What The Hell Am I Supposed To Do?

GeschichteAngst, Tragödie / P18 Slash
16.07.2018
16.07.2018
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Dieses Kapitel
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Es handelt sich hierbei um ein Sequel zu meiner nun schon etwas älteren Geschichte (2015) "WonderFool". Es geht um ein schweren Angriff auf John, der ihn mit psychischen und physischen Schäden zurücklässt. Sherlock ist mit der Pflege und der Behinderung Johns vollkommen überfordert.

Die Geschichte setzt ein paar Jahre nach WonderFool an, ist meiner Meinung nach aber sicherlich auch verständlich, wenn man WonderFool nicht gelesen hat.

Ich konnte sie leider nicht mehr Korrektur lesen. Habe sie irgendwann in der Nacht bzw. am frühen Morgen geschrieben und dann einfach hochgeladen, weil ich sonst wahrscheinlich den Mut verloren hätte... Wenn ihr Fehler findet, bitte melden, dann korriegiere ich sie.

Den Titel habe ich dem wunderschönen Text aus Lord Hurons "The Night we met" geklaut. Hört da gerne mal rein um eine Stimmung für diese Geschichte zu bekommen.

So genug geredet.


Viel Spaß beim Lesen!



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What the hell am I supposed to do?




Die kleinen, fast unscheinbaren Pillen klackerten leise, als Mycroft den Blister zwischen sie auf den Schreibtisch abstellte.

Sherlock sah nicht einmal in seine Richtung. Er hatte die Arme verschränkt, das rechte Bein zitterte leicht.

Es war kein Anzeichen von Nervosität.

Der jüngere Holmes hatte schon in seiner Kindheit aufgehört gegenüber seinem Bruder Nervosität oder Anspannung zu empfinden. Früher einmal hatte sein älterer Bruder in ihm so etwas wie angsteinflößend Respekt ausgelöst, besonders dann, wenn es zu Vergleichen zwischen den beiden kam. Wenn es wieder hieß: „Das konnte Mycroft schon ein Jahr früher.“ „Mycroft hatte in dem Alter seinen ersten Abschluss.“ „Mycroft ist wieder Jahrgangsbester..“

Mycroft. Mycroft. Mycroft.

Diese und jedwede andere Art von Respekt hatten sich in all den Jahren vollkommen verflüchtet.

Wenn überhaupt hatte sich dieses Gefühl ins Gegenteil gekehrt. Aus Respekt wurde Apathie. Und aus der Apathie war ein neuer Keim herangewachsen, welcher durch übertriebene brüderliche Fürsorge – mit dem ein oder anderen erzwungenen Entzug – letztlich einen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Jenen Boden, der durch Johns Verletzung, seine Verstümmelung und sein neues erbärmliches Leben überhaupt erst zustande gekommen war.

„Sherlock.“

Kurz hörte das Zucken im Bein auf. Die Unterbrechung der Stille war so unerwartet gewesen, dass er fast erschrocken aufgeblickt hätte.

„Wie ist deine Entscheidung?“

Sein Bein fing mit neuer Intensität an zu zucken. Er drückte seine Hand auf den Oberschenkel, um es in Grenzen zu halten.

„Sherlock...“

Mycrofts Stimme, die der ältere Holmes betont ruhig hielt, ließ in Sherlock eine altbekannte Wut aufsteigen. Dieses Gefühl des Hasses, das er seit Johns… seit dem Tag mit sich herumtrug.

„Wir können gerne den ganzen Abend in meinem Büro verbringen.“ Mycroft seufzte und beugte sich etwas in seinem Sessel vor. Der Blister blieb unberührt zwischen ihnen. „Ich habe meine Termine für heute erledigt und du...“ Er ließ seine Augen einmal abfällig über seine Gestalt gleiten – nein, nicht abfällig, teilte ihm sein müdes Gehirn mit – nicht abfällig. Verärgert? Wütend? Enttäuscht?

In solchen Momenten wünschte er sich seinen alten Verstand wieder. Er hätte Mycrofts Emotionen, Intentionen, Reaktionen und seinen gesamten Speiseplan für die nächste Woche an den kleinen Falten um seine Augen und der Stirn ablesen können.

Aber dieser Verstand war nicht mehr vorhanden.

Genauso wenig wie der Respekt.

Genauso wie John.

„… ich bin mir sicher, dass du deine...“ Da war ein… ein Aufblitzen in Mycrofts Augen. Nur einen kurzen Augenblick war er sicher darin so etwas wie.. wie…

„...Erledigungen...“

Da war etwas wie…

„… hinter dir hast.“

Resignation.

Das war es.

Resignation war in seinem Blick, wenn er ihn über Sherlock schweifen ließ.

Sherlocks Bein zuckte weiterhin. Er rammte sich die Fingernägel in den Oberschenkel, aber er spürte es nicht wirklich. Natürlich sah Mycroft seine Bewegung. Er sagte nichts. Es mischte sich nur etwas Neues in seinen Blick.

War das nun Enttäuschung? War das Angst?

Sherlocks Augen verengten sich zu schlitzen. Es war eine seltsame Angewohnheit von Menschen, die Sherlock immer gerne spöttisch verlacht hatte.

‚Weißt du, Lestrade.‘, hatte Sherlock einmal abfällig gesagt, als der Inspektor ihn nach einer Deduktion nur verständnislos angesehen hatte. ‚Wenn Leute einen mit diesem Blick ansehen, dann weiß man, dass sie kein Wort verstanden haben. Dass sie nicht einmal in der Lage sind, die einfachsten Sachverhalte in ihre logische Ordnung zu bringen.‘

John hatte damals gelacht.

Sherlock hatte damals gedacht, John würde auf Kosten von Lestrade lachen. Eine falsche Schlussfolgerung jedoch, welche John ihm noch am gleichen Abend deutlich zu verstehen gegeben hatte.




„Sherlock!“, lachte John amüsiert und gleichzeitg auch ein wenig schockiert. „Ich würde doch nicht lachen, wenn du jemanden beleidigst!“

Der Detektiv sah ihn leicht grinsend und mit einer Augenbraue skeptisch hochgezogen an: „Buckingham Palace. Mittagszeit. Montag...“

„Bitte was?“, John lachte immer noch, auch wenn sich jetzt ein Ausdruck der Verwirrung auf seinem Gesicht ausbreitete. „Buckingham Palace?“

„Du hast gelacht, als ich den Witz über die Queen auf Kosten von Mycroft machte.“

Das glockenhafte Lachen, das sich mit plötzlicher Wucht aus Johns Mund presste, hinterließ bei Sherlock ein Gefühl des Stolzes und der Euphorie. Er liebte es seinen besten Freund, seinen Partner, seinen Ehemann zum Lachen zu bringen. Vor allem wenn es ein Lachen war, das so vollkommen frei und überschwenglich über John herfiel. Etwas, das nur Sherlock bei ihm auslösen konnte.

„Okay! Okay!“ Der Doktor hob abwehrend die Hände. „Okay… aber das ist Mycroft…“ Er zuckte mit den Schultern und lachte wieder. „Das zählt wohl kaum.“

„Charing Cross. Letzten Monat. Mittwoch-“, fuhr Sherlock fort, wurde aber prompt von Johns Hand unterbrochen, die sich über seinen Mund legte.

„Okay!“, immernoch lachend schüttelte John den Kopf. „Okay! Du hast gewonnen.“

Als Sherlock seinen Kopf zur Seite drehen wollte, hob John auch noch seine andere Hand und legte sie an Sherlocks Hinterkopf und fixierte ihn somit wirksam. „Du hast gewonnen. Alles klar. Aber trotzdem habe ich nicht über Lestrade gelacht.“

Langsam nahm er die Hand vom Mund des Detektivs. Die Andere blieb jedoch an dessen Kopf..

„Ich habe nicht über Lestrade gelacht, weil deine Aussage nunmal nicht auf IHN passt. Was du gesagt hast, mag stimmen, aber es gibt jemanden, bei dem ich diesen Blick von Tag zu Tag ertragen muss. Den ich jeden Tag aufs Neue über die ‚einfachsten Sachverhalte‘ aufklären muss, damit er sie in seine ‚logische Ordnung‘ bringen kann...“

Sherlock runzelte die Stirn und wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als John ihm mit beiden Daumen sacht über die Augenbrauen fuhr und ihn dann mit beiden Händen das Gesicht umrahmte. Seine Hände waren warm und trotz der rauen Textur sanft. Er lächelte den Detektiv geduldig an, bis dieser plötzlich rot wurde. Eine Röte, die John wieder zum Lachen brachte.

„Ganz genau.“, murmelte er, als seine Lippen sich langsam und vorsichtig Sherlocks näherten. „Genau dieser Blick.“





„Sherlock.“

Mycroft hatte sich nicht bewegt. Aber irgendetwas war anders. Sherlock runzelte die Stirn.


Genau dieser Blick!


Johns Stimme in seinem Kopf war plötzlich so real, so present, dass sich Sherlock zusammenreißen musste, sich nicht im Raum umzusehen.

„Ich weiß, es ist nicht einfach.“ Sein Bruder seufzte wieder und sackte etwas in sich zusammen. Irgendetwas war anders. Sherlock versuchte die Einzelheiten im Gesicht seines Bruders zu lesen. Die Falten in seiner Kleidung zu überprüfen. Irgendetwas…

„Ich brauche eine Entscheidung von dir.“

Etwas hatte sich verändert. An Mycroft? Am Raum?

Das Licht war anders. War es Abend? Morgen?

Eine Hand legte sich auf seinen Arm und hielt ihn fest. Erschrocken zuckte er zusammen und blicke direkt in die Augen seines Bruders. Da war wieder dieser Blick! Dieser verdammte Blick!

„Ruhig atmen...“


Wann war Mycroft überhaupt um den Tisch herum gegangen?

Wo war der Tisch?

„Ruhig atmen, Holmes.“

Welche Stimme war das?


„Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen. Ich weiß nicht, was er genommen hat.“

Wer war das? Verschwommen nahm er ein Gesicht vor sich wahr. Spürte eine Hand auf seinem Gesicht.


Genau dieser Blick!


„Sei still!“, schrie er, doch war er sich nicht sicher, ob die Worte in der richtigen Ordnung seinen Mund verließen. Alles fühlte sich irgendwie merkwürdig an. Sein Zunge war viel zu schwer. Seine Lippen zu trocken.

„Sherlock? Kannst du mich hören? Weißt du,wo du bist?“

War das Lestrade?

„Weißt du, was du genommen hast? Sherlock? Kannst du mir sagen, was du genomen hast?“ Da war noch jemand. Sie waren zu zweit. Hier war jemand. Aber wo? Wo war er? Warum waren sie hier?

„Er kann uns nicht hören. Ich habe einen Krankenwagen gerufen.“

Er konnte ihre Worte mit einer seltsamen Klarheit verstehen. Auch wenn alles um ihn herum zu verschwimmen schien, sie waren deutlich zu verstehen. Viel zu laut. Wieso waren sie so laut?

Sherlock wollte sprechen, doch irgendetwas pressste sich durch seine Speiseröhre nach oben. Es fühlte sich nach Klauen an. Nach Klauen und Krallen. Es schnitt sich seinen Weg frei. Zerriss ihm den Gaumen, die Zunge, die Lippen.

„Oh Gott!“, jemand schrie.

Dann war da nichts mehr.




Johns Haare kitzelten seinen Hals. Sein warmer Atem streifte sein Schlüsselbein.

Mit dem rechten Arm hielt Sherlock ihn fest, sodass er auf der schmalen Couch nicht auf den Boden rutschte. Mit der linken Hand fuhr er ihm immer wieder über den Rücken. Streichelte ihm über Schultern, Arm und Hüfte.

Sie waren so eng umschlungen eingeschlafen. Kaum ein paar Minuten nachdem sie von einer Jagd durch halb London zurückgekehrt waren. Und obwohl das Adrenalin in Sherlocks Kreislauf gewütet hatte, war es John gelungen ihn mit ein paar sanften Worten auf das Sofa zu locken. Ihn mit sich darauf zu ziehen und schließlich, als Sherlock beide mit einer fließenden Bewegung rumgedreht hatte, direkt auf dessen Brust einzuschlafen. Es hatte keine Minute gedauert - Johns gleichmäßiger Atem auf seiner Haut - und er war ebenfalls eingeschlafen. Tief und fest. Für mindestens vier Stunden nach dem Stand der Sonne zu urteilen und die diffusen Schatten, die sie in das Wohnzimmer fallen ließ.

Sherlock fühlte sich… zufrieden.

Eine tiefe Zufriedenheit, die sich bis um seine einzelnen Glieder zu legen schien. Es fühlte sich an, wie eine wärmende Decke. Etwas, das einen zwar einlullte, dabei aber nicht die Klarheit des Moments nahm. Alles war in seinen Einzelheiten erkennbar. Nicht nur die Umgebung, das Sofa, die Staubflocken in der Luft, der Geruch von Lauge aus der Küche – auch seine Gedanken waren glasklar.

Es fühlte sich an, wie als hätten sich Sherlock tausend Türen geöffnet. Als könne er tausend weitere mit einem Fingerschnippen öffnen. Als wäre hinter jeder Tür mehr Wissen, mehr Verstehen, mehr Einsicht, mehr – John.

Der warme Körper in seinen Armen bewegte sich leicht. Der Atem an seinem Hals stockte kurz – John schmatze manchmal im Schlaf – und streifte dann wieder mit beruhigender Regelmäßigkeit über seine Haut.

Da war ein Gefühl der – Erdung? Des „fest verwurzelt sein“ ohne die Starre eines Gefängnisses, des Ausbremsens. Es war mehr ein Geborgensein, ein „sich sicher fühlen“ ohne sich überhaupt im Klaren darüber zu sein, warum es sich so anfühlte. So wie als hätte man sich schon immer so gefühlt, als hätte es diese Emotion schon immer so in einem gegeben und als würde sie für immer genau so bleiben.

Sherlock hatte sich noch nie so gefühlt. Gleichzeitig geerdet, aber dennoch schwebend. Irgendwie leicht, aber von einer angenehmen Schwere umhüllt. Die Gedanken klar, ohne das quälende Rasen, was sein Gehirn gerne mit Gedankenblitzen und plötzlichen Einfällen bei ihm auslöste.

John schmatze wieder und der Deketiv lächelte schmunzelnd. Es war eine seltsame Angewohnheit – eine seltsame unbewusste Handlung, die John nur im Schlaf vollzog. Eine seltsam familäre Marotte, die er wahrscheinlich bei jedem anderen furchtbar gefunden hätte; einen menschlichen Fehler. Bei John war sie einfach nur vertraut.

Als der Doktor ein-, zweimal schwer ein und ausatmete, wusste Sherlock, dass sein Partner im Begriff war aufzuwachen. Mit der linken Hand fuhr er ihm weiterhin über den Rücken, der rechte Arm legte sich fester um den warmen Körper.

John blinzelte, Sherlock spürte die Wimpern an seinem Kehlkopf. Fast wie ein Streicheln.

„Wivluhr?“, murmelte der Doktor. Dann räusperte er sich. Anstatt sich jedoch von seinem Platz zu bewegen, umklammerten nun seine Arme Sherlock und drückten diesen eng an sich.

„Wenn du nach der Uhrzeit fragen wolltest...“ Sherlock drückte ihm einen Kuss auf das Haar. „Später Nachmittag. Früher Abend.“

Grunzend richtete John sich auf. Die Arme auf Sherlocks Brust abgestützt.

„Später Nachmittag?“ Er sah ihn grinsend an. „Früher Abend?“

„Was?“, fragte Sherlock verwirrt.

John schüttelte den Kopf und setzte sich auf Sherlocks Oberschenkel. Die Hände fest auf seinen Brustkorb gedrückt. „Keine genaue Angabe? Keine Stunde? Minuten? Sekunden?“

Der Detektiv lachte, was sich aber zu einem erstickten Keuchen wandelte, als John plötzlich auf seine Brust drückte. Nun gänzlich verwirrt starrte Sherlock seinen Partner an.

John drückte nochmal zu. Mit mehr Kraft. Sherlock stöhnte.

„John, was?“

Doch dieser sah ihm nicht einmal mehr ins Gesicht. Sein Blick war starr nach unten gerichtet. Auf seine Hände.

Sie fühlten sich so heiß an, fast brennend. Sogar durch das Hemd konnte er die Hitze spüren, die von Johns Händen ausging. Es war eine seltsame Hitze, gar nicht, wie Wärme, mehr wie…

Wieder drückte John zu; noch kräftiger. Sherlock keuchte und versuchte seine Arme zu heben, um John von sich zu schieben. Doch sie waren so schwer. Er konnte sie nicht heben. Etwas presste sie auf die kalte Unterlage.

„John...“, zischte er schwach, da kaum noch Luft zum Sprechen in seinem Körper war. „Was tust...“

Und wieder drückte John zu.

Und wieder.

Und wieder.

Er spürte, wie eine Rippe unter dem Gewicht brach. Er wollte vor Schmerz schreien, aber kein Geräusch drang über seine Lippen.


Johns Hände drangen durch seinen Brustkorb, pressten sich durch Hautschichten, Rippen, Organe. Der Schmerz war unerträglich. Sein ganzer Oberkörper brannte, zog sich zusammen, wurde auseinandergerissen.

Und dann war John plötzlich nicht mehr da.

„Hallo, Sherlock.“, sang eine hohe Stimme. „Schön weiteratmen.“


Moriartys grinsendes Gesicht erschien vor ihm. Sein Mund öffnete sich zu einer obszönen Grotte. Immer näher kam seine Fratze, die Augen weit aufgerissen, der Mund unmenschlich weit geöffnet. Die kalten Lippen legten sich auf seine Oberlippe und umschlossen fast seinen gesamten Unterkiefer.

Er spürte, wie Moriarty in seinen Mund atmete. Sich die Luft durch seine Luftröhre presste und seinen brennenden Brustkorb auseinandertreibte. Seine Organe schienen mit jedem Luftzug gleichzeitig zusammengepresst und auseinandergerissen zu werden.

Dann ein plötzlicher stechender Schmerz.




„Da ist er! Wir haben wieder einen Herzschlag!“





Ein leichtes Klackern neben ihm ließ ihn die Augen öffnen. Auf dem Tisch – Beistelltisch, Krankenhaus teilte ihm ein Teil seines Gehirnes mit, der anscheinendn noch funktionierte - stand ein Blister mit Pillen.

„Nein, das ist kein Traum.“

Kurz verschwamm Sherlock die Sicht, als er versuchte den vagen Umriss einer Person vor ihm richtig wahrzunehmen.

„Wir hatten diese Konversation schon einmal. In meinem Büro.“


Wenn Mycroft – und es musste Mycroft sein, auch wenn sowohl Stimme als auch Gestalt immernoch etwas durchsichtig schienen – auf eine Antwort hoffte, so war Sherlock weder gewillt noch im Stande ihm eine zu geben.

„Das ist inzwischen -“ Sherlock folgte Mycrofts Bewegungen, als dieser seinen Arm hob, die Ärmel seines schneeweißen Hemdes etwas zurückschob, um auf die Armbanduhr zu sehen - „2 Jahre her.“, schloss er und blickte dann direkt in Sherlocks Gesicht. Er seufzte, rutschte etwas auf dem Plastikstuhl nach vorne.

„Ich denke, das ist eine ganze Menge Bedenkzeit, oder?“

Sherlock versuchte sich daran zu erinnern, wie ihr Gespräch damals verlaufen war. Er war sich sicher, dass sich Mycroft in der Realität nicht plötzlich in laute Stimmen verwandelt hatte. Das war nicht möglich. Verwandelten sich Menschen?

Gestaltenwanlder, Werwölfe beim Vollmond. Mythen wandelten sich, genauso wie ihre Figuren. Nymphen, Meerjungfrauen. Halb Mensch, halb Fisch. Zentauren. Halb Mensch, halb Pferd. Dämonen mit Hörnern. Engeln mit Flügeln.

Er versuchte diese Assoziationen, diese sinnlosen Fetzen an Informationen abzustreifen und wieder den Gedankengang aufzunehmen, den er zuvor verfolgt hatte. Es viel ihm schwer sich überhaupt daran zu erinnern, was er davor gedacht hatte. In seinem Kopf herrschte aber kein Durcheinander. Alles schien sich nur zu einem großen – Nichts - zusammengemischt zu haben. Da war doch mal etwas gewesen, das diese Dinge auseinandergehalten hatte? Wände, Zimmer, Stockwerke, Flure – ein ganzes Haus? Ein Schloss? Ein Gedankenschloss?

„Sherlock. Du musst dich konzentrieren.“, Mycroft versuchte zu ihm durchzudringen. „Vergiss alles um dich herum. Vergiss deine Erinnerungen. Konzentriere dich nur auf mich.“

Kein Schloss.

„Weißt du, was passiert ist?“

Kein Schloss.

„Weißt du, wo sie dich gefunden haben?“


Kein Schloss.

„Weißt du, was du zu dir genommen hast?“


Kein Schloss!


„Sherlock! Weißt du überhaupt was du die letzten zwei Jahre getan hast?!“

KEIN SCHLOSS!




- ein Palast.



Und dann war es plötzlich wie ein Reboot. Einen Moment der Klarheit wie er ihn zuletzt auf dem schäbigen Sofa zusammen mit John in der Baker Street gehabt hatte.

„Dein Büro verlassen, nachdem ich die Pillen dir gegen den Kopf geworfen habe – wobei ich sagen muss, deine Reflexe lassen zu wünschen übrig – dann nach draußen gegangen. Nein, ich habe in der Halle das Bild von.. von…“ Der Reboot stockte. „.. von Margaret Thatcher – eine seltsame Obsession, die manche zu dieser Frau pflegen, oder? - abgehängt und dem Concierge in die Hand gedrückt. Robert? Rupert? Er hatte die Fliege falsch gebunden. Hatte wohl in der Pause Damenbesuch – eher Herren, am Zustand seiner Fingernägel zu urteilen – die Fliege war vorher anders, als ich Hereingekommen war. Dann bin ich zu Angelos. Er hatte mir noch ein Mittagessen geschuldet. Ich habe ihn gewarnt, dass einer seiner Köche heimlich Geschäfte-“

„Sherlock!“, Mycroft versuchte ihn zu unterbrechen.


„- in seinem Laden machte, die ihm ebenfalls Schwierigkeiten machen werden.“

„Sherlock...“, Mycrofts Ton wurde ebenfalls warnend.

„Die Speisekarte hatte zwei bedeutende Erneuerungen erfahren. Das Hähnchen war niemals Medium. Wie sollte bitte ein Hähnchen Medium sein?“


„SHERLOCK!“, sein Bruder war aufgestanden und schüttelte ihn. Die plötzliche Bewegung ließ seinen ganzen Körper schockiert und schmerzhaft in sich zusammenzucken. Seine Organe miteingeschlossen. Diese machten sich auch prompt mit einem unerwarteten Strahl Erbrochenen bemerkbar, der sich direkt über seine Lippen auf der weißen Bettdecke ergoss.

Mycroft sah ihn einen Moment vollkommen entgeistert an. Dann schlich sich so etwas wie Schuldbewusstsein in seinen Blick. Bedauern, ein leichter Fall von Panik und schließlich wieder Wut.

„Was ist nur los mit dir?“, flüsterte fast unhörbar, drückte dann den Knopf an Sherlocks Bettseite und setzte sich wieder hin. Er sank sofort in sich zusammen. Legte die Hände über das Gesicht und atmete schwer.

Sherlock blickte auf den gelblich-weiß schimmernden Fleck auf der Decke. Er war gänzlich geruchlos. Es befanden sich keine Essenreste darin.

Erstaunlich.


Fasziniert sah er, wie sich die Flüssigkeit in nassen Bahnen einen Weg über die Konturen seiner Beine einen Weg nach unten suchte.

Er war gerade dabei in seinem Gedächtnispalast die Information über Erbrochenes zu suchen, die ihm verriet, wie lange ein menschlicher Körper keine Nahrung zu sich nehmen musste, um sogar den bitteren Geruch der Magensäure auflösen zu lassen. War das nicht eigentlich das Problem? Eine Versäuerung des Magens nach zu langer Ernährungsverweigerung? Müsste nicht irgendein Geruch vorhanden sein? Eine andere Farbe?

Dann öffnete sich die Tür und eine Krankenschwester trat ein.

Gefolgt von Molly.

Er hätte wohl geschluckt, wenn sich nicht immernoch Reste seines Erbrochenen auf seiner Zunge und dem Rachen befunden hätten. Denn im Gegensatz zum Geruch war der Geschmack in voller Bandbreite spürbar.

Ein gekrächztes „Molly“ drang ihm dennoch - genauso schmerzhaft wie die vorherige Aktion – über die Lippen.

Sie weinte nicht. Eine Tatsache, die ihn gleichzeitig verwunderte – weinte sie doch sonst gerne bei seinen Fehltritten – und doch irgendwie nicht.

Die Krankenschwester nutzte die Stille, welche auf sein ersticktes „Molly“ folgte, nahm die gesamte Decke wortlos von ihm herunter, ging zum Schrank, legte ihm eine neue über – er erhaschte dabei einen Blick auf seine entkleideten Beine, die Prellungen, Rötungen und Kratzer – und verließ dann genauso wortlos wieder das Zimmer.

Molly, die sich in der gesamten Zeit von der Tür nicht wegbewegt hatte, kam nun langsam auf sie zu. Aus den Augenwinkeln konnte Sherlock sehen, dass Mycroft sich kaum gerührt hatte. Nur die Hände hatte er vom Gesicht genommen. In Anwesenheit der Pathologin hatte er sich nicht aufgerichtet, wie er es sonst auch bei jedem anderen getan hätte. Stattdessen hatte er sogar seinen Blick wieder von ihr abgewandt und starrte nun den kleinen Fleck direkt neben dem Bett an, wo Sherlocks Erbrochenes von der Decke auf das Linoleum getropft war.

Sie nahm den einzig anderen Stuhl im Raum, zog ihn auf die gleiche Seite, auf der sich schon Mycroft befand und setzte sich hin. Dann sah sie ihn an.

Abwartend.

Er bewegte sich nicht. Er war sich nicht einmal sicher, ob er die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Seine Beine fühlten sich seltsam taub an. Eine Taubheit, die sich ebenfalls über sein Gedanken… palast? Gedächtnisschloss? zu legen schien.

Leicht schüttelte er den Kopf in der Hoffnung, das würde seine Gedanken neu ordnen.

Sherlock verzog das Gesicht. Irgendwas – irgendwas war – irgendwas war nicht – richtg.





Dieser Blick!


Genau dieser Blick!




„Sieh mich nicht so an.“, knurrte er. Johns Hand zog sich näher an seine Brust. Noch näher, als sein Arm ohnehin schon war. Es verkrüppelte seine gesamte Gestalt. Er hasste das. Er hasste es so sehr, wenn John dies tat. Wenn er sich weiter verunstaltete als er ohnehin schon. Dieser Arm. Dieses Gesicht.

Dieses Gesicht, das ihn anstarrte. Trotz seiner harschen Worte hatte der ehemalige Arzt jedoch einen Blick nicht abgewandt.

„Was willst du von mir?“, zischte Sherlock, machte sich aber nicht einmal die Mühe von seiner liegenden Position auf der Couch aufzustehen. „Sieh mich nicht so an.“

Seit Johns… seit dem… Angriff… fiel es Sherlock immer schwerer überhaupt in dessen Gesicht zu sehen. Das rechte Auge mit seiner milchigen Iris. Den immer noch rot schimmernden Narben.

Der ehemalige Soldat saß ruhig auf dem Sessel, der einmal seinem Freund, seinem Ehemann und engsten Vertrauten gehört hatte. Der Mann, mit dem er alles geteilt hatte, dem einzigen Menschen, den er so nah an sich herangelassen hatte, dass er – Sherlock Holmes - wirklich Gefühle entwickelt hatte.

Und genau diese Gefühle waren es, die ihn jetzt ebenfalls zu verkrüppeln schienen. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Da war nur noch Hass. Hass auf die Täter, Hass auf seine eigene Unfähigkeit es nicht verhindert zu haben; damit umgehen zu können; es zu ändern; es zu verstehen; es mit objektiven Mitteln zu analysieren; die kleinen Bewegungen des geschundenen Körpers seines Freundes richtig zu deuten und ihm das ständige Einnässen zu ersparen.

Hass auf Mycroft, der die Täter nicht gefasst hatte.

Hass auf Lestrade, der es nicht wagte die Wohnung zu betreten und wenn er es tat, nur auf leisen Sohlen, wie als laufe er über Glas.

Hass auf Molly, die mit John sprach, wie als wäre er ein kleines Kind.

Hass auf Mrs Hudson, die es nicht lassen konnte, Johns Schultern zu tätscheln, wenn dieser anständig trank oder aß, ohne alles in seiner Kleidung zu verteilen.

Hass auf John, der ihn anstarrte. Und anstarrte. Und anstarrte.

Wie als wäre Sherlock der Krüppel. Als wäre er entstellt. Als würde John derjenige sein, der plötzlich in seinem Partner eine andere Gestalt sah. Wie als wäre Sherlocks Gesicht plötzlich von hässlichen Narben überseht. Als wäre sein Arm verkrüppelt und taub. Als wäre sein Auge unbrauchbar.

„Starr mich nicht so an.“, knurrte er wieder, doch John reagierte immer noch nicht. Obwohl er sich da eigentlich gar nicht so sicher war. Manchmal glaubte er, irgendetwas in dessen Gesicht lesen zu können. Meistens konnte er es aber nicht richtig deuten.

Er hasste es.

Keine Deduktionen. Keine Ermittlungen. Keine Fälle. Keine Euphorie nach einem gelösten Fall. Keine verwunderten Ausrufe von John, wenn er eine clevere Entdeckung machte. Keine wütenden Ausrufe von John, wenn er jemanden durch seine analytischen Aussagen verletzte.

Nichts.

Und alles nur wegen eines einzigen Tages. Wegen ein paar unüberlegter Worte, die John
rasend aus dem Haus getrieben hatten. Raus aus der Sicherheit ihrer eigenen Welt innerhalb der Baker Street und raus in eine Welt, die weder Johns rauen aber zärtliche Hände kannte; die nicht wusste, das John im Schlaf schmatzte. Dass er manche Nächte damit verbrachte zusammen mit Sherlock die Welt zu retten und manche Nächte damit, Sherlock vor dieser Welt zu bewahren.


Dieser Welt, die außerhalb dieser Wände lag, war es egal, dass John an diesem Abend einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und es war dieser Welt auch egal, dass eine Gruppe von homophoben Schlägern wahllos ein Opfer gesucht und gefunden hatten. Die Welt hatte John an diesem Abend nicht beschützt. Genauso wenig wie Sherlock.

Er holte Luft, wollte zu einem neuen Satz Atem holen, als lautes Gepolter auf der Treppe seinen Blick von John lenkte. Molly und Mrs Hudson öffneten die Tür zur Wohnung.

„Hey, ihr beiden.“, lächelte Molly. Mrs Hudson trat hinter ihr ein und grinste ebenfalls. Als ihr Blick auf Sherlock fiel, verzog sich ihr Lächeln jedoch.

„Warum seid ihr noch nicht fertig?“, fragte sie und sah verwirrt von Sherlock zu John. „Oh, John!“, sie trat auf ihn zu, was diesen leicht zusammenzucken ließ. „Wo ist dein Anzug?“

Sherlock bemerkte jetzt erst die farbenfrohen Kleider und lächerlichen Hüte, die sowohl Molly als auch Mrs Hudson angezogen hatten.

„Welcher Anzug?“, murmelte Sherlock und sah John an.

„Sherlock...“, stöhnte Molly und stämmte die Arme in die Hüfte. „Gregs Hochzeit!“ Sie fuchtelte mit den Armen in der Luft, wie als würde sich ihm dadurch erschließen, wessen Hochzeit mit „Greg“ überhaupt gemeint war.


„Oh.“, mehr schien er dazu nicht zu sagen können. Mrs Hudson sah ihn entsetzt an.

„Aber Sherlock. Das ist die Hochzeit deines besten Freundes. Wie konntest du sie vergessen?“

„Okay, kein Problem.“, Molly klatschte in die Hunde, was John wieder zusammenzucken ließ. „Kein Problem. Die Anzüge habe ich schon vor Monaten besorgt. Die müssten noch oben in Johns Zimmer sein.“

Sie drehte sich um und wollte gerade nach oben eilen, als Sherlock wütend dazwischenfuhr.

„Wir werden nicht gehen.“

Verwirrt drehten sich sowohl Molly als auch Mrs Hudson zu ihm. Im Augenwinkel war er sicher, das auch auf Johns entstelltem Gesicht so etwas wie Verwunderung zu lesen war.

„Was? Warum? Geht es John nicht gut?“, fragte Mrs Hudson besorgt und drehte sich wieder zu dem ehemaligen Arzt.

Sie schrie erschrocken, als eine Tasse nur knapp an ihr vorbei am Kaminsims zerschlug.

„Raus hier!“, schrie Sherlock, der plötzlich vom Sofa aufgesprungen war.


„Was..?!“, Mollys erschrockener Gesichtsausdruck spiegelte sich ebenfalls auf dem Gesicht von Mrs Hudson wieder. Beide waren vollkommen fassungslos.


„Ich sagte, raus hier!“ Sherlock stand wie ein Berserker vor ihnen. Das Gesicht rot angelaufen. Die Hände zu Fäusten geballt. Der Morgenmantel halb offen, sodass sie seine Brust sahen. Eingefallen und blass. „Verschwindet!“

Beide, immer noch fassungslos, bewegten sich nicht.

Wütend wollte er nach seiner Vermieterin greifen, sie aus seiner Wohnung schleifen, als sich schlagartig eine feste Hand um seine Arm legte und ihn von ihr wegzog. Reflexartig holte er mit dem anderen Arm aus und traf seinen Angreifer direkt mit dem Ellenbogen im Gesicht.

John ging sofort zu Boden.

Er blieb aber nicht liegen.

Wimpern kroch er so schnell es sein Körper erlaubte von Sherlock weg. Zog sich mit fast verzweifelter Kraft am Ledersessel entlang zum Schreibtisch, unter welchem er versuchte Schutz zu suchen. Keuchend presste er sich unter das Möbelstück, versuchte dabei mit der linken Hand das fast bewegungsunfähige Bein mit in Deckung zu ziehen. Er blutete aus der Nase. Es lief ihm wie ein Bach über die Lippen, das Kinn und versickerte schließlich in seinem weißen Hemd.

„John.“

Er war sich nicht sicher, ob der erschrockene Ausruf von Mrs Hudson, Molly, ihm oder allen zusammen stammte. „Oh Gott, John.“

Der fast unmenschliche Schrei, als Sherlock sich zu ihm hinunterbeugte, kam jedoch eindeutig von John.

Er schrie und strampelte, versuchte sich weiter unter den Tisch zu schleppen. Seine Schreie hallten durch das Zimmer, den Hausflur und sicherlich auch auf der Straße.

„John.“ Er kniete sich nieder, doch wurde sogleich von Molly am Mantel gepackt und weggezogen.

Noch zu erschrocken und unkoordiniert, zu entgeistert über sein eigenes Handeln und die ohrenbetäubenden Schreie Johns, stürzte er zu Boden.

„Was hast du getan?“ Mollys Gesicht erschien über ihm. Der Schock war auch deutlich in ihren Zügen zu lesen. Was Sherlock sich aber stärker ins Gedächtnis brannte, war ihre Entrüstung. Die bodenlose Verachtung, den sie in ihren Augen lesen konnte.




Den gleichen Blick hatte sie nun im Gesicht, als sie wartend vor ihm saß.

Mycrofts Blick war nicht zu deuten. Er sah immer noch auf den Boden. Die Schultern gesenkt, der gesamte Körper so in sich zusammengesunken, dass Molly, mit ihrer aufrechten Haltung, ihn körperlich zu überragen schien.

„Nichts?“, fragte sie leise, aber es war auch nicht nötig laut zu reden. Ihre Frage hallte seltsam hohl von den Wänden wieder. Fast wie ein vergessenes Echo von Johns Schrei. Ein leiser Nachhall ihrer Entrüstung an diesem Abend. Wann war dieser Abend gewesen? Waren es schon über zwei Jahre?

Die feinen Linien um ihre Augen und den Mundwinkeln waren deutlich. Mehr als zwei Jahre waren seit diesem Tag vergangen.

„Was willst du von mir hören?“, frage er mit ebenso ruhiger Stimme.

„Keine Deduktion? Mein Haarschnitt, der verrät wie lange ich schon single bin? Keine fiesen Entdeckungen aufgrund meiner Hose und der daraus resultierenden Analyse meiner Angst vor der Vereinsamung?“

Die Härte in ihren Augen erschrak ihn. Das waren nicht die Augen der Molly, die um ihn geweint hatte, weil er nach seiner Rückkehr alles getan hatte, um John wieder zurückzubekommen und sich dabei fast vollkommen zerstört hatte. Das war auch nicht die zutiefst verletzte Molly, die er einmal zu oft mit Deduktionen gedemütigt hatte.

„Nein.“, war alles was ihm dazu einfiel.

Mycroft bewegte sich daraufhin und ein unterdrücktes Schluchzen war zu hören.

„Gott, Sherlock.“ Wieder fuhr er sich mit den Händen über das Gesicht. Sherlock sah, wie sein Bruder die nassen Finger an seiner Anzugshose abstreifte. „Du musst dich jetzt entscheiden.“ Wieder ein Schluchzen, das sich in ein Grunzen verwandelte, als Mycroft verzweifelt versuchte es unter Kontrolle zu halten. „Du musst einfach.“ Fieberhaft drückte er seine Hände über die Augen. Erfolglos. Die Tränen liefen bereits über seine Wangen. „Ich flehe dich an..“, kam die erstickte Bitte. „Du musst dich endlich entscheiden. Ich kann dich nicht-“ Ein weiteres lautes Schluchzen unterbrach sein Flehen. „-zwingen, ich kann... dich aber nicht mehr... so... sehen.“ Wieder sank er in sich zusammen. Mollys Hand legte sich sanft auf seinen Rücken und sie beugte sich leicht über ihn. Die Härte war aus ihrem Blick gewichen. Auch ihre Augen glitzerten verdächtig.

Sherlock schluckte und versuchte sich an ihr letztes Gespräch zu erinnern. Wahrscheinlich das letzte Gespräch zwischen ihnen, an dass er sich noch klar erinnern konnte. Bevor er dem Concierge das Thatcher Bild in die Hand gedrückt hatte, bei Angelo zu Mittag gegessen hatte und dann…

…alten Freunden einen Besuch abgestattet hatte.

Aus diesem Besuch waren mehrere längere Aufenthalte geworden. Bis diese Aufenhalte nicht mehr dabei blieben und er auch zuhause angefangen hatte in alte Verhaltensmuster zu fallen.

Kokain war nur der Anfang gewesen.


Es hatte keine zwei Wochen gedauert, bis es einfach keinen wirklichen Effekt mehr auf ihn gehabt hatte.

Egal was es war, das sie ihm danach mit dem Versprechen in die Hand drückten, alles um sich herum vergessen zu können – er nahm es.

Immer und immer wieder.

Bis er sich nicht mehr wirklich sicher war, was er eingenommen hatte.

Ketamin um zu Vergessen.

MDMA um wieder zu fühlen.

LSD um etwas anderes zu fühlen.

Dann erneut Kokain um seinen Körper wahrzunehmen.

Schließlich Heroin um die Schmerzen in den Fingerspitzen, in seinen Gliedern, seinen Venen wieder ausblenden zu können.

Und das alles ging seit über zwei Jahren so. Seit ihrem letzten Gespräch, als er noch Kokain einnehmen konnte, ohne gleichzeitig nach mehr zu sehnen, nach etwas anderem, besseren, stärkeren. Irgendetwas, das ihn endlich aus diesen endlos kreisenden Gedanken befreien würde. Das sie ordnete, oder wenigstes leiser stellte oder in letzter Konsequenz einfach ausschaltete. Alles war besser als der gegenwärtige Zustand.

Dieses elende Hinkriechen wie ein Bettler vor dem Thron. Die Hände gefaltet und die Arme dem Allmächtigen flehend entgegengestreckt. Bettelnd um Erlösung, um Gnade, um Vergebung. Und wenn das alles keinen Erfolg hatte, dann doch wenigstens ein Ende. In irgendeiner Form.




Die kleinen, fast unscheinbaren Pillen klackerten leise, als Mycroft den Blister zwischen sie auf den Schreibtisch abstellte.

Sherlock sah nicht einmal in seine Richtung. Er hatte die Arme verschränkt, das rechte Bein zitterte leicht.

„Ich brauche eine Entscheidung von dir.“

Das verächtliche Schnaufen, das sich Sherlocks Kehle entrang, blieb von Mycroft unkommentiert.

„Du hast die Wahl, Sherlock.“

Sherlocks Gesicht schien sich zu einer Grimasse zu verziehen. Verachtend sah er von Mycroft zu dem unscheinbar zwischen ihnen ruhenden Blister: „Welche Wahl, Mycroft.“ Er spuckte den Namen geradezu aus. Wie als wäre er ein unerträglicher Geschmack auf seiner Zunge. „Was soll das für eine Wahl sein?“

Mycroft zuckte mit den Schultern und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Hände auf seinem Schoß verschränkt: „Du hast wohl recht. Es ist vielleicht weniger eine Wahl als eine Evaluation.“

„Evaluation.“ Sherlock schnaubte. Seine Fingernägel bohrten sich in seine Handflächen. Sein Bein zitterte stärker.

„Ein Test, wenn du es so bezeichnen möchtest.“

Anstatt etwas darauf zu erwidern, versuchte Sherlock seine Atmung ruhig zu halten. Das Zittern in seinem Bein unter Kontrolle zu kriegen.

„Du weißt, so kann es nicht weitergehen.“

Sein Bruder beugte sich wieder vor, öffnete eine Schublade und zog eine beige Mappe hervor. Er legte sie, mit der gleichen Ruhe wie den Blister, zwischen ihnen auf den Tisch.

Wieder schnaubte Sherlock, dieses Mal mischte sich in die Verachtung aber auch so etwas wie spöttischer Unglauben.

„Bist du unter die Schurken gegangen, Mycroft? Wenn ja, tut es mir leid dich enttäuschen zu müssen. Aber die Nummer mit den Pillen und der Wahl, die eigentlich keine Wahl ist, hatten wir schon. Du kannst sie auf meinem Blog nachlesen. Ein Fall -“

„Deinem Blog?“ Auch Mycrofts Gesicht nahm eine Form spöttischer Verachtung an. „Du meinst wohl den Blog von Doktor Watson.“

„Holmes.“

„Wie bitte?“

„Doktor Holmes.“ Es klang fast wie ein Fauchen und Sherlock schluckte schwer, um den bitteren Geschmack, der ihm tatsächlich auf der Zunge lag, wieder herunterzuwürgen.


„Oh, ich vergaß.“, lachte der Ältere abfällig. „Dein Ehemann.“

Wieder er sich nach vorne, schob dabei die beige Mappe zu sich und öffnete sie.

„Du meinst also den Ehemann, der...“ Er benässte die Spitzeseines Zeigefingers und blätterte durch das Dokument. „… an Untergewicht leidet, schwere Anzeichen von Vernachlässigung sowohl körperlich als auch geistig zeigt und in den letzten Monaten so ziemlich jeden Fortschritt, den er seit dem Angriff gemacht hatte, wieder zurückgenommen hat?“ Er drehte die offene Mappe zu Sherlock um und tippte darauf. „Dieser Ehemann?“

„Was soll das?“, fragte Sherlock genervt. „Ich misshandle John nicht.“


„So?“, Mycrofts Augenbraue zuckte. „Dann kannst du mir auch sicher erklären, warum er mit einer gebrochenen Nase vor ungefähr drei Monaten ins Krankenhaus eingeliefert wurde?“

„Das war ein Versehen!“

„Tatsächlich? Dann war es wohl auch ein Versehen, dass du ihn fast eine Woche lang allein zuhause gelassen hast? Dass er vollkommen verwahrlost von Mrs Hudson nach ihrem Urlaub gefunden wurde und erst einmal im Krankenhaus versorgt wurden musste? Das war dann wohl auch ein Versehen?“

„Was-?“ Sherlock spürte, wie eine Tür in seinem Kopf zuschlug. „Was?“, wiederholte er stumpf.


Mycroft, anstatt sofort zu antworten, schob ihn die Mappe ein Stück näher.

„Es steht alles hier drin. Die gesamte Krankenakte von John mit allen Vorfällen der letzten Monate.“

Und tatsächlich war dort eine Liste. Mehr als einmal schlugen ihm die Worte ‚Vernachlässigung‘ und ‚Unterernährung‘ entgegen. Das war unmöglich.

„Nein… ich...“, stotterte er und wieder schlugen Türen zu. „Das… ich...“

Seine Hand zitterte, als er durch die Seiten blätterte.

„Ich… ich...“

Eine Hand legte sich auf seine zitternde und er sah auf.

„Sherlock.“ Die Stimme seines Bruders war ruhig. „Du musst dich entscheiden.“ Seine freie Hand schob nun den Blister näher zu ihm.

„Du kannst John nicht mehr versorgen. Deine… Probleme…“

„Ich habe keine Probleme.“, zischte Sherlock und die Wut kam wie ein Schlag ins Gesicht zurück. „Ich kann meinen Mann versorgen.“

Mycroft schüttelte den Kopf.

„Du hast die Wahl. Entzug und eine langfristigie Behandlung deiner Depressionen, mit Antidepressiva,...“ Er nickte zu den Pillen, die immer noch unschuldig auf dem Tisch standen. „… stationärer Therapie und einem Betreuer für die nächsten Jahre. Oder...“

Er nahm seine Hand von Sherlock und hob die Mappe auf, faltete sie und legte sie wieder sorgsam zwischen sie.

„Oder John muss in eine Pflegeheim und dir wird das Sorgerechte entzogen.“

Sherlock sprang wutenbrannt auf.

„Das lasse ich nicht zu!“, schrie er und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.

„Dann hast du deine Wahl getroffen.“ Mycroft nahm den Blister in die Hand, stand auf und streckte den Arm mit dem Plastikbecher ihm entgegen. Der Detektiv nahm ihn entgegen und schleuderte ihn in Mycrofts Gesicht. Der ältere Holmes konnte nicht ausweichen. Der Becher erwischte ihn oberhalb des rechten Auges. Die Wucht, mit der Sherlock den kleinen Becher geworfen hatte, ließ die Haut aufplatzen. Ein kleiner Rinnsal Blut bildete sich sofort und lief Myccrofts Gesicht herunter.


„Fick dich“, Sherlocks Schreien wurde hysterisch. „Ich lasse das nicht zu. Ich überlasse dir John nicht! Dir und deinem Pflegeheim! Du weißt, was das letzte Mal geschehen ist. Das lasse ich nicht zu. Sie bringen ihn da um!“

„Du bringst ihn um!“, dröhnte nun Mycrofts Stimme und Sherlock zuckte unweigerlich zusammen. „Du bist es, der ihn umbringen wird, Sherlock, und so lange du die Gefahr nicht siehst, die von dir ausgeht, kann ich John nicht in deiner Obhut lassen!“ Wütend wischte er sich über die Platzwunde, die ihm das Blut in die Augen laufen ließ.

„Ich bin keine Gefahr für meinen eigenen Mann!“

„Du wirst ihn umbringen, Sherlock!“

„Du willst ihn mir nur wegnehmen!“

„Wenn das heißt, dass ich ihn vor dir rette, dann ja! Denn wenn du so weiter machst, dann-“

„Dann was?!“, fuhr ihm Sherlock dazwischen und schlug wieder auf den Tisch. „Was?! Dann bringe ich ihn um? Ich bringe ihn um? Er ist doch längst tot!“

Den gleichen Schock, den er bei seinen eigenen Worte empfand, konnte er im Gesicht seines Bruders lesen. Und kurz – nur kurz – war es, wie als würde der Anblick in ausnüchtern. Dann spürte er die Adern in seinem Körper pochen. Wie der Blutdruck ihn den Hass durch die Venen pumpte.

„John ist gestorben, als sie zum ersten Schlag ausholten!“ Seine Hände krallten sich in den Tisch über den er sich wütend gebeugt hatte. Er spuckte fast als er die Worte seinem Bruder ins Gesicht schrie: „John ist tot! John ist innerlich gestorben und nur sein beschissener Körper und ihr alle – ihr – ihr – wollt es nicht einsehen! John ist verdammt nochmal gestorben!“

Er schnaufte. Lange war das einzige Geräusch im Raum sein schweres Atmen. Sein ganzer Körper zitterte.

„Nein.“, kamen dann die leisen Worte von Mycroft. „Der Einzige, der innerlich gestorben ist, bist du, kleiner Bruder.“

Sherlock stieß sich vom Tisch ab und Mycroft zuckte zusammen, wie als erwarte er nun den direkten Schlag ins Gesicht. Doch der jüngere Holmes drehte sich nur um und lief aus dem Raum.

„Sherlock!“, rief Mycroft ihm noch hinterher. Die einzige Antwort, die er bekam, war jedoch das unmissverständliche Knallen der zuschlagenden Tür.




Damals war Mycroft verzweifelt gewesen, weil er wusste, wo dieser Weg für Sherlock hinführte. Er hatte einen Teil davon schon früher gesehen.

Doch das alles war nichts im Vergleich zu heute.

Entweder spürte er seinen Körper kaum noch oder spürte ihn in einer Intensität, die er nicht aushalten konnte. Je nachdem welche Drogen er gerade konsumiert hatte.

Die Erinnerungen an diese Jahre waren kaum vorhanden. Zu wirr, zu bruchhaft und mehr von Gefühlen als von Ereignissen geprägt.

Woran er sich jedoch erinnerte, war der Tag, an dem er das erste Mal seit langer Zeit wieder Drogen genommen hatte. Lange vor dem Gespräch mit Mycroft, dem Thatcher Bild und dem Mittagessen bei Angelo.

Er war zuhause gewesen - bei John - in ihrem Wohnzimmer und John hatte ihn angestarrt. Ihn einfach angestarrt und nichts gesagt. Es hatte ihn so furchtbar wütend gemacht - so furchtbar wütend. Das schien seine Standard-Einstellung geworden zu sein: die Wut. Immer wieder Wut über alle möglichen Dinge, die sich ihm in den Weg stellten. Ob es die Milch war, die er in der Küche stehen gelassen hatte (etwas, das John früher bemerkt und erledigt hätte) oder ob es Johns Schmatzen in der Nacht war, das gleichzeitig so vertraut und doch völlig anders war. Er war nur noch wütend gewesen, aber das Kokain hatte das alles verstärkt. Sein Herz raste, der Blutdruck stieg.

Und John hatte ihn angestarrt.



Genau dieser Blick!



John hatte ihn angestarrt, so wie er es früher getan hatte, wenn Sherlock etwas Dummes tat. Wenn er tagelang nicht gegessen hatte und in seinen Gedanken so sehr versunken war, das er alles vernachlässigt hatte. In diesem Blick lag Frustration, Sorge, Angst, Missfallen, Ärger, aber – vor allem – Liebe.

Die verzweifelte Liebe eines Soldaten, der einen Kampf vor sich sah, den er gewinnen musste, um Leben zu retten. Und wenn Sherlock wirklich darüber nachdachte, wenn sein Gehirn es ihm in seinem derzeitigen Zustand erlauben würde, dann hätte er auch erkannt, wie dieser eine Blick - an diesem einen Tag - an dem das Kokain seine Venen zum brennen und seine Wut befeuert hatte, noch etwas anderes beinhaltet hatte:

Schmerz.

Und zwar der gleiche Schmerz eines Soldaten, der den gefallenen Kammeraden vom Schlachtfeld getragen hatte, nur um dann festzustellen, in dem Moment als sie die Sicherheit des Schützengraben erreichten, dass der Freund – der Kamerad – lange nicht mehr atmete.

Dieser Blick in den Augen seines größten Vertrauten war so unerträglich wie die ständige Wut auf seine Umgebung.

Romantiker würden John wohl seinen Seelenverwandten nennen. Sherlock war kein Romantiker, sicherlich nicht, doch auch er wusste, dass er ohne John den wahrscheinlich wichtigsten Teil seiner selbst verloren hatte. Alles Menschliche, das Gute, was Lestrade vor Johns erscheinen so verzweifelt in ihm gesucht, war mit einem Schlag erloschen. Und jetzt, wo sich sein durch Drogen verwirrter Geist langsam an die letzten Jahre zurückerinnerte, an die langsam voranschreitende Verwahrlosung, die er John angetan hatte, wusste er nicht mehr genau an wen er seine Wut richten konnte. Die logische Antwort wäre wohl „an sich selbst“ gewesen, aber selbst dafür fehlte ihm die Kraft.

Als sie John, nicht einen Tag nach dem verhängnisvollen Gespräch mit Mycroft, unvermittelt aus seiner Wohnung gebracht hatten – vollkommen verängstigt und schreiend, weil John nicht verstand, was vor sich ging und warum man ihn aus seiner bekannten Umgebung riss – war Sherlock tobend vor Wut auf Lestrade losgegangen. Hatte versucht ihn mit Schlägen und Tritten von John wegzurzerren.

Das einzige, was er in diesem Moment zustande gebracht hatte, war es sich über seine eigene Brust, seine Beine und das Sofa zu übergeben.

Vage hatte er noch Johns Gesicht wahrgenommen. Tränen liefen ihm über die Wangen, welche sich ihren Weg wie kleine Rinnsale durch die tiefen Narben suchten.

Dieses wunderschöne Gesicht entstellt durch Sherlocks Hass und seine Wut.




„Ich mache es.“, sagte er leise. Er traute sich nicht seinem Bruder oder Molly in die Augen zu blicken. Sein Blick fiel auf die Decke vor sich und einen kurzen Moment stieg Panik in ihm auf. Er wollte die Worte zurücknehmen, schluckte dann aber nur schwer und wiederholte: „Ich werde es machen.“





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Danke fürs Lesen!
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