Ohne dich - darf ich nicht sein

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18
Avalon Bloom Valtor
15.07.2018
20.08.2019
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Versiegende Kontrolle


Eine Hochzeit muss perfekt sein. Die Haare sitzend, das Gesicht so zart bemalt wie das eines göttlichen Geistes und das weiße Brautkleid die reine Jungfräulichkeit betonend. Die Braut ist für heute nicht ein Mensch, ein sterbliches Wesen. Nein, sie wird erkoren zu Gott.
Sie ist das schönste, dass die Welt gesehen hat. Das anmutigste. Das reinste.
Niemand trägt weiß, niemand strahlt so hell und makellos wie sie.
Wenn sie sich umdreht, ein zartes Lächeln auf ihren Lippen spielt, dann ist man sich einer glorreichen, früchtebringenden Zukunft gewiss. Freu dich, wenn du ihr deine Glückwünsche aussprechen darfst. Es ist eine Ehre für dich.
Der Bräutigam, so steht er doch recht gewiss neben der Braut, spielt kaum eine Rolle in diesem Spiel. Die Kleidung schwarz wie die Nacht, das Gesicht voller unschöner Poren wie jeden gewöhnlichen Tag auch, steht er da und tut nichts, außer seiner Göttin zu dienen. Er liest ihr jeden Wunsch von den Lippen ab, hat er doch die schöne Zeremonie einzig und allein für sie arrangiert.
Das, was er will, das zählt heute nicht. Viel zu wichtig die zarten Lippen der Braut, welche bezaubernde Worte über die Welt sprechen. Viel zu funkelnd die wunderhaften Augen, welche sich über ihr Glück ergießen. Viel zu wellig das weiche Haar, welches den Duft junger Blüten in sich trägt.
Wenn die Braut spricht, ist es Gesetz. Sie entscheidet über das Kleid, die Frisur, die Schminke und die Ringe. Sie bestimmt, wer wo sitzen darf. Es liegt in ihrer Macht, wann und wie lange mit wem gesprochen werden wird.
Kein Wort, keine Tat und kein Gedanke darf sich über die Braut erheben. Nichts wagt es, ihren Zorn auf sich zu lenken. Denn glaube mir, die Göttin ist mächtig. Wer ihren Hass erzürnt, wird von Gewalten eingenommen und nie mehr seines Lebens glücklich werden. Doch dies sollte nicht der Grund für die absolute Beugung sein. Nicht die Angst, nicht die Abhängigkeit lenkt zur Ehrerbietung.  
Nein, es ist die Vollkommenheit der Gottheit selbst. Das Unnahbare, Vielfältige. Allmächtige.
Das, was der blutige Mensch nie zu erreichen vermag. Und aus genau diesem Grund hat er der Göttin zu dienen. Nieder zu knien vor dieser gewaltigen Schönheit.
Es fühlte sich falsch an, die Braut zum Altar zu führen. Immerhin war ich nicht ihr Vater. Aber egal, wie lange ich auch mit Mike diskutiert hatte, er hatte sich geweigert auch nur im Ansatz mit mir zu kooperieren.
Die Braut war nicht erfreut gewesen. Zwar wusste sie nichts über den Streit, doch fragte sie unentwegt, wann sie ihren Vater wiedersehen dürfe. Wann ich mich ihr beugen würde. Ob ich ihren Wunsch erfüllen würde.
Doch ich musste streng bleiben. Ich durfte mir nicht kurz vor der Hochzeit einen Fehltritt erlauben. Wenn ich wollte, dass meine liebe Bloom alsbald und ohne sickernde Tränen in den Augen Valtor zum Mann nehmen sollte, dann musste ich sie fern von Trauer halten.
Denn – das darf man nicht außer Acht lassen – bin ich ein Diener hohen Grades. Ein Diener, der alles bestimmt. Der die Macht hat über Glück und Unglück.
Zwar trügt der Schein, die Kraft der Göttin, das beugende Wort des Bräutigams, aber eigentlich bin ich es, der das Zepter schwingt. Ich entscheide, über das Kleid, die Frisur, die Schminke und die Ringe. Einzig und allein ich bestimme, wer wo sitzen darf. Es liegt in meiner Macht, wann und wie lange mit wem gesprochen werden wird.
Natürlich höre ich zu. Nicke brav, pflichte meinem Gegenüber seine Rechte bei. Aber doch nur oberflächlich. Denn bevor ich einen Wunsch wahr werden lasse, wiege ich ihn ab mit all meinen Prioritäten.
Das Glück spielt hierbei die wichtigste Rolle. Denn die Göttin muss zufrieden gestellt werden. Wenn sie nicht lacht, wenn ihr Herz nicht freudig springt, dann ist meine Knechtschaft umsonst, überflüssig.
Erst wenn ihr Frohsinn garantiert ist, widme ich mich dem Bräutigam. Er darf seine Wünsche gewiss äußern, jedoch nie über die Begehren der Göttin setzen.
Irgendwann, wenn die Welt um mich herum zufrieden sein wird, werde ich mich ausruhen. Ich werde an einen ruhigen, sanften Ort reisen und den frischen Wind durch meine Haare wehen lassen.
Ja, ich werde an der Klippe zum tosenden Meer stehen und Gott beweisen, zu was ich fähig war! Dass ich ihn nicht brauchte, um mein Glück und das anderer zu finden. Denn ich bin stark, ich bin allmächtig.
Niemand kann sich meinen Fängen entziehen.
Und egal, was Gott im Paradies für mich geplant hatte, ob er mich pflegte zu strafen oder gar zu töten. Es spielte keine Rolle mehr. Ich war frei. Ich war zu meinem eigenen Gott geworden, der seine Welt in seinen Händen trug. Nichts und Niemand würde mir diese Macht nehmen können.
Weder Mike, noch Vanessa, die mich mit ihren Blicken förmlich abstachen. Die mich verachteten für meine Taten, die ich an der Braut begangen hatte.
Ihre bösen Blicke waren mir egal. Hauptsache die liebe Bloom würde glücklich werden.
Doch das langersehnte Glück schien mir weit entfernt. Denn Bloom wirkte nicht fröhlich. Zwar sah sie auch nicht verzweifelt oder gar ängstlich drein, doch entging mir nicht, wie sie immer wieder unsicher zu ihren Eltern hinübersah. Und auch wenn die Hände nicht zitterten und sie sich nicht nervös auf die vollen Lippen biss, so hatte sie nichtsdestotrotz Angst. Höllische Angst vor der Begegnung mit ihrer geliebten Mutter und ihrem geliebten Vater. Und allein deswegen verabscheute ich ihre Eltern jetzt schon. Auch wenn sie gute Eltern waren, mir in meinen Studien über sie stets bewiesen hatten, dass sie Bloom gut und gewissenhaft erzogen hatten. So konnte ich ihnen dennoch nicht verzeihen, welchen Qualen sie nun ihre geliebte Tochter aussetzten.
Sie waren Monster, dass sie nicht erkannten unter welcher Wehleidigkeit Bloom litt. Dass sie nicht sahen, wie sehr sie sich nach der Liebe ihrer Eltern labte.
Am meisten setzte es mir zu Herzen, als Bloom mehr Widerwillen als Wohlwollen Valtor zur Eheschließung die blassen Lippen küsste. Valtor freute sich sicherlich und ich gönnte es ihm herzlich. Ich war mir auch tief im Inneren sicher, dass Bloom ebenfalls eines Tages diese seichten Lippen freiwillig küssen wollen würde.
Aber das entsetzte, fassungslose Raunen seitens Blooms Eltern ging mir nicht aus dem Kopf. Nicht nur ein Raunen, dass die Sorge und das Mitleid gegenüber ihrer Tochter ausdrückten, sondern auch das Entsetzen über das unbegreifliche Verhalten über genau diese. Wie konnte sie ihren Peiniger küssen?
Menschen waren mindestens genauso verblendet wie Valtor. Das konnte nur ein anstrengender Tag werden.
Und es bewies sich auch, als wir alle einen ruhigen Moment nach der Hochzeit fanden und uns zusammen in einem gemütlichen und privaten Aufenthaltsraum des gemieteten Hotels gesellten. Sanfter Wind wehte durch die großen Fenster und ließen die weißen Vorhänge flatternd durch die Luft wabern. Es sah ruhig und friedlich aus, wie die Sommersonne durch das klare Fenster schien. Doch der Schein trog. Bloom saß neben Valtor, nestelte nervös mit den Fingerspitzen und blickte kleinmütig zu ihren Eltern. Sie sah alles andere als glücklich aus. Und Valtor ebenso wenig. Angespannt hatte er die Hände auf den Schoß gefaltet und knirschte mit ernster Miene die Zähne.
Und ich saß hilflos zwischen beiden Fronten und beobachtete bis jetzt stillschweigend das finstere Blickduell zwischen Eltern und Schwiegersohn.
„Sie Bastard“, knurrte Mike auf einmal mit verhassten Lippen und ballte die rechte Hand zu einer zittrigen Faust. „Es muss einfach sein, sich als Möchtegern-Diktator ein unschuldiges Mädchen zu grapschen.“
Huch? Valtor war kein Möchtegern-Diktator, sondern ein wahrhaftiger König. Hatte ich mich etwa missverständlich bei unserer ersten Begegnung gegenüber Mike ausgedrückt?
„Papa“, fiepte Bloom gequält, doch Valtor hob augenblicklich seine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Du bildest dir viel ein als kleiner Mann“, stellte Valtor verärgert fest und verschränkte vehement die Arme. „Aber letztlich sind deine Worte wertlos wie der Dreck unter deinen Füßen.“
„Valtor“, meinte Bloom diesmal etwas empörter, doch kauerte sie sich unter seinem bösen Blick wieder unterwürfig zusammen.
„Was hast du mit meiner Tochter gemacht, hm?“, und so verwarf Mike das anfängliche, freundliche Siezen. Rasend vor Zorn stemmte er sich hoch, dass auch Vanessa ihn nicht mehr zurückhalten konnte.
Valtor schwieg aber nur verbissen und ließ sich nicht von seinem Gegenüber aus der Fassung bringen, worauf Mike erzürnter tobte: „Sag schon!“, brüllte er verhasst. „Wie oft hast du meine Tochter schon gefickt?“
„Papa“, weinte Bloom im Hintergrund und brach mir das Herz.
„Jetzt sag schon! Einmal, zweimal oder vielleicht doch jeden Tag?“, keifte er wutentbrannt und deutete plötzlich abfällig zu mir. „Hast du deinen dreckigen Diener auch schon an sie rangelassen?“
Erschrocken fuhr ich zusammen und starrte Blooms Vater fassungslos an. Bitte was? Ich würde mich nie an meiner geliebten Bloom vergehen! Was fiel diesem Mann ein, mir so etwas an den Kopf zu werfen!? Doch ich ließ mir meine Wut nicht anmerken und beobachtete stattdessen schweigend, wie Vanessa hilflos das Gesicht in die Hände warf. Sie murmelte irgendetwas Unverständliches, während sie kraftlos den Kopf hin und her schüttelte.
„Ich habe sie nicht vergewaltigt“, erwiderte Valtor trocken. „Und ich werde es auch nicht tun.“
Mike schnaubte verächtlich und stemmte die Hände in die Hüfte.
„Da ist wohl jemand ganz stolz auf seine Heldentaten“, meinte er hässlich und mit finsterem Nachklang.
„Mama“, flehte Bloom im Hintergrund und griff mit ihren leeren Händen hilflos nach der Liebe ihrer Mutter. „Beschütz mich.“
Vanessa hob nur langsam, schluchzend den Kopf und betrachtete zunächst wie erstarrt ihre zerbrochene Tochter, als sie plötzlich der Geist ergriff und sie hastig zu ihr eilte, sie tief mit ihren dünnen Armen umfing und sanften Trost spendete. Währenddessen rückte sie immer enger an ihre geliebte Tochter, fuhr ihr hektisch durchs Haar und flüsterte ihr sanfte Worte ins Ohr.
Es war ein trautes, zierliches Spiel des Lebens. Wenn Mutter und Tochter sich fanden und eins wurden in ihrer Innigkeit. Ich beneidete Bloom sehr um ihre harmonische Familie – Und Vanessa um ihre geliebte Tochter.
Ich wollte das auch haben. Ich wollte auch so sein wie sie.
Etwas mürbe glitt mein Blick zu Valtor und Mike, die all den Trost, all die herzensgute Wärme nicht sahen, da sie im verhassten Streit gefangen waren. Sie tobten, brüllten und warfen sich einen Vorwurf nach dem anderen an den Kopf.
Und tief in der Ecke, ganz unscheinbar murmelte Vanessa Bloom die Liebe ins Ohr.
Wie konnte man das nicht sehen? Wie konnte man so sehr auf Gegebenheiten beharren und das Wesentliche aus dem Fokus verlieren?
„Was hast du verdammt noch mal mit meiner Tochter gemacht?!“, kreischte Mike zornerfüllt und so laut, dass Vanessa und Bloom verschreckt auffuhren und sich tiefer in die Umarmung vergruben.
War es Zeit, aufzustehen? Sich einzumischen, die Wogen zu glätten und die Harmonie wieder einzuführen?
Valtor hob die geballte Faust, schnaufte mit rasenden Augen und wollte ausholen. Es war Zeit.
Mit entschiedenem Ruck stand ich auf und ging geradewegs zwischen die Fronten. Die eine Hand beruhigend auf Valtors Brust gelegt und die andere Hand schützend vor Mike gehalten, wanderte mein Blick abwechselnd zu beiden Streithähnen hinüber.
„Herr Kiefer“, begann ich schlichtend und warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. „Ich verstehe Sie. Ich verstehe, dass Sie wissen wollen, was Ihrer Tochter widerfahren ist. Aber sehen Sie nicht, dass es momentan keine Wichtigkeit spielt?“
Mikes Augen flammten vor Wut, während er zittrig ein und ausatmete. Er dachte nicht einmal daran sich wieder zu beruhigen. Wie ärgerlich.
„Bloom, Ihre liebe Tochter, hat so viele Hürden auf sich genommen, nur damit sie Sie wiedersehen darf“, erklärte ich eindringlich, damit er hoffentlich ein schlechtes Gewissen bekommen würde. „Aber ihr Vater streitet sich lieber mit dem König, anstatt seiner Tochter zuzuhören, für sie da zu sein und ihr die Liebe zu schenken, nach der sie sich schon seit zwei ganzen Wochen sehnt.“ Mitleidig zuckte ich die Schultern und schüttelte verständnislos den Kopf. „Dabei muss er sich morgen wieder von ihr verabschieden“, und ein geräuschvolles, schweres Seufzen folgte meinen Worten. „Man stelle sich mal vor, er hätte seine entführte Tochter nur besucht, um ihren Peinigern eins auszuwischen und anschließend wieder nach Hause zu kehren.“
Zerrende Flammen wüteten in Mikes Iris, während er die Lippen verkrampft aufeinanderpresste und tief nach Luft holte, worauf sich sein breiter Brustkorb bedeutungsschwer hob.  
„Du Mistgeburt!“, tobte er darauf so laut, so plötzlich, dass ich überrascht zusammenzuckte und Mike geradewegs seine schellende Faust in meinen Magen rammte. Keuchend und unter Schmerzen beugte ich mich nach vorne und vergrub meine Hände tief in meiner Magengegend, um den drückenden Schmerz irgendwie zu bewältigen.
„Papa! Hör´ auf!“, hörte ich es schrill im Raum und ein weißes Meer aus Tüll streifte an mir vorbei. Lieblich hölzerner Duft umhüllte für einen Bruchteil einer Sekunde meine Nase und ließ mich wieder ins Hier und Jetzt gleiten. Japsend ließ ich mich auf dem Sofa nieder und versuchte meine unkontrollierte Atmung wieder zu bändigen.
„Avalon hat nicht Unrecht, Papa!“, verteidigte Bloom mich scharf und warf ihrem Vater einen bissigen Blick zu, bevor sie sich besorgt zu mir wandte und ihre glitzernden, strahlend blauen Augen auf meine richtete. „Tut es sehr weh?“
Ein gequältes Lächeln fuhr mir über die Lippen, während ich langsam die Hand von meinem Magen löste und kopfschüttelnd verneinte.
„Entschuldige, Bloom. Meine Worte waren ein wenig plump“, und mit besorgter Miene blickte ich zu ihr hinauf.
„Vielleicht ein bisschen“, gestand sie gezwungen und schenkte mir ein schräges Lächeln.
Hinter ihr schnaubte Mike mit einer Mischung aus Abscheu und Fassungslosigkeit.
„Wie kann das sein?“, zischte er grimmig. „Wie kann es sein, dass meine Tochter ihre Entführer anlächelt?“
Blooms schiefes Lächeln verzog sich augenblicklich zu einer unschönen Fratze. Völlig erstarrt drehte sie sich nicht zu ihrem Vater um, sondern hielt felsenfest meinem Blick stand. Auf ihren nackten Schultern konnte ich derweil missmutig beobachten, wie sich eine dicke Gänsehaut über ihren gesamten Körper zog.
„Vanessa“, murmelte Mike ungläubig. „Unsere Tochter ist verrückt geworden.“
„Mike!“, rief es empört aus Vanessas Kehle. „Wie redest du über unsere Tochter?“
Aufgebracht fuhr er zu seiner Frau um, starrte zornig in die rehbraunen Augen, welche rot geschwollen waren und tränenreich glitzerten.
„Du siehst es doch selbst“, erwiderte er monoton. „Und weißt, dass ich Recht habe.“
Blooms Schultern sackten langsam zu Boden, die Gesichtszüge entglitten ihr, doch heftete sie ihren Blick immer noch felsenfest auf mich, statt ihren Eltern ins Gesicht zu schauen. Immer langsamer, quälender brach sie in sich zusammen, bevor sie geräuschlos im weißen Tüll auf das kalte Parkett unter ihr krachte und reglos dort sitzen blieb. Die Augen in die Leere gerichtet.
In tiefe Machtlosigkeit versunken, betrachtete ich das leblose, hübsche und reine Gesicht vor meinen Knien, welches mit jeder weiteren Sekunde lustloser, trüber verblasste.
„Sie hat Stockholm oder so“, mutmaßte Mike gedankenverloren und rieb sich hilflos über das Kinn. „Sie liebt ihre Entführer.“
Wie konnte das sein? Wie konnte man seiner geliebten Tochter so etwas antun?
„Bloom ist nicht verrückt“, keifte ich empört und spie ihrem Vater meinen hasserfüllten Blick entgegen. „Sie hat versucht ihr Leben zu retten.“
Etwas zu grob drückte ich Blooms zierlichen Körper zur Seite, damit ich wieder vom Sofa aufstehen und Mike auf Augenhöhe begegnen konnte. Nase an Nase standen wir uns gegenüber, dass ich seinen heißen, hektischen Atem auf meinen Lippen spürte.
„Ich dachte immer, Sie seien ein guter Mensch, Herr Kiefer. Aber da habe ich mich wohl in Ihnen geirrt.“
Wie viele Stunden hatte ich ihn beobachtet? Wie viele Tage? Wochen? Jahre?
Er hatte seiner Tochter immer zugehört. Sie in den Arm genommen und sie vor der ganzen Welt verteidigt. Und jetzt?
Auf einmal wurde es so schwer, dass sein Herz es nicht ertrug und er seine Tochter einfach so, aus dem Nichts verließ. Sie allein ließ in den Traumata, die ihre Peiniger in sie eingeprügelt hatten.
Er war ein schlechter Mensch. So verdorben, dass er meines Blickes eigentlich nicht würdig war.
„Sie“, begann ich vorwurfsvoll. „Sind ein Arschloch. Ein ganz gewaltiges Arschloch“, und fassungslos verschränkte ich die Arme. „Da fehlen selbst mir die Worte.“
„Und Sie sind keinen Deut besser“, hauchte er hassend und doch mit Kraftlosigkeit in der Stimme, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum mit einem krachenden Poltern.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, bis meine Haare sich im Nacken aufstellten und mich erzittern ließen. War ich das? War ich wirklich keinen Deut besser? Egal, wie sehr ich Bloom liebte? Egal, wie sehr ich mich für sie einsetzte?
„Nein, Mama!“, kreischte es plötzlich panisch hinter mir. „Geh nicht! Bitte!“
Hilflos streckte Bloom die Hand nach ihrer aufgelösten Mutter aus, die hastig an uns vorbeieilte und auf die Tür zusteuerte, durch die Mike soeben das Zimmer verlassen hatte.
„Tut mir leid, Sonnenschein. Aber ich kann deinen Vater hier nicht allein lassen“, meinte sie gebrochen, doch stand ihr die Lüge ins Gesicht geschrieben. Sie dachte das Gleiche wie der schlechte Vater. Bloom sei verrückt geworden.
Ein urplötzlicher Schrei, so schrill, dass es in den Ohren schmerzte, ergriff den Raum, als die Mutter das Zimmer verlassen hatte. Aufgebracht fuhr ich zu Bloom um, die schmerzerfüllt die Hände in die Kopfhaut rammte und wie am Spieß in die Leere kreischte, während sie kraftlos tiefer auf den Boden glitt. Ein Schrei, so laut, so verzweifelt, so voller Schmerz, dass ich glaubte, Bloom würde daran sterben.
„Bloom“, rief ich panisch und hastete zu ihr, um mich zu ihr niederzuknien.
Valtor rührte sich derweil nicht. Der Schock stand ihm ins kreidebleiche Gesicht geschrieben.  
„Bloom, ganz ruhig“, erwiderte ich so sanft ich konnte, doch war ich selbst völlig aufgelöst. Wie sollte ich so ein traumatisiertes Mädchen beruhigen?
Bloom schrie immer noch panisch, nahm meine sanften Beruhigungsversuche überhaupt nicht wahr, sondern starrte weiterhin reglos in die Leere. Verzweifelt fuhr ich mir durch den strengen Zopf und versuchte logisch nachzudenken. Eine rationale und kluge Entscheidung zu finden. Doch nur emotionaler Müll flutete meine grauen Zellen.
Schließlich packte ich Bloom intuitiv unter den Achseln, um sie auf das Sofa hochzuhieven, als sie mir urplötzlich das Knie in den Schritt rammte. Tiefe Übelkeit übermannte meinen Magen und pulsierende Pein meine untere Gegend, worauf ich keuchend zusammensackte. Hochkonzentriert fokussierte ich mich auf meinen Körper, blendete den Schmerz so gut es ging aus, wobei neben mir plötzlich eine angstverzerrte Stimme aufschluchzte.
„Es tut mir leid“, weinte Bloom panisch. Keuchend sah ich zu ihr hoch und erkannte ihre weit aufgerissenen Augen, während sie zittrig versuchte vor mir weg zu krabbeln. Es dauerte kurz, bevor ich begriff.
„Alles gut, Bloom“, meinte ich gebrochen, da der Schmerz mich immer noch einnahm. „Ich habe meine Hand diesmal unter Kontrolle.“
Aber Blooms Augen glaubten mir nicht. Das Trauma nahm sie ein. Die Ohrfeige und vielleicht auch die klappernden Ketten. Der Eimer, in den sie pinkeln musste.
„Wirklich, Bloom“, und ich verlieh meinen Worten Nachdruck. „Ich bin nicht wütend. Du darfst dich wehren, wenn du dich von mir bedrängt fühlst. Das ist dein gutes Recht.“
Langsam ließ der Schmerz nach und ich atmete erschöpft auf, während ich mich kraftlos auf das Sofa stemmte. Was für ein Tag. Was für ein wahrhaftig schrecklicher Tag.
„Es tut mir leid, dass mir die Hand damals ausgerutscht ist“, gestand ich ehrlich und sah gekränkt auf die liebe Bloom hinab, die mich verunsichert musterte. „Es war reflexartig, Bloom. Ich hatte mich nicht genug unter Kontrolle.“
Wortlos musterte sie mich weiterhin verängstigt und zitterte zeitgleich am ganzen Leib. Wie ein Häufchen Elend saß sie gebrochen auf dem kalten Parkett. Ihr Anblick erweckte in mir tiefe Vorwürfe und ehe ich mich versah, hatte ich mich wieder zu ihr hinunter gekniet, um sie behutsam in den Arm zu nehmen.
„Es tut mir leid“, hauchte ich verzweifelt, da mir etwas Besseres derzeit nicht einfiel. Bloom krallte sich derweil an mein hellbraunes Jackett und begann wieder bitterlich zu weinen.
Valtor, so wortkarg wie er die letzten Minuten verblieben war, ließ sich langsam und vorsichtig auf dem weichen Sofa nieder und beobachtete uns erst ratlos.
„Und jetzt?“, fragte er dann so ehrlich hilflos, dass meine müden Mundwinkel leicht nach oben zuckten.
Und jetzt? Das war wirklich eine ausgezeichnete Frage.
Auf die ich keine Antwort hatte.
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