Zitadelle

GeschichteHorror, Sci-Fi / P18
07.07.2018
12.03.2019
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"Nein, nein und nochmal nein!", schimpfte ein dunkelhaariger Junge im Teenageralter und verschränkte beleidigt seine Arme. Ihm gegenüber stand eine junge Blondine, welche wütend die Hände in die Hüften gestemmt hatte.
"Leon, sei doch vernünftig", zeterte die Teenagerin und sah dem Jungen direkt in die Augen. "Sie werden dich ohnehin nicht nehmen.”
"Das kannst du gar nicht wissen, Leonie", antwortete er schnippisch.
"Du sollst mich nicht Leonie nennen! Ich heiße Lea!", antwortete die Blondine wütend und fixierte ihn mit ihren eisblauen Augen. "Und außerdem, hast du dich mal angesehen?"
Leon, der auf seinem Bett saß, blickte langsam an seinem Körper herunter. "Ja, und?", fragte er schließlich unter dem strengen Blick Leas.
"Ja, und?", wiederholte diese und äffte Leon mit gespielt dämlicher Stimme nach. "Du bist dünn wie ein Hering, hast keine erkennbaren Muskeln und von Sport hast du auch noch nie wirklich etwas gehört”, zählte sie auf. Erneut blickte Leon an sich herab und empfand Leas Beschreibung von ihm als ziemlich kränkend. Er wollte gerade etwas erwidern, doch sie kam ihm zuvor.
"Leon, du hast einfach nicht das Format für einen Soldaten. Ich weiß einfach nicht mehr, wie oft ich es dir noch erklären soll”, ratterte sie herunter. In ihrer Stimme lag etwas erschöpftes, etwas müdes, als wäre dieses Thema schon zum hundertsten Mal wieder aufgewärmt worden.
"Nicht nur Muskeln und Masse sind erforderlich, um unser Zuhause verteidigen zu können", sagte Leon, der die Redepause von Lea ausnutzte. "Man muss auch ein Herz haben, ein Kämpferherz. Und das habe ich.”
Lea lachte schallend auf, sodass ihre strohblonden Haare erzitterten. "Woher willst du das wissen?", fragte sie angriffslustig. "Du sitzt dein ganzes Leben lang in diesem Quartier und starrst auf deine Superheldencomics und Poster, liest Bücher und spielst mit Leonidas. Von realen, körperlichen Auseinandersetzungen hast du vielleicht schon einmal gehört, aber an ihnen teilgenommen hast du noch nie. Du kannst gar kein Kämpferherz haben, woher auch?"
Dieser Aussage folgte eine vor Spannung knisternde Pause, bevor Lea erneut das Wort ergriff. "Leon!", sagte sie eindringlich. "Du bist mein bester Freund, ja sogar mein Bruder. Aber bei diesem Vorhaben kann ich dich nicht unterstützen."
"Aber warum denn nicht?", erwiderte Leon fassungslos. "Es war schon immer mein Traum, unser Zuhause zu beschützen. Ich kann nicht einfach hier rumsitzen, während unsere Feinde dort draußen schon gierig auf unsere Mauern starren!”
Während er dies sagte, deutete er mit ausgestrecktem Finger auf die Betonwand zu seiner linken, als würden hinter dieser besagte Feinde lauern. "Sie geiern schon seit Jahren auf unsere Festung, beneiden uns um unsere Vorräte und Technologien. Wer weiß, eines Tages werden sie kommen und uns all das wegnehmen.”
"Und für einen solchen Fall gibt es gut ausgebildete Soldaten, die uns beschützen werden", erwiderte Lea. "Du wirst aber keiner dieser Soldaten werden."
"Du wirst schon sehen", antwortete Leon trotzig. "Ich werde Soldat!"
"Du könntest so viel mehr erreichen, wenn du nur wollen würdest. Du bist intelligent, hast etwas im Kopf und warst der Beste unseres Jahrgangs. Du solltest einen vernünftigen Beruf erlernen, und nicht in Tarnkleidung durch den Matsch robben und dabei ein Gewehr vor dir hertreiben.” Lea holte kurz Luft. "Dr. Berger mag dich, er hat einen Narren an dir gefressen. Er hat schon so oft um dich geworben und will dich als seinen Partner. Er wird dich ausbilden und zu einem angesehenen Mann machen.”
"Leonie, ich will nicht mein ganzes Leben lang durch ein Mikroskop gucken und irgendwelche Substanzen in Reagenzgläser kippen. Ich will hier raus, ich will kämpfen!"
"Wenn du mich noch einmal Leonie nennst, dann ..."
"Was dann?"
"Dann verpasse ich dir eine und du bekommst deinen ersten Nahkampf!"
Etwas Gefährliches in ihrer Stimme ließ Leon innehalten und er besann sich darauf, das Gespräch ohne weitere Provokationen fortzuführen. Zugleich ärgerte er sich, dass er sich von seiner besten Freundin in Schach halten ließ.
"Okay, Lea", sagte er geschlagen. "Aber verstehst du es nicht? Verstehst du nicht, wie wichtig es mir wäre?"
"Ganz ehrlich? Nein, ich verstehe es nicht!“
"Wie auch, du bist sowieso gegen Krieg und gegen Gewalt."
Lea wirkte etwas fassungslos. "Bist du denn etwa für Krieg und Gewalt?"
Leon rollte mit den Augen. "Nein, natürlich nicht. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass es Krieg und Gewalt gibt. Und vor diesen Dingen möchte ich unser Zuhause schützen. Du dagegen bist mit deiner Rolle scheinbar ganz zufrieden. Du steckst dir lieber eine Blume ins Haar, als zu einer Waffe zu greifen, um Unseresgleichen vor den Roten zu beschützen.”
"Ich finde dieses Krieg spielen einfach bescheuert. Wenn es keine Waffen geben würde, wären die Menschen endlich dort, wo sie schon längst hätten sein sollen: In friedlichen, gewaltfreien Zeiten.”
"Waffen braucht man aber, um seine eigenen Leute zu beschützen", entgegnete Leon.
"Wenn es keine Waffen geben würde, müsste keiner beschützt werden", erwiderte Lea ihrerseits.
"Du lebst in einer Traumwelt", giftete Leon zurück. Mittlerweile war seine Laune auf dem Tiefpunkt angekommen. "Es wird immer Krieg geben. Es wird immer jemanden geben, der machtgeil und scharf auf die Ausweitung seines Reiches ist. Es wird immer jemanden geben, vor dem man sich verteidigen muss, dem man manchmal einen Denkzettel verpassen muss. Und das geht ohne Waffen eben nicht."
"Tja, und dank Leuten wie dir und deinem Bruder liegt unsere Welt in Trümmern. Euer ach so notwendiger Krieg hat den Planeten verwüstet, die Luft vergiftet und das Wasser verseucht. Aber verherrlicht den ganzen Scheiß doch weiter, ich bleibe meiner Linie treu", brüllte Lea.
Leon stieg die Hitze zu Kopf. "Halt meinen Bruder aus dem Gespräch raus", giftete er.
"Dein Bruder, in deinen Augen der auf der Erde wandelnde Gott persönlich, ist auch nicht besser als die Leute, die den dritten Weltkrieg verzapft haben!"
"Mein Bruder ist kein Mörder! Mein Bruder beschützt uns alle, und das besser, als irgendjemand sonst es könnte!"
Das Gespräch drohte langsam zu eskalieren. Leon und Lea blickten sich mit vor Wut kochenden Augen an, bereit, Dinge zu sagen, die man nicht zurücknehmen konnte. Beide atmeten schnell und ihre Herzen schlugen wild und in einem schnellen Takt. Doch plötzlich schloss Leon die Augen und atmete tief durch. "Lass uns bitte aufhören", sagte er schließlich mit einem flehenden Unterton. "Das bringt uns doch nichts."
Lea blickte ihn noch immer finster an, doch nach wenigen Sekunden brach in ihr eine Mauer und die Aggression, welche sich in den letzten Minuten aufgebaut hatte, wich langsam. Leon starrte auf seine Füße. Es war nun an der Zeit, seiner besten Freundin etwas Wichtiges zu erzählen. "Wenn ich ehrlich bin", begann er mit brüchiger Stimme, während sich seine Augen mit Tränen füllte. "Muss ich dir etwas gestehen.”
Lea blickte erst wütend, dann aber zunehmend besorgt in das Gesicht ihres Freundes. Sie bemerkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
"Alles okay?", fragte sie einfühlsam.
"Ich habe mich schon vor ein paar Tagen bei den Streitkräften einschreiben wollen. Doch der für die Musterung zuständige Offizier lachte nur und warf meinen Bewerbungszettel gleich in die nächste Mülltonne. Er hat mir so ziemlich das Gleiche gesagt wie du. Ich wäre viel zu dünn. Viel zu schwach für den Dienst an der Waffe. Und mein Bruder hätte sich angeblich auch gegen meine Musterung ausgesprochen."
Lea ging einen Schritt auf Leon zu und setzte sich zu ihm aufs Bett. Ihr Blick fiel auf seine strubbeligen Haare, welche nach oben standen und über seiner Stirn eine für ihn typische Tolle bildeten. Seine glatte, bleiche Haut glänzte etwas vor Schweiß. Zögernd legte sie einen Arm um seine Schulter, während sie innerlich Leons Bruder für dessen in ihren Augen erste gute Tat im Leben lobte. So viel Fingerspitzengefühl hätte sie dem General tatsächlich nicht zugetraut.
"Du bist fast sechzehn Jahre alt", sagte sie schließlich und tätschelte ihm die Schulter. "Morgen hast du Geburtstag und das heißt, dass du dich für einen Beruf entscheiden musst. Ich rate dir, dich rechtzeitig für einen guten zu entscheiden, bevor dir nur noch die Stelle als Schweinehirte in unserer Schweinefarm übrigbleibt. Gehe zu Dr. Berger und bewirb dich bei ihm, er wird dich mit Kusshand aufnehmen und ausbilden."
Leon löste sich von seiner Freundin und erhob sich. "Ich weiß noch nicht, was ich machen werde", sagte er und blickte sich in dem Quartier um. "Für mich gab es bislang nur die eine Option, und die wurde mir genommen.”
Sein Blick fiel auf das Bett von Lea, welches seinem gegenüber stand. Unter der krausen Bettdecke bewegte sich etwas und wanderte unter dieser umher.
"Da ist er ja", bemerkte Leon und zog die Decke zurück. Zum Vorschein kam eine fette, weiße Ratte. "Hast dich wieder versteckt, Leonidas?", fragte Leon und nahm das Tier hoch. Er setzte die Ratte auf seine Schulter, auf der sie sofort mit großem Interesse herumschnüffelte.
"Ich gehe ein bisschen spazieren", verkündete Leon niedergeschlagen und machte sich daran, das Zimmer zu verlassen. Er passierte einen großen Kleiderschrank zu seiner Rechten, stieg dann über einen Haufen Schmutzwäsche hinweg und näherte sich einer grünen Metalltür. Er wollte diese gerade öffnen, als Lea ihm hinterher rief.
"Soll ich mitkommen?", fragte sie besorgt. Dort, wo in ihrem Gesicht vor wenigen Minuten noch Zorn und Wut gestanden hatten, machte sich nun Sorge und Mitgefühl breit. Ihre großen, eisblauen Augen verfolgten Leons Bewegungen.
"Nein, danke", antwortete dieser knapp und verließ den Raum.


Leons Blick wanderte über die saftig grüne Wiese, während er mit seinen nackten Füßen im Gras spielte. Die Luft war warm und roch blumig. Das Sonnenlicht wurde von keiner Wolke behindert und wärmte seine Haut. Man konnte bis weit in die Ferne gucken. Kein Haus, kein Turm oder Berg, wohin das Auge reichte. Hier war es schön, hier fühlte er sich wohl. Eigentlich. Doch selbst das Kitzeln der feuchten Grashalme konnte ihm gerade kein Lächeln ins Gesicht zaubern. Während Leonidas zu seiner Rechten ein Gänseblümchen aus der Erde zupfte, um es anschließend zu verspeisen, kreisten wilde Gedanken durch seinen Kopf. Er fühlte sich matt. Irgendwie leer. Sein Traum, Soldat zu werden, war verpufft. Die Wunschseifenblase war geplatzt. Er hatte sich in den letzten Monaten, wenn er in den Spiegel geblickt hatte, stets als Soldat in Uniform mit geschultertem Gewehr und einem stolzen Gesichtsausdruck gesehen. Doch dies würde nun niemals eintreten, er würde nie Soldat werden. Grimmig verfluchte er seinen schmächtigen Körper, schimpfte auf die schlechten Gene, welche seine Eltern ihm mit auf den Weg gegeben hatten. Dabei tat er alles, um zuzunehmen. Er aß überdurchschnittlich viel, machte jeden Abend vor dem Zubettgehen heimlich seine Situps und Liegestützen. Doch alles half nichts, er nahm weder an Masse, noch an Muskeln zu. Bildhaft kamen ihm mehrere peinliche Situationen in den Kopf, in denen Lea ihm bei seinen heimlichen Sporteinheiten überrascht und sogleich ausgelacht hatte, weil er meist wie ein Karpfen am Boden gelegen und zuckend irgendwelche Übungen versucht hatte. Wie sie schon erwähnte, hatte sie ihm oft genug gesagt, das er nicht als Soldat in Frage kommen würde. Doch er gab nie auf, glaubte stets weiter an seinen Traum. Er hatte auf seinen Bruder eingeredet, ihn doch irgendwie durch die Musterung zu bringen, doch auch dieser hatte sich gegen Leon verschworen. Er sagte immer, dass Leon sich doch lieber in einem eher geistigen als körperlichen Beruf versuchen sollte.
Leon schnaubte wütend. Sein Bruder hatte gut reden, lebte er doch seinen Traum, übte er doch seinen Traumberuf aus. Er war eine Institution, ein beeindruckender Mensch, sowohl physisch als auch charakterlich. Alle liebten, verehrten und bewunderten den General der Zitadelle. Alle waren ihm dankbar für seine heldenhaften Taten und Schmerzen, die er zu ihrem Schutze auf sich genommen hatte. Sein Körper war unter der Soldatenuniform geschunden, verziert mit dutzenden Narben und Einschusslöchern, die nie ganz verheilen und verschwinden würden. Bis zum Ende seiner Tage wären sie der Beweis dafür, dass der General stets voran in die Schlacht gezogen und immer siegreich zurückgekehrt war. Nie hatte er aufgegeben, nie hatte er um Gnade gebeten. Seine stärkste Waffe war dabei nicht unbedingt seine G36 gewesen, sondern sein messerscharfer, taktischer Verstand. Dazu beherrschte er jede notwendige Nahkampftechnik, welche von der geballten Kraft und Beweglichkeit seines Körpers profitierte. Er war eine Maschine, geboren um zu kämpfen, zu töten und zu führen. Die Ältesten, die Anführer der Zitadelle, hatten sein Talent früh erkannt und gefördert, während sein zwei Jahrzehnte jüngerer Bruder, Leon, stets in der Masse der Zitadellenbewohner unterging und nicht mehr als ein unscheinbares Lichtlein war. Kaum einer kannte die graue Maus, welche stets im Schatten des Generals stand. Keiner kannte den Jungen, der in Bücher und Comics starrte, mit seiner Ratte spielte und kleinen Kindern Geschichten aus längst vergangenen Zeiten vorlas. Hätte Leon die Möglichkeit, er würde seinen starken Denkmuskel sofort gegen einen großen Bizeps und Brustumfang eintauschen.
Doch dies war nicht möglich und so saß er nun hier, auf einer Parkbank und dachte über den weiteren Verlauf seiner Zukunft nach. Morgen wäre es soweit. Sein sechzehnter Geburtstag stand vor der Tür. Für die meisten Bewohner wäre dies ein völlig normaler Wintertag im Januar, doch für ihn war es der Tag, an dem sein Leben in eine entscheidende Richtung gelenkt werden würde. Er konnte aus einer Vielzahl von Berufen wählen, sei es zum Beispiel Schweinefarmer, Mediziner, Gärtner, Techniker oder auch Laborant in der Vitaminherstellung. Dr. Berger, leitender Wissenschaftler und genialer Denker, hatte ihn für genau diesen Beruf ausgewählt. Seit Wochen, oder waren es bereits Monate, Leon wusste es nicht mehr, konnte er sich fast jeden Tag auf eine Unterredung mit dem Weißkittel einstellen. Ständig baggerte Dr. Berger an ihm und wollte ihm Honig ums Maul schmieren.
"Leon, du bist einer der intelligentesten Menschen, die hier unsere kostbare Luft verbrauchen. Ich brauche dich bei mir im Labor. Wir arbeiten dort an einer der wichtigsten Sachen überhaupt, der Herstellung und Produktion von Vitamintabletten aller Art. Die Tabletten sind so wichtig, wie alle Gewehre und Bücher dieser Wohngemeinschaft zusammen. Ohne diese Präparate wären wir alle krank und unfähig, dieses Zuhause zu beschützen und mit Leben zu füllen. Unsere Kinder wären unterversorgt, unsere Alten wären gebrechlicher, als du es dir je vorstellen könntest.”
Leon lernte diesen Text schon bald auswendig, denn der Doktor ratterte ihn fast ohne Änderungen immer gleich herunter. Dabei spiegelte sich Leons Gesicht jedes Mal in der mit kreisrunden Gläsern ausgestatteten Lesebrille des Mannes.
Das jähe Schreien eines Vogels riss Leon aus seinen Gedanken. Er blickte nach rechts und sah in einer japanischen Blütenkirsche sitzend, einen großen, grünen Ara. Dieser breitet gerade seine Flügel mit den blauen Schwingen aus. Anschließend klackerte er mit dem Schnabel, bevor er erneut einen lauten Ruf ausstieß. Als wäre dies ein Lockruf gewesen, näherte sich von links ein weiterer Vogel und landete neben seinem Artgenossen. Der Ast, auf dem die Vögel saßen, schaukelte stark. Sofort beschnäbelten sich die Tiere und rückten eng zusammen. Ihre Blicke fielen nun auf Leon. Ihre kleinen, schwarzen Augen ruhten auf ihm. Sie klackerten abwechselnd mit den Schnäbeln, als würden sie sich über den Menschen unten ihnen unterhalten. Die rosafarbenen Blüten des Baumes fielen derweil wie Schneeflocken herunter und sprenkelten die Wiese, sodass sie aussah wie ein Pistazieneis mit Zuckerstreuseln.
"Hey ihr Beiden", rief Leon den Tieren zu. Diese reagierten nicht und wandten sich schweigend von dem Menschen ab.
Grimmig schüttelte dieser den Kopf. Selbst die Tiere nahmen ihn nicht wahr. Dabei kannte er sie schon lange, fast sein ganzes Leben lang. Ein Ara kann viele Jahre alt werden, dass wusste Leon. Aber nicht nur dies, er konnte auch ihre lateinischen Namen aufzählen, sowie weitere Eigenschaften der Vögel benennen. Auch dies waren Gründe, warum man Leon teils als sonderbar empfand. Lea pflegte stets zu sagen, dass viele einfach Angst vor seiner Intelligenz hatten, selbst wenn es um etwas belangloses wie Aras, um genau zu sein, in diesem Fall um Soldatenaras, ging.
"Leonidas, du bist doch für mich da, oder?", rief er zu der Ratte hinüber, die mittlerweile vor einem kleinen Flusslauf hockte und aus diesem trank. Das Tier blickte einmal kurz zu ihm herüber, bevor es mit großen Sprüngen über die Wiese hüpfte und dann schließlich raschelnd in einem Blumenbusch verschwand.
"Danke, du nutzloses Tier!", rief Leon ihm enttäuscht hinterher. "Ich weiß schon, wer heute keine Erdnüsse bekommt."
Leon ließ erneut den Blick über die Wiese schweifen. Der wolkenlose, blaue Himmel hatte etwas von Unendlichkeit. Er war froh, dass er im Moment alleine war. Es würde ihm zu seinem Ruf gerade noch fehlen, wenn Leute mitbekamen, dass er sich mit einer weißen Farbratte streiten würde.
"Was mache ich nur, was mache ich nur?", flüsterte er und schloss seine Augen.
Er wusste, dass ihm die Zeit davonlief. Eine Berufswahl war eine ernste Sache. Die getroffene Entscheidung war unter heutigen Umständen im Nachhinein kaum mehr zu ändern und somit eine Entscheidung fürs Leben. Nur Krankheit oder psychische Umstände konnte eine Neuwahl des Berufes erzwingen. Mit noch immer geschlossenen Augen stellte er sich in verschiedenen Bekleidungen vor. Zuerst kam ihm die fleckige, mit Matsch und Unrat übersäte Latzhose eines Schweinehirten in den Sinn, welche von einem weißen Laborkittel mit Reagenzgläsern in den Brusttaschen abgelöst wurde. Anschließend sah er sich in einem fleckigen Blaumann, in seiner rechten Hand trug er einen rostigen Werkzeugkasten.
Er legte seine Stirn in grimmige Falten, als immer mehr Bilder durch seinen Kopf strömten. Doch dann glättete sich die Haut und ein leichtes Lächeln zuckte über seine Lippen. Nun sah er sich in einer sauberen, geradlinigen Uniform in Tarnoptik. Sein Kopf wurde geziert von einem olivgrünen Helm, auf dem in weißer Schrift seine Initialen „LW“ geschrieben waren. Aus seinem Beckengurt ragte eine 9mm Handfeuerwaffe hervor. Dazu hatte er ein Sturmgewehr geschultert, welches einen Granatwerfer vorne am Lauf montiert hatte. Die ordentlich geschnürten Armeestiefel glänzten etwas im Schein einer imaginären Lampe.
Leon genoss dieses Bild. Doch plötzlich wurde er von einer krächzenden Stimme in die Wirklichkeit zurückgeholt.
"Ihre reservierte halbe Stunde im Naturgarten ist vorbei. Bitte verlassen Sie den Raum und hinterlassen Sie bitte keine Abfälle. Beehren Sie uns bald wieder.”
Die Stimme drang aus einem Lautsprecher, welcher an einer Himmelblau bemalten Wand montiert war. Seufzend erhob sich der Teenager und näherte sich dem Busch, in dem Leonidas zuvor verschwunden war. "Hey, mein Freund", sagte Leon und bückte sich herunter. "Unsere Zeit ist um. Wir kommen morgen noch einmal wieder.”
Etwas widerspenstig ließ sich die Ratte aus dem Busch heben und wurde anschließend von Leon auf dessen Schulter gesetzt. Dort schnüffelte sie herum, während der Mensch sich einer der himmelblauen Wände näherte. Als er fast bei der Wand angekommen war, konnte man einen ebenfalls blau gestrichenen Türgriff erkennen. Leon drückte diesen herunter und dort, wo zuvor das Blau eine weite Ferne versprochen hatte, öffnete sich ein dunkler Schlitz und gab den Weg zu einem mit grauen Betonwänden ausgestatteten Gang frei. Als Leon diesen betrat, wartete dort bereits eine ältere Frau, die kommentarlos hinter Leon durch die geöffnete Tür schlüpfte und diese sofort unsanft ins Schloss fallen ließ. Zuvor fiel sein Blick noch auf die Sonne an der Decke, welche leicht im Windzug schwankte und sich als kreisrunde Tageslichtlampe entpuppte. Ein grauer Kasten auf Griffhöhe zeigte mit roten Ziffern eine Fünfzehn an, welche für die gemietete Zeit im Naturgarten stand.
Mit hängendem Kopf und einer neugierigen Ratte auf der Schulter ging Leon den tristen Gang mit seinen grauen Betonwänden und dem fleckigen Boden entlang. Alle paar Meter unterbrachen grüne Metalltüren die Wände, welche ansonsten nur mit Plakaten oder vergilbten Bildern von blühenden Pflanzen versehen waren. Neben den Türen stand in schwarzen, aufgesprühten Buchstaben geschrieben, welchem Zweck oder Bewohner der dahinter liegende Raum diente. Vor einer Tür, welche mit "Kantine" bezeichnet war, blieb er schließlich stehen. Von innen konnte er angeregtes Gemurmel und freudiges Lachen hören. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es Zeit zum Essen war. Er atmete einmal kurz durch und betrat anschließend den Raum.
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