Extraarbeit - Aufwand des Lebens

KurzgeschichteAllgemein / P12
15.07.2018
23.11.2019
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Angespannt klammerte ich mich an meinem Rucksack fest und versuchte durch das Rauschen in meinen Ohren irgendein Signal aus dem inneren des Raums zu hören.
Ich meinte Schritt zu vernehmen und dann öffnete sich auch schon die weiße Tür vor mir. Die junge Frau stand plötzlich in echt und lebendig vor mir.  Mit einem freundlichen Lächeln begrüßte sich mich herzlich und lud mich mit einer einladenden Geste über die Schwelle in das Zimmer hinein.
Wie angewurzelt stand ich dort und lugte skeptisch in das quadratische Büro.  
„Wir sind erstmal alleine. Der Sören hat heute ein paar Termine außerhalb.“, versuchte die blonde Frau mich zu ermutigen, doch ich wusste nicht ob es das besser machte.
Ich quälte mich zu einem Lächeln, um ihrer freundlichen Art irgendwie angemessen entgegen zu treten, doch konnte meinen minimal positiven Gesichtsausdruck nur flüchtig halten.
„Okay“, stieß ich mit erdrückter Stimme aus. Es war dasselbe Okay, wie ich es ihr geschrieben hatte. Es war auch dasselbe okay, mit dem ich antwortete, wenn andere Leute fragten wie es mir ginge oder wie es bei mir denn liefe. „Okay“
An guten Tagen fügte ich noch ein „ganz“ hinzu: Ganz okay. Doch ob heute ein guter Tag war?
Ich betete darum, dass die so sympathisch wirkende Frau mich nicht danach fragte. Ich hätte ihr nicht antworten können. Die Wahrheit verschweigen war eine Option, aber sie verleugnen - das tat ich doch schon viel zu oft.
Unsicher, wie ich weiter vorgehen sollte stand ich inzwischen mitten im Raum. Hilflos und unbeholfen sah ich mich in dem hellen Zimmer um. In den Ecken waren jeweils zwei Schreibtische platziert, die räumlich durch das große Fenster getrennt waren.  Zu meiner rechten, nahe der Tür war ein Kleiderständer, an dem lediglich eine Handtasche und eine einsame Jacke herunterhing. Ihr Kollege war wirklich nicht da. Ich atmete etwas auf.
„Du kannst deine Tasche gerne dort abstellen“, die Sozialarbeiterin war meinem Blick gefolgt und deutete nun auf die Ecke. Etwas verlegen folgte ich ihrer indirekten Aufforderung und fühlte mich noch nackter als ohnehin schon.
Nachdem ich mich tapsig von meiner Tasche entfernte digerierte mich die Frau auch schon direkt zu einem gemütlich aussehenden Stuhl, der, zusammen mit einem ähnlichen sesselartigen Stuhl und einem kleinen Tisch die letzte Ecke des Raums ausfüllte.
Sie ließ sich nieder und signalisierte mir es ihr gleich zu tun. Wie auf rohen Eiern saß ich nun hier, die Nervosität brachte mich unter meiner Jacke zum Kochen. Bevor ich realisieren konnte, dass ich nun der Sozialarbeiterin von diesem Flyer gegenübersaß, begann diese schon zu reden.
„Schön das du da bist, Alexandra“, ein Lächeln bereitet sich über ihr Gesicht aus, doch ich sah sie nur verwirrt an. Niemand nannte mich so. Ich war für alle nur Alex. Selbst der konservativste Mensch den ich kannte, mein Latein-Lehrer, hatte das begriffen.
„Alex“, gab ich matt zurück.
„Oh, Verzeihung.“, pflichtete sie mir schnell bei. „Schön, dass du da bist, Alex.“, testet sie den Klang meines Namens aus und schien damit zufrieden zu sein. Lachend strahlten ihre Augen ein sattes Grün aus. Es war der Punkt, auf den belangloser Small-Talk folgen sollte. Doch mir war nicht nach reden. Mir war gar nach nichts mehr.
„Ja.“, bestätigte ich also ihre Erkenntnis, um wenigstens irgendein Zeichen von mir zu geben. Ich hätte mich zu diesem Zeitpunkt genauso gut erbrechen können. Aber jetzt war ich hier, ich konnte es nicht mehr ändern. Ich versuchte mich an meinen Plan der Belanglosen Kleinigkeiten zu erinnern. Das half.
„Wir zwei kennen uns noch gar nicht, oder?“, stelle sie nun mit einem Hauch von Verwunderung fest und strich sich eine Strähne ihres blonden Haares hinter das Ohr.
Ich war mir nicht sicher ob es eine Frage war oder ihre Äußerung als Aussage zu verstehen war. War es etwa falsch, dass sie mich nicht kannte? Hätte ich etwas anders tun müssen?
Verlegen als sei es meinem Verschulden zuzuschreiben schüttelte ich den Kopf: „Nein.“
Sie schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln und stellte sich als Sophie Koch vor. Das wusste ich natürlich schon, was jedoch meinen Wohlbefinden nicht unterstützte. Im Gegensatz - meine Verlegenheit wurde nur noch schlimmer. Wie oft hatte ich diesen Namen und den ihres Kollegen im Schaukasten schon angestarrt, in der Hoffnung dabei nicht zu auffällig zu sein? Ich sollte jedoch Sophie zu ihr sagen, sie sei ja schließlich keine Lehrerin und hoffentlich noch nicht so alt um gesiezt zu werden. Ich nickte, konnte den Witz an dieser Formulierung aber nicht erfassen. Sie wand sich wieder mir zu.
„Und du, Alex? In welcher Klasse bist du?“, erkundigte sie sich interessiert als würde das etwas über mich aussagen können.
„Elfte“, gab ich knapp zurück. „Bei Frau Schmitz – also als Tutor“, erklärte ich, um die Neugierde meines Gegenübers zu befriedigen.
Wohlwissend zog sie die Augenbraun hoch und nickte. Ich hatte noch nie ein ernsthaftes Problem mit Frau Schmitz gehabt, wenn gleich ich sie nicht sonderlich mochte.  Ich wunderte mich, was die Reaktion von der jungen Frau zu bedeuten hatte.
„In den höheren Klassen sind wir einfach zu wenig präsent“, räumte sie jedenfalls nachdenklich ein und schob meine Gedanken und Fragen fürs erste aus dem Weg.
„Aber nun gut. Ich freue mich, dass du uns trotzdem gefunden hast.“ Sie sah mich anerkennend an und das, obwohl ich zu spät gekommen war. Gefunden war dafür der falsche Ausdruck.
Dennoch nickte ich mutig mit dem großen Kloß an Angst, der mir im Hals steckte. Kein Small-Talk? Ging es hier direkt zur Sache? Was sollte mir die Körpersprache der Frau sagen?
Wie sie nun ein wenig ernster guckte und sie sich nochmals vorbereitend die Haare zurechtstrich. Es fehlte nur noch, dass sie dir Ärmel ihrer weißen Bluse aufkrempelte um loszulegen.
„Ja, Alex – so ganz viel weiß ich ja nicht von dir und weshalb du hier bist. Aber vorab: Egal wie und was wir besprechen, dass bleibt alles hier im Raum. Ich werde mit allen Infos vertraulich umgehen.“
Frau Koch sah mich durchdringlich an. In mir baute sich die Frage, wo und wie ich anfangen sollte, zu einem ungeheuerlichen Monster auf. Ich wusste doch selbst nicht genau, weshalb ich überhaupt hier war.
Verunsichert nickte ich, woraufhin sie mir ein zuversichtliches Lächeln schenkte. Ein Moment der Stille bahnte sich an. Meine Hände begannen zu schwitzen und nervös rutschte ich auf dem Sitz-Polster unter mir herum. Schnell verstaute ich meine feuchten Hände in meinen Jackentaschen und klammerte mich insgeheim an den Stoff dessen, um irgendwo Halt zu finden.
„Also“, Frau Koch begann zu sprechen, „du hast vor zwei Wochen in deiner E-Mail geschrieben, dass du einen Rat bräuchtest. Magst du dazu ein bisschen mehr erzählen? Wie kann ich dir helfen?“
Neugierig und interessiert sah sie mich an. Es ging direkt ans Eingemachte. Jetzt wünschte ich mir doch ein wenig belangloses Gerede. Aber entweder hatte sie dazu nicht die Zeit oder war kein großer Fan davon. Andernfalls hätte ich mir ihre direkte Art nicht erklären können. Man musste doch als Sozialarbeiter ein paar Small-Talk Tricks drauf haben?
Ich zögerte. Die Frau, Sophie, kannte mich doch gar nicht. Sie wusste grade so, wie ich hieß. Und ich wusste auch nicht wer sie war. Nur die paar Details von ihrem Steckbrief des Schaukastens, die meiner Vermutung nach mehr Aushängeschild als Realität waren. Klischeehafte Hobbie wie Reisen oder Eis essen und die Botschaft, dass jedes neue Gesicht in ihrem Büro herzlich willkommen sei und sie sich auf spannende Begegnungen freue.
Spannend fand ich diese Begegnung nicht. Doch ich hatte jetzt einen Plan. In den vielen Schulstunden vor dem Jetzt hatte ich mir eine Strategie ausgedacht, um dieses Schweigen zu umgehen. Ich erinnerte mich daran, dass ich mit etwas allgemeinem Anfangen wollte, um auszutesten, wie die Frau vor mir reagieren würde.
Ich atmete tief durch und sah meinem Gegenüber in die Augen, die geduldig auf mir lagen.
„Wenn es dir einfacher fällt, kann ich auch Fragen stellen.“ Einfühlsam zog sie die Augenbraun hoch und machte mit ihrer zierlichen Hand eine leichte Bewegung, die ihr Angebot untermalte.
Es war ein guter Vorschlag, doch ich lehnte ihn ab. Sie würde, so direkt wie sie grade war, wahrscheinlich zu schnell dahinter kommen, dass es mir nicht nur um meine Noten ging. Das da mehr war, als es mein Plan erstmal vorsah.
„Danke, aber-“, ich stockte, glaubte mir selbst nicht, zwang mich zum Weiterreden, „aber ich versuch es erst so.“
Verständnisvoll nickte sie: „In Ordnung. Wie du magst. Verzeihe mir aber, wenn ich doch mal eine Zwischenfrage habe.“
Es war eine Bitte von ihr. Es wirkte so, als sein alles was hier geschah auf mich abgestimmt. Scheinbar war es unmöglich etwas Falsches zu sagen. Eine für die Schule befremdliche Tatsache, mit der ich mich nicht direkt anfreunden konnte. Ja, diese Freiheit machte mir gar Angst - so sehr war ich es gewohnt mich hinter einer neutralen bis mäßig gut-gelaunten Fassade zu verstecken.
„Aber jetzt bist erstmal du dran:“
Mit diesen Worten sah sie mich gebannt an. Ihre Augen bohrten sich in meinen Kopf. Nervös kramte ich meine Hände aus den Jackentaschen und statt etwas zu sagen spielte ich verlegen mit den Reißverschlüssen herum.
Ich befahl mir mich an das belanglose zu halten. Worüber klagten die anderen beim Sport in der Umkleidekabine immer? Zu alte Klamotten, zu wenig Geld, der schlechte Friseur – das passte alles nicht.
Ich musste schon etwas nehmen, was ansatzweise wahr war. Die Noten - erinnerte ich mich und ermahnte mich selbst, mich endlich wieder zu konzentrieren. Etwas, das in der letzten Zeit nie sonderlich gut klappte.
Ich spürte den wartenden Blick von der Frau auf mir und disziplinierte mich meine Hände endlich still zu halten. Was tat ich hier? Am liebsten wäre ich einfach gegangen, besser gesagt herausgerannt. Doch meine Vernunft hielt dieses Bedürfnis im Schach. Abbrechen und verschwinden, so entsinnte ich mich, das wäre merkwürdig gewesen. Also musste ich jetzt etwas sagen.
„Also, ich bin in der elften Klassen mit einem gesellschaftlichen Profil.“ Meine Worte waren brüchig und langsam. Mir war heiß, mein Gegenüber nickte bestätigend.
„Und meine Noten, die sind schlecht. Ich krieg es einfach nicht hin über 5 Punkte zu kommen.“
Ich hielt inne und sah zu Boden, starrte den gleichmäßigen Farbton des Laminats an. Es war noch nicht einmal gelogen und doch war es mir unangenehm.
„Im gesellschaftlichen Profil bist du?“, hackte die Sozialarbeiterin nochmal nach.
Ich sah auf und nickte. In ihrer Mine lag Mitleid. Sie konnte ja am wenigsten dafür, dass ich mein Abitur nicht schaffte.
„Ja, ich dachte das könnte ich. Geschichte, Politik und sowas.“ Ich lachte traurig auf. Es gab nichts zu lachen, es war einfach nur traurig.
„Aber…“ Ich brach ab und schüttelte den Kopf.
„Welches Fach bereitete dir denn am meisten Sorge?“ fragte sie vorsichtig nach und begutachtete mich mit ihren grünen warmen Augen.
Ich zuckte die Schultern, wo sollte ich anfangen?
„Mathe, Latein, Geschichte, Deutsch..“ Ich hätte diese Liste noch bis zum letzten Fach, das ich belegt hatte, weiterführen.
Frau Koch, Sophie, begriff das Ausmaß meines kleinsten Problems.  „Okay, ich verstehe.“
„Ich pack das Abi sowieso nicht.“, gab ich jetzt desillusioniert und offen zu. Ein Gedanke, der sich mit dem Beginn der Oberstufe in mein Gedächtnis gebrannt hatte und mit jeder Ankündigung der Lehrer, das jetzt der Endspurt käme und es jetzt ums Ganze ginge, stetig anwuchs.
Mit einer Mischung aus Erschrockenheit über meine Direktheit und Angst vor der Reaktion auf diese wahrheitsgemäße Info saß ich da. Mein Mund war trocken und die Zweifel torpedierten meinen Magen.
„Na, die Oberstufe hat doch erst angefangen. Jetzt kannst du noch was ändern. Nichts ist in Stein gemeißelt.“
Ungläubig sah ich sie an, wie sie mich optimistisch ansah. In meinem Kopf meldet sich eine protestierende Stimme: Doch es war in Stein gemeißelt! Unglücklich schüttelte ich den Kopf.
„Das sagen sie.“ Murmelte ich vor mir hin, der leise Protest gegen die Hoffnung und sank in dem allzu gemütlichen Stuhl zusammen.
Während ich langsam die mir selbst zugesprochene Stärke verlor sah die Sozialarbeiterin mich schweigend an. Konnte sie ihr beworbene Aufgabe von den Aushängen, das sie Lösungen fände, umsetzten?
„Hast du denn schon mal mit Frau Schmitz darüber gesprochen?“, warf sie ein. Ihre feste, aber sanfte Stimme, holte mich ein wenig wieder zurück in den hellen Raum. Ich fühlte mich plötzlich total fehl am Platz.
„Nein.“, gab ich zurück. Ich hatte noch nie mit jemandem über meine Sorgen gesprochen. Hier war mein erstes Mal und bis jetzt war es nicht so erleichtern, wie ich es mir immer ausgemalt hatte.
„Wäre das vielleicht eine Überlegung wert?“, bohrte die Sozialarbeiterin weiter nach. Zuversichtlich überschlug sie ihre Beine.
Ich wusste nicht, was ich mir davon erhoffen sollte. Auch wollte ich mit der Schmitz nicht sprechen. Sie fühlte sich noch zu jung, zu frech und war mir durch ihre laute Art durchweg unsympathisch. Mit ihr dieses traurige Dilemma durchzusprechen wäre ein Albtraum gewesen.
Mir waren meine Zweifel scheinbar ins Gesicht geschrieben, denn auch ohne eine Antwort griff Frau Koch direkt ein.
„Dann würdest du sehen, wie es um deine Noten wirklich steht und sie kann vielleicht auch den ein oder andern Tipp geben.“
Ich nickte, im Wissen nie im Leben ein solche Besprechung in die Tat umzusetzen.
„Wenn du möchtest kann ich sie auch ansprechen und wir setzen uns gemeinsam zusammen?“, erweitere sie ihr Angebot und vervollständigte damit den sich anbahnenden Worst-Case.
Schnell schüttelte ich den Kopf: „Nein, das kläre ich lieber allein mit ihr.“  Mein Herz hämmerte.
Mit dieser panischen Lüge verursachte ich ein beinah euphorisches Lachen von Sophie Koch. Wenigstens einer im Raum hatte ein Erfolgserlebnis für den Tag zu verbuchen – wie immer war es nicht ich.
„Das ist ein Anfang.“, freute sie sich.
Ich gab mir alle Mühe ihre Freude zu erwidern, doch es klappte nicht. Ihre strahlenden Augen ruhten plötzlich beunruhigend still auf mir. Merkte sie, dass da noch mehr war? Schnell sah ich verunsichert weg und versuchte von meinem Schweigen abzulenken, indem ich meine Hände wieder in meiner Jacke vergrub.
Die Unruhe zuckte durch alle meine Gliedmaßen als Sophie, Frau Koch, nun das Gespräch in die Hand nahm.
„Wie können wir denn sonst noch dein Abi retten?“ überlegte sie nun laut und mir fehlten nun endgültig die Worte.
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