For Survival

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Barry Blue Claire Dearing Dr. Henry Wu Lowery Cruthers Owen Grady
08.07.2018
10.07.2018
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Hallo allerseits!
Die Idee zu dieser Geschichte geistert mir jetzt schon seit ganzen drei Jahren durch den Kopf und erst jetzt, nachdem der neue Film rausgekommen ist, habe ich es endlich geschafft sie auf Papier zu bringen, bzw. in ein Word Dokument. Die Story wird eine andere Richtung als Fallen Kingdom einschlagen und enthält deshalb auch keine wirklichen Spoiler.
Ich hoffe, dass dem einen oder anderen vielleicht gefällt, was mein Hirn sich hier zusammenreimt und dass euch das Lesen genauso viel Spaß macht wie mir das Schreiben.

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-1-
The Descent into Hell Is Easy
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There’s a ghost, she’s wearing my face
At parties being introduced with my name
Just a skeleton of bones, wearing nothing but clothes
And she is paralyzing


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Das Geräusch von entspannter Konversation füllte ihre Ohren. Um sie herum manövrierten die Servierer geschickt ihre Wege um die Tische, die Arme beladen mit Tellern und Tabletts, die feine Kristallgläser mit prickelndem Champagner und den edelsten Weinen trugen. Sanfte Klänge eines Pianos im Hintergrund und warmes Kerzenlicht tauchten den ganzen Raum in eine unvergleichlich romantische Atmosphäre in dem mit Abstand teuersten Restaurant, in dem sie je das Vergnügen hatte zu speisen.

Claire Dearing konnte sich nicht entscheiden, mit welcher ihrer fünf Gabeln sie sich als erstes erstechen sollte.  

Der Mann ihr gegenüber war noch immer damit beschäftigt seinen letzten Fall herunterzuleiern, bei dem er einen hochrangigen Unternehmer vertrat, der offenbar von mehr als nur einer seiner häufig wechselnden Sekretärinnen etwas zu private Konferenzen verlangt hatte und spätestens als die Worte „unzulängliche Beweislage“ fielen, begann ihr der Kopf zu rauchen. Claire hatte in den vergangenen zehn Monaten an genug Gerichtsverhandlungen teilgenommen um zu wissen, wie penibel Anwälte sich darauf verstanden einem die eigenen Worte im Mund zu verdrehen, bis man sich selbst nicht mehr sicher sein konnte, was Wahrheit und was Einbildung war.

„Dann würden Sie also sagen, dass es absolut keine andere Möglichkeit gab, als das Gehege Nr. 9 zu öffnen? Ist es das, was Sie uns sagen wollen, Miss Dearing?“

„Claire?“

Ihr Blick schoss hoch von ihrem Teller und zurück auf das erwartungsvolle Gesicht ihrer Begleitung. Er war attraktiv, so weit traf Karens Beschreibung zu, auch wenn Claire entschied, dass ihre Schwester mit „totaler Traumtyp“ ein bisschen zu dick aufgetragen hatte. Sein Name war Mark, er war einer der Anwälte aus der Kanzlei in der Karen arbeitete und hätte dieses Date vor fünf Jahren stattgefunden, wäre Claire sicherlich entzückt gewesen von dem perlweißen Lächeln, dem teuren Anzug und jedem perfekt formulierten Wort, das aus seinem Mund kam. Aber die Claire von vor fünf Jahren gab es nicht mehr und heute würde sie ihr jüngeres Ich nicht mehr wiedererkennen.  

Wenn sie nur ein kleines bisschen die Augen zukniff und ihre Fantasie benutzte, konnte sie fast - und auch nur fast mitansehen, wie Marks blaue Augen sich in grüne verwandelten, das feine Nadelstreifensacko in ein Flanellhemd und das perfekte gerade Lächeln in ein schiefes, verschmitztes und Claire raubte es für einen Moment den Atem.

Aber so schnell sie es herbeigewirkt hatte, so schnell verschwamm das Bild wieder vor ihren Augen, bis nur Marks leicht irritierter Blick zurückblieb.

Sie stieß ein kurzes, keuchendes Lachen aus und schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, wo waren wir gerade?“

„Die letzte Anhörung in meinem Fall“, erinnerte er sie lässig. „Als letzte Zeugin wurde diese Frau gerufen, die vor drei Jahren für meinen Mandanten gearbeitet hat. Wie ich bereits sagte war sie...“ Sie verlor erneut den Faden, aber wenn es eines gab, worin Claire Dearing eine Meisterin war, dann war es das gekünstelte Lächeln und eifrige Nicken einer Frau, die es während ihrer aufsteigenden Karriere perfektioniert hatte, den meist männlichen Investoren von Jurassic World einfach jede neue Idee zu verkaufen.

Sie nippte an ihrem überteuerten Wein, stocherte in ihrem überteuerten Vorspeisen-Salat und fragte sich nicht zum ersten Mal an diesem Abend, wie sie sich nur zu dieser Verabredung überreden lassen konnte. Sie hatte Karen unterschätzt, so viel war sicher. Ganz offensichtlich war Claire nicht die einzige in ihrer Familie, die wusste wie man die richtigen Leute mit den richtigen Worten für sich gewann.

„Es ist fast vier Monate her, Claire. Es ist nicht verboten, sich wieder umzusehen. Und es ist ja nicht so, als hättest du dich nicht um eine funktionierende Beziehung bemüht.“ Der Blick auf Karens Gesicht war sanft und mitfühlend, aber Claire erkannte das Mitleid in den Augen ihrer Schwester. Seit Karen und ihr Mann Scott nach dem Vorfall im Park vor fast einem Jahr entschieden hatten, ihrer Ehe doch noch die eine letzte Chance zu geben, bildete sie sich ein, einfach jedem gutgemeinte Ratschläge in sämtlichen Liebesdingen geben zu können, selbst wenn es nur jene pseudo-motivierenden Sätze waren, die sie und ihr Mann selbst in den vielen Sitzungen ihrer Eheberatung zu hören bekamen. Und da sie ihrer kleinen Schwester bereits seit drei Monaten Asyl in ihrem Haus in Madison gewährte, wäre es kaum richtig von Claire gewesen, sie daran zu erinnern, aus welchem simplen Grund sie neuerdings dieses Arsenal an schlauen Sprüchen besaß.

„Claire“, sagte Mark sanft und ergriff ihre Hand auf dem Tisch. „Als ich zum ersten Mal dieses Video von dir in den Nachrichten gesehen habe, wie du vor diesem... Ding davongelaufen bist, da wusste ich, dass ich dich kennenlernen muss. Das war absolut heldenhaft.“

Die Worte „leichtsinnig und dumm und das gottverdammt noch mal mutigste, was ich je gesehen hab“ kamen ihr in den Sinn, zusammen mit dem Gefühl von rauen, müden Fingern auf ihrem Gesicht und Claire schob den Gedanken schnell beiseite.

Die Wahrheit war, heldenhaft wäre das letzte gewesen, was ihr eingefallen wäre, als sie dabei zusah, wie das massige, silberne Eisentor mit leisem Quietschen vor ihr nach oben fuhr, ehe die dumpfe Erschütterung von schweren Schritten jeden rationalen Gedanken in ihrem Kopf verdrängte. Nein, heldenhaft hatte sie sich nicht gefühlt, als der heiße Atem ihre ohnehin sonnengepeinigte Haut im Rücken beinahe wegbrannte, während die runterbrennende Fackel ihre Handfläche reizte und ihre schmerzenden Füße bei jedem weiteren Meter protestierten. Und nein, es war kein Ding, dass sie aus seinem Käfig gelockt hatte. Es war ein lebendiges, atmendes Wesen mit Trieben und Instinkten, die sich selbst in einem Reagenzglas nicht unterdrücken ließen, unmöglich zu kalkulieren oder zu steuern, keine Attraktion mehr, kein Produkt, kein Mittel, um die Taschen seiner Macher mit Geld zu füllen. Nach fast zehn Jahren im Park begriff sie endlich, was die Leute, die näher mit den Tieren gearbeitet hatten, ihr immer wieder versuchten verständlich zu machen.

Die Einsicht kam wie so oft tragisch und viel zu spät.

Dass das Video der Sicherheitskameras ach so praktischerweise geleakt wurde, war dem neuen Vorstand der Masrani Global Corporation gerade gelegen gekommen. Claire vermied es in den ersten Wochen nach dem Vorfall auf Isla Nublar die Nachrichten einzuschalten, aber sie hatte es ohnehin oft genug im Gerichtssaal gesehen, immer und immer wieder, vor- und zurückgespult, bis es ihr vorkam, als würde sie jemand anderem dabei zusehen, wie er vor dem T-Rex davonrannte, bis sie sich auf den leicht unscharfen Aufnahmen selbst nicht mehr erkannte. Sie war sich nicht sicher was sie mehr Leid war - sich den Stimmen auszusetzen, die sie den Henker in der Geschichte nannten, oder die Heldin.

Eine weitere monoton gewordene, müde Antwort lag ihr bereits auf der Zunge, als das Klingeln ihres Telefons sie davor bewahrte, auf seine offene Bewunderung zu reagieren. Sie zog ihre plötzlich schwitzige Hand hastig unter seiner hervor und schenkte ihm ein hoffentlich ausreichend entschuldigendes Lächeln. Mit einem knappen „Da muss ich rangehen“, entschuldigte sie sich vom Tisch und steuerte in ihren entsetzlich hohen Schuhen und dem viel zu engen Kleid, dass ihr mit jeder Sekunde den Brustkorb enger zu schnüren schien, die Damentoilette an.

Auf dem Display ihres Telefons leuchtete das gewohnte Bild von der vierköpfigen Familie ihrer Schwester beim letzten Skiurlaub auf - das alberne Grinsen ihrer Neffen in den vergangenen Monaten so selten gesehen, dass ihre entspannten Gesichter auf dem Foto ihr noch fremder vorkamen, als sie es an jenem Tag taten, an dem sie sie im Innovation Center nach so vielen Jahren wiedergesehen hatte.

„Und?“, tönte Karens aufgeregte Stimme aus dem Lautsprecher. „Ich hab doch nicht zu viel versprochen, oder? Ist er nicht fantastisch? Seit ihr schon beim Hauptgang? Gott, ich hab doch nichts Wichtiges unterbrochen?“

„Wenn du mit wichtig seine reizenden Anekdoten aus der Kanzlei meinst, dann nein. Er ist traumhaft.“

„Oh, Claire-Bär”, seufzte ihre Schwester bedauerlich. „Hast du ihm überhaupt eine Chance gegeben? Er ist ein netter, anständiger Kerl, der gutes Geld verdient und dir jeden Wunsch von den Lippen ablesen könnte.“

Claire schnaubte und sah ihrem Spiegelbild dabei zu, wie sie den Kopf schüttelte. „Er ist ein Schwafler, der sich viel zu gern selbst reden hört, sein After Shave verbrennt mir fast die Nasenschleimhäute, er lebt in Wisconsin und er...“

„Er ist nicht Owen?”, unterbrach sie die frustrierte Stimme am anderen Ende der Leitung und die Claire im Spiegel erstarrte. Ein weiteres tiefes Seufzen: „Ich dachte das Thema wäre durch. Du hast einen Schlussstrich gezogen, er war einverstanden und getrennte Wege sind einfacher für euch beide.“ Und dann, nachdem sie einige Sekunden später immer noch keine Antwort bekommen hatte: „Claire?“

„Ich muss jetzt Schluss machen, Karen. Er wartet an unserem Tisch. Bis später.“ Sie gab ihrer Schwester keine Chance etwas darauf zu erwidern, ließ das Handy in ihre Handtasche gleiten und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Sie waren länger als zu ihren Jurassic World-Zeiten, hingen nun bis über die Schultern, ihr Pony so weit rausgewachsen, dass sie ihn mit den restlichen Haaren zur Seite bürsten konnte. Der rote Lippenstift auf ihrem Mund war ein grober Kontrast zu dem blassen Teint ihres Gesichts und die Sommersprossen auf ihren Wangen in dem immer kälter werdenden Wetter in Wisconsin beinahe non-existent.  

Sie sah immer noch aus wie Claire, und doch hätte sie genauso gut in das Gesicht einer Fremden blicken können.


xxx

 
Die Schreie waren überall.

Das Echo von tausend panischen Menschen, gehetzten Schritten und lautem Weinen hallte in ihrem Kopf wie Pistolenschüsse, all das nur noch übertönt durch das entsetzliche Knacken von Knochen, das Flattern riesiger Flügel und der grollende Donner aus der Kehle der Bestie, die Jagd auf sie alle machte.

Claire konnte den heißen Atem auf der gereizten Haut ihres Rückens fühlen, wie er den dünnen Stoff ihres Tops durchdrang und sich in jede einzelne Zelle ihres Körpers fraß, bis nichts mehr zurückblieb als diese unerträgliche Hitze und nackte, blinde Angst.

Es waren keine neuen Szenen, die sich vor ihren Augen abspielten - das immer gleiche Szenario mit immer gleichem Ausgang. Sie konnte sie nicht retten, verdammte jeden von ihnen zu einem qualvollen Tod im messerscharfen Maul des I-Rex. Und sie war niemals schnell genug.

„Mehr Zähne. Wir brauchen mehr Zähne.“



Ihre Augen flogen mit einem erstickten Keuchen auf und Dunkelheit ersetzte mit einem Mal die blendende Sonne.

Ein dünner Film von Schweiß brachte ihre Haare dazu in ihrem Nacken und die Decke an ihren Beinen zu kleben, als sie beinahe instinktiv den Arm neben sich im Bett ausstreckte. Aber anstelle von warmen Muskeln unter ihren Fingern, traf ihre Hand auf die kalte Baumwolle des Pyjamas ihrer Schwester und Claire wurde mit einem Mal bewusst, wo sie sich befand.

Nachdem Scott wieder einmal ins Gästezimmer ausquartiert worden war, hatten er und Claire nahtlos die Schlafplätze miteinander getauscht - nicht zum ersten Mal, seit sie zum permanenten Gast im Haus ihrer Schwester geworden war und Claire konnte nur vermuten, wie lange die Paartherapie noch den Kleber in der brüchigen Beziehung der beiden spielen würde.  

Als sie gegen elf Uhr zur Tür hereingetreten war - nicht sonderlich spät, aber spät genug, um die vage Hoffnung zu hegen, dass Karen bereits ins Bett gegangen war - waren drei Paar Augen unmittelbar in ihre Richtung gewandert, Scott und Zachs von ihren Plätzen auf dem Sofa aus und Karens aus der Küche, in der sie sich ihren allabendlichen Kamillentee zubereitete, eine nervöse Angewohnheit aus ihren Teenager-Jahren, die bedeutete, dass weit größere Sorgen an ihr nagten, als ihre „Es geht uns allen bestens“-Einstellung nach außen hin preisgab.

Sie schenkte ihr ein erwartungsfrohes Lächeln, welches Claire jedoch nur mit einem Seufzen und Kopfschütteln entgegnen konnte, ehe sie widerwillig damit begann, jede einzelne von Karens gefühlten hundert Fragen zu beantworten. Für gewöhnlich war es Gray, mit dem sie dieses Frage/Antwort Spiel durchkaute, mit dem Unterschied, dass die meisten seiner Fragen sich immer noch um Dinosaurier und Jurassic World handelten - ein Bewältigungsmechanismus, und ein mutiger noch dazu, wie die Therapeutin, zu deren Besuchen Karen ihre Söhne nach dem Vorfall zwang, erklärt hatte. Zach hingegen zog es vor, so wenig Worte wie möglich über das Geschehene zu verlieren, und bei jedem lauten Geräusch, bei dem ihre Neffen immer noch erschrocken zusammenfuhren, fragte sich Claire, ob dieses überwältigende Gefühl von Schuld jemals nachlassen würde und sie überhaupt das Recht hatte, je wieder entspannt durchzuatmen, ohne hinter jeder E-Mail oder Anruf die nächste Hiobsbotschaft zu erwarten.

Dieser Tag würde wohl sobald nicht kommen, stellte sie fest, als sie gegen drei Uhr morgens, nach dem letzten Traum nun hellwach, neben Karen aus dem Bett kroch und mit nackten Füßen nach unten in die Küche schlich. Das schwache Licht über der Kücheninsel tauchte den Raum in ein fahles gelb und der Kühlschrank gab ein leises, konstantes Brummen von sich, aber der Rest des Hauses war gespenstisch still, ebenso wie die Nachbarschaft draußen vor der Tür. Claire, für die das Rascheln des Dschungels im Wind, der Klang der Wellen und die gelegentlichen Schreie der Tierwelt der Insel über Jahre zur Gewohnheit geworden waren, fühlte sich in Wisconsins nächtlicher Stille plötzlich schrecklich allein. Seit nunmehr zehn ganzen Monaten tobte in ihr eine Rastlosigkeit, unter der nicht nur ihr Schlaf gelitten hatte, sondern auch ihre Beziehung.

Ihre Augen fixierten sich auf die vielen bunten Klebezettel auf Karens sorgfältig organsiertem Terminplaner in der XXL-Familienedition, in der jeder seine eigene Spalte hatte und hätte sie nicht so angestrengt der Voicemail auf ihrem Telefon gelauscht, hätte sie vielleicht über den Ordnungszwang ihrer Schwester gelacht, nicht ungleich ihres eigenen, damals bevor die Erde von ihrer Achse gerutscht war und Claires Leben eine beinahe eindrucksvolle 180° Wende vollzogen hatte.

Die Stimme aus dem Lautsprecher war noch genauso tief und kalkuliert gelassen, wie sie sie in Erinnerung hatte, wie vor drei Monaten, als sie Nick Everett das letzte Mal vor seinem massiven Schreibtisch gegenüber saß. Nach Simon Masranis Tod war Everett, jahrelang dessen rechte Hand, in die Position des CEOs gerückt und hatte sich gleich mit Antritt seines Postens eine Last auf die Schultern geladen, bei der auch heute, nach fast einem Jahr, noch immer nicht entschieden war, ob Masrani Global sie tragen konnte. Neben dem geschädigten Ruf und der schlechten Presse, war die erwartete Millionenklage der Opfer des Vorfalls - Besucher und Mitarbeiter gleichermaßen - noch immer im anrollen.

Drei Monate war es her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen und er ihr ein Angebot gemacht hatte, welches eine der Ursachen war, dass Claire quasi in einer Kurzschlussreaktion ihre Taschen gepackt hatte und völlig unangekündigt in Wisconsin auf der Fußmatte der Mitchells aufgetaucht war. „Bedenkzeit“, hatte Everett es genannt, Karen hingegen fand einige deutlichere Worte dafür. Drei Monate hatte er ihr gegeben um darüber nachzudenken, jetzt verlangte er eine Antwort.

Im Grunde hatte Claire ihre Antwort schon vor Wochen gefunden, nachdem immer deutlicher wurde, dass sie einer der Gründe war, dass der Alltag ihrer Familie weiterhin in der Schwebe hing, dass ihre Anwesenheit nur ein weiterer Streitpunkt zwischen Scott und Karen darstellte, dass sie eine laufende, lebendige Erinnerung daran war, dass Karen ihre Kinder an jenem Tag beinahe verloren hätte. Und so flogen ihre Finger geradezu über die Tastatur ihres Handys, als sie ihm all das in einer knappen E-Mail mitteilte.

Die endgültige Entscheidung zu fällen war ironischerweise nicht das schwierigste an der ganzen Sache. Viel mehr fürchtete Claire sich vor der Reaktion ihrer Schwester, wenn sie erst davon erfuhr. Vielleicht war es Unrecht, ganz bestimmt sogar war es feige, als sie nach Tagesanbruch ihrer Familie eine Notiz schrieb und die wenigen Stunden nutzte, in denen alle ausgeflogen waren und sich wenigstens darum bemühten mit ihrem Leben weiterzumachen, sie ihre fertig gepackte Tasche nahm und sich ein Taxi zum Flughafen rief.

Claire wusste nicht ob ihre Entscheidung die richtige war, aber, dass sie endlich damit anfangen musste ihre Fehler richtig zu stellen. Und selbst wenn dieses Wissen nur ein kleiner Trost für ihren ruhelosen Geist war, war sie sich jetzt mehr denn je sicher, was sie zu tun hatte.

Sie konnte nur hoffen, dass ihre Schwester ihr ein zweites Mal verzeihen würde und konnte nur hoffen, dass die Insel, fast ein Jahr später, nicht wieder sämtliche Register ziehen würde, um ihr das Leben zur Hölle zu machen.
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