Extraarbeit - Aufwand des Lebens

KurzgeschichteAllgemein / P12
15.07.2018
12.09.2019
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Extraarbeit- Aufwand des Lebens


Mathe! Die letzte Stunde für heute. Es war ein langer Schultag. Nach vollen 7 Stunden sollte bald das Ende erreicht sein. Zermürbt wanderte mein Blick durch den Raum. Tagträumend starrte ich die Tafel an. Mathe? Sie war von oben bis unten mit Rechnungen und Gleichungen zu gekritzelt. Unser lieber Mathelehrer hatte sich während der Stunde selbst überschlagen und nun, kurz vor Schluss, sollten wir uns alleine und in Stillarbeit durch einen Berg an Aufgaben schlagen. Für uns, der schlechteste Mathekurs, den diese Schule jemals gesehen hatte, ein frustrierendes Unterfangen.
Mein Blick schweifte über meine Mitschüler. Nur eine Handvoll von uns schienen sich wirklich noch konzentrieren zu können, die meisten hatte längst mühelos aufgegeben und träumten, ähnlich wie ich jetzt, in der Gegend rum oder packten schon so unauffällig wie möglich ihre Sachen zusammen. Ich seufzte.
Oft, ja eigentlich immer, war ich auch so - gehörte in der Regel zu den ersten, die den Raum verließen. Ich würde niemals freiwillig mehr Zeit als nötig in den Räumen der Schule verbringen. Eigentlich - Ausnahmen bestätigten die Regel? Ein wenig tröstender Gedanke. Ich fühlte mich schlecht.
Ich wollte, dass die Zeit stehen blieb. Meinetwegen hätten diese letzte Stunde niemals enden können. Schon den ganzen Tag hing ich mit meinen müden Augen an der Uhr und wollte sie mittels meiner Gedanken zum Stillstand zwingen. Selbst eine Doppelstunde Latein wäre mir lieber gewesen, als das Läuten der Schulglocke, das nun alle meiner Mitschüler befreien sollte. Alle waren frei, nur ich nicht.
Für sie war das Schlimmste vorrüber, doch für mich sollte es jetzt erst beginnen.
Bewusst langsam suchte ich meine Sachen zusammen und versuchte so viel Zeit wie möglich durch mein Trödeln zu schinden. Als ich endlich alles in meinem Rucksack verstaut hatte und aufsah waren schon niemand mehr im Raum. Etwas erleichtert seufze ich.
Ich war alleine, nur noch Ina stand wartend auf der Türschwelle. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf der Türklinge der weit offenstehenden Tür.
Als sie bemerkte, dass ich fertig war verschwand ihr ernster Ausdruck und sie grinste in meine Richtung.
„Na endlich!“, rief sie erleichtert zu mir rüber und war bereits im Antritt. Sie wollte hier weg, das wusste ich. Ich schlucke und überlegte kurz, ob ich ihr nicht doch die Wahrheit sagen sollte.
Den gesamten Tag hatte ich damit verbracht zu überlegen, ob oder was ich ihr sagen sollte. Ich schüttelte den Gedanken der Wahrheit schnell ab. Ich war nach etlichen Überlegungen zu dem Schluss gekommen, dass es besser sei, wenn sie nichts wüsste. Und dabei würde ich jetzt auch bleiben.
Ich griff nun hastig nach meiner Tasche und eilte Ina hinterher, die schon einige Meter von unserem Klassenraum entfernt war.
„Ähm, warte“, rief ich direkt ohne mich endgültig auf eine der vielen Ausreden in meinem Kopf festgelegt zu haben.
Leicht genervt drehte sie sich zu mir um. Ihren Rucksack trug sie lässig nur mit einem Riemen über der Schulter, so als wäre es ganz leicht – so als sei alles ganz leicht. Ich zögerte, konnte ich sie anlügen?
„Ich werde heute von meiner Mum abgeholt.“ Ich schluckte mein schlechtes Gewissen herunter und fügte meiner halbgaren Aussage die ausschlaggebende Info hinzu: „Ich fahre also nicht mit dem Bus.“ Meine Stimme klang mechanisch und ich glaubte mir selbst nicht so recht, was ich da gerade gesagt hatte.
Doch Ina schien es mir abzukaufen. Augenblicklich sprang ihre Mimik um und in ihren Augen funkelte ein Art Erleuchtung auf.
„Ach, sag das doch gleich. Dann hätte ich mich gar nicht so beeilen müssen.“ Sie kam beschwichtigend ein paar Schritt auf mich zu.
Verlegen schaute ich sie an. Sie dachte ich könne sie mitnehmen. Es war die falsche Ausrede, das hätte mir klar sein müssen. Wenn ich manchmal von der Schule abgeholt wurde fuhr Ina mit, das war immer so.
Ich rang nach dem passenden Argument, mit dem dieses Angebot verfallen würde. Nur was, was – in meinem Kopf war nichts, womit ich Ina abweisen könnte. Verdammt.
„Wo treffen wir uns denn?“, fragte Ina nun neugierig und war wieder fast auf dem Sprung zu gehen.
„Sie kommt ein wenig später“, sprudelte es undeutlich aus mir heraus. Ina zögerte, damit hatte ich mir wenigstens ein wenig Zeit erspielt, um nun etwas Vernünftiges sagen zu können.
„Und dann wollen wir direkt weiter – einkaufen und so.“
Diesmal war meine Lüge so offensichtlich, dass selbst ein Lügendetektor in 100km Reichweite ausschlagen musste.
Hoffnungsvoll sah ich Ina an und bettet, dass sie nicht weiter nachfragen würde. Angespannt presste ich die Zähne aufeinander. Sie musste mir glauben.
„Achso“, ernüchternd verschwand die Aufbruchsstimmung aus ihrer Haltung und Erleichterung machte sich in mir breit. Ich nickte zustimmend, um mir selbst noch einmal zu vergewissern, dass es so war, wie ich sagte.
„Dann werde ich wohl alleine mit dem Bus fahren.“ Ich meinte Enttäuschung in ihrer Stimme heraushören zu können.
„Tut mir leid“, entgegnete ich mitleidig, doch galt meine Entschuldigung mehr der Tatsache, dass ich es nicht geschafft hatte ihr die Wahrheit zu sagen und ihr direkt ins Gesicht gelogen hatte.
„Ja, okay. Dann viel Spaß beim Shoppen“, raffte sie sich zu einer halbwegs positiven Antwort auf und schenkte mir ein Lächeln, das ich nur schwer erwidern konnte.
Während sie nun endgültig den Weg Richtung Ausgang ansteuerte und ich verloren im Flur stand halten ihre Worte in meinem Kopf nach: Viel Spaß.
Spaß, denn hatte ich schon lange verloren und dennoch glaube Ina weiterhin, dass er irgendwo sei.
Ich senkte traurig den Kopf. Sie ahnte, dass es zur Zeit nicht einfach war. Sie war die Person, die am besten wusste wie es mir ging und dennoch war das nur kleiner Auszuge. Es tat weh sie anzulügen, doch es war besser für sie und auch für mich.
Sie sollte sich nicht allzu viele Sorgen machen. Ich wollte ihr diese bewundernswerte positive Art nicht nehmen und so stand ich nun alleine in dem menschenleeren Flur der Schule.
Langsam setzte ich mich in Bewegung und mit jedem Schritt wurde der Stein in meiner Magengrube schwerer und erdrückender. Mit jedem Meter, den ich über den quietschenden Laminatboden schlurfte wurde ich in meinem Vorhaben unsicherer. Wollte ich das wirklich? Ich könnte doch einfach umdrehen.
Umkehren und schnell Ina hinterherlaufen. Sagen, ich habe mich mit dem Tag vertan und so wie immer in den Bus steigen und nachhause fahren.
So wie immer, aber halt - Stopp. So wie immer wollte ich nicht mehr. Ich wollte doch, dass sich etwas änderte. Ich wusste zwar noch nicht, was dieses Treffen bewirken sollte, doch ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Es war meine letzte Hoffnung.
Ich wusste nicht mehr weiter und das gesamte Chaos, das da in meinem Kopf war, konnte ich Ina nicht zumuten. Wir kannten uns nun seit der 5 Klasse und waren wie Pech und Schwefel. Sie war immer für mich da, dass wusste ich. Ich wusste aber auch, dass es sie an ihre Grenzen bringen würde. Wusste, dass sie sich schon jetzt zu viele Gedanken machte. Nicht umsonst war sie in der Vergangenheit immer wieder in der Pause und auf unserem Weg über das Schulgelände am Aushang der Schulsozialarbeiter stehen geblieben. Sie wollte immer ‚einfach mal gucken‘ was diese Leute so anboten und lass dann mit einer affigen Betonung die Schlagwörter von den Flyern vor.
Und jedes Mal musste ich sie genervt und peinlich berührt zugleich von dem Schaukasten wegzerren, damit sie irgendwie aufhörte von Berufsentscheidungen, Klassengemeinschaft und Unterstützung zu reden. Inzwischen kannte ich die News, die nie wirkliche Neuigkeiten waren und sich nie änderten, fast auswendig und die Gesichter der zwei Sozialarbeiter kamen mir bereits bekannt vor, obwohl ich sie allerhöchstens mal vom weiten gesehen hatte.
Da war Herr Petersen, ein braun haariger Mann, der eine sympathische Gemütlichkeit ausstrahlte und bei seiner Personenbeschreibung Sport als Leidenschaft angab, was wohl auch Grund dafür war, dass er eine Fußball-AG für die jüngeren Schüler anbot, von der ich noch nie etwas gehört oder gesehen hatte. Aber ich war nun ja auch schon in der 11. Klasse und gehörte damit nicht mehr unbedingt zur Zielgruppe.
Vor meinem Inneren Auge flackerte das Bild aus dem Schaukasten auf. Dort schmunzelte er freundlich, wirkt aber auch ein wenig gezwungen. So richtig photogen war er scheinbar nicht. Daneben war das Bild seiner Kollegin nahezu lebensecht, so ehrlich und authentisch strahlte die junge Frau von dem Foto allen interessierten Betrachter entgegen.
Es war die blonde Frau, bei der ich heute diesen Termin hatte. Frau Koch.
Bei dem Gedanken daran machte mein Magen einen Rückwärtssalto und wieder fragte ich mich, warum ich mich überhaupt bei ihr gemeldet hatte. Meine Nachricht, die ich an ihre im Schaukasten angeschlagene Adresse versandt, war rückblickend eine Affekt Handlung und inhaltlich genauso aussagekräftig wie die letzte Deutsch-Leistungskurs-Klausur von mir. Also recht dünn.
Unerwartet zeitnahe war daraufhin Frau Kochs Antwort in meinem Postfach gelandet. Neben ein paar aufgeschlossenen Worten schlug sie vor sich nach der Schule zu einem Gespräch zu treffen. Das war vor zwei Wochen. Jetzt, seit 5 Minuten, wartete die Frau wahrscheinlich schon auf mich. Ich war zu spät, doch hatte keine Eile pünktlich zu sein.
Langsam ließ ich mich Stufe für Stufe die Treppe herunter plumpsen und wanderte mit einem komischen Gefühl im Bauch durch die Schule. Mein Ziel, ihr Büro, war im Erdgeschoss: Raum 17. Diese Zahl hatte sich in meinen Kopf gebrannt und schwirrte seitdem ich mit einem nüchtern „Okay“ den Termin bestätigte um mich herum. Okay, Raum 17.
Ich stoß die letzte Tür, die mich von dieser 17 trennte auf und erblickte den Flur, der genauso aussah wie alle anderen Flure dieser Schule auch und doch ganz anders war.
Still horchte ich in das Gebäude hinein. Aus einer Zimmer drang das englisches Geplapper eines CD-Players, der mit indischem Dialekt undeutlich und hastig seinen Text herunterspulte. Nachhilfe oder etwas in der Richtung. Ich ging weiter und war fast dazu geneigt mich für meine geplante Verzögerung zu lobben.
Wäre ich rechtzeitig gewesen, so hätte mich jeder in meiner verlegenden und in mich zusammen gesunkenen Art vor dem Büro herumstreunen gesehen. Optimistischer wurde ich durch die ungestörte Leere nicht, aber zumindest konnte mir niemand dabei zusehen - mich an diesem Ort sehen.
Ich hatte alles daran gesetzt, dass niemand von diesem Treffen erfuhr und nun musste ich mich selbst meinem kleinen Geheimnis stellen. Ich näherte mich in Zeitluppe der Tür, die fest verschlossen war. Mit rasendem Herz starrte ich auf das weiße Holz und die graue Türklinge. Sollte ich klopfen?
Mein Blick wandert zu dem Schildchen neben der Tür.
Raum 17 – Schulsozialarbeiter – Sören Petersen & Sophie Koch
Kein Hinweis, wie man einzutreten hatte. Ich biss mir verlegen auf die Unterlippe und machte einen skeptischen Schritt weg von dem Schild.
Etwas distanzierter stand ich unbeholfen da. Die Stille, die vor wenigen Momenten beruhigend war erdrückte mich nun. In mir machte sich der Wunsch breit, einfach von hier zu verschwinden. Flucht, mein Herz schlug mir plötzlich bis zur Kehle und in meiner Bauchregion sprang ein Flummi im Dreieck.
Ich schaute auf meine Uhr. Seit nun fast 10 Minuten sollte ich auf der anderen Seite der Türschwelle sein. Seit 10 Minuten lief die Zeit gegen mich oder ich gegen sie – ich wusste nicht mehr wer gegen wen kämpfte oder wer besitz über mich hatte. Ich wusste in letzter Zeit gar nichts mehr. Enttäuscht von mir und meinem Leben gab ich das endlose Gedankenspiel auf, bei dem ich ja sowieso immer verlor. Manchmal war ich nur noch sauer auf mich selbst. Sauer, dass ich so dachte - so war, wie jetzt in diesem Moment.
Ich riss mich mit aller Gewalt von meinen Gedanken los. Es musste schon ziemlich traurig aussehen, so wie ich hier alleine stand und Löcher in die Luft starrte. Entweder ich klopfte nun an dieser Tür oder ich ginge.
Ich haderte mit meiner Entscheidung. Gehen oder bleiben. Intuitiv befahl mir alles zu gehen, doch das enttäuschte Gesicht von Ina drängte mich dazu dem nicht sofort nachzugeben. Ich war auch wegen ihr hier. Ich hatte sie angelogen, um das hier alleine durchzuziehen. Also sollte ich es auch tun.
Ich hörte mich schwer seufzten. Was um Himmel-Willen tat ich denn hier. Ich machte einen Schritt auf die Tür zu und versuchte mir die einladenden Worte von Frau Koch ins Gedächtnis zu rufen.
Ich glaubte zwar nicht, dass sie sich wirklich freute, aber in meiner Nachricht hatte ich noch nichts Direktes geschrieben, was sie hätte abschrecken können. Ich hatte lediglich erklärt, dass ich einen Rat bräuchte, mehr nicht. Ich könnte ihr auch einfach irgendwas erzählen und dann einen Hacken an das Thema machen. Liebeskummer, Stress mit einer Mitschülerin, vielleicht ein krankes Haustier - irgendwas belangloses, was wohl jeder mal hatte.
Ich raffte mich auf und hob die Hand, um nach einer Ewigkeit mich diesem Treffen zu stellen. Ich würde erstmal nur schauen, sagte ich mir selbst und klopfte mit dieser Sicherheit gegen die verschlossene Tür.
Das dumpfe Geräusch hallte durch den Flur. Es war getan, mein Herz blieb augenblicklich stehen. Meine Hand glitt leblos nach unten. Was würde jetzt passieren?
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