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Hamburg I

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
17.07.2018
09.09.2018
9
4.954
2
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8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.07.2018 1.444
 
"I’m worse at what I do best
and for this gift, I feel blessed"

-amerikanisches Volkslied, 1991

Ich betrat Peets Loch kurz vor 1800. Die Nachricht hatte mich neugierig gemacht. Eine Wiederbeschaffung fällt genau in das Profil des Privatdetektives. Und Peets Vermittlungen waren bisher stets korrekt gewesen. Zwar nichts, wonach man sich zur Ruhe setzen konnte, aber auch nichts, wo man zur letzten Ruhe gelegt wurde. Solide Jobs. Das ist Peet.
Der Ork stand hinter der Theke.
„Moin Revolver. Bier?“
„Hallo Peet. Aber ein richtiges. Nicht die Plörre.“
„Na klar meen Jung. 7 Minuten“.
Er grinste mich an, wobei die Narbe auf seiner linken Gesichtshälfte zuckte. Das Ohr fehlte ganz. Selbst für einen Ork war er ehr häßlich. Aber in den Schatten kommt es nicht auf Schönheit an. Und es heißt, dass Peet mit seinem einem Ohr hört als ein Schwadron Dirigenten. Das ist Peet.
„Ich bring dich dat nach hinten. Ich häb euch den Raum reserviert. Die beiden anderen Schnacker sind schon da. Der Schmidt fehlt noch.“
Peets Loch hat ein Hinterzimmer, das er vermietet. Keine Fenster, dafür Störsender. Irgendjemand erzählte mal, dass es auch magisch geschützt sei. Er nennt es sein Stundenzimmer.
Ich ließ noch einen Blick durch die Bar schweifen. Ein Zwerg und ein Troll packten gerade Instrumente vor der kleinen Bühne aus. Ich hoffte wieder weg zu sein, bevor sie anfingen. Ansonsten war kein Gast da.
Die Tür zum Hinterzimmer stand noch offen. Meine Hand glitt zu meiner Taurus Omni. Nur zur Sicherheit.
An dem einzigen Tisch im Raum saß ein leicht dicklicher Mann, auf dessen Kopf mehr Haut als Haare zu erkennen waren. Eine kleine Drohne schwebte neben ihm. Zero. Ihm gegenüber saß ein Japaner. Etwas steif, aber das sind sie ja alle. Ich hatte ihn schon mal gesehen, aber der Name fiel mir nicht ein. Ich musterte ihn schnell. Keine auffälligen Modifikationen, keine magischen Symbole oder Fetische. Eine Datenbuchse. Ein Decker? Oder war er unter dem Mantel mit Waffen bespickt?
„Ich bin Daito.“
„Revolver.“
Wir schwiegen uns einen Moment an.
„Habt ihr eine Idee, worum es geht?“ fragte Zero.
„Ich habe nur spärliche Infos von Peet.“
„Ebenso.“
Wieder Schweigen.
„Dein Bier, Chummer.“ Peet stand in der Tür. „Und Herr Schmidt ist eingetroffen.“
Ich schaute in die Bar. Drei Personen hatten sie gerade betreten. Ein geschniegelter Typ in einem Anzug, für dessen Knöpfe ich ein halbes Jahr in meiner Dachgeschosswohnung leben könnte. Die Haare glatt nach hinten und mit einem unglaublich selbstgefälligen Gesichtsausdruck. Ganz klar der Schmidt.
Der zweite Typ war groß und schlank. Langes braunes Haar und ein Maßanzug. Eine Tätowierung auf dem linken Handrücken. Keine Cyberware sichtbar. Er hatte die Augen leicht geschlossen, als würde er etwas abwesend sein. Dann nickte er leicht. Vermutlich der Lohnmagier. Pah.
Die dritte Person hatte den gleichen Schneider wie der Magier, aber ihr Rundungen füllten ihn besser. Sie bewegte sich geschmeidig und lautlos in das Hinterzimmer. Ich konnte mich selbst in den verspiegelten Augen sehen. Sie schien die Cyberware zu haben, auf die die anderen verzichtet hatten. Doch das auffälligste waren ihre hohen gelben Stiefel. Echt. Gelbe Stiefel zu schwarzem Anzug. Wer sowas bei einem Schmidt tragen kann muss gut sein. Ich glaube ich bin verliebt.
Auch sie nickte leicht. Zusammen mit dem Magier ging sie auf den Tresen zu und glitt auf den Hocker. Ich musste unbedingt ihren Namen und Komnummer haben.
„Meine Herren.“ Die leicht näselnde Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er stand bei uns am Tisch und hatte die Tür geschlossen.
„Herr Peet war so gütig, den Kontakt zu Ihnen herzustellen, nicht wahr?“ Er zog zweimal schnell Luft durch die Nase. „Mein Name ist Herr Schmidt. Mein Auftraggeber hat mich dazu bemächtigt, mit Ihnen einen Vertrag über die Wiederbeschaffung von etwas zu schließen. Bevor ich detaillierte Informationen mitteile, würde ich gerne wissen, ob Sie mit Wiederbeschaffungen vertraut sind, nicht war?“ Wieder das schnelle Einatmen durch die Nase.
„Das kommt auf die Art der Wiederbeschaffung drauf an, aber wir sind keine Amateure.“, ließ Zero vernehmen. „ Peet hat uns nicht ohne Grund empfohlen.“
Ich blickte aus den Augenwinkeln zu Daito. Er nickte.
„Ja, das hat er wohl nicht, nicht wahr?“ Erneut schnüffelte er. „Ich gehe also davon aus, dass sie willig und fähig sind. Sehr schön. Meinem Auftraggeber ist eine Datei entwendet worden. Ihre Aufgabe ist es, diese wiederzubeschaffen und etwaige Kopien zu vernichten.“
„Entschuldigen Sie Herr Schmidt, aber dies klingt nach einer Aufgabe für einen Decker. Dies scheint nicht gerade in unser Gebiet der Wiederbeschaffung zu fallen.“, warf Daito ein.
„Ah, Sie denken mit. Sehr gut, nicht wahr? In diesem Fall ist es etwas anders. Den Informationen meines Auftraggebers nach liegt die Datei in einem abgeschlossenen Netzwerk außerhalb des Matix. Sie muss daher physikalisch geholt werden, nicht wahr?“
„Wenn er weiterhin ständig diese schnüffelnde Geräusch macht, werde ich ihm entweder gleich auf die Nase hauen, ihm ein Taschentuch schenken oder laut zu lachen anfangen“, dachte ich.
„Sie befindet sich in einem Gebäude außerhalb von Hamburg. Keine großartige Bewachung, weder magisch noch konventionell. Eine einfache Aufgabe. Brechen Sie ein, holen Sie die Datei, vernichten Sie vorhandene Kopien und verschwinden Sie.“
„Das klingt sehr einfach.“, warf ich ein und fügte in Gedanken hinzu „Zu einfach.“ „ Was ist wenn..“
In diesem Moment rief Zero „Besuch. Waffen.“ Was hatte der Rigger gesehen?
Ich  stieß den Stuhl nach hinten und griff zum Revolver. Auch Daito hatte plötzlich eine Kanone in der Hand. Bevor ich die Tür öffnen konnte, fielen drei Schüsse. Daito drückte die Klinke, ich trat die Tür auf. Im Eingangsbereich lagen drei Körper. Ich sah noch, wie Gelbstiefelchen eine Crusader in ihr Holster zurückschob und sich wieder zum Tresen drehte. Ich schwöre, sie hat mich dabei angelächelt. Der Magier hatte sich nicht bewegt.
„Meen Deern, Du hast die schnellste Hand diesseits der Elbe“ staunte Peet. „Diese verfickten Polis haben nicht verstanden, dass sie hier nicht bedient werden.“ Ich sah, wie seine Roomsweeper hinter der Theke verschwand. „Ich schließ mo gerade ab und lass die Reste entfernen. Chummer, ihr habt das Hinterzimmer. Habt ihr nicht was zu besprechen?“
Ich sah zu Zero. Er zog eine Augenbrauen hoch, seine Lippen stießen einen lautlosen Pfiff aus und seine Hand machte eine beruhigende Bewegung.
„Dazu hat man Personal, nicht wahr?“ Herr Schmidt schien völlig ruhig zu sein. „Wenn Sie die Tür wieder schließen mögen? Wo waren wir? Ach ja. Sie wollten etwas fragen, Herr ähhh… Revolver, nicht wahr?“
Ob ich die Nummer der Lady bekam? „Ja. Das klingt alles einfach. Was wenn wir wider Erwarten auf Widerstand treffen?“
„Es dürfte keinen für sie nennenswerten Widerstand geben. Falls doch, kümmern sie sich selbst darum. Mein Auftraggeber zahlt üblicherweise keine Prämien für Abschüsse. Achja. Prämien. Ich vermute, sie wollen nicht umsonst arbeiten, nicht wahr? Mein Auftraggeber ist bereit, ihnen zwanzigtausend zu zahlen. Natürlich insgesamt. Er übernimmt keine zusätzlichen Ausgaben. Sollten sie weitere Unterstützung in Form von Personal benötigen, so kann unter Umständen ein Kontakt hergestellt werden, die Kosten übernehmen aber sie, nicht wahr? Meine Herren, ich schlage vor, sie beratschlagen das Angebot alleine. Ich werde mit Herrn Peet reden. Lassen sie mich wissen, wenn sie eine Entscheidung getroffen haben. Im positiven Fall werde ich ihnen die Lage des Ziels und Informationen zu den Daten zukommen lassen.“
Er stand auf und verließ den Raum.
„Es klingt viel zu einfach. Keine Verteidigung, keine Gefahr, nur rein und raus. Da stimmt was nicht.“ Zero wirkte skeptisch. „Und er hat selbst erstklassiges Personal. Ich habe von meiner Drohen die Aufzeichnung bekommen. Die drei Typen wollten Peet geeken. Haben wohl was gegen Metas. Und die Kleine hat schneller gezogen und geschossen als ich furzen kann. Irre. Wozu braucht er uns?“
„Zum einen“, warf Daito ein, „gehören wir nicht zu seinem Konzern. Das kann sehr wichtig sein, wenn Spuren verfolgt werden. Zum anderen kann eine schnelle Kanone alleine nicht alle Probleme lösen. Ich denke, hier werden auch andere Fähigkeiten benötigt. Stille und Entschlossenheit, zusammen mit Technik sollte uns hier weiterbringen. Bei Dir Zero, ist es offensichtlich, doch Revolver, was zeichnet Dich aus?“
„Ich bin Privatdetektiv.“ Ich ginste ihn an. „Und magisch nicht völlig unbegabt, wenn es darauf ankommen sollte.“
„Okay, Zero, könntest Du, falls nötig, decken?“
„Einfache Sachen sicherlich, aber ich bin kein Matrixrunner.“
„Okay, vielleicht brauchen wir auch keinen. Falls doch: Kennt ihr einen?“
„Ja, ich hab da nen Chummer.“
„Viel wichtigere Frage: Wollen wir den Run machen?“
Ich dachte an die nächste Miete. Und es war kein Bier mehr im Kühlschrank. „Ich kann das Geld gut gebrauchen. Sollte der Job wirklich so einfach sein, dann ist das leicht verdientes Geld.“
„Ja, wenn.“ Der Rigger blieb etwas zurückhaltend. „Ich wäre dabei, aber lass und noch etwas nachverhandeln. Daito?“
Der Japaner nickte.
„Dann lass uns dem Schmidt bescheidsagen.“
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