Mediocris Fabula Aventurica

KurzgeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
07.07.2018
04.07.2019
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Wisst Ihr um Golgaris? Der Seelenvogel des Schweigsamen trägt schon seit Jahrtausenden die Seelen der Geschöpfe Deres über das Nirgendmeer in die Hallen Borons. Die Bewohner der Welt fürchten das unausweichliche Schicksal, das jeden einmal ereilt, und schimpfen und zetern oft genug, wenn der Vogel seinen Dienst verrichtet.

Die Geschichte ist nun schon ein gutes halbes Jahrhundert her. In Warlmin, einer Siedlung nur eine halbe Tagesreise von Gratenfels entfernt, wo die Tommel sich biegt, lebte ein junges Mädchen. Ihre Familie war arm, aber reich an Herzensgüte. Der Vater fällte das Holz und die Mutter zog das kleine Mädchen, welches aufgrund seiner Lebensfreude Tsalinde gerufen wurde, auf. Eines Tages ging Tsalinde hinunter zum Fluss, um Wasser zu holen, da erblickte sie am anderen Ufer eine Eidechse, die sich auf einem Stein in der Sonne räkelte. Neugierig wie sie war stellte sie ihren Eimer zur Seite und begann, mit ihren nackten Füßen über die warmen Steine des Flusses zu springen.

Sie tapste und tapste und lachte dabei, dass einem das Herz erblühen konnte. Für sie gab es keine Steine mehr, keinen Fluss und keinen Wald. Ihr Blick ruhte nur auf der Eidechse. Da verwunderte es kaum, dass sie das Moos nicht sah, welches auf einem der Steine wuchs, und so rutsche ihr Fuß weg und sie stürzte in die Fluten des Flusses. Das Mädchen ruderte wild mit den Armen, und erst nach einer guten halben Meile spie der Fluss sie wieder aus und spülte sie ans Ufer.

Die Holzfäller weiter oben blickten den Fluss hinab, dachten erst, es sei ein Kleid, das den Waschfrauen flussaufwärts aus den Fingern geglitten war, aber als sie des Anblickes gewahr wurden, eilten sie rasch zu dem Mädchen, hoben es auf und trugen es ins Dorf zurück.

Das Schicksal war dem Mädchen nicht gnädig, es wurde krank. Seine Stirn wurde heiß wie die Feuer des Ingerimm und rot wie die Schleier eines Fakirs. Der Geweihte des Dorfes tat, was er konnte, doch nichts half, das Mädchen wurde einfach nicht gesund.

So vergingen Tage, Wochen, und mit dem kommenden Winter ging es dem Mädchen schlechter und schlechter. Aus der nahegelegenen Stadt wurde ein Medicus gerufen, doch auch er wusste dem Mädchen nicht zu helfen.

Das Kind hörte auf zu essen und wurde von Tag zu Tag dünner, langsam aber sicher näherte es sich dem Tode. Mutter und Vater weinten Tag und Nacht und wussten nicht ein noch aus, wie sie ihrer Tochter helfen könnten.

Eines Tages, als die Mutter gerade das Essen in die Stube bringen wollte, hockte Tsalinde am offenem Fenster, durch das kalt der eisige Wind stob, und blickte zu den Raben, die im Baume vor dem Hause saßen. Da ließ die Mutter die Suppe fallen und zog das Kind vom Fenster weg. Sie warf die Suppenkelle hoch in die Bäume und schrie: "Verschwindet, Boronsboten! Hier findet ihr kein Fressen!" Doch als die Mutter ihre Augen wieder Tsalinde zuwand, so lag diese regungslos auf dem Dielenboden. Schnell hob sie sie ins Bett und bettete sie sanft unter die warmen Daunen, da schlug Tsalinde die Augen auf.

"Ich bin müde, Mama. Du musst keine Angst haben, wenn er mich holt, haben mir die Raben erzählt.

Holt er mich bei Morgen, so ist es, als sähe ich, wie die Welt geboren würde.

Nimmt er mich bei Tage mit sich, so strahlt alles in einer Wärme, dass einem glatt das Herz zerspringt.

Gehen wir am Abend, dann liegt das Lachen und Singen der Tavernen und Kaschemmen in den Lüften, so schön wie 1000 Vöglein.

Und in der Nacht funkelt Dere unter den Lichtern der Häuser wie ein Firmament von Sternen.

Mama? Ich bin sehr müde und möchte schlafen. Darf ich?"

Der Mutter liefen die Tränen über Wangen und Gesicht, als sie ihre Tochter ein letztes Mal in die Arme schloss.

"Schlaf gut, mein Liebes."

Und so ging sie fort.
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