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Das langweilige Leben des Dr. Martin Stein

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Dr. Kathrin Globisch Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein Dr. Roland Heilmann
14.07.2018
19.04.2019
27
62.946
4
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16.07.2018 1.513
 
2. KAPITEL: IN DER HÖHLE DES LÖWEN

Ohne weiter Zeit zu verlieren, suchte Martin Dr. Hoffmanns Büro auf. Er wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich klären. An der Tür hielt er kurz inne, klopfte kurz, aber laut und trat, ohne ein „Herein!“ abzuwarten ein.

Dr. Kai Hoffmann saß hinter dem Schreibtisch seines sehr steril wirkenden Büros und hatte nach dem Klopfen gerade mal den Kopf gehoben, als Martin schon mitten im Raum stand. Es sah ganz so aus als würde er seine Patientenakte später weiterlesen müssen.

„Haben Sie eine Minute?“

Martin hielt sich nicht erst mit einer Begrüßung auf. Dafür war er einfach zu aufgewühlt. Er wusste, dass er unhöflich war, aber seine Gemütslage machte es ihm schwer die Contenance zu wahren.

„Guten Tag, Dr. Stein“, erwiderte Dr. Hofmann höflich und direkt. „Ich sitze gerade über einer Patientenakte und habe in ein paar Minuten einen Termin, aber wenn es so wichtig ist, nehmen Sie Platz und schießen sie los.“

Wie Martin war auch er von sportlicher Statur und sein Rennrad, das an der anderen Seite des Büros an der Wand lehnte, ließ erahnen, dass der Chefarzt sich gerne bewegte. Bisher hatten die beiden noch nicht die Gelegenheit gehabt sich darüber auszutauschen und beide legten, wie es aussah auch keinen besonderen Wert darauf.

Martin setzte sich nicht. Stattdessen richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Diese Patientenakte, die Sie da lesen, ist nicht rein zufällig die von meinem Patienten Arnold Wagner, oder?“, fragte er und sah dem Chefarzt dabei direkt ins Gesicht.

„Nein, ist sie nicht“, sagte Dr. Hoffmann und erwiderte Martins Blick, „aber ich nehme mal an, dass Sie wegen dem besagten Patienten hier sind. Setzen Sie sich, damit wir auf Augenhöhe miteinander sprechen können.“

Es lag etwas Bestimmendes in seiner Stimme, aber es war noch nicht der Befehlston, der Dr. Hoffmann so eigen war und den er nach Belieben benutzte, ohne dabei unsachlich zu werden oder die Ruhe zu verlieren.

Martin rollte fast unmerklich mit den Augen. Von Dr. Hoffmann zu gutem Benehmen ermahnt zu werden, half seinem Gemütszustand nicht wirklich. Widerwillig setzte er sich auf den weißen Stuhl, der vor dem Schreibtisch des Chefarztes stand.

„Sehen Sie, das war doch gar nicht so schwer.“

Dr. Hoffmann zog bei diesen Worten den linken Mundwinkel leicht nach oben. War das der Anflug eines Lächelns? So schnell wie es kam, verschwand es auch schon wieder. Martin verschränkte die Arme wieder vor der Brust und bedachte Dr. Hoffmann mit einem scharfen Blick.

„Um was geht es, Dr. Stein?“

„Sie wissen genau um was es geht. Warum übernehmen Sie einfach so meine Bypass-OP?“

Er versuchte ruhig zu bleiben und sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen, aber die Schärfe mit der er diese Frage äußerte, machte deutlich, dass ihm das nicht gelang.

„Ach, darum geht es.“

An Dr. Hoffmann schien Martins Ärger einfach so abzuprallen. Er ließ sich überhaupt nicht vom Tonfall des verärgerten Oberarztes beeindrucken.

„Einfach so übernehme ich den Eingriff ganz sicher nicht. Es handelt sich dabei um eine recht komplizierte OP.“

Als Martins Lippen noch schmaler wurden und sein Blick noch düsterer, ergänzte der Chefarzt noch: „Ich dachte es sei klar, warum ich Ihnen diese OP abgenommen habe.“

„Ach, ja? Nun da lagen Sie wohl falsch. Mir ist nicht klar warum Sie mir die OP entzogen haben und womit ich so eine Behandlung verdient habe. Soweit ich weiß, habe ich Ihnen dazu keine Veranlassung gegeben, auch wenn Sie anscheinend auf Fehler meinerseits gewartet haben, so wie Sie sich, seit ich wieder zurück bin, in meine Arbeit einmischen!“

Martins Geduldsfaden war nun endgültig gerissen. All sein Frust entlud sich mit einem Mal. Frust, von dem er nicht einmal wusste, dass er ihn in dieser Intensität in sich trug. Dr. Hoffmann sah nun tatsächlich milde überrascht aus. Er hätte nicht gedacht, dass sich der Oberarzt derart auf den Schlips getreten fühlen könnte.

„Ich hatte Ihnen bereits an Ihrem ersten Arbeitstag vorletzte Woche gesagt, dass Sie es ruhig angehen lassen sollen. Daran haben Sie sich nicht gehalten. Stattdessen standen Sie diese Woche fast jeden Tag drei Mal für mehrere Stunden am OP-Tisch und machen Überstunden. Diesen Montag habe ich Sie noch einmal ausdrücklich darum gebeten sich nicht zu übernehmen und Sie haben diese Anweisung, wie auch meine erste ignoriert. Die Änderung des OP-Planes ist das Resultat.“

„Und ich hatte Ihnen beide Male gesagt, dass ich absolut fit bin und wohl kaum im Dienst wäre, wenn dem nicht so wäre. Außerdem weiß ich sehr gut, was ich kann und was nicht. Ich brauche Sie nicht als Aufpasser.“

„Sehen Sie, das ist der Punkt bei dem wir uns uneinig sind. Ich glaube nicht, dass Sie das richtig einschätzen können. Sie glauben, dass Sie wieder volle Pulle gehen können, nachdem was Ihnen passiert ist. Das ist Blödsinn und wären Sie nicht der Betroffene, sondern der behandelnde Arzt würden Sie das genauso sehen wie ich. Fakt ist, dass Sie, wenn Sie ehrlich zu sich sind, in ihrer momentanen Verfassung nicht in vollem Besitz Ihrer Kräfte sind und dadurch besteht ein erhöhtes Risiko für Ihre Patienten und auch für Sie und Ihre Gesundheit.“

Martin brach den Blickkontakt und schaute trotzig zur Seite in Richtung Fenster. Das durfte doch nicht wahr sein. Da hatte er nach Monaten voller Krankenhausaufenthalte, Untersuchungen, Reha und Physiotherapie endlich wieder sein altes Leben zurück und nun kam Dr. Hoffmann um die Ecke und fuhr ihm in die Parade. Dabei hatte er keine Ahnung wie sehr sich Martin den Tag herbeigesehnt hatte, wo er wieder Arzt und nicht Patient an dieser Klinik war. Er wollte sich das nicht wieder nehmen lassen.

„Hören Sie, mir geht es gut, ich habe kaum Probleme und beschwert hat sich bisher auch niemand, oder? Sie müssen mich nicht mit Samthandschuhen anfassen.“

„Ich fasse Sie nicht mit Samthandschuhen an, ganz im Gegenteil. Und ich werde auch nicht auf Beschwerden von Patienten über Sie warten. Das Risiko ist mir zu groß. Sie können froh sein, dass ich Ihnen nicht komplett verbiete am OP-Tisch zu stehen. Sie belügen sich selbst, wenn Sie sagen, dass Sie keine Probleme mit der Verletzung mehr haben. Für das geschulte Auge ist das offensichtlich.“

Martin wollte etwas erwidern, aber Dr. Hoffmann sprach einfach weiter.

„Eine Verletzung wie Ihre braucht Zeit vollständig auszuheilen. Soweit ich weiß, haben Sie noch nicht einmal Ihr Physiotherapie-Programm vollständig abgeschlossen. Machen Sie sich nichts vor. Geben Sie sich und Ihrem Körper Zeit. Sie werden noch früh genug wieder Doppelschichten schieben müssen.“

Martin senkte nun resignierend den Kopf. Ja klar, er hatte ab und an Schmerzen und wenn er in den letzten Tagen nach längeren Schichten nach Hause kam, konnte er kaum noch gehen, aber das war doch kein Grund zur Beunruhigung. Es würde besser werden, wenn er sich wieder an das Pensum gewöhnt hatte. Er hatte halt schon lange nicht mehr so lange am Stück auf beiden Beinen gestanden. Warum glaubte ihm der Chefarzt nicht, dass er damit umgehen konnte?

„Hören Sie, Dr. Stein, sie sind ein sehr guter Chirurg, so viel ist mir in den paar Tagen unserer Zusammenarbeit bereits aufgefallen, aber ich weiß auch, dass Sie sich schwer damit tun, Anweisungen zu befolgen, wenn Sie Ihnen gegen den Strich gehen. Aus diesem Grund hatte ich Ihnen die Möglichkeit gegeben, unter ernsthafter Berücksichtigung Ihres körperlichen Zustandes, ihr Pensum selber entsprechend zu reduzieren. Sie haben sich nicht daran gehalten und ich habe eingegriffen. Und das werde ich auch in den nächsten Wochen tun, wenn es erforderlich ist.“

Die Ruhe und Bestimmtheit mit der Dr. Hoffmann dies sagte, war schon beeindruckend und wenn Martin nicht so aufgebracht wäre, hätte ihm das vielleicht imponiert. Als er den Mund öffnete um noch etwas zu sagen, klopfte es plötzlich sanft an der Bürotür. Dr. Kathrin Globisch öffnete die Tür.

„Stör ich?“, fragte Sie mit einem wechselnden Blick von Martin zu Dr. Hoffmann. „Wir haben einen Termin.“

„Ja, haben wir“, erwiderte Dr. Hoffmann nickend und zeigte Martin damit an, dass er das Gespräch für beendet hielt. Martin stand widerwillig auf.

„Ist das Ihr letztes Wort?“, fragte er sauer. Er musste erkennen, dass er diese Auseinandersetzung mit dem neuen Chefarzt verloren hatte.

„Ja, das ist es.“

Ohne ein weiteres Wort verließ Martin den Raum, aber nicht ohne die Bürotür beim Herausgehen etwas zu laut zu schließen.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Kathrin besorgt. Sie hatte Martin lange nicht mehr so zornig gesehen.

„Sicher“, sagte Dr. Hoffmann, mit seiner undefinierbaren Miene, die nicht verriet wie es in ihm aussah. Er hatte geahnt, dass früher oder später mal der Moment kommen würde wo er gegenüber dem ambitionierten Star-Chirurgen, wie die Verwaltungschefin Sarah Marquardt Dr. Stein nur zu gerne nannte, Autorität würde zeigen müssen. Dass sich der Oberarzt im Falle eines Falles auch gern mit der Chefetage stritt, wenn es darum ging bestimmte Entscheidungen zu treffen, war ihm bereits zu Ohren gekommen. Allerdings war Dr. Stein auch nur Oberarzt an dieser Klinik und er war der neue Chefarzt. Das würde auch der Star-Chirurg begreifen müssen und das, wenn nötig auf die harte Tour. Es war nur zu seinem Besten.
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