ja. Auf immer und ewig.” Damals ahnte Sanada nicht einmal, dass sich ein tieferer Sinn dahinter verborgen hatte.


„In der Blumensprache bedeutet sie, das reine Herz einer Maid. Dabei ist die Aufrichtigkeit einer Maid eigentlich weit entfernt vom Namen ‘Kaiser’, finde ich”, bemerkte Yanagi im gewohnten, monotonen Tonfall. Sanada hingegen fiel etwas ein, der Name einer weiteren Blume: „Lina-...ria.”
„Wie bitte?”
„Linaria. Weißt du was die Blume in der Blumensprache bedeutet?”, wollte Sanada sofort wissen und bemerkte, wie sich die Augen seines Freundes kurz vor Überraschung weiteten. Es schien so als wäre Sanada ihm auf den Schlips getreten, so eine vollkommen absurde Frage zu stellen. Schließlich entspannte sich Yanagis Ausdruck wieder und dachte kurz nach: „Linaria… ich denke… ja ich erinnere mich. Linaria bedeutet ‘Bitte bemerke diese Liebe’. Warum fragst du?”


Die Blütezeit der edlen Baumdahlie war im November. Um Yukimura herum gediehen noch eine menge anderer hübscher Blumen in den prächtigsten Farben um ein wenig Freude in den stürmischen Spätherbst zu bringen. Eine von ihnen bemerkte Sanada, denn sie trug noch keine bunte Krone:
„Die Pflanze neben der Baumdahlie hast du wohl noch nicht zum Blühen gebracht?”
„Die Linaria? Nun ja, das ist nicht ihre Jahreszeit um zu blühen”, entgegnete Yukimura sofort.
„Magst du sie auch?”, wollte Sanada sofort wissen.
„Tja, natürlich mag ich sie, aber ich pflanze sie aus einem ganz bestimmten Grund. Ich bin nämlich immer noch in der Hoffnung, dass sie mir einen Wunsch erfüllt”, antwortete Yukimura ein wenig verträumt, „Deshalb habe ich sie direkt neben die Baumdahlie gepflanzt, die beiden sollten sich gegenseitig beeinflussen.”
„Hmm…”, bemerkte Sanada nachdenklich. Er verstand das alles nicht bis ins kleinste Detail, manchmal war Yukimura wirklich kompliziert.
„Ich schätze, du verstandest es nicht mal, wenn ich es dir genau erklärte”, scherzte er.
„Na ja, ich denke, deine Philosophie ist einfach sehr komplex…”, nickte Sanada bestätigend, woraufhin Yukimura in ein herzliches Lachen ausbrach: „Sanada, wirklich… du bist einfach ein wenig schwer von Begriff. Aber mich beruhigt das sehr.”
„W-wie bitte!?”, brachte Sanada gespielt empört hervor. Yukimura hatte es nicht böse gemeint. Ganz im Gegenteil, denn Sanadas langsame EInsicht, war für den anderen Jungen absolut liebenswert.


Sanada fiel es wie Schuppen von den Augen. Nach all den Jahren verstand er zum ersten Mal, dass jede einzelne von Yuikimuras Gesten einen Sinn machten. Er ließ niemals einen Zweifel, wenn man sich nur genug Mühe gab alles zu verstehen. Sanada sank langsam auf seine Knie und dann vollkommen auf den Boden. Sicher so, wie Yukimura es unzählige Male im Krankenhaus getan hatte.
„Ich… verstehe. So war das also…”, während diese Worte seinen Mund verließen, stieß ein Windstoß den kleinen Topf um, worauf ein paar der grünen Blätter der Baumdahlie mit ihm gerissen und durch die Luft getragen wurden. Ziellos schwirrten sie wankend und unkontrolliert umher. Während die Blätter das Weite suchten, wurde die Luft mit Schluchzen und klagenden Lauten erfüllt.
„Genichiro…”, Yanagi blieb vorsichtig und zurückhaltend. Noch nie zuvor sah er Sanadas Augen derart tränenerfüllt. Nein, Sanada zeigte nie Tränen, nicht ihnen jedenfalls. Sein Schluchzen klang wie eine Mischung aus selbstverhöhnenden Lachen und tiefer trauer.
“Yukimura…”, der Name seines Freundes, war das einzige, dass Sanada hervorbrachte.

Sanada hatte in der Tat noch nie geweint. Schon gar nicht um Yukimura, dessen Tod ein besonders großes Loch in sein Leben gerissen hatte. Als Sanada seinen Gefühlen freien Lauf ließ, ging Yanagi neben ihm auf dem Boden nieder und rieb ihm tröstend den Rücken. Weder er noch Sanada kümmerten sich um ihre Umwelt. Vielleicht gab es Leute dort draußen, die seinen Anblick als erbärmlich empfunden hätten, doch hatte jeder von Sanadas Kameraden jedes Verständnis für ihn. Die einzige Person aber, die Sanada niemals so am Boden zerstört hätte sehen wollen, existierte nicht mehr in dieser Welt. Deshalb ließ Sanada sich gern gehen, auch wenn er es hasste zu weinen. Weinen änderte nichts an der Realität und trotzdem fühlte er sich unheimlich erleichtert.

Sanada hätte sich gewünscht bis in alle Ewigkeit weiter zu leiden, als sich jemals besser zu fühlen.

Wie viel Zeit sie so dasaßen, konnten beide nicht ermitteln. Irgendwann ließen die Tränen des Größeren nach, die ihm ungewohnt hart auf die Wangen tropften und die Kehle zuschnürten. Um seinen Gefühlsausbruch endlich zu beenden, reichte er Yanagi die Hand und erhob sich wieder mit ihm und seiner Hilfe.
„Entschuldige, ich habe mich gehen lassen…”
„Ist schon okay”, entgegnete Yanagi, der sich noch immer ein wenig um seinen Freund sorgte. Trotzdem fühlte er sich auch erleichterte, denn Trauerbewältigung hatte Sanada wahrscheinlich nie betrieben. Dieser momentane Ausbruch half ihm sicher, sich langsam mit Yukimuras Tod zu befassen.
„Renji. Ich weiß nicht ob du es mir glaubst, aber seit Yukimura verschwunden ist, habe ich mir nicht ein einziges Mal gewünscht, dass er wieder lebt”, sagte Sanada mit noch immer tränenerstickter Stimme.
„Ist das so…”
„Ja, denn selbst wenn... Dieser Wunsch ginge niemals in Erfüllung. Nur… habe ich mir immer gewünscht zu wissen wie Yukimura für mich empfindet. So viele dutzende, hunderte und tausende Male habe ich mich selbst gefragt ob Yukimura mich wohl… auch so mag. Zumindest diese Rätselei wird mit dem heutigen Tage enden”, erklärte Sanada.
„Ich verstehe…”, weiteres äußerte Yanagi nichts dazu. Er bedrängte Sanada nicht mit noch mehr Fragen, er glaubte ohnehin in einer gewissen Weise erahnen zu können was Sanada fühlte. Das Gefühl, dass dieser im Moment empfand konnte man nicht als Freude bezeichnen und trotzdem fühlte es sich ähnlich an. Fehlende Puzzleteile fielen nun endlich an die richtigen Plätze und ergaben ein vollständiges Bild. Die soeben erlangten Erkenntnisse setzen ein ungewohntes Freiheitsgefühl in Sanadas Kopf frei und ließen ihn einige Dinge besser verstehen.


Mit dem Tennis anzufangen hatten Sanadas Eltern für ihn bestimmt, indem sie ihn bei einer Tennisschule anmeldeten. Er selbst kam nie auf die Idee, denn eigentlich wollte er sich voll und ganz auf Kendou und andere japanische Künste konzentrieren. Dennoch konnte Sanada seinen Eltern einfach nicht widersprechen und wollte es ihnen zu liebe wenigstens Mal versuchen. Mit dieser Einstellung war Sanada in den Club eingetreten. Dort an der Tennisschule, ja, dort hatte er Yukimura zum ersten mal getroffen. Für ein kleines Mädchen hatte er ihn gehalten und fühlte sich unheimlich erniedrigt so einfach von ihm besiegt zu werden. Die Schmach hatte weniger damit zu tun, dass Yukimura Seiichi ein vermeintliches Mädchen war, sondern eher damit dass Sanada ein sofortiges Interesse an ihm verspürte. So als müsse er ihn beschützen. Durch diesen sechsten Sinn, wich Sanada seinem bald besten Freund nicht mehr von der Seite. Ohne es vorher zu ahnen, begann eine tiefe und ehrliche Freundschaft. Nein, sie waren Seelenverwandte.
     Durch Zufall kamen die beiden auf dieselbe Schule und übernahmen die Herrschaft des dortigen Schultennisclubs. Sie gewannen die Nationalmeisterschaften zwei Jahre in Folge, worauf sogleich ein Schicksalsschlag die Mannschaft ereilte. Yukimura Seiichi, ihr Kapitän erkrankte an einer lebensbedrohlichen Autoimmunkrankheit. Sanada trainierte noch härter und wurde ein noch eisernerer Spieler. Für Yukimura wollte er der beste Spieler in sämtlichen Turnieren werden. Auch mit der Absicht ihm Kraft zu spenden und Halt für den weiteren Kampf gegen das Guillain-Barré Syndrom zu geben. Aus diesem Grund, und um sich selbst noch über die eigenen Grenzen hinaus zu treiben, gab er Yukimura ein Versprechen. Das Versprechen, welches ihm und dem gesamten Team zum Verhängnis wurde. Sie wollten unbesiegt auf ihren Kapitän warten. Die Mannschaft der Rikkai Mittelschule verlor zunächst die Kantoumeisterschaft im Finale und auch das Endspiel der Nationalmeisterschaft konnten sie nicht retten. Trotz Yukimuras Beisein unterlagen sie ganz knapp. Als wollte das Schicksal sich zu einer Tragödie griechischen Ausmaßes entwickeln, wollte es Yukimura noch einmal richtig testen. Wenige Wochen nach dem verlorenen Finale der Nationalmeisterschaft holte die Krankheit den Mannschaftsführer wieder ein. Eine erneute Behandlung wurde angesetzt, doch dieses Mal breitete sich das Syndrom weiter aus und drang bis zur Lunge vor. Yukimura Seiichi erwachte nie wieder aus der Narkose.
     Sanada erfuhr es gemeinsam mit den anderen Teammitgliedern, kurz nachdem auch Yukimuras Eltern die traurige Botschaft erhalten hatten. In dem Moment, als die rote Lampe des Operationssaals ausgeschaltet wurde und der Arzt herauskam um den Eltern und Freunden die traurige Nachricht zu überbringen, dämmerte ihnen der befürchtete Verlust bereits. Während Yukimuras Eltern unter ihrem Schock zusammenbrachen und die anderen Spieler des Rikkai Teams unter ihren Tränen und schluchzten und klagten, blieb Sanada regungslos. Wie von einem Fuchsgott verwunschen, packte er seine Tasche schweigend und ging wieder heim ohne ein Wort mit irgendjemandem zu wechseln. Sanada erinnerte sich kaum noch daran, doch in jenem Moment, schien es als erstarben all seine Gefühle.

Am Tag darauf verließ Sanada das Team mit der Überzeugung nie wieder einen Schläger in die Hand zu nehmen. Er dachte gar nicht daran bis zum Trimesterende abzuwarten um seinen Austritt so beherrscht und formell wie möglich zu gestalten. Es blieb nicht nur beim Rücktritt des stellvertretenden Kapitäns. Lediglich Yanagi und Akaya verblieben beim Tennis. Marui entschuldigte sich damit, dass er sich um seine jüngeren Brüder kümmern wollte. Jackal sah sich gezwungen ein paar Nebenjobs anzunehmen um die Schulgebühren vernünftig zahlen zu können und Yagyuu konzentrierte sich darauf so gute Schulnoten zu erreichen, dass er ohne Probleme im Medizinstudiengang an der Toukyou Daigaku angenommen zu werden. Sanada konnte sich nur nicht mehr an Nious Begründung erinnern. Er war sich nicht mal sicher, ob er Niou nach Yukimuras Verschwinden überhaupt noch einmal gesprochen hatte.

„Ich denke nicht, dass ich irgendetwas in meinem Leben so sehr bereut habe als… Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, ich würde nichts daran ändern. Ich wollte widerwillig mit dem Tennis anfangen um Yukimura kennenzulernen. Von der ersten Sekunde an verfiele ich ihm mit ganzem Herzen, ohne es zu bemerken. Bemerken könnte ich es erst, wenn ich ihn verlöre. Weil ich eben viel zu schwer von Begriff bin. Egal wie oft ich alles wiederholen könnte, nichts würde ich ändern, solange ich nur die Nationalmeisterschaften-.... Wenn ich nur verhindert hätte, dass Yukimura antreten muss… Er war gerade erst genesen…”, brachte Sanada unter zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut stieg in ihm auf. Wut auf sich selbst und auf die Ungerechtigkeit der ganzen Welt, die ihm Yukimura genommen hätte.
„Ich weiß was du sagen möchtest, Genichirou, aber du weißt doch, dass Seiichi nicht gestorben ist, weil er sich überanstrengt hat. Die Krankheit ist hinterhältig…”, versuchte Yanagi seinen Freund zur Vernunft zu bringen.
„Ich weiß! Und trotzdem… ich…”
„Lass mich dir noch eine Frage stellen”, forderte Yanagi ungewöhnlich energisch, was selten genug vorkam, „Glaubst du, einer von uns hat damals an der Nationalmeisterschaft mit der Intention teilgenommen zu verlieren?”
„Was meinst du damit?”, konterte Sanada mit einer Gegenfrage.
„Wir von der Rikkai, nach welchem Gesetz haben wir gelebt!? Auch eine plötzliche, unerwartete NIederlage wird nicht toleriert! Wer hat uns diese Regel ein ums andere Mal eingebläut? Du warst es. Und nach diesem Ideal haben auch wir gestrebt. Niemand von uns hat damals gewollt, dass wir bis zum ersten Einzel spielen müssen. Oder bist du vom Gegenteil überzeugt? ... Deshalb...deshalb hast du dich nicht selbst für das erste Einzel eingetragen, oder Genichirou!? Wie oft du versuchen möchtest dein Leben noch einmal zu leben ist dir überlassen, aber für uns Rikkai warst du immer dieser verdammt sture Hund der niemanden etwas durchgehen ließ und nach vorn gesehen hast. Durch dich konnten wir diesem wahnwitzigen Schwur folgen unbesiegt durch die Meisterschaften zu kommen. Solange du bei uns warst, konnten wir unseren eigenen Regeln folgen!”, fuhr Yanagi ihn nun auch wütend an. Sanada war unvorbereitet über diesen Ausbruch. Yanagi Renji verhielt sich ansonsten sehr reserviert und gab sich stets beherrscht und analysierte die meisten Situationen still. In dieser Angelegenheit gelang es dem jungen Mann überhaupt nicht mehr:
„Außerdem, Sanada Genichirou! Glaube bloß nicht, dass Seiichis Tod nur für dich ein grausamer Verlust ist! Das vergebe ich dir nicht so schnell. Ich habe mich damals mit Yagyuu gestritten und zwar richtig hässlich gestritten. Jackal und Marui sind aufeinander losgegangen und Akaya konnte den Zerfall unseres Teams einfach nicht ertragen. Selbst Niou hat geweint. Wir… der Rikkai Tennisclub, wir haben sowohl unseren Kapitän Seiichi als auch unseren stellvertretenden Kapitän Genichirou verloren. Zur gleichen Zeit. Du bist davongelaufen, Genichirou und wir hatten keinen Platz an den wir fliehen konnten.”
Sanada schwieg. So hatte er seinen Freund noch nie erlebt. So deutlich sprach Yanagi seine Gefühle noch nie laut in Worten aus und schon gar niemand wagte es je ihm, Sanada Genichirou, auf diese Weise die Leviten zu lesen. Wie viele Jahre staute Yanagi wohl schon diese Wut in sich. Er hatte wenigstens jemanden vor sich, den er verantwortlich machen konnte. Sanada verfluchte das Schicksal. Nun aber erkannte er seine eigenen Fehler, die er so lange nicht sah..
„Was glaubst du, mit welchem Gefühl Akaya an die nächste Meisterschaft rangegangen ist. Aber er hat sich den Sieg zurückgeholt. Kannst du dir denken warum? Weil er das ins Herz geschlossen hat, was Yukimura liebte. Er tat das, was du nicht konntest. Er pflegte das Tennis weiter um Seiichi Ehre zu erweisen. Warum kannst du das nicht?”, fragte Yanagi, wobei er es rhetorisch meinte.
„Du bist ziemlich erbarmungslos, Renji”, scherzte Sanada mit einem bitteren Lächeln. Yanagi errötete nun, denn er bemerkte, was er eigentlich getan hatte. Verlegen wandte er sich um, so dass er sein rotes Gesicht verbergen konnte. „Lach bloß nicht, Genichirou. Hast du mir wenigstens zugehört?”
„Ja, entschuldige”, antwortete Sanada mit einem hintergründigen Lachen in der Stimme. Trotzdem sah er es ein. Er konnte gar nicht anders als erkennen, dass er sich auf der Flucht befand. Schon seit vielen Jahren floh er vor der Wahrheit. Zum ersten Mal wurde Sanada dazu gezwungen sich mit Yukimuras Tod zu beschäftigen. Zur Hälfte hatte Sanada es immer klar im Kopf gehabt und akzeptiert, zur anderen Hälfte wollte er einfach nur schreien, weinen und wüten. Mit diesen Gedanken und dem ganzen Gefühlschaos hatten sich seine Teamkameraden bereits im gleichen Sommer auseinandergesetzt. Sanada durfte sich nicht über seine Situation beschweren, denn im Gegenzug hatte er seinen Kameraden jegliche Entscheidungsgewalt überlassen und hatte ihnen den Rücken zugewandt.
„Es tut mir leid, Renji. Von ganzem Herzen sogar. Ich würde mich gern vernünftig entschuldigen, also wenn es irgendetwas gibt, das ich tun kann…”, sagte Sanada mit etwas gedämpfter Stimme.
„Nun…”, begann Yanagi nach einem kurzen Zögern, „Dorthinten gibt es einen Streettennisplatz. Wie wäre es, wenn ich dir einen meiner Schläger leihe und wir hingehen um ein paar Ballwechsel zu spielen? Oder auch einen Gewinnsatz, wenn dir der Sinn danach steht.”
Ein sekundenlanges Schweigen lag zwischen ihnen, welches ihnen vorkam wie vielen Stunden. Schließlich nickte Sanada: „Mein erstes Match seit fünf Jahren. Sei nicht zu streng mit mir.”


Zwei junge Männer, die bereits Studenten waren gingen über durch die ruhige Landschaft einer Anhöhe und von weitem konnte man bereits hören, dass Tennisbälle von einem Ende des Platzes zum anderen geschlagen wurden. Sanadas Herz begann heftiger zu schlagen. Er erinnerte sich an das Gefühl, Tennis zu spielen. Das Gefühl neben Yukimura Seiichi Tennis zu spielen breitete sich in seinem ganzen Körper aus und beflügelte sein Herz. Sanada wusste, dass Yukimura bei ihm war, wann immer er spielte, und so musste er zuversichtlich lächeln.

„Seiichi. Ich mag ein Dummkopf sein, schwer von Begriff und absolut Stur und deshalb bin ich nicht gut darin mich neuen Umständen anzupassen. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich weiter geradeaus sehen und vorwärts gehen kann. Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich schon bald, in naher Zukunft, das wertschätzen und in Ehren halten kann, was du so geliebt hast. Ich werde es wieder lieb gewinnen und sogar noch viel mehr wertschätzen als zuvor. Ich werde es mehr lieben denn je.
Das ich dir eine Baumdahlie bringe hat wohl von Anfang an keinen Sinn gemacht. Nächstes Jahr, an genau diesem Tag werde ich dir eine Blume bringen, die ich für dich ausgewählt habe.”  




Ende.


A/N:
Hallo ihr Lieben, vielen Dank, dass ihr diese kleine Geschichte bis zum Schluss gelesen habt. Hier bin ich mal wieder mit einem kleinen One-shot zu Prince of Tennis. Ja, das musste auch wieder ein SanaYuki werden. Die Anlehnung an eine Geschichte die ich 2009 geschrieben habe, die ich damals Dahlia Flower genannt habe. Diese hier, Dahlia Imperialis ist dabei das genaue Gegenteil. In Dahlia Flower mochte ich es, Sanada ein Mal ganz anders zu zeigen. Hier wollte ich die Gelegenheit ergreifen sowohl Sanada als auch Yanagi in einer Extremsituation zu zeigen, quasi. Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen. Wie immer sind Kommentare jeglicher Art sehr erwünscht :)
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