Audiatur et altera pars

GeschichteDrama, Familie / P18
Andromeda Tonks Draco Malfoy Hermine Granger Lucius Malfoy Narzissa Malfoy Severus Snape
06.07.2018
23.02.2020
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Einen Augenblicklang sah sie ihn beim Schlafen zu. Es war seltsam, wie der tiefe Schlaf jeden noch so arroganten oder machtvollen Menschen in ein zartes, fragiles Geschöpf verwandelte. Sie musste lächeln, als er mit der Nase rümpfte, als hätte er im Traum einen üblen Geruch wahrgenommen. Dann drehte sich Hermine zur Uhr. Sie musste aufstehen, wenn sie nicht zu spät kommen wollte. Ganz vorsichtig schob sie die Bettdecke zur Seite und versuchte sich aus dem Bett zu schälen, als Draco plötzlich einen Arm um ihre Taille legte und zwar erstaunlich fest. Erschrocken drehte sie sich ihm zu und stellte fest, dass seine Augen immer noch geschlossen waren, doch als er sprach schien er hellwach, wenn auch noch etwas benommen vom Schlaf.

„Komm zurück ins Bett, Hermine.“

„Draco, ich muss los.“

„Was kann bitte interessanter sein, als mir beim Schlafen zuzusehen?“, erwiderte er mit immer noch geschlossenen Augen.

„Du hast es bemerkt?“, fragte sie peinlich berührt.

„Natürlich. Ich habe mich umentschieden. Ich erlaube Dir doch nicht zu diesem Workshop zu gehen. Ziel der Reise war ein Kurzurlaub, nicht irgendein Seminar. Das diente nur der Ablenkung.“

„Draco, wir haben das besprochen. Ich würde wirklich gern hingehen. Und Du willst doch ohnehin schlafen. Außerdem nehme ich nur am ersten Workshop teil, in sechs Stunden bin ich wieder da und wir haben den restlichen Samstag für uns, bis morgen früh.“

Er murmelte irgendetwas vor sich hin, was sie nicht verstand.

Sie grinste und machte sich los. „Ich gehe jetzt. Du kannst doch ein wenig spazieren gehen. Du hast selbst gesagt, Du kennst Lyon nicht sonderlich gut.“

„Es ist acht Uhr an einem Samstag, Granger!“ Aus irgendwelchen Gründen gefiel es ihr, dass er sie hin und wieder noch Granger nannte, meistens, wenn er empört war oder ihr nicht zustimmte. „Ich werde noch zwei Stunden schlafen und Kräfte sammeln. Du solltest viel Kaffee trinken, wir haben viel vor heute.“

„Ach? Und was?“

Er grinste lasziv. „Eines kann ich Dir verraten, Hermine. Wir müssen für die meisten Dinge nicht mal das Zimmer verlassen.“

Sie lachte und gab ihm einen Kuss, ehe sie im Bad verschwand um sich fertig zu machen.

Es gab Momente im Leben in denen einem klar wurde, dass man über Fähigkeiten und Eigenschaften verfügte, die einem nie bewusst waren oder die man vorher vielleicht nicht hatte. Der erste Moment in Hermines Leben, in dem es ihr bewusst wurde, war als sie im Alter von elf Jahren erfuhr, dass sie eine Hexe war. So vieles hatte plötzlich Sinn ergeben. Das zweite Mal war im Krieg, als sie erkannte, dass sie in der Lage war in Gefahrensituationen spontan, schnell und rational zu agieren. Das war eine der wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens. Und nun durchlebte sie einen Moment, in dem ihr klar wurde, dass sie nicht nur eine Betrügerin und Lügnerin war, sondern auch noch recht geschickt dabei agierte. Und sie war nicht sicher, ob dieser Charakterzug ihr gefiel. Manchmal betrachtete sie sich im Spiegel und war schockiert festzustellen, dass dies sie nicht äußerlich verändert hatte. So auch jetzt, als sie den Fahrstuhl des Hotels betrat und dort in den Spiegel blickte.

Nachdem Draco ihr vor einigen Wochen im Clarence mitgeteilt hatte, dass er vorhatte mit ihr zu vereisen und ihr ein Prospekt für Ministeriumspersonal in die Hand gedrückt hatte, mit der Erklärung, dass niemand sie daran hindern konnte an einer Management-Fortbildung teilzunehmen, die für sämtliche europäische Ministeriumsangestellte ausgelegt war, war sie erstaunt über seine Perfidität gewesen. Im Nachhinein musste sie zugeben, dass es naiv von ihr war, immerhin war er ein geborener Slytherin. Doch als sie anfing sich das Wochenende mit Draco vorzustellen, sie beide für zwei Nächte allein in Frankreich, wurde das Ganze ausgesprochen reizvoll.

Streitereien mit Ron, der im Augenblick ein wenig abgehetzt war und der Stress mit den Kindern hatten sie davon überzeugt, dass sie alle nur davon profitieren konnten, wenn sie zwei Tage ausspannte und mit neuer Kraft zurückkam. Oder war es Draco, der sie davon überzeugt hatte? Sie wusste nur noch, dass sie den Prospekt ein paar Tage auf der Anrichte hatte liegen lassen, dass sie irgendwann nebenbei erwähnte, sie würde sich dafür interessieren, dass Ron mit den Achseln gezuckt hatte und ihr sagte, wenn sie es sich leisten konnte-ja dann, warum nicht. Sie hatte das Gespräch einige Tage später wieder neu angeknüpft und gesagt, sie mache es davon abhängig, wie teuer ein Hotel werden würde, wissentlich dass Draco natürlich alles bezahlen würde.

Draco hatte sie durchaus beim Workshop angemeldet. Es war wichtig, dass ihr Name im Verzeichnis stand. Es war auch wichtig, dass es kein zu luxuriöses Hotel war, falls Ron ihr eine Eule schicken, oder sich erkundigen würde. All diese Dinge hatte sie bedacht, wie eine perfekte kleine Marionettenspielerin. Und es war sogar alles recht einfach gewesen. Da in ihrem engeren Arbeitskreis niemand am Workshop teilnahm, war sie recht sicher, dass es wenig Probleme geben würde. Immerhin gab es so viele Teilnehmer aus verschiedenen Ländern, dass man sich schon mal übersehen konnte.

Der Fahrstuhl erreichte das Erdgeschoss und Hermine ging durch die Hotellobby, hinaus auf die Straßen von Lyon.

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Narzissa saß in einem Café in der Winkelgasse und wartete auf Andromeda, die sich bereits verspätete. Ungeduldig schaute sie mit erhobener Braue auf ihre Uhr. Wenn sie gleich nicht kam, dann…

„Ah, Narzissa!“

Sie schaute auf und sah, wie ihre Schwester, voller Einkaufstüten, völlig abgehetzt auf sie zugeeilt kam.

„Du bist zu spät.“

Andromeda verdrehte die Augen. „Hallo Andromeda, wie geht es Dir? Kann ich Dir etwas abnehmen? Bitte setz Dich Doch“, erwiderte Andromeda sarkastisch und ahmte dabei Narzissas perfekten höhere-Tochter-Akzent nach.

Narzissa überging die Stichelei. „Warum bist Du voller Einkaufstüten?“

„Weil ich einkaufen war, Schwesterchen. Sollte Dir doch geläufig sein, immerhin ist es der Inhalt Deines Lebens, einkaufen, gärtnern, Klavierspielen, dann wieder einkaufen, und so weiter…“ Andromeda winkte einen Kellner heran.

„Nein, was ich meine ist, warum leihst Du Dir keinen Hauselfen von mir, der Deine Sachen trägt?“

„Weil…ach lassen wir das.“

„Was hast Du gekauft?“

„Eigentlich nur einen Haufen Geburtstagsgeschenke für Teddy. Er kommt zu den Osterferien nach Hause und wir feiern seinen Geburtstag nach. Ich dachte mir, ich erledige das jetzt. Kurz vor Ostern sind die Straßen schrecklich überfüllt.“

Narzissa schaute in eine der Tüten und rümpfte die Nase, während sie einen Gegenstand herausbeförderte. „Was bitte ist das?“

„Das ist ein Kopfloser Hut“, erwiderte Andromeda, wie selbstverständlich. „Setzt man ihn auf, dann wird der Kopf durchsichtig, mitsamt dem Hut. Ist doch ganz lustig.“

Narzissa wirkte immer noch nicht überzeugt. „Du verbringst zu viel Zeit mit diesen Weasleys.“

„Das sagt Severus auch“, lachte Andromeda und ließ sich einen Honig Met servieren. „Im Übrigen findet Molly das auch nicht sehr lustig, ihr habt also etwas gemeinsam.“

„Ich breche gleich in Jubel aus“, erwiderte Narzissa sarkastisch, die nicht verstand, warum ihre Schwester hin und wieder Zeit mit der Familie verbrachte. Sie hatte angenommen, es läge daran, weil Potter, der in die Familie eingeheiratet hat, nun mal Teddys Patenonkel war, aber Andromeda schien die Familie wirklich zu mögen, insbesondere den überlebenden Zwilling, wie hieß er gleich noch? Gregory? Nein…Gleeson?...

„Nun, ob Du es nun lustig findest oder nicht, Ronald hat mir erzählt, dass sie dabei sind zu expandieren. Offensichtlich werden sie in Edinburgh eine Filiale eröffnen. Er hat wohl viel zu tun im Moment.“

„Wer ist Ronald?“

„Ronald Weasley – er war in Dracos Jahrgang und ist mit Hermine Granger verheiratet.“

„Ach, natürlich. Ein plumper Junge, wie ich gehört habe.“

„Von wem hast Du das gehört? Von Draco?“ Andromeda grinste. „Nun, ganz egal, was man über ihn oder seine Frau sagen kann, sie haben zwei ausgesprochen gut erzogene Kinder. Du wärst entzückt von ihrer Tochter Rose. Sehr zuvorkommend und höflich für ihr Alter. Sie hat mich sogar ein wenig herumgeführt und mir Tipps gegeben über die Spielzeuge, damit Teddy nur das Beste bekommt.“

„Klingt erstaunlich penetrant, die Kleine.“

Erneut grinste Andromeda. „Meine Güte, Narzissa. Du klingst fast wie Tante Walburga. Weißt Du noch? Sie hatte nie etwas Gutes über jemanden zu sagen.“

„Was macht denn die Tochter an einem Samstagnachmittag im Laden ihres Vaters?“

„Hermine scheint dieses Wochenende auf irgendeinem Riesen Workshop zu sein, bei dem sie sich vor Wochen angemeldet und eines der letzten Plätze bekommen hat. Ich glaube es ist in Lyon. Sie ist gestern abgereist und kommt morgen zurück. Ehrlich, diese junge Frau ist erstaunlich beeindruckend. Kaum hat sie mal etwas freie Zeit, macht sie auch noch Kurse. Die Frau wird noch eine große Karriere machen.“

„Wo, sagtest Du, sei sie?“

Andromeda war überrascht über den forschen Tonfall. „In Frankreich. Lyon. Es ist ein englischsprachiges Angebot für verschiedene Ministerien.“

„Verstehe. Nun…das klingt nicht gerade nach einer devoten Hausfrau und Mutter.“

„Nun, nein. Aber beeindruckend ist es.“ Narzissa schien jedoch so, als ob sie gar nicht wirklich zuhörte. „Narzissa? Alles in Ordnung?“

„Hm? Natürlich, alles Bestens. Bestellen wir einen dieser köstlichen Stücke des Apfel-Zimt Kuchens?“

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Am Abend saßen Hermine und Draco in einem schicken Restaurant in der Rue du Garet.

„Das ist doch lächerlich, Granger!“, wandte Draco gerade über ein Argument ein.

„Nein, ist es nicht. Wer gibt den Zauberern das Legitimationsrecht über den Besitz der Kobolde zu entscheiden?“

„Die Zauberer natürlich.“

„Ha!“, rief Hermine laut genug, dass sich ein älteres Paar kurz nach ihnen umdrehte. „Siehst Du, genau das meine ich. Sie nehmen sich das Recht heraus und stellen sich damit über die Normen und Regeln der Kobolde. Sie haben sich das Recht einfach genommen und komme mir jetzt nicht wieder mit dem Gesetz des Stärkeren. Das ist ethisch nämlich wirklich fragil.“

„Ehrlich Hermine, willst Du nach den Rechten der Kobolde leben? Sie sind barbarisch.“

„Für Dich und mich, aber für sie sind wir barbarisch und sie mussten sich jahrelang anpassen. Dass sie also immer noch unzufrieden sind, kann ich ihnen voll und ganz zugestehen.“

„Deshalb musst Du nicht das ganze Eigentumsrecht außer Kraft setzen.“

„Ich sage ja nicht, dass man es gänzlich über Bord werfen sollte, aber ich denke, dass man im Laufe der Zeit zu politischen Kompromissen gelangen könnte.“

„Und wie willst Du das Anstellen? Sollten meine Eltern ihr Koboldsilber dann wieder abgeben müssen, wenn die Kobolde es zurückverlangen, obwohl sie dafür bezahlt haben? Was ist mit den Weasleys? Haben die nicht auch einigen Koboldgearbeiteten Schmuck, der sich seit Generationen in der Familie befindet? Sie sollen es auf Verlangen wieder abgeben, obwohl es legal erstanden ist? Das ist doch lächerlich.“

„Nun, man könnte Verträge aushandeln. Alles eine Frage der Kommunikation.“

„Lächerlich. Wenn die Kobolde ihre Sachen behalten wollen, sollten sie sie erst gar nicht zum Verkauf anbieten. Sie können nicht vom Geld profitieren und dann noch Besitzansprüche stellen.“

„Es ist ja nicht so, als hätten sie nach den Koboldkriegen eine große Wahl gehabt. Sie waren davon abhängig mit uns zu verhandeln. Was blieb ihnen denn anderes übrig, als mit uns Handel zu betreiben?“

„Das ist doch…“, Draco schüttelte den Kopf, „sieh mal Granger, wenn ich Dich zum Orgasmus bringe, ist es Dein Orgasmus, weil Du ihn erlebst. Aber wenn es nach den Kobolden geht, würde Dein Orgasmus mir gehören, obwohl ich ihn Dir gegeben habe, freiwillig.“

Hermine beugte sich mit großen Augen vor. „Vergleichst Du gerade Eigentumsrechte mit Orgasmen?“

Draco grinste. „Sieht so aus Granger.“ Er nahm seine Serviette von seinem Schoß und legte sie auf den inzwischen leeren Teller.

„Das ist doch…“

„Kreativ? Clever? Einfallsreich?“

„Nein…ich wollte sagen, völliger Schwachsinn“, erwiderte sie trocken.

„Hm, nun sei es wie es sei. Lass uns die Debatte des Eigentumsrechts niederer Spezies eine Weile beiseitelegen. Wir sollten langsam los.“

„Niederer Spezies? Ehrlich Draco, Du bist wirklich immer noch ei-“ Hermine wirkte nun ein wenig genervt.

Draco unterbrach sie. „Ich bitte Dich, Granger. Nieder bedeutet umgangssprachlich „in die Tiefe“ und Kobolde sind…nun ja, ganz schön klein.“

Hermine blinkte ein paar Mal mit den Augen. „Ich weiß nicht, ob ich Dir eine runterhauen soll, wie in unserem dritten Schuljahr oder ob ich über Dich lachen soll.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Keines von beiden. Du sollst Deinen hübschen Hintern aus diesem Stuhl erheben. Denn wir gehen gleich ins Theater.“

„Ins Theater?“

„Allerdings, Miss Granger. In ein französisches Stück. Irgendwas Modernes von Yasmina Reza.“

„Yasmina Reza? Sie ist ein Muggel.“

„Ja, das habe ich mir sagen lassen“, erwiderte er herablassend, als ob es zu erwähnen völlig überflüssig sei.

Erneut schüttelte Hermine ihren Kopf.

„Bedeutet dieses Kopfgewackel, dass Du keine Lust hast? Seltsam, ich dachte Du magst das Theater.“

„Nein, im Gegenteil. Ich freue mich sehr über diese Überraschung. Aber Du weißt schon, dass Du ein wandelndes Paradox bist, Draco Malfoy, oder?“

„Natürlich, das macht mich ja so interessant und trägt zu meinem unwiderstehlichen Charme bei.“

Nun musste Hermine wirklich lachen.

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Montagabend saß Draco in Malfoy Manor in seinem Büro und ging die Unterlagen durch, die er am Wochenende vernachlässigt hatte. Er schmunzelte bei dem Gedanken. „Nun sind die Flitterwochen vorbei und wir müssen zurück in den Alltag“, hatte er gelächelt, als sie Sonntagvormittag in ihrer Suite gebruncht hatten. Doch bevor er sich hatte für diesen romantischen Unsinn schelten oder es durch einen ironischen Spruch wieder ausgleichen können, hatte sich Hermine plötzlich auf seinen Schoß begeben und ihr Gesicht in seinen Nacken gelegt. „Hmm, sprich nicht davon, ich will die letzten Stunden genießen“, hatte sie gemurmelt und für diesen winzigen Augenblick war da nichts anderes als Frieden in seinem Inneren. Es war, als ob an diesem Wochenende endlich wieder die Balance und die Harmonie in ihm zurückgekehrt waren, die Leichtigkeit des Daseins, die er zu Letzt, als Jugendlicher, vor dem Krieg gespürt hatte. Er war glücklich. Wirklich glücklich. Mit Granger ausgerechnet. Er seufzte.

Völlig in Gedanken versunken, hörte er nicht, wie seine Mutter in sein Büro trat und die Tür hinter sich schloss. Erst, als sie schon vor seinem Schreibtisch stand, blickte er auf.

„Mutter?“

„Wir hatten noch gar keine Zeit miteinander zu sprechen, seit Du wieder in England bist.“ Sie setzte sich auf einen der beiden Sessel vor seinem Tisch. „Wie war es Lyon?“

„Ausgezeich-“ Er unterbrach sich und blickte auf. In ihrem Gesicht spiegelte sich ein Hauch Triumph. Er hatte ihnen allen erzählt, er würde in Le Havre einige alte Studienfreunde treffen. Verdammt!

„Ausgezeichnet, also? Und sicher ausgesprochen befriedigend, nehme ich an?“

Scheisse! Verdammte Scheisse! Das war nicht gut.

„Draco, ich möchte nicht lange herumreden. Ich möchte lediglich, dass Du mir eine Frage ehrlich beantwortest.“ Sie beugte sich ein wenig vor und fixierte ihn mit kalten dunkelblauen Augen. „Hast Du ein sexuelles Verhältnis mit dem Granger-Mädchen?“

Es fühlte sich an, als wäre er gerade aus einem angenehmen warmen Bad gekommen und jemand hätte ihm nun plötzlich einen Eimer eiskaltes Wasser über seinen Kopf ausgegossen.

„Hast Du…ich meine, hast Du es Vater erzählt?“

Sie hob eine Augenbraue. „Nein, ich sah keinen Grund Deinen Vater damit zu belästigen. Vorerst.“

„Vorerst?“

Sie reagierte nicht, stattdessen beobachtete Draco, wie sie sich elegant erhob und ihnen an der Bar, rechts von ihm einen Whisky aus einer der Kristall-Karaffen einschenkte. Sie trank einen Schluck und kam mit ernstem Gesicht wieder auf ihn zu, reichte ihm ein Glas und setzte sich erneut.

„Wie hast Du es erfahren? Hast Du mir-“

„Hinterherspioniert? Nein Draco, ich habe es auf die Art erfahren, auf die solche Dinge meistens ans Licht kommen. Ein kleiner, simpler Zufall und dennoch so einschneidend für alle Beteiligten. Die Welt ist klein Draco, besonders die Zauberwelt. Andromeda war am Samstag in diesem Scherzartikelladen einkaufen und hielt ein wenig Smalltalk mit dem Ehemann Deiner Geliebten. Erstaunlich was bei einem simplen, oberflächlichen Gespräch für wertvolle Informationen zu Tage treten. Ich war schon immer der Meinung, dass man die hohe Kunst des Smalltalks niemals unterschätzen sollte. Er erzählte ihr, seine Frau sei in Lyon bei einem Seminar von Freitag bis Sonntag. Wenn man eines lernt, als Ehefrau eines Mannes, der in den ersten zwanzig Jahren seiner Ehe außerehelich Affären nachging, dann dass ein gutes Alibi alles ist. Und was gäbe es für ein besseres Alibi, als ein Wochenendseminar, in dem man sich nur eintragen muss, aber keine Anwesenheitspflicht herrscht? Natürlich ahnt Andromeda nichts.“ Narzissa nippte an ihrem Glas und lächelte ironisch, „im Gegenteil, sie ist voll des Lobes für die außergewöhnlich intelligente und ambitionierte Mrs. Weasley.“

Draco presste die Lippen zusammen und raufte sich über sein Haar. „Es hätte alles ein Zufall sein können. Sie hätte genau so gut tatsächlich zufällig zur gleichen Zeit in Lyon sein können wie ich in Le Havre.“

„Natürlich. Aber Deine erstaunliche Verschwiegenheit in den letzten Monaten, die kleinen Muggelartikel, die Du so gern zu benutzen scheinst“, sie deutete auf den Taschenrechner auf seinem Tisch, mit denen er gerade noch einige Rechnungen getätigt hatte, „und die winzige Tatsache, dass Du schon als junger Mann zu Volontariatszeiten eine Schwäche für dieses muggelstämmige Mädchen hattest, ließen es recht schnell zu dahinterzukommen. Ich meine mich vage daran zu erinnern, dass wir schon einmal über sie sprachen. Das muss etwa neun Jahre her sein.* Astoria und Du wart damals frisch verheiratet und ich habe mich bereits damals gewundert, wie Du sie einer Frau wie Astoria nur vorziehen konntest.“

„Das hat mit Astoria nichts zu tun, Mutter. Lass sie da raus“, erwiderte er verärgert.

„Aber Du hast Astoria nicht daraus gehalten oder? Es war Hermine Granger mit der Du damals den kleinen Seitensprung hattest, nicht wahr? Was ist das nur mit dieser Frau, was Dich so in ihren Bann zieht?“

„Was willst Du von mir hören Mutter? Dass es mir leidtut? Merlin, Du hast leicht reden. Du bist doch nicht besser. Du liebst einen Mann, der uns mit seinen Entscheidungen beinahe das Leben gekostet und Dich die Hälfte Eurer Ehe betrogen hat. Du kannst noch so von Verpflichtungen sprechen mit Deinem kalten Blick oder so tun als ob Du die Augen schließt und an das gute alte England denkst, während Du nachts unter ihm liegst, aber ich wohne mit Euch in diesem Haus und eines ist ganz klar, Du liebst ihn, vielleicht nicht früher, aber jetzt. Es ist nicht Verantwortung oder Vernunft, die Dich an ihn bindet. Es ist Liebe. Und das erscheint verrückt, nach allem was ihr durchgemacht habt. Aber so ist es eben. Man kann sich nicht aussuchen in wen man sich verliebt.“ **

„Dann liebst Du sie also tatsächlich?“ fragte Narzissa und ignorierte seinen herablassenden Ton.

„Was?!“ Das Pochen in seiner linken Schläfe wurde immer unangenehmer. „Das habe ich nicht gesagt.“

„Nein, nicht direkt jedenfalls“, erwiderte Narzissa prompt.

„Sag schon, was willst Du von mir hören, was soll ich jetzt machen?“, erwiderte Draco matt.

„Du solltest dieses Arrangement beenden. Das weißt Du.“

Draco erwiderte nichts, trank stattdessen sein Glas in einem Zug leer und starrte düster zur Seite in dem Versuch seine Emotionen halbwegs unter Kontrolle zu halten.

„Was meinst Du wird passieren, wenn herauskommt, dass ihr ein Verhältnis mit einander habt? Ihr Beide werdet wie Staub von der Presse aufgewühlt. Deine Vergangenheit und unsere Vergangenheit werden erneut zum Thema gemacht. Man wird über Astoria berichten. Über den Krieg, man wird Dich wieder einmal als Ex-Todesser betiteln und natürlich wird Dein Sohn dies mitbekommen. All dies wird wieder hochkochen. Und stell Dir mal vor, wie es für Granger wird. Ihr Ehemann wird sich trennen, vielleicht die Kinder mitnehmen. Ihre Freunde werden sie möglicherweise meiden und ihre Karriere wird sicher holprig. Egal, was in den Zeitungen steht, wie sehr die Korruptionsrate und Vetternwirtschaft innerhalb des Ministeriums abgenommen hat – die Liberalen sind nicht anders als die Konservativen, auch sie mögen keine Zauberer und Hexen auf den wichtigen Plätzen, die mit der anderen Seite involviert sind, besonders nicht wenn es sich um das Aushängschild für Frieden handelt, wie Hermine Granger. So etwas kann Auswirkungen haben und ich halte Granger nicht für so naiv, dass sie das nicht erkennt.“

Draco antwortete nicht.

„Darling, hat sie Dir jemals ihre Gefühle mitgeteilt? Hat sie Dir gesagt, dass sie ihren Mann verlassen wird? Habt ihr jemals über eine Zukunft gesprochen?“

„Sie liebt ihren Ehemann nicht. Sie würde es nie zugeben, weil sie immer versucht so ein verdammt guter Mensch zu sein, aber sie hat ihren Ehemann nur geheiratet, weil sie ein Kind bekommen hat. Ich weiß es.“ Und er erzählte seiner Mutter alles. Er erzählte ihr, wie sie sich während des Volontariats nähergekommen waren, wie er derjenige war, der als erster erfahren hat, dass sie schwanger war, wie am Boden zerstört sie gewesen war, wie sie sich Jahre später wieder begegnet waren, von Rons Untreue und wie sie sich nach der gemeinsamen Nacht trennten und sie zwei Jahre später plötzlich in seinem Büro gestanden hatte, nachdem Astoria gestorben war.

Wenn Narzissa, während des Gesprächs eines begriff, dann dass ihr Sohn tatsächlich verliebt war in diese junge Frau, auch wenn er nicht fähig war es offen zu gestehen, vor sich selbst oder vor ihr. Es machte ihr Sorgen. Aus vielen Gründen.

„Ich verstehe. Aber es bleibt die Frage, was erhoffst Du Dir aus dieser Affäre, Draco? Sie wird nicht ewig geheim zu halten sein.“

„Sie könnte sich von ihrem Mann trennen.“

„Das könnte sie. Aber was würde das ändern?

„Was willst Du damit sagen?“

„Du wirst sie wohl kaum heiraten und zu einer Malfoy machen wollen?“

„Was? Nein, natürlich nicht. Granger und ich…Merlin, ich spüre schon wie die Ahnen sich im Grabe umdrehen. Außerdem würde sie das auch nicht wollen.“

„Was denn? Ein Leben in einem Herrenhaus, Luxus, Personal und das nötige Kleingeld mit dem man selbst die konservativsten Reinblüter beeindrucken kann?“

„Das zeigt nur, wie wenig Du sie kennst.“

„Nun, ich kenne sie nicht. Und ja, möglicherweise liebt sie ihren Ehemann nicht, aber sie liebt ihre Karriere und ihr guter Ruf bedeutet ihr ebenfalls etwas. Und auf lange Sicht…“

Draco schluckte. Es war deutlich was sie damit sagen wollte, auf lange Sicht, war es besser für sie beide, wenn sie sich trennten.

„Darling, ich werde mich immer um Dich sorgen, ganz egal, ob du zehn, dreißig oder fünfzig Jahre alt bist. Und ich denke, so wie die Lage gerade aussieht, kannst Du Dich nur zurückziehen, bevor Du wirklich noch verletzt wirst. Auf jeden Fall aber solltest Du das mit ihr erörtern.“

„Was denn? Was ist aus der guten alten Tradition geworden, Dinge unter den Teppich zu kehren?“

„Auf lange Sicht, kriechen sie meistens wieder hervor wie lästige Insekten, habe ich in den letzten Jahren festgestellt“, erwiderte sie schmunzelnd.

„Vater würde Dir nicht zustimmen.“

„Dein Vater ist aber nicht hier und muss auch nichts erfahren, Draco. Wir müssen eine Lage nicht noch komplizierter machen, indem wir noch mehr Leute involvieren.“

Er nickte und ließ sich von ihr umarmen. Er schmunzelte ein wenig über sich selbst, er würde wohl immer der Sohn seiner Mutter bleiben, ganz egal wie alt er war.

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Da dieses Kapitel den ein oder anderen Bezug zu Aussagen aus früheren Kapiteln beinhaltet und man die Fanfiktion nicht in einem Rutsch lesen und sich jede Aussage merken kann, sind hier die beiden wichtigsten Kapitel, falls Interesse besteht noch einmal nachzuschauen.

*Kapitel 33 (in den letzten Abschnitten)

**Kapitel 20 (in den letzten Abschnitten)
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