Zitadelle

GeschichteHorror, Sci-Fi / P18
07.07.2018
13.11.2018
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Dieses Kapitel
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Prolog

Ein keuchendes Pfeifen drang aus den Filtern einer Atemschutzmaske, deren Träger sich mit hohem Tempo durch das Unterholz eines Waldstückes kämpfte. Es war finster, nur das schwache Licht seiner Taschenlampe tanzte verspielt über die abgestorbenen und gefrorenen Baumstämme. Der Mann musste sich beeilen, war seine Mission doch von höchster Bedeutung und für die Zukunft seines Clans überlebenswichtig. Ein Scheitern war ausgeschlossen und würde nicht nur sein eigenes Ende bedeuten. Doch bald hätte er es geschafft, bald würde er sie sehen.
Mit einem gewaltigen Satz sprang er über einen umgestürzten Baumstamm, welcher wie ein gefallener Soldat am Boden lag. Schnee und Eis bedeckte alles, was das Auge erblicken konnte. Auf die gelben Sichtgläser seiner Gasmaske legten sich immer wieder Schneeflocken, die der Mann regelmäßig mit dem Zeigefinger, welcher in einem klobigen, zerfledderten Handschuh steckte, wegwischen musste. Seine schweren Armeestiefel knallten dumpf bei jedem Schritt und wirbelten den feinen Pulverschnee auf. Doch er musste sich keine Sorgen machen, von einem Feind gehört zu werden. Die Bäume und die weiße Masse um ihn herum schluckten sämtliche Geräusche, sodass es im Wald fast gänzlich still war. Nur ein gelegentlicher Windhauch und sein angestrengter Atem waren zu hören.
Nachdem der Mann weitere Meter gerannt war, tat sich vor ihm ein Graben auf, an dessen tiefster Stelle gefrorenes Wasser von einem ehemaligen Bachlauf zeugte. Er verlangsamte seine Bewegungen, kletterte vorsichtig in den Graben und zog sich auf der anderen Seite an einer aus der Erde ragenden Baumwurzel wieder hinaus. Warmer Schweiß lief ihm unter der Schutzmaske über seine Haut und hinterließ einen salzigen Nachgeschmack auf seinen Lippen. Als er den Graben erklommen hatte, sah er sich kurz um und begann sofort wieder zu rennen. Er war stolz auf seinen Auftrag, hatte man ihn doch trotz seines jungen Alters für besonders und stark genug befunden, diesen auszuführen. Seine Obersten verlangten rasche Ergebnisse und kündigten an, ihn für seine gefährliche Mission mit Ruhm und Anerkennung zu überschütten, sollte er erfolgreich sein. Gierig grinsend konnte er den Gedanken an sein Heimkommen und an seine Belohnung nicht beiseiteschieben und so schöpfte er aus diesem Denken Kraft, um auch die letzten Meter zu bewältigen. Auch das Brennen seiner Muskeln und das Schmerzen seiner Knie konnte er so in den Hintergrund stellen. Nur noch wenige Schritte, dachte er und umrundete einen besonders dicken Stamm einer alten, etwas windschiefen Eiche. Plötzlich erschien, dutzende Baumreihen vor ihm, ein schummriges Licht, welches immer stärker wurde, je näher er kam. Schon bald war es so hell, dass seine Taschenlampe unnötig geworden war. Er steckte sie sich, während er lief, in den Gürtel seines in Tarnfarben gefertigten Schutzanzuges. Da sich seine Augen zuvor an die vorherrschende Dunkelheit gewöhnt hatten, blendete ihn das Licht und bremste den Mann etwas aus. Er reduzierte sein Laufen auf ein schnelles Gehen, während er mit der Hand die Augen vor dem Licht abschirmte. Irgendwo vor ihm erklang Hundegebell und vereinzelte Stimmen, die mit einem Mal die Stille belebten. Sein Herz raste vor Aufregung. Nur noch wenige Meter, so vermutete er, bis er am Ziel war. Und tatsächlich, als der Mann die letzte Baumreihe erreichte und das Licht auf dem Höhepunkt seiner Strahlkraft ankam, sah er es.
Ein schier gigantisches Gebäude ragte auf einer großen Lichtung vor ihm in die Höhe. Es hatte selbst in der Dunkelheit einen rötlichen Schein, was daran lag, dass sein rotes Backsteingemäuer von riesigen Scheinwerfern angestrahlt wurde. Oben auf dem Gebäude waren Suchscheinwerfer montiert, welche gleißend weiße Lichtsäulen auf den Boden warfen. Sie wanderten langsam umher und suchten nach allem, was fremd erschien. Der Mann verbarg sich zum Schutz hinter einem Baum und spähte vorsichtig um diesen herum. Vor ihm lag eine Freifläche, an die sich ein Graben anschloss, welcher in einen steilen Erdwall überging. Diesen musste er erklimmen, denn er war das Ziel seiner Mission. Mit zitternden Händen griff er in die Beintasche seines Schutzanzugs und zog eine Digitalkamera hervor, welche über einen komplexen Nachtfotomodus verfügte. Dieses Gerät war im Moment genauso wichtig wie die Mission und viel wichtiger als er selbst. Die Bilder, die er mit diesem Wundergerät machen sollte, würden seinem Clan mehr helfen, als er es sich selber vorstellen konnte. Sorgsam betrachtete er die Kamera und drehte sie in seinen Händen herum. Der Mann holte tief Luft, stieß mit geschlossenen Augen ein kurzes Gebet gen Himmel und wagte sich dann hinter dem schützenden Baumstamm hervor. Dort stand er nun, zitternd und voller Ehrfurcht, nur noch den Wall als Hindernis vor sich und dem roten Gebäude liegend. Er war lange unterwegs gewesen, sehr lange sogar. Der schwere Rucksack auf seinem Rücken beherbergte unter anderem ein Zelt, in dem er die letzten Nächte seiner Reise verbracht hatte. Er spürte noch deutlich die eisige Kälte, die sich nachts, während er versucht hatte zu schlafen, in seine Knochen gebohrt und die Stunden langsam wie Tage dahingetrieben hatte. Sein Proviant trug kaum zum Gewicht des Rucksackes bei, was daran lag, dass er kaum welchen mitbekommen hatte. Die Vorräte seines Clans neigten sich dem Ende entgegen, was unter anderem die Wichtigkeit und Bedeutung dieser Mission drastisch untermalte. Nach ein paar Schritten erreichte er schließlich den Graben, welcher etwa drei Meter tief war. Vorsichtig ließ er sich in diesen hinab, durchquerte ihn und stand nun am Fuße des Erdwalls. Der steile Hang baute sich bedrohlich vor ihm auf und wirkte auf den ersten Blick unüberwindbar. Erschwerend kam hinzu, dass der Wall mit frischem Schnee bedeckt war. Der Mann schluckte, bevor er sich den Rucksack abstreifte und diesen im Graben zurückließ. Er könne diesen auch später wiederholen, dachte er und begann, den Wall zu erklimmen. Dies stellte sich als fast unmöglich heraus, da er mit einer Hand die Kamera trug und mit der anderen immer wieder im Schnee abrutschte. Doch nach einigen Minuten schaffte er es und war nun fast an der oberen Kante angekommen.
Das Gebell auf der anderen Seite wurde immer lauter. Mit seinen Fußspitzen suchte er nach kleinen Vorsprüngen, an denen er sich abstützen und halten konnte. Als er diese endlich gefunden hatte, drückte er sich einige Zentimeter weiter nach oben. Zum Glück hatten sich seine Augen mittlerweile an das helle Licht gewöhnt und so konnte er schließlich einen ersten Blick auf das Gelände hinter dem Wall erhaschen.
Das Gelände glich einem riesigen Platz, welcher zu allen Seiten von dem Erdwall eingefasst wurde. Neben den Scheinwerferstrahlen wanderten Soldaten in kleinen Gruppen umher und suchten nach allem, was dort nicht sein durfte. Relativ mittig auf diesem Gelände wuchs das rote Gebäude wie ein steinerner Riese aus der Erde hervor. Verziert war es mit Kolossalbögen, welche sich über dutzende Meter in die Höhe erstreckten. Eine gigantische Metallkuppel befand sich an oberster Stelle des Bauwerkes. Schockiert fiel sein Blick auf dutzende Maschinengewehre, welche auf den verschiedenen Ebenen des Gebäudes montiert waren. Der Mann senkte seinen Kopf ein wenig und verkleinerte seine Körperfläche, um nicht entdeckt zu werden. Er begann, die Soldaten in ihren Schutzanzügen und grotesk wirkenden Atemmasken zu zählen, was sich allerdings äußerst schwierig gestaltete. Irgendwer auf dem Platz brüllte Befehle, welche mit vielstimmigen Antworten bestätigt wurden. Einer der Hunde bellte, was sich aber nur als Spielen mit einem seiner Artgenossen herausstellte. Mensch und Tier, sie alle hatten nur eines im Kopf, nämlich ihr Zuhause zu schützen. Ihr Zuhause, welches sie "Zitadelle" nannten.
Der Mann zog zitternd seine Handschuhe aus. Die Kamera hatte kleine Knöpfe, welche durch die dicken Handschuhe nicht zu bedienen waren. Sofort spürte er die Kälte der nächtlichen Luft, welche in seine Haut kroch und sich schon bald schmerzend in seinen Gliedern ausbreitete. Mit einem Piepsen erwachte die Kamera zum Leben und war nach wenigen Sekunden betriebsbereit. Wie gebannt starrte der Mann auf das schwach leuchtende Display und vergaß dabei einen Moment lang, die Suchscheinwerfer im Blick zu behalten. Als er den sich nähernden Scheinwerferstrahl bemerkte, war es zum Ausweichen fast zu spät. Hastig und mit einem leisen Aufschrei zog er seinen Körper zurück und rollte einen Meter beiseite. Der Strahl traf ihm am Arm und wanderte an diesem entlang. Er spürte deutlich die Wärme, die von dem Licht ausging. Im Anschluss glitt das Licht von seinem Arm herunter und wanderte auf dem Erdwall weiter. Die folgenden Sekunden vergingen langsam wie Minuten. Jetzt ist es um mich geschehen, alles war umsonst, dachte der Mann und verharrte mit vor Angst weit aufgerissenen Augen und schnell schlagendem Herzen in seiner Position. Doch der Strahl stoppte nicht, setzte unermüdlich seinen Weg fort. Offenbar hatte der Wachmann, welcher den Strahl lenkte, den kauernden Mann auf dem Erdwall nicht gesehen. Dieser begriff erst nach einer Minute, welch unfassbares Glück er gehabt haben musste. Erleichtert atmete er aus und schloss für einen Moment seine Augen, um erneut ein Gebet gen Himmel zu schicken. Er schwor sich, ab jetzt vorsichtiger zu sein und bewegte sich langsam in seine Ausgangsoption zurück. Als er eine bequeme Stelle zum Fotografieren gefunden hatte, zog er sich die Gasmaske vom Kopf. Ihm war es jetzt egal, dass die verseuchte und giftige Luft in seine Lungen eindrang. Die wenigen Minuten, die er zum Fotografieren brauchte, würden ihn schon nicht umbringen, dachte er und sog geräuschvoll einen Schwall der Hamburger Nachtluft ein.
Die Frische der Luft drohte ihn zu überwältigen. Er kannte sonst nur den durch feuchte, manchmal schimmlige Kohlefilter verfälschten Geschmack. Wieder drohte er in Unaufmerksamkeit zu verfallen, ertappte sich jedoch selbst dabei und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Das Atmen konnte er auch später noch genießen, mahnte er sich und hielt sich die Kamera vor das Gesicht. Sein rechtes Auge blickte durch den Sucher und wählte ein erstes Ziel. Im Sichtfeld war nun eine Brüstung der Zitadelle zu sehen, auf der sich mehrere Maschinengewehre befanden. Mit dem Zeigefinger betätigte er den Aufnahmeknopf, welcher sich vorne an der Kamera befand. Das Gerät piepte leise und fotografierte ohne Blitz. Das Programm, welches die Kamera steuerte, wandelte das aufgenommene Bild in eine grobe Nachtsichtaufnahme um. Dieser Vorgang dauerte einige Sekunden, bis er von der Kamera akustisch dazu aufgefordert wurde, die nächste Aufnahme zu machen. Auf seinem nächsten Bild waren die Suchscheinwerfer zu sehen, auf dem Bild danach ein Torbogen, den er für einen Eingang der Zitadelle hielt. Wieder piepte die Kamera, doch etwas anderes erregte unterdessen die Aufmerksamkeit des Mannes. Es war plötzlich still geworden. Beunruhigend still. Langsam senkte er die Kamera und blickte sich um. Die Bewegungen der Suchscheinwerfer waren zum Erliegen gekommen. Sein Herz setzte für einen Moment aus. Er fragte sich, ob sie ihn doch entdeckt hatten. Während ein leichter Windhauch Schneeflocken in sein Gesicht blies, erklang plötzlich ein lauter Knall, der wie ein Blitz die Nacht durchschnitt. Doch diesen Knall hörte der Mann schon nicht mehr. Seine Stirn war zerplatzt und ein Brei aus Blut und Hirnmasse verteilte sich auf dem Schnee um ihn herum und färbte diesen dunkelrot. Der Körper des Mannes erschlaffte sofort und rollte einige Meter den Hang herunter. Er hinterließ eine Blutspur und blieb schließlich an einem Vorsprung hängen. Die Strahlen der Suchscheinwerfer bündelten sich und ruhten nun alle auf dem Leichnam, welcher sofort von den ersten Schneeflocken in Besitz genommen wurde. Das warme Blut, welches aus dem faustgroßen Loch in seinem Kopf lief, dampfte in der Kälte, während in der eisigen Ferne noch immer der Schuss widerhallte.
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