Vom Erblühen einer Knospe

GeschichteRomanze / P12
15.07.2018
15.07.2018
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Zeitliche Einordnung: Zwischen Kapitel 699 und Kapitel 700.

Warnung: Es wird ein Canon-Tod thematisiert.

Pairing: Sai/Ino

A/N: Diese Geschichte entstand im Rahmen eines Geburtstagswichtelns.
Ino habe ich zum ersten Mal als Hauptperson in einer längeren Geschichte geschrieben und dabei viel Spaß gehabt.
Viel Vergnügen beim Lesen. :)



Vom Erblühen einer Knospe


Das Wasser um sie herum war angenehm warm und duftete nach Rosen.

Ino seufzte wohlig, während sie mit geschlossenen Augen dem Zwitschern der Vögel vor dem Badezimmerfenster lauschte. Es tat gut, einfach nur die Seele baumeln zu lassen, vor allem nach dem Stress der letzten Monate. Heute war der große Tag, heute würde sich zeigen, ob all die Mühen sich gelohnt hatten.

Nicht, dass sich in Ino auch nur die geringsten Zweifel daran regte, dass alles funktionieren würde. Dafür war zu viel Herzblut in die Sache geflossen, dafür hatten zu viele Freunde mitgewirkt, um den Tag zu etwas ganz Besonderem zu machen. Sie konnte nicht anders als zu lächeln. Selbst wenn nicht alles nach Plan lief, sie würde den Tag genießen.

Für einen Moment ließ sie sich unter die Wasseroberfläche sinken, sie wusste, dass sie langsam aber sicher ihr Bad verlassen musste. Schließlich hatte ihre Mutter bereits zum zweiten Mal an der Badezimmertür geklopft und ihr mitgeteilt, dass sie doch langsam mit dem Ankleiden und Frisieren beginnen müssten.

Als sie wieder auftauchte, öffnete sie die Augen. Die Sonne, die noch nicht zu sehen gewesen war als sie sich das Bad eingelassen hatte, war nun am Horizont aufgetaucht und warf ihre ersten Strahlen in den Raum. Ino griff nach dem Handtuch, welches sie in Reichweite platziert hatte, und stand auf. Sie wollte ihre Mutter nicht dazu veranlassen, zum dritten Mal an der Badezimmertür zu klopfen. Sie trocknete sich ab und machte sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer.

„Du hast dir Zeit gelassen“, wurde sie dort von ihrer Mutter in Empfang genommen. Auch wenn sie versuchte vorwurfsvoll zu klingen, das Lächeln auf ihrem Gesicht sagte Ino, dass ihre Mutter es eigentlich gar nicht so meinte.

Es war schön, sie wieder lächeln zu sehen. In der Zeit nach dem Krieg hatte ihre Mutter sich zurückgezogen,  der Tod von Inoichi hatte ihr sehr zugesetzt. Und auch wenn Ino in dieser Zeit sicher auch die Unterstützung ihrer Mutter in der Bewältigung ihrer eigenen Trauer benötigt hätte, so machte sie ihr keinen Vorwurf daraus. Ihre Mutter und ihr Vater waren so lange zusammen gewesen, sie waren ihr immer wie eine Einheit vorgekommen. Ino mochte sich gar nicht vorstellen, wie schwer es für ihre Mutter gewesen sein musste, als diese Einheit so unvermittelt zerbrochen war. Außerdem hatte ihre Mutter sich trotz allem darum bemüht, sie zu unterstützen, als sie sich wieder so weit gefasst hatte, dass sie dazu in der Lage war. Die Zeit hatte sie noch mehr zusammengeschweißt, auch wenn sie bereits vorher ein sehr gutes Verhältnis zueinander gehabt hatten.

„Wenn ich mich recht erinnere hattest du mir gesagt, ich soll mir ein bisschen Ruhe gönnen“, antwortete Ino ihrer Mutter mit einem Grinsen auf den Lippen. „Ich habe mich nur an deinen Rat gehalten.“

Statt auf die Neckerei einzugehen, schüttelte ihre Mutter nur den Kopf, auch wenn sie sich dabei ein leises Kichern nicht verkneifen konnte.

„Ich habe dir den Kimono hingelegt, du solltest ihn anziehen, bevor wir mit deinen Haaren anfangen.“

Erst jetzt fiel Inos Blick auf das sorgfältig ausgelegte Kleidungsstück auf ihrem Bett. Der Anblick ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen. So oft hatte sie das gerahmte Hochzeitsbild ihrer Eltern im Wohnzimmer angeschaut und sich vorgestellt, wie es wohl wäre, diesen Kimono bei ihrer eigenen Hochzeit zu tragen. Ihre Mutter sah auf dem Foto so glücklich aus, genau wie ihr Vater. Wenn Ino irgendetwas bedrückt hatte, war sie immer ins Wohnzimmer gegangen und hatte das Foto angeschaut. Es hatte nur wenige Momente gegeben, in denen ihre gute Laune auf diese Weise nicht zurückgekommen war. Ino hoffte, dass nach diesem Tag ein Foto von ihr existieren würde, auf dem sie genauso glücklich in die Kamera strahlte und das bei Anderen das gleiche Gefühl auslösen würde wie das Foto ihrer Eltern bei ihr.

Schon als kleines Kind hatte sie ihrer Mutter gesagt dass sie, wenn sie einmal heiraten sollte, genau diesen Kimono tragen wollte. Inoichi hatte über ihre ernste Miene gelacht, welche sie bei Vortrag dieses Anliegens zur Schau getragen hatte.

„Sie kommt ganz nach dir“, hatte er scherzhaft zu ihrer Mutter gesagt, der liebevolle Ton in seiner Stimme unüberhörbar. „Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt …“

Erst als sie die Hand auf ihrer Schulter spürte, merkte Ino, dass sie immer noch wie angewurzelt an derselben Stelle stand.

„Es ist ganz normal, nervös zu sein“, sagte ihre Mutter sanft. „Ich erinnere mich noch wie es damals bei uns war.“ Für einen Moment war Ino versucht zu sagen, dass sie gar nicht nervös war. Aber nun, da ihre Mutter es gesagt hatte, wurde ihr bewusst, dass es genau das war. Heute würde ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen. Und auch wenn sie sich seit Monaten darauf freute …

„Ich wünschte, Papa wäre noch hier.“

Der Satz kam unvermittelt über ihre Lippen. Aber als die Worte durch den Raum hallten, wurde Ino bewusst, dass sie ausgesprochen werden mussten, weil sie sonst zu schwer auf ihr lasten würden. Sie vermisste ihren Vater. Sanft drückte ihre Mutter ihre Schulter.

„Ich auch.“

Stille breitete sich um sie aus, während sie beide ihren Gedanken nachhingen. Sie hatten beide ihre Zeit gebraucht, um Inoichis Tod zu verkraften. Und nun, bei einem solch wichtigen Ereignis in Inos Leben, wurde ihnen beiden wieder bewusst, wie sehr er ihnen doch fehlte.

Am Schlimmsten war für Ino der Tag gewesen, an dem sie das erste Mal wieder das Blumengeschäft betreten hatte. Alles dort hatte sie an ihren Vater erinnert. Die sorgfältig auf der Arbeitsfläche geordneten Bänder, Schleifen und Arbeitsutensilien, die – zwar inzwischen verwelkten – Schnittblumen, von denen sie aber gewusst hatte, dass sie nach Farben geordnet gewesen waren … alles trug die Handschrift ihres Vaters.

Trotzdem hatte sie sich davon nicht abbringen lassen den Laden aufzuräumen, auch wenn sie nichts lieber getan hätte, als auf dem Absatz kehrt zu machen und sich Zuhause in ihrem Zimmer zu verkriechen. Aber sie hatte ihrer Mutter damals versprochen, dass sie sich um den Laden kümmern würde. Und sie konnte es nicht ausstehen, Versprechen nicht zu halten.

Inzwischen hatte sie gemeinsam mit Sai den Laden übernommen, und während sie zwar auch ihre eigene Note eingebracht hatten, so waren einige Dinge – wie eben die Ordnung auf der Arbeitsfläche – immer noch so wie früher. Ino wollte, dass der Geist ihres Vaters in seinem Laden weiterlebte. Schließlich hatte er den Laden erfolgreich geführt, es machte nur Sinn, ihm den verdienten Tribut dafür zu zollen.

Der Gedanke an Sai holte sie wieder zurück aus ihrer Melancholie, auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Hätte ihr noch vor einigen Jahren jemand erzählt, dass sie den jungen Mann heiraten würde, den sie als Ersatz für Sasuke im alten Team sieben kennengelernt hatte, dann hätte sie diese Person für verrückt erklärt.

Im Nachhinein musste sie aber zugeben, dass er ihr von Anfang an gefallen hatte, und dass dieses Gefühl nicht nur darauf zurückzuführen war, dass er sie eine Schönheit genannt hatte. Natürlich hörte eine Frau gerne Komplimente, aber ein Kompliment führte nicht automatisch zu Gefühlen für die Person, die es aussprach.

Nein, da war noch etwas anderes gewesen, auch wenn Ino bis zu diesem Tag nicht genau ausmachen konnte, warum genau sie sich von Anfang an zu Sai hingezogen gefühlt hatte. Vielleicht hatte es zu Beginn auch etwas damit zu tun gehabt, dass er durchaus Ähnlichkeiten mit Sasuke aufwies.

Als sie die Blumen für ihre Hochzeit ausgesucht hatten, hatten Sakura und sie sich darüber unterhalten, wie ähnlich sich Sasuke und Sai waren und wie sehr sie sich dann doch unterschieden. Sakura hatte gelacht, auch wenn Ino wusste, dass sie unter der Abwesenheit Sasukes durchaus litt und sie es vorzog wenig über ihn zu reden.

Ino beneidete Sakura nicht um die Situation, in der sie sich befand. Noch immer gab es im Dorf viele Shinobi und Kunoichi, die Sasuke nicht trauten. Zu einem gewissen Grad konnte Ino sie verstehen, aber die Tatsache hatte dazu geführt, dass Sasuke den Entschluss gefasst hatte, so wenig Zeit wie möglich in Konohagakure zu verbringen. Und da Sakuras Wurzeln – und auch ihre Arbeit im neuen Kinderkrankenhaus – nun einmal im Dorf waren, bedeutete dies, dass Sakura und Sasuke sich selten sahen. Wenn sie ehrlich war konnte Ino sich nicht vorstellen, länger als eine Missionsdauer von Sai getrennt zu sein.

Sakura hatte ihr gesagt, dass sie uns Sai sich einfach gut ergänzten, und dass vermutlich genau in dieser Tatsache der Grund lag, aus dem sie sich direkt gemocht hatten.

„Mal abgesehen davon, dass er dich an Sasuke erinnert hat“, hatte Sakura neckend hinzugefügt. Inos Antwort darauf war ein Kichern gewesen.

„Sai ist eindeutig die bessere Partie“, hatte sie in genau dem gleichen Ton erwidert, und Sakura hatte diesen genauso aufgefasst, wie er gemeint war. Es war so viel angenehmer, eine Rivalität auf freundschaftlicher Ebene zu führen. Ihnen war beiden bewusst, dass gerade diese Rivalität sie schon von frühester Kindheit dazu angetrieben hatte, über sich hinauszuwachsen und besser zu werden.

Und trotz all den Schwierigkeiten und Hindernissen, denen sich Sakuras und Sasukes Beziehung ausgesetzt sah, sie waren doch glücklich. Ino wünschte sich, dass die beiden genauso glücklich waren wie Sai und sie.

„Worüber zerbrichst du dir den Kopf?“, fragte ihre Mutter in diesem Moment. Mit einem Seufzen registrierte Ino, dass sie immer noch keinen Schritt weiter waren. Beherzt brachte sie den Weg zum Bett hinter sich und begann damit, sich anzukleiden.

„Ich habe nur ein wenig über die Vergangenheit nachgedacht.“

Ihre Mutter nickte.

„Das habe ich damals auch. Habe ich dir eigentlich jemals von der ersten Verabredung von deinem Vater und mir erzählt?“

Ino nickte grinsend.

„Du meinst, als er das Essen hat anbrennen lassen und ihr statt einem romantischen Dinner die Küche in seiner Wohnung erst löschen und dann putzen musstet?“, fragte sie. Die Anekdote war so oft erzählt worden, dass Ino in der Lage war, den Tonfall ihrer Mutter beim Erzählen fast perfekt nachzuahmen. Das verlegene Lachen ihres Vaters klang ihr bei der Erinnerung in den Ohren.

„Genau“, erwiderte ihre Mutter lachend. „Es war ihm so peinlich, dass er sich erst einmal einen ganzen Monat lang nicht getraut hat, mich wieder anzusprechen. Dabei fand ich es doch ganz schön, vor allem, dass wir danach noch Ramen essen gegangen sind. Er hat vor mir immer so getan, als könnte er alles und als wäre nichts zu schwer für ihn. Es war ganz schön zu sehen, dass er doch nicht so allmächtig war, wie er damals versucht hat zu wirken.“

Wenn ihre Mutter so von Inoichi sprach, hatte Ino immer das Gefühl, als würde sie vor ihren Augen jünger werden. Sie hoffte, dass es bei ihr auch so sein würde, wenn sie mit ihren zukünftigen Kindern über Sai sprach.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter war ihre erste Verabredung mit Sai wirklich klischeehaft gut verlaufen. Sie hatten sich zu einem gemeinsamen Picknick an einem warmen Sommernachmittag verabredet und sich – wie viele andere Dorfbewohner an diesem Tag – im an die Picknickwiese angrenzenden Badesee abgekühlt. Sai hatte sogar Pudding mitgebracht, obwohl Ino ihm bis dahin nicht verraten hatte, dass dies ihre Lieblingsnachspeise war. Bis heute war sie fest davon überzeugt, dass Sakura ihm dieses Detail verraten hatte, nachdem sie herausgefunden hatte, dass Ino und er eine Verabredung hatten. Und Ino war sich auch sehr sicher, dass Sai von Sakura einen Vortrag bekommen hatte, es bloß nicht zu vermasseln. Darauf angesprochen hatte Sakura nur gegrinst und verneint, dass sie ihm irgendeine Art von Hinweis gegeben hatte, wie genau er an die Sache herangehen sollte.

Sai hatte sich wirklich um sie bemüht. Nachdem er herausgefunden hatte, dass sie seine Kalligraphiearbeiten bezaubernd fand, hatte er ihr immer wieder kleine Kalligraphien und kleine Zeichnungen geschenkt. Jede einzelne davon hing nun in ihrer gemeinsamen Wohnung, eingerahmt in liebevoll ausgesuchten und individuell gestalteten Rahmen. Auch dies war eine der Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Sie beide liebten es, sich kreativ auszuleben.

Dieser Umstand hatte sich auch in der Hochzeitsvorbereitung niedergeschlagen. Wie lange sie über der passenden Dekoration, Raumgestaltung und der Abstimmung ihrer Kleidung sowie der Kleiderordnung gebrütet hatten …

Mit ein paar letzten Handgriffen war sie fertig angekleidet.

„Wie sehe ich aus?“, fragte sie ihre Mutter, als sie sich einmal um ihre eigene Achse drehte. Statt einer Antwort nahm ihre Mutter sie in die Arme und drückte sie fest an sich.

„Du bist wunderschön“, durchbrach sie doch schließlich die Stille. „Mein kleines Mädchen ist erwachsen geworden.“

Ino spürte, wie ihr Tränen der Freude in die Augen schossen, aber letztendlich weinte sie doch nicht. Stattdessen erwiderte sie die Umarmung ihrer Mutter.

„An deinen Haaren müssen wir aber noch etwas machen“, sagte ihre Mutter in diesem Moment. „Gut, dass wir uns da etwas überlegt haben, richtig?“



Ino holte noch einmal tief Luft, bevor sie die große Wiese betrat, auf der die Hochzeitsfeier stattfinden würde. Alles war vorbereitet, dafür hatten ihre Freunde und ihre Mutter gesorgt. Die Feierlichkeiten würden beginnen, sobald sie anwesend war.

Von ihrem jetzigen Standpunkt aus konnte Ino Sai sehen. Er stand mit dem Rücken zu ihr, und nun, nach einem kurzen Stupsen von Naruto, drehte er sich um. Ino strahlte ihn an, er sah umwerfend aus. Auch die Hochzeitsgäste drehten sich nun zu ihr um, aber wenn sie ehrlich war, gab es für sie nur eine Person, auf die sie ihr Augenmerk richtete. Mit sicheren, aber langsamen Schritten näherte sie sich Sai. Buschklee und Cosmeen säumten ihren Weg, und bis sie schließlich bei ihm stand, war die Nervosität, die noch immer ein wenig mitgeschwungen war, komplett verflogen. Er lächelte sie an, und es war der schönste Anblick, den sie sich in diesem Augenblick vorstellen konnte.

Unvermittelt musste sie an die Ikebana-Stunde denken, in der sie Sakura vor den anderen Mädchen und ihren Hänseleien beschützt und ihr eine Cosmea geschenkt hatte.

Sie erinnerte sich nicht mehr genau, was sie damals zu Sakura gesagt hatte. Irgendetwas mit Knospen und das es zu schade war, sie eingehen zu lassen bevor sie erblühen konnten, weil man nie genau wissen konnte, wie schön die Blüte sein würde.

Im Nachhinein, so stellte sie mit einem Lächeln fest, hatte diese Aussage nicht nur auf Sakura gepasst. Auch sie selbst hatte einen Reifungsprozess durchlaufen, auch sie war erst eine Knospe gewesen, die erblühen musste.

Lange hatte sie gedacht, dass Sasuke der Eine war. Nun heiratete einen Anderen. Und es war der glücklichste Tag ihres Lebens.
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