Countess of Boredom / Heldenhafte Zeiten

von DieLysi
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
08.07.2018
06.12.2018
12
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Dieses Kapitel
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Liebe Leser/innen,

ich melde mich endlich zurück mit einem neuen Kapitel (wenn auch etwas kürzer als die anderen).
Am morgigen Tag (7.12.) wird es von mir eine vollständige Geschichte für den Miraculous-Kalender 2018 von ChantiFantasy288 geben.
Diese ist Anfang/Mitte November entstanden, weshalb sich der Upload hier mitunter etwas verzögert hat (war aber nicht der einzige Grund).

Nun aber zur Geschichte:
Da sich die Helden in alle Himmelsrichtungen verteilt haben, bleibt nichts anderes übrig, als mit der Sichtweise von Ladybug/Marinette zu beginnen, wodurch das Kapitel zu einem früheren Zeitpunkt als der Kampf mit dem Rattenfänger beginnt.

Ich wünsche euch einen schönen, restlichen Nikolausabend.

Gruß
Lysi

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Sie sah zu, wie Rena Rouge und Rose in den oberen Stockwerken verschwanden. Jetzt waren nur noch sie und Blue Thistle zugegen - und Nathaniel, der geisterhaft durch die Lüfte schwebte.
„Zeit ein paar Akumas unschädlich zu machen“, sprach Ladybug an Blue Thistle gerichtet und klappte ihr Jo-Jo auseinander, um zu telefonieren.
Ihr Verbündeter zückte den Gehstock und wog ihn in den Händen. Seine Augen spähten die Gänge entlang, als rechnete er mit einem Angriff.
„So ein Mist!“, fluchte Ladybug, „Cat Noir geht nicht ans Telefon. Da stimmt etwas nicht!“
Geschwind klappte sie das Jo-Jo zusammen, um es an der Schnur kreisen zu lassen. Sie nahm Kurs auf den Südflügel der Bibliothek.
Blue Thistle eilte voraus und hielt ihr die Tür auf.
Im oberen Stockwerk fiel etwas zu Boden und ließ ihn die Stirn runzeln. Die Blicke von Ladybug und Blue Thistle trafen sich.
„Ich halte euch den Rücken frei“, raunte er und umfasste das Ende seines Gehstocks wie ein Schwert.
Damit setzte er über das Geländer der Empore.
Nathaniel verharrte in Ladybugs Nähe und beobachtete sie aufmerksam.
„Ich könnte vorauseilen und sehen, ob die Luft rein ist“, schlug er vor.
Ladybug nickte: „Gehen wir.“
Eilig rannten sie den Gang entlang. Vor einer Ecke hielt sie inne, bis Nathaniel zurückkehrte und grünes Licht gab.
Als sie das Treppenhaus erreichten, beschlich sie ein mulmiges Gefühl.
„Keller haben etwas Gruseliges an sich …“, murmelte Ladybug.
„Mit einem netten Geist an der Hand fehlt dem Keller die Spuklizenz“, warf Nathaniel ein, ohne sie anzusehen. „Ich träume schon so lange davon dir zu helfen, Ladybug.“
Die Tür ignorierend schwebte er hindurch. Solange er an keine körperlichen Grenzen gebunden war, kostete er diesen Vorteil aus. Er glitt die Stufen hinunter und durch die angrenzende Tür. Was sollte ihm schon geschehen?
Nino und Ivan verharrten im schmalen Gang. Nino zupfte an seinen Armbändern und verlagerte sein Gewicht abwechselnd auf Fußspitzen und Fersen. Ivan hatte die Arme verschränkt und lehnte wie ein übellauniger Bodyguard an der Wand. Es hatte den Anschein, als warteten sie auf jemanden.
Eine Neonröhre knisterte über ihnen und erlosch flackernd. Die spärliche Beleuchtung eines Notausgangschildes tauchte alles in ein unheimliches Licht.
„Der Akuma!“, brüllte Ivan und deutete mit dem Arm auf den zu ihnen schwebenden Nathaniel.
Als schwarzer Umriss erkennbar schlitterte er den Gang entlang.
„Bloß weg hier, man!“, rief Nino und stolperte ihm hinterher.
„Ivan? Nino?“, fragte Nathaniel in die Dunkelheit. „Ich bin es, Nathaniel.“
„Erzähl das deiner Großmutter!“, spie ihm Ivan entgegen.
„Was?! Ich …“, setzte Nathaniel an.
Er fuhr herum, als er hörte, wie jemand auf den Treppen ausglitt.
„Jetzt sind sie schon zu zweit, man!“, jammerte Nino.
„So ein Mist!“, fluchte jemand. Eine weibliche Silhouette war im schummrigen Licht für sie erkennbar.
„Nathaniel?“, fragte sie in den Gang. „Ist alles in Ordnung? Hast du die anderen gefunden?“
Nino erkannte sie zuerst und atmete erleichtert aus.
„Alter! Dann bist du der echte Nathaniel? - Erschreck uns nicht noch einmal so!“, raunte er mit leiser Stimme.
„Und Cat Noir? Madame Bustier? Wo sind sie?“, fragte Ivan und rieb sich die Unterarme.
Nathaniel stockte und blinzelte.
„Es war nicht Madame Bustier“,erklärte Ladybug, „sondern ein Akuma. Wohin ist Cat Noir verschwunden?“
„Madame Bustier - der Akuma - hat ihn in einen Raum gelockt“, beantwortete Ivan ihre Frage.
Ladybug holte hörbar Luft. „Kommt!“, war alles, was sie ihnen zurief.
„Wird Zeit, dass wir hier rauskommen“, raunte Nino.
Eilig hetzten sie die Treppen hinauf, allen voran Nathaniel.

***

Mit der Geschmeidigkeit einer Katze rannte Cat Noir den Gang entlang. Seine Schritten hallten von den Wänden zurück. Hinter ihm im Archiv-Raum befand sich Adrien - der echte. Ihm war schleierhaft, was Hawk Moth noch mit ihm vor hatte. Andererseits stand es ihm nicht zu, über die Pläne seines Meisters zu urteilen. Hawk Moth hatte ihm eine einfache Aufgabe aufgetragen. Ladybug. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie sich begegneten.
Er bog um die Ecke und kollidierte um ein Haar mit Nathaniel - oder besser gesagt: Das was von Nathaniel übrig war. Geisterhaft schwebte er durch die Tür zum Treppenhaus. Mit fuchtelnden Armen aber zu viel Geschwindigkeit raste Cat Noir auf ihn zu, unfähig zu stoppen. Den Aufprall befürchtend kniff er die Augen zusammen. Es war wie das Durchlaufen eines dichten Nebels: Eisig kalt durchfuhr es ihn dort, wo er Nathaniel vermutete. Seinen Oberkörper abtastend schlitterte er über den Betonfußboden und kam schwer atmend zum Stehen.
„Wenn man vom Teufel spricht“, hörte er Nino im Hintergrund sprechen.
Cat Noir verzog den Mund zu einer Grimasse und sah forschend ins Treppenhaus.
„Ladybug!“, Er schnippte sich ein imaginäres Staubkorn von der Schulter. „Euch geht es gut - zum Glück.“
„Wo ist Caline Bustier - der Akuma?“, fragte Ladybug ohne Umschweife.
Er schluckte sichtlich.
„Er ist mir entwischt“, gab er kleinlaut von sich. „Um ein Haar wäre ich ihm auf den Leim gegangen! Ich war auf dem Weg zurück und wollte euch warnen!“ Angestrengt spähte er den Gang hinunter. „Wir sollten uns beeilen und ihn unschädlich machen.“
Schritte näherten sich ihnen.
„ … ich sehe, was sich machen lässt!“, drang es an ihre Ohren.
Ladybug atmete geräuschvoll aus und zückte ihr Jo-Jo. Mit grimmiger Mine schleuderte sie es im Kreis, um mögliche Geschosse abzuwehren und stellte sich in die Mitte des Ganges.
Es versetzte ihr einen Stich, erneut auf Adrien zu treffen. Unbewusst begann ihr Jo-Jo zu schlingern. Grob riss sie es an der Schnur zu sich zurück. Hatte Hawk Moth etwa herausgefunden, für wen ihr Herz schlug und nutzte Adrien als ihre Schwachstelle?
„Tut mir leid, wenn ich deine Telepathie-Runde mit Hawk Moth unterbreche …“, fuhr sie ihn an und schleuderte das Jo-Jo auf ihn.
Die Schnur wickelte sich zuverlässig um Adrien und schnürte ihn zu einem ansehnlichen Päckchen. Probehalber zupfte sie an der Schnur und entlockte ihm ein Ächzen.
Mit großen Augen schaute er sie an, den Mund ungläubig geöffnet. Selbst in dieser Verfassung musste sie zugeben, dass er noch schön war.
„My- … Ladybug!“, flüsterte er, „Da bist du ja! Endlich, ich …“
Für die Dauer eines Wimpernschlages wirkte er erleichtert. Ruckartig zog sie ihn näher zu sich heran und brachte ihr Gesicht auf Augenhöhe mit seinem. Seine Augen blinzelten und zuckten in jede Richtung.
In ihren Augen loderte grimmige Entschlossenheit. Die Lippen hatte sie zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
„Ganz ruhig … Er ist nicht der echte Adrien … Als nächstes spukt ihm wieder Chloé durch den Kopf“, dachte sie und versuchte, sich selbst Mut zu machen.
Eine Zornesfalte bildete sich, als sich ihre Augen verengten.
„Endlich, hm?“, sprach sie trügerisch sanft an ihn gerichtet.
„Ladybug, Hawk Moth - er ist im Archiv.“ Zur Unterstreichung seiner Worte ruckte er mit dem Kopf in Richtung des Ganges, der hinter ihm lag.
„Tatsächlich. Wie nett von dir, mir das auszurichten. - Ich habe genug gehört!“, sprach sie drohend.
„N-nein. Ehrlich!“, setzte er erneut an.
„Alles in Ordnung, Mylady?“, hörte er seine eigene Stimme sprechen.
Den Kampfstab lässig über die Schulter geschwungen, gesellte sich sein Doppelgänger neben Ladybug und begutachtete ihn. Sein Mund fühlte sich staubtrocken an.
„Das ist nicht der echte Cat Noir“, krächzte er kraftlos.
Er erntete ein Schnauben als Antwort.
„Das könnte man eher von dir behaupten …“, entgegnete Ladybug.
Ein boshaftes Grinsen schlich sich auf das Gesicht seines Doppelgängers.
Adrien schluckte. Er holte tief Luft, um zu einer Antwort anzusetzen, und sah sie flehend an.
In stiller Faszination folgte sein Blick dem roten Zeigefinger, der sich sanft auf seine Lippen legte.
„Scht! Ich weiß genau, wer du bist!“, sprach sie an ihn gerichtet. „- Jedenfalls nicht der echte Adrien. Der liegt krank in seinem Bett.“
Er zuckte zusammen und blinzelte, als ob sie ihn geschlagen hätte. Sie konnte sehen, wie es ihn Mühe kostete, den Blickkontakt aufrecht zu erhalten.
„So ein Mist! Aus der Nummer komm ich nicht so schnell raus … Jedenfalls nicht, ohne dass sie erfährt, wer ich bin“, dachte er.
Seine Schultern sackten entmutigt nach vorn.
Ein Ruck durchzog ihn und zwang ihn vorwärtszugehen. Immerhin, ewig würde ihn Ladybug nicht mit ihrem Jo-Jo festhalten können. Als sie um die Ecke herumbogen sah er Nino und Ivan, die sich vor dem Treppenhauseingang herumdrückten. Sein bester Freund keuchte auf und vermied es, ihm in die Augen zu sehen. Adrien seufzte. Schicksalsergeben tappte er seiner Angebeteten hinterher.
Allen voran schwebte Nathaniel. Für kurze Zeit verschwand er in den Hauptbereich der Bibliothek und ließ sie warten. Skeptisch beäugte Adrien den falschen Cat Noir, der seinen Kampfstab spielerisch in die Handflächen sausen ließ. Seine Katzenaugen funkelten belustigt. Mit einem Nicken kehrte Nathaniel zurück und signalisierte ihnen, dass keine Gefahr bestand.
„Vorwärts, Akuma“, raunte ihm Ladybug zu.
Zur Unterstreichung ihrer Worte stieß ihm Cat Noir mit dem Stab an die Schulter. Nino vermied es, ihn anzusehen. Mit starrem Blick hielt ihm Ivan die Tür auf.
Unwillig setzte er einen Fuß vor den anderen und stolperte über die Türschwelle. Haltsuchend wankte er vorwärts und verlor das Gleichgewicht. Den kalten Fliesenboden erwartend kniff Adrien die Augen zusammen. Mit einem dumpfen Geräusch kam er auf dem Boden auf - und riss Ladybug mit sich. Ihm wurde die Luft aus den Lungen gepresst, als sie ihm auf den Rücken fiel.
„Tut mir leid, Ladybug. Alles in Ordnung?“, ächzte er und verharrte still.
Sie quittierte es mit einem Knurren und beeilte sich aufzustehen.
Einen Augenblick lang begutachtete sie ihn, wie er eingeschnürt vor ihr lag. Mit einem Schnauben ließ sie die Schnur ihres Jo-Jos zurückschnellen.
„Wird Zeit, dass wir dich wieder zurück ins Heft schicken“, sprach Cat Noir.
Adrien schnaubte: „Ich halte nichts von Plagiaten.“
Mit einiger Mühe rappelte er sich auf.
Ladybug verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ihr Blick konzentrierte sich auf das obere Stockwerk und glitt umher, als suchte sie etwas - oder jemanden.

***

Verräterische Röte legte sich auf Blue Thistles Wangen. Peinlich berührt sah er auf das Geländer der Empore.
„Dann … stimmt es also, was die Zeitungen behaupten?“, fragte er kleinlaut.
Alya holte hörbar Luft und schnaubte: „Kommt ganz drauf an, wen du fragst.“ Sie runzelte die Stirn. „Wer ist Laird?“
Der Held versteifte merklich. Sein Blick auf das Geländer intensivierte sich, ganz so als plante er, es einzuschmelzen.
„Ich habe vielleicht zu viel verraten. Vergiss den Namen - bitte.“
Alya räusperte sich. „Schon gut. Ich verrate nichts.“ Ihr Blick ruhte auf ihm.
Seine Schultern lockerten sich, er suchte den Augenkontakt.
„Und wenn ich dich frage? Du und Marinette - ihr scheint gute Freunde zu sein. Wie nahe stehen sie sich?“ Er vermied es, Namen zu nennen. Stattdessen glitten seine Augen kurz in Richtung des Erdgeschosses.
Alya biss sich auf die Unterlippe und schnalzte mit der Zunge. Das Kompetenzgerangel zwischen ihm und Cat Noir schien sich auf Marinette zurückführen zu lassen.
„Hm“, machte sie. „Ich weiß es nicht“, antwortete sich wahrheitsgemäß.
Ihr Blick ruhte auf ihrem Gegenüber. Zwischen Cat Noir und Adrien gab es optisch gewisse Ähnlichkeiten. Blue Thistle fiel aus dem Schema. Als einzige Gemeinsamkeit ließ sich der Haarschnitt nennen. Am Ende gingen sie alle zum gleichen Friseur. Alya schmunzelte über die Vorstellung. Der Held quittierte es mit einer hochgezogenen Augenbraue.
„Was ist so komisch?“, wollte er wissen.
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und warf ihre Gedanken über Bord.
„Nichts weiter. Ich ...“

Lautes Händeklatschen war aus dem Erdgeschoss zu hören.
„Welch blamabler Auftritt für ein Gauklermädchen. - Dieser rahjagefällige Haufen erzürnt also Euer Gemüt?“, tönte eine tiefe Männerstimme.
Nathaniel erstarrte.
„Vorsicht, Ladybug. Schwarzmagier im Anmarsch! Versteck dich!“, raunte er ihr zu und suchte die Gänge ab.
Das brauchte er ihr nicht zweimal sagen.
Sie lockerte ihr Jo-Jo und ging in Deckung. Ihr Blick lag mahnend auf Adrien, als sie die Hand nach ihm ausstreckte.
Dieser wich zurück. Ihm schien etwas auf den Lippen zu liegen. Letztendlich entschied er sich jedoch anders und rannte auf den Ausgang zu.
„Cat!“, rief sie ihrem Partner zu - und stutzte, als sie ihn nicht mehr neben sich vorfand.
Auf Höhe des Empfangtresens stoppte Adrien unvermittelt. Was er dringend brauchte, war eine Stärkung für Plagg. Dieser begann sich zu regen und spähte übellaunig aus der Hemdtasche hervor. Ein sicherer Platz, um sich zu verwandeln, war von Nöten.
Im oberen Stockwerk hatte er kurz einen Blick auf Blue Thistle und Alya erhaschen können. Wenn er sich hier unten verwandelte, bestand ein gewisses Risiko, entdeckt zu werden.
Sein Blick glitt hinüber zur Mitarbeitertoilette. Der Neue hatte angedeutet, dass die Luft dort einschläfernd wirkte.
„Plagg, geh und schau, ob du Käse auftreiben kannst“, flüsterte er ihm zu und drückte die Türklinke zum Toilettenraum hinunter.
Der Kwami funkelte ihn aus giftgrünen Augen an. Seine rechte Pfote zog kleine Kreise auf Höhe der Schläfe.
„Es geht nicht anders. - Beeil dich“, drängelte Adrien und schüttelte ihn aus der Tasche.
„Na, dann angenehme Träume, Dornröschen!“, fauchte Plagg, bevor er auf die Küchenzeile zuhielt.
Entschlossen drückte Adrien die Tür auf und hielt den Atem an. Hektisch sah er sich nach brauchbaren Gegenständen um. Sein Blick fiel auf den Papiergitterkorb. Damit konnte er verhindern, dass die Tür zufiel.

Nino und Ivan tauschten verunsicherte Blicke. Es war klar, dass sie beobachtet wurden. Nino fing sich als Erster. Er suchte den Blickkontakt mit Ivan, wies mit Zeige- und Mittelfinger auf seine Augen und dann in die Richtung, in die Adrien verschwunden war. Ivan nickte mit zusammengezogenen Augenbrauen und vorgeschobenem Kinn. Darauf bedacht, ihrem Gegner nicht den Rücken zu zukehren, pressten sie sich seitlich an den Bücherregalen entlang.
Nino sog scharf die Luft ein, als Nathaniel vor ihnen auftauchte und hektisch mit den Armen fuchtelte. Energisch wies er sie an, hinter dem Empfangstresen Schutz zu suchen. Auf Nathaniel vertrauend hechtete Nino hinter den Schreibtisch. Den eigenen Herzschlag in den Ohren hörend hockte er zwischen Bürostühlen und Kabeln und lauschte - und fragte sich, was Ivan so lange aufhielt. Vorsichtig linste er durch einen schmalen Spalt für den Kabeldurchlass. Ivan stand wie versteinert einige Schritte vom Schreibtisch entfernt. Das Klappern von Damenabsätzen kündigte Besuch an. Leise Schritte deuteten darauf hin, dass auch Ivan sich bewegte. Nino spürte, wie ihm ein eisiger Schauer den Rücken hinunter lief. Viel konnte er von seinem Posten aus nicht sehen.
„Nicht so hastig, Bürschchen“, zischte eine Frauenstimme. „Wohin sind sie verschwunden?“, verlangte sie zu wissen.
Die Stille, die darauf entstand, hatte einen eisigen Biss.
„Ich … - ich rede nicht mit Fremden!“, quiekte Ivan.
Hektische Schritte folgten.
„Oh, bitte …“, erklang eine sonore Männerstimme. „Was für eine ordinäre Zeitverschwendung! - Gehen wir!“
Stöckelschuhe schlurften ruckartig über die Fliesen, ganz so als ob sie nicht willens waren, weiterzugehen.
Nino hörte, wie die Frau zischte. Es schien, als ob ihr die Fäden aus der Hand geglitten waren. Ihre Schritte waren ein wütender Widerhall auf den Fliesen. Jemand schnalzte mit der Zunge.
„Ihr klappert wie ein Gaul durch die Gassen. - Raus aus Eurem Schuhwerk, wenn ich bitten darf.“ Dieser Mann war es gewohnt, zu befehlen. Und gewohnt, dass seine Befehle umgesetzt wurden. Unter der wohlklingenden Stimme lag eine scharfe Klinge.
Nino schluckte. Er betete, dass Ivan verschont blieb.
Stoff raschelte aufgebracht. Die Frau murrte etwas für Nino Unverständliches, bevor sie dem Befehl des Magiers Folge leistete. Ein Schuh plumpste auf den Boden.
Nino beschlich das unangenehme Gefühl, entdeckt zu werden. Er verharrte mucksmäuschenstill unter dem Schreibtisch und schloss die Augen. Gezwungenermaßen drosselte er seinen Atem und presste die Hände zu Fäusten.
Der Moment verstrich quälend langsam. Der zweite Schuh folgte polternd. Er traf mit einem lauten Knall auf den Metallfuß des Schreibtisches und ließ Nino zusammenzucken. Stoff knisterte, als Röcke glatt gestrichen wurden. Er öffnete zögernd die Augen. Bestrumpfte Beine entfernten sich aus seinem Blickfeld und gaben den Blick auf schwere Lederschnürstiefel frei. Der Geruch von Rauch und exotischen Gewürzen lag in der Luft.
„Vielen Dank, Werteste“, kommentierte es die Männerstimme. „Widmen wir uns nun dem Kernproblem …“
Stiefel und Strümpfe entfernten sich aus seinem Sichtbereich. Die Angst, doch noch entdeckt zu werden, ließ Nino weiter unter dem Tisch verharren. Wenn dieser Magier den Akuma derartig einschüchterte, wollte er lieber keine Bekanntschaft mit ihm machen.
„Alya. Hoffentlich läuft sie ihm nicht in die Fänge.“ Allein bei dem Gedanken daran, wurde ihm flau im Magen.
Ein missfälliges Krächzen ertönte hinter der Trennwand.
„Wofür hat sein Anzug überhaupt Taschen?! Er könnte sie doch nutzen … aber nein … für ihn ist es nur ein Mode-Accessoire!“, fauchte eine kratzige Stimme. „Scheibenkäse. Oh, nur zu! Das ist wie Brot vom Vortag!“, meckerte es hinter der Trennwand.
Eine Tür - vermutlich die vom Kühlschrank - fiel knarrend zu.
Was Nino dann sah, ließ ihn verstört blinzeln. Eine Packung Käse schwebte vor ihm durch die Luft. Nino kniff sich verstohlen in die Wange. Tatsächlich: Käse. Und darunter ein kleines, schwarzes Etwas. Die Packung war etwa doppelt so groß wie die Gestalt. Ächzend verschwand es mit dem Käse hinter der gegenüberliegenden Tür. Etwas hinderte die Tür am Zufallen.
„Plagg, ernsthaft? Die komplette Packung?!“, tadelte eine Stimme das Wesen.
„Tze! Qualität statt Quantität. - Das solltest DU dir mal merken! Dann müsste ich mich jetzt nicht mit Fast Food herumschlagen!“, hörte er die Stimme des Winzlings mit Unterbrechungen sprechen.
„Kann das sein?“ Nino benötigte ein paar Sekunden, um die Information sacken zu lassen. Einen Moment lang sah er Alya gedanklich vor sich stehen, wie sie ihm einen Vortrag über Kwamis hielt. „Wenn das stimmt, dann … ist der falsche Cat Noir bei Ladybug!“, schoss es ihm durch den Kopf.
„Plagg, verwandle mich!“, rief die Stimme und gähnte hörbar.
Ein plötzlicher grüner Lichtblitz blendete Nino und ließ ihn die Augen zusammenkneifen. Stille trat ein. Nichts rührte sich. Eine ganze Zeit lang.
Nino wand sich unter dem Schreibtisch hervor und spähte verstohlen die Gänge entlang. Graue Stöckelschuhe lagen vor dem Schreibtisch. Leises Schnarchen drang an seine Ohren.
Er schluckte. Darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, schlich er zur Tür hinter der er Cat Noir vermutete und stieß sie auf.
Der Mülleimer kratzte über die Fliesen und ließ Nino zusammenzucken.
Schwere Kampfstiefel mit Silberbeschlägen hinderten die Tür daran, weit auf zu schwingen. Nino hielt die Luft an. Vorsichtig ließ er den Blick am Bein hinaufwandern. Da lag er: Cat Noir, den Oberkörper an der Wand angelehnt und schlief.
„Großartig!“, ächzte Nino und machte sich ans Werk, den Held zu retten.
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