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Das langweilige Leben des Dr. Martin Stein

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Dr. Kathrin Globisch Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein Dr. Roland Heilmann
14.07.2018
19.04.2019
27
62.946
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14.07.2018 1.493
 
1. KAPITEL:     DER GEÄNDERTE DIENSTPLAN

Im Ärztezimmer der Sachsenklinik stand ein Mann vor einem offensichtlich wichtigen Aushang. Seine blau-grauen Augen wanderten über das Papier. Bunte Kästchen waren darauf zu erkennen. Die tabellarische Einordnung in Tage und Zeiten verriet den Ärzten alles was sie zu den geplanten Operationen in der kommenden Woche wissen mussten.

Seinen Terminplaner in der einen und den Kugelschreiber in der anderen Hand haltend, glich der Mann sorgfältig die Daten ab. Sein konzentrierter Blick wanderte immer wieder zwischen dem Aushang und dem Planer hin und her. Tatsächlich war er so vertieft, dass er das Treiben der anderen Ärzte um ihn herum gar nicht richtig wahrnahm.

Der Mann war Anfang fünfzig, hochgewachsen, von sportlich schlanker Statur und trug das etwas längere dunkelblonde Haar in einem eleganten Seitenscheitel. Anhand der feinen Linien in seinem Gesicht konnte man erahnen, dass der Mann gerne lachte, auch wenn davon gerade nichts zu sehen war. Seine Gesichtszüge waren scharf, von seiner in Konzentration gerunzelten Stirn, bis zu seiner geraden Nase und seinem markanten Kinn. Wie er so da stand, wirkte er wie ein wichtiger Mann und genau genommen, war er das auch. Er war kein Klinikleiter und auch kein Chefarzt, aber er war immerhin Oberarzt, wie das kleine Plastikschild verriet, welches er an der linken Brusttasche seines schneeweißen Kittels trug. Eben jenes Schild offenbarte auch, dass es sich bei dem Mann um Dr. Martin Stein handelte.

Mehr vermochte der bloße Anblick des Mannes nicht über ihn zu verraten. Hätte man sich mit einigen Ärzten der Sachsenklinik über ihn unterhalten, hätte man womöglich erfahren, dass er seit etwas mehr als zwölf Jahren hier als Oberarzt arbeitete, schon mehrfach an der Chefarzt-Position geschnuppert hatte und einen hervorragenden Ruf als Gefäßchirurg genoss.

Er war ehrgeizig, dieser Dr. Martin Stein und es gab nichts, was er sich nicht zutraute. Seine herausragenden chirurgischen Fähigkeiten waren seine große Stärke. Sein Wissen darum wohl seine größte Schwäche. Die Anerkennung und Würdigung seiner Arbeit war ihm sehr, sehr wichtig. Es nicht viel mehr in seinem Leben an dem er so unermüdlich feilen konnte wie an seiner Karriere.

Er hatte eine Weile gebraucht um zu erkennen, dass er für diese von ihm gewünschte Anerkennung nicht zwangsläufig einen Chefposten innehaben musste. Sein guter über die Klinik hinaus bekannter Ruf machte ihn auch so zu einem der wichtigsten Ärzte hier und mittlerweile hatte er sich mit seiner Rolle in der Klinik sehr gut abgefunden.

Böse Zungen würden behaupten, dass er arrogant und selbstverliebt war, andere würden meinen, dass er es aufgrund seines guten Rufes und seines damit einhergehenden Standings in der Ärztegemeinschaft verdient hätte bei wichtigen Entscheidungen, die die Klinik betrafen mit eingebunden zu werden.

All das spielte für Martin aber in diesem Moment keine große Rolle. Er war viel zu fokussiert auf den neuen OP-Plan. Schon seitdem er hier an der Klinik arbeite waren die Kästchen für die OPs, die er leitete hellblau eingefärbt. Dem genauen Betrachter wäre vielleicht aufgefallen, dass hellblau eine sehr dominante Farbe auf diesem Plan war, Martin jedoch kümmerte das nicht. Es bedeutete lediglich, dass er mehr Daten abzugleichen hatte als seine Kollegen.

Als er bei der Spalte für den Donnerstag ankam, stutzte Martin. Laut dem Plan war er an diesem Tag für zwei OPs eingeteilt. In seinem Terminplan hatte er jedoch drei OPs vermerkt. Irgendetwas stimmte nicht.

Schnell hatte er herausgefunden wo das Problem lag. Auf dem Plan hieß es, dass die Bypass-OP seines Patienten Herr Arnold Wagner durch Dr. Hoffmann, assistiert von Dr. Weber, durchgeführt werden sollte und nicht wie geplant von ihm. Was sollte das? Das war seine OP und ein Eingriff in seinem Spezialgebiet! Er selber hatte die OP für diesen Tag angesetzt, auch wenn es an diesem Tag seine dritte große Operation sein würde, was bedeutete, dass er an diesem Tag seine gesamte Schicht über am OP-Tisch stehen würde.

Warum mischte Dr. Hoffmann sich hier ein? Und warum hatte er den Plan umgestellt ohne ihn vorher zu informieren? War es womöglich ein Versehen? Wohl eher nicht.

Wider Willen spürte Martin Ärger in sich aufsteigen. In Situationen wie diesen ruhig und sachlich zu bleiben fiel ihm immer schon schwer. Sobald es darum ging, dass jemand seine Arbeit hinterfragte oder ihn autoritär in die Schranken wies, konnte es recht schnell passieren, dass ihm die Sicherungen durchbrannten. Dass er aber so schnell auf einhundertachtzig war, überraschte ihn ein wenig.

Wobei... als Martin genauer darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass Dr. Hoffmann sich die letzten anderthalb Wochen ständig in seine Arbeit eingemischt und ihm über die Schulter geschaut hatte. Als ob er das als erfahrener Oberarzt nötig gehabt hätte. Anfangs hatte er es noch ertragen, weil er dachte, dass Dr. Hoffmann sich erst einmal ein Bild von seiner Arbeit machen musste. Immerhin hatten sie vorher noch nie zusammengearbeitet.

Dr. Kai Hoffmann war erst seit ein paar Monaten Chefarzt der Sachsenklinik und Martin war nach einer komplizierten offenen Unterschenkelfraktur, die ihn aufgrund einer Infektion mit Gasbrand länger außer Gefecht gesetzt hatte als gehofft, erst seit anderthalb Wochen wieder im Dienst.

Dr. Hoffmann hatte Martins Gasbrand-Infektion behandelt, sodass er bereits einen ersten Eindruck vom neuen Chefarzt der Sachsenklinik gewinnen konnte. Allerdings hatten sie noch nicht allzu viel Zeit gehabt sich dienstlich zu beschnuppern.

Dass Dr. Hoffmann ihn und seine Arbeit derart überwachte, missfiel Martin sehr. Wollte ihn der neue Chefarzt testen? Das auf die Finger schauen allein nervte ihn schon, aber diese Aktion mit seiner OP in die sich Dr. Hoffmann schon wieder grundlos einmischte, brachte seiner Ansicht nach das Fass zum überlaufen.

Allerdings war Dr. Hoffmann nicht der Einzige, der Martin im Auge zu behalten schien. Seit seiner beruflichen Rückkehr an die Klinik schienen sie alle auf jeden seiner Schritte zu achten. Seine beste Freundin, Dr. Kathrin Globisch, fragte ihn ständig ob er okay war und der ärztliche Direktor, seines Zeichens Martins bester Freund, Dr. Roland Heilmann, stand seitdem er wieder im Dienst war ständig im OP an seiner Seite um zu assistieren, obwohl das völlig unnötig war.

Und dann die Blicke der übrigen Kollegen und auch des Pflegepersonals, mit denen sie ihn bedachten, wenn sie glaubten er würde es nicht bemerken. Wenn es Blicke der Anerkennung gewesen wären, hätte er keine Probleme damit gehabt, aber das waren sie leider nicht. In den Blicken lag etwas Mitleidiges und das machte ihn geradezu verrückt. Was er noch nicht beantworten konnte, war die Frage, ob sie sich alle Sorgen um seinen Gesundheitszustand machten oder ob sie Mitleid mit ihm hatten, weil er sich während seiner Genesungszeit hier an der Sachsenklinik von seiner Freundin Sophia Müller getrennt hatte.

Seine Beziehung zu ihr hatte auch ohne die Trennung schon genügend Stoff für die Klatsch-und-Tratsch-Abteilung der Klinik geboten. Er, der anerkannte Chirurg, verliebt sich inmitten seiner Midlife-Crisis in ein Ex-Busen-Wunder, die streng genommen seine Tochter hätte sein können. Es sollte ihm egal sein, was sie alle dachten und er tat auch immer so als ob es ihn nicht kümmern würde, was sie alle sagten und dachten. Insgeheim aber wurmte es ihn gewaltig.

Für ihn war es ursprünglich ohnehin nichts Ernstes gewesen. Es war einer Verkettung von Umständen und Sophia geschuldet, dass sie letzten Endes sogar zusammengezogen waren. Ihm ging das alles von Vornherein zu schnell. Seine Erfahrungen mit Beziehungen in den letzten Jahren hatten ihn sehr vorsichtig werden lassen und seine Bindungsangst verschlimmert. Die Trennung von ihr war die richtige Entscheidung, auch wenn er jetzt wieder mit leeren Händen dastand.

Was ihm blieb war seine Arbeit, die einzige Konstante im Leben von Dr. Stein. Irgendwie war das schon bemitleidenswert, aber das würde er nie zugeben. Wenn es privat schon nicht lief, sollte es wenigstens auf Arbeit rund laufen und da hatte ihm Dr. Hoffmann mit dem neuen OP-Plan einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht, einfach so, ohne Vorwarnung.

Er warf seinen Terminplan und den Kugelschreiber auf einen der Schreibtische und fuhr sich während er tief durchatmete mit einer Hand durch das dunkelblonde Haar. Er würde das mit dem Chefarzt klären müssen. Plötzlich sah man ihm sein Alter ohne weiteres an. In seinem Gesicht war kein, für ihn so typisches, jungenhaftes Lächeln zu finden. Dafür zeigte sich deutlich der Ärger, der unter der Oberfläche brodelte.

Mit drei Schritten war er an der Tür und schickte sich an das Ärztezimmer in Richtung Chefarzt-Büro zu verlassen. Im Türrahmen traf er auf Dr. Maria Weber.

„Ah, Guten Tag, Dr. Stein.“

„Hallo“, erwiderte Martin kurz angebunden und ganz ohne sein übliches Lächeln. Das fiel auch Dr. Weber auf, aber sie ließ sich nicht irritieren.

„Hätten Sie nachher kurz Zeit den Fall Helene Krüger mit mir zu besprechen? Sie wissen schon, die Frau mit der Aorten-Stenose.“

„Später. Im Moment habe ich zu tun.“

Seine Antwort war barsch, das wusste er, aber er hatte gerade wirklich keinen Nerv dafür. Ohne ein weiteres Wort ging er hinaus und ließ eine verwunderte Dr. Maria Weber zurück. So ein Verhalten war sie von ihm nicht gewöhnt.
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