Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Des Einhorns rosaroter Traum

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Hank Griffin Det. Nick Burkhardt Eddie Monroe Juliette Silverton
05.07.2018
07.09.2018
12
41.732
29
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
07.08.2018 4.030
 
Sean Renard schaltete seinen Computer aus einem impulsiven und ungewohnten Affekt heraus aus, ohne ihn ordnungsgemäß runter zu fahren. Er war so bestürzt über seine mangelnde Selbstdisziplin, dass er das jetzt sofort beenden musste, ehe er noch Sachen über sich selbst schrieb, die er bereuen würde. Er wusste genau, was dieser Bengel gerade nebenher tat und warum er ihm nicht antwortete. Das amüsierte ihn und das war auch irgendwie der Zweck der Übung gewesen. Schlimm daran war, dass er so wenig Selbstkontrolle hatte. Seine eigene Männlichkeit war schmerzhaft hart und verlangend, doch berührte er sich nicht, weil es nicht richtig gewesen wäre. Lieber bestrafte er sich selbst mit Ignoranz, weil er ständig nur Nick vor Augen hatte, weil er den anderen armen Kerl dazu drängte jemand zu sein, den er unbedingt wollte. Andererseits war es nur ein Spiel und so lange Einhorn bei ihm war, konnte sich niemand anderes auf ihn stürzen und töten. Denn eines hatte Sean sehr gut gespürt, Einhorn war etwas Besonderes, auch wenn er das Gegenteil behauptete. Vermutlich war er wirklich ein Wesen und damit war er in höchster Gefahr.
Trotzdem war es schon schockierend, wie nahe Hörnchens Beschreibung seines Traummannes ihm selbst kam. Sean war sich sicher, dass es sich nur um eine Fantasie handelte. Möglicherweise war der Junge auch jemand wie er, der sich zu jemand hingezogen fühlte, der vollkommen anders und unerreichbar war. Nick ahnte natürlich weder etwas von seinen Gefühlen, noch würde der Grimm nur im Traum daran denken seine absurde Zuneigung zu erwidern. Dann würde er ihn schon eher töten und das mit Genuss. Aber hier, mit diesem naiven und so reizvollen Kerl diese Sehnsucht auszuleben, war berauschend. So sehr, dass er ein wenig die Kontrolle verloren hatte. Natürlich würde er Nick zu gar nichts zwingen können und diese Tatsache rückte diese Spielerei wieder ins richtige Licht. Aber wenn Nick nur ein kleines bisschen wie Einhorn wäre … Wenn er nur ein bisschen von dieser unschuldigen Naivität hätte, nur ein wenig von dieser neugierigen Offenheit …



Unwillkürlich hatte seine Hand begonnen, über sein steifes Glied zu reiben. Als er es merkte, nahm er sie angewidert weg. Gut, jetzt war er einfach verschwunden und vielleicht hatte sich die seltsame Begegnung damit sowieso erledigt. Hörnchen hatte den ersten Schritt gemacht, um seine eigenen Wünsche zu realisieren und er hielt ihn weiterhin für so clever sich nicht mit den falschen Leuten einzulassen. Hoffentlich irrte er sich da nicht.
Er sollte sich nun um die wichtigen Dinge kümmern. Sean hatte vor seinem Chat-Desaster im Internet recherchiert, welche Art Spiel wohl an jenem Abend, an dem Barry verschwunden war, in Portland gelaufen sein könnte. Leider war die Liste lang und er würde vermutlich den Rest seines Urlaubs brauchen sie abzuarbeiten. Gleich morgen früh würde er anfangen und vielleicht hielt ihn das von seiner Träumerei ab. Solange er im PD saß und arbeiten musste, solange er in Nicks Blickfeld war und ihn im selben Moment sehen konnte, lief die Sache glatt, weil sie es musste. Wie hätte er ahnen können, dass ihn die zwei Wochen Urlaub fast hysterisch machten, weil er von Nick getrennt war? Wie hätte er auf die Idee kommen können, dass er es über sich brachte einem wildfremden Typen im Internet ganz intime Dinge anzuvertrauen? Aber es war wirklich erstaunlich, wie einvernehmlich das Spiel zwischen Einhorn und Bestie lief. Was sicherlich einmal an Hörnchens unschuldiger Cleverness lag und an seiner eigenen quälenden Sehnsucht und natürlich an der anonymen Umgebung, die ihn in Versuchung brachte.
Hörnchen … er hatte keine Ahnung, warum er diese Verniedlichung benutzt hatte. Und überhaupt verstand sich Sean selbst überhaupt nicht mehr, resümierte er resigniert. Dann ließ er sich von seinen eigenen rosaroten Träumen holen, verbot sich gleichzeitig aber jegliche Erlösung.



Es war keine zehn Minuten her, dass Nick das Licht gelöscht hatte und auf dem Rücken im Bett lag und in die Dunkelheit starrte. Einerseits fühlte er sich erleichtert und doch war er verwundert über sich selbst. Vor allem, weil er in keinem Moment an den eigentliche Grund seiner Anwesenheit in diesem Chatroom gedachte hatte. Er hatte nicht mal mehr geschaut, ob Bloodsport online gekommen war, verdammt. Alles, was er gewollt hatte, war diese Stimulation, die Bestie ihm verschaffte. Dabei benutzte er so behutsam eine bildhafte Darstellung, dass Nicks Fantasie Saltos schlug. Er und Sean. Das war so absurd, dass er nicht ernsthaft darüber nachdenken sollte. Renard konnte froh sein, dass er ihn nicht einfach tötete.
Als er ein Auto, vermutlich das Taxi, hörte und er den Gedanken an seine skurrile Session in Renards Büro nicht abschütteln konnte, begann sein Herz wieder schneller zu schlagen. Schon wieder versteifte sich sein Penis, musste er fassungslos feststellen. Juliette war ein wenig angetrunken und stieß gegen den Schrank, als sie reinkam. Nick machte das kleine Licht an und sie sah ihn erstaunt mit roten Wangen an.
„Warum bist du noch wach? Hast du etwa auf mich gewartet …?“, kicherte sie verführerisch und zog sich mit nachlässigen Bewegungen aus.
„Eigentlich hatte ich schon geschlafen, doch du bist nicht gerade subtil“, erwiderte er neckend und sprang dann hoch, um sich seine Freundin nackt ins Bett zu ziehen, ehe sie sich anzog.
Juliette war ein wenig überrumpelt, hatte dann aber auch gar nichts dagegen, dass Nick ziemlich drängend seine Erektion an ihr rieb. Schon wieder war er so unanständig erregt, dass es ihm selbst ein wenig Angst machte. Mit einem befremdlichen Nebengedanken, war er darüber froh, dass der Captain gerade sonst wo im Urlaub war und er ihm nicht tatsächlich begegnen musste. Ob er ihm hätte in die Augen sehen können? Fraglich.
Juliette ließ ihn eindringen und seufzte dabei in einer Mischung aus Betrunkenheit und Lust. Nick versuchte sich wirklich auf sie zu konzentrieren, doch immer wieder wanderten seine Gedanken zur Bestie und Sean. Wieder durchlebte er dieses absurde Büroszenario und kam sehr schnell und heftig zu einem explosiven Höhepunkt. Erschöpft fiel er danach fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf.



Sean begann seinen Tagesplan schon zeitig am Morgen abzuarbeiten. Er musste eine Menge Örtlichkeiten besuchen, um zu erfahren was an diesem Samstag stattgefunden hatte. Sein erstes Ziel war ein Vergnügungspark. Einerseits war er froh, dass er etwas zu tun hatte, andererseits dachte er ständig darüber nach, ob er am Abend wieder in diesen Chatraum gehen sollte. Und wenn ja, ob er weiterhin mit Einhorn7 schreiben sollte. Langsam bekam er die dumpfe Ahnung, dass es keine gute Idee wäre. Seine Befürchtung diesen Kerl, wer auch immer es war, immer mehr zu Nick zu machen, waren real und durchaus besorgniserregend.



Nick hingegen verbrachte den Vormittag im Altersheim. Ein letztes Mal befragten sie eine Angestellte, die erst an dem heutigen Tag wieder zu Arbeit gekommen war, weil sie bis gestern im Urlaub gewesen war. Nick hatte großes Glück, denn diese Angestellte, stellte sich als Wesen heraus. Als sie sich offenbarte, schickte er Hank vor die Tür, um Wache zu halten.
Diese Mrs Franklin war ein Wesen, welchem Nick bisher noch nicht begegnet war. Es sah aus wie eine Mischung aus Maus und Hund und sie selbst nannte sich Felllaus. Nick würde später in seinen Unterlagen nachsehen, um das zu überprüfen. Immerhin ließ sich die Felllaus von einem Grimm beeindrucken, wenn sie auch nicht allzu kooperativ war. Doch ihre vage Aussage deutete tatsächlich auf die Betreiberin des Heimes hin, die systematisch die Zimmer der Einwohner nach Bargeld durchsuchte und an sich nahm. Beweise gab es dafür allerdings nicht. Die Felllaus gab aber zu, die Betreiberin schon mal selbst dabei ertappt zu haben, allerdings so getan hatte, als hätte sie nichts bemerkte, weil sie befürchten musste fristlos gekündigt zu werden, wenn sie das Geschehene ansprach. Und letztlich hatte sie den tatsächlichen Diebstahl auch nicht gesehen. Der Grimm brachte die Felllaus so weit, für sie zu arbeiten und die Betreiberin ab sofort im Auge zu behalten und letztlich als Zeugin zu fungieren. Mrs Franklin war wenig begeistert, beugte sich aber dem Willen des Grimms, als Nick andeutete, das er wüsste, wo sie wohnte.
„Tun sie meinen Kindern bitte nichts!“, flehte sie sofort und Nick nickte gönnerhaft. Das hatte er nie vorgehabt und er wusste nicht mal etwas von Kindern. Doch ein wenig Show schadete nie.
„Und rufen sie sofort an!“, instruierte er sie noch, dann verließen sie das Heim. Es war recht warm und Nick zog seine Jacke aus und sah in den blauen Himmel.



„Hoffentlich ist das Sommerloch bald vorbei, in dem wir solche überaus ermüdenden Fälle bearbeiten müssen“, maulte Hank und setzte sich seine Sonnenbrille auf.
„Kannst du mich auf die Westseite in den Pearl District bringen, bevor du zum Revier fährst?“, fragte Nick beiläufig.
„Klar. Was tust du da?“
„Ich untersuche das mysteriöse Verschwinden von Wesen und habe eine Spur.“
„Brauchst du Hilfe, Nick?“
„Nein, decke mich nur auf dem PD. Ich schreibe meinen Bericht dann später.“
„In Ordnung. Aber ruf mich an, wenn es brennt!“
„Na klar.“

Weder Nick, noch Sean ahnten, dass sie nur wenige Meter voneinander entfernt auf Parallelstraßen aneinander vorbeiliefen.



Nick lief recht planlos durch das Viertel und versuchte herauszufinden, an welcher Art Spiel Karl hier teilgenommen hatte. Er kam an Fitnessbuden vorbei, an Restaurants und Büroräumen. Er passierte eine Kunstgalerie und kam an mehreren kleinen Museen vorbei. Als er eine Spielhalle entdeckte, ging er rein und fragte nach eventuellen Events an diesem Tag und bekam eine negative Auskunft. Nick kaufte sich ein Sandwich und setzte sich für ein paar Momente in einen kleinen Botanischen Garten, um zu essen.
Dabei kam eine Gruppe Kinder vorbei, die eine Schnitzeljagd veranstalteten und offensichtlich einen Kindergeburtstag feierten. War Karl bei so einer Art Spiel? Wer auch immer die Wesen verschleppte oder sogar tötete, musste sie mit etwas Außergewöhnlichem aus dem Haus locken. Es müsste reizvoll, vielleicht ein wenig gefährlich und natürlich auch lustbringend sein. Vielleicht sollte Nick nicht in Pastellfarben denken, sondern in Grautönen. Unwillkürlich musste er an letzte Nacht denken. Nach dem Sex mit Juliette hatte er fast eine Minute lang ein schlechtes Gewissen. Er hatte ihren Zustand ausgenutzt, um seine Erregung loszuwerden, die ein fremder Mann in ihm verursachte, indem er ihm Bilder von Sean ins Gehirn pflanzte. Das war verwirrend, schäbig und ziemlich grotesk.


Nick sah sich um und lief dann noch ein Weilchen durch die Straßen, um eine Idee zu bekommen, auf welche Art Spiel ein Mann wie er abfahren würde. Für den Grimm müsste es düster und gefährlich sein. Gewalt wäre auch nicht von der Hand zu weisen und auch Lust und Schmerz gehörten unter Umständen dazu. Interessant war, dass er gar nicht diesen Trotz verspürt hatte, als ihn die Bestie hatte knien lassen. War es ungewohnt? Ja. Hätte Renard seine Demut verdient? Ganz sicher nicht. War es lustvoll für ihn selbst? Vielleicht.
Aber hier im Pearl District war er eher auf der sonnigen Seite von Portland. Vorsichtshalber lief er noch durch Downtown auf der Suche nach der schmerzhaften Dunkelheit, musste aber einsehen, dass nichts seine Sinne ansprach. Mutlos und mit schmerzenden Füßen, ließ er sich mit einem Taxi zum PD zurückbringen. Hank war unterwegs und missmutig verfasste Nick seinen Bericht. Dann begann er wieder im Internet zu recherchieren, merkte aber schnell, dass er hier nicht suchen konnte, was ihm so vorschwebte. Wenn er hier Suchbegriffe wie Bondage eingab, dann würde er Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die er nicht gebrauchen konnte, zumal er inoffiziell ermittelte.

Mit Hank telefonierte er nur noch mal kurz, dann fuhr er nach Hause. Er musste ausnutzen, dass Renard nicht im PD war und ihn überwachte.

Juliette war noch nicht zu Hause und als er sie anrief, stöhnte sie müde und meinte, dass noch Essen von gestern im Kühlschrank wäre. Sie wüsste nicht, wann sie Feierabend machen könnte und sie fragte, warum er schon zu Hause wäre. Das war in der Tat ungewöhnlich.
„Ich muss ein paar Grimm-Recherchen machen und das kann ich nicht im PD. Ist nicht viel los heute aber wir sollten uns darüber besser nicht beschweren.“
„Du hast recht. Iss etwas, Nick und warte nicht auf mich. Ach ja … bist du gestern über mich hergefallen?“, fragte sie kichernd. Nicks schlechtes Gewissen schoss nach oben wie ein Wesen und er räusperte sich verlegen.
„Tut mir leid, dass ich deinen Zustand ausgenutzt habe“, flüsterte er betreten.
„Keine Sorgen, es hat mir gefallen. Solltest du öfter mal machen. Bis später!“



Keine viertel Stunde später saß Nick auf der Couch und hatte den Laptop auf den Knie. Er hatte extra seine Kleidung anbehalten, um sich gar nicht erst wieder in Versuchung zu bringen wie ein Teenager an sich selbst herumzuspielen. Konzentriert verfolgte er seine Suche im Internet und lernte dabei eine ganze Menge über die finsteren Abgründe der Lustbefriedigung. Doch obwohl er nun wirklich auf der Schattenseite der Welt stand, konnte er daran nur wenig Gefallen finden. Als ihn die Bestie dagegen gestern virtuelle gezwungen hatte zu knien, war das höchst erregend gewesen. Und dennoch hatte es auch nur funktioniert, weil Nick Sean vor sich stehen sah. Weil er ihm in die Augen sehen konnte und dort sowohl Lust als auch etwas anderes gesehen hatte. Bestie hatte recht, es war keine Angst gewesen. Es war eher eine Art dunkler Vorhang gewesen, hinter dem sich Renards Zauberbiest verbarg. Absichtlich hatte sich Nick nicht im Chat eingeloggt, weil er ahnte, dass er dann wieder nichts anderes tun würde, als zu warten und sinnlose Gespräche mit künstlichen Figuren wie Lindsey Loch zu führen.



Halb neun sah Nick stöhnend auf die Uhr. Juliette war immer noch nicht zu Hause und er hatte wenigstens eine kleine Spur gefunden. Es gab im Pearl Bezirk eine Agentur, die sich auf sogenannte Escape Games spezialisiert hatte. Sie veranstalteten Events, bei denen sie in Portland und der Umgebung Orte präparierten, aus denen man dann ausbrechen musste, indem man bestimmte Gegenstände fand und kombinierte. Man musste sogenannte Rätsel lösen, um den Ort verlassen zu können. Der Sitz der Agentur war in der Hoyt Street und Nick erinnerte sich sogar dort vorbei gelaufen zu sein. Er würde morgen dort anrufen und nachfragen. Es erleichterte ihn den Hauch einer Spur zu haben. Ein wenig euphorisch rief er Monroe an. Nicht, weil er ihm etwas zu sagen hatte, sondern weil er eine infantile Furcht hatte, sich im Chat einzuloggen. Nick war sich nicht sicher, ob er die Bestie gestern verärgert hatte, weil er nichts mehr geschrieben hatte. Außerdem war sein letzter Satz so rätselhaft, dass Nick ihn nicht durchschauen konnte.
„Hey, mein Freund. Wie geht es dir?“
„Ganz gut. Ich würde ja auf ein Bier vorbeikommen, doch ich recherchiere gerade für deinen Fall.“
„Brauchst du Hilfe, Nick? Um ehrlich zu sein, warte ich schon länger auf deinen Anruf. Hast du schon etwas herausgefunden?“
„Leider noch nicht viel, doch ich habe mich in diesem Chatraum angemeldet.“
„Und?“, fragte Monroe zaghaft nach, weil er vermutlich ahnte, dass Nick wenig begeistert davon war.
„Na ja, ist schon schräg. Aber es gibt da ein paar User, die ich unter die Lupe nehme. Falls du irgendwelche Namen für mich hast, die ich mir ansehen sollte, nur her damit.“
„Namen? Du meinst Nicknamen, die man im Chat benutzt?“
„Ja, genau. Namen wie Bestie, zum Beispiel.“
„Bestie? Deutsch? So was wie Zauberbiest?“ Nick riss die Augen auf. Warum war ihm das nicht aufgefallen? Aber gut, Wesen hatten nun mal meistens deutsche Bezeichnungen. Hieße das, die Bestie war doch ein Wesen? Hatte er nicht sogar geschrieben, er wäre etwas Besonderes? Damit rückte er einige Plätze auf der imaginären Liste der Verdächtigen hoch.“
„Nick? Bist du noch dran?“
„Ja, ich … mir ist nur gerade etwas aufgefallen. Denkst du, der Typ, der es auf Wesen abgesehen hat, ist eher ein Wesen oder eher ein Kehrseite-Schlich-Kennen?“
„Hm, über die Frage habe ich auch schon nachgedacht, doch ohne wirkliches Ergebnis. Zumal wir nicht wissen, ob er die Wesen tötet, denn es tauchen ja keine Leichen auf. Vielleicht hält er sie irgendwo gefangen und geilt sich an ihnen auf?“
Oh Gott, Monroes Idee war gar nicht so übel. Vielleicht war er schon längst beim Richtigen gelandet, auch wenn sein Grimm Instinkt nicht unbedingt dafür sprach. Nein, verbesserte sich Nick. Seine Menschenkenntnis sprach dagegen, dass Bestie der Gesuchte war. Oder wollte Nick nur, dass es so war, weil er Bestie mochte?
„Danke für deinen Gedankenanstoß. Ich muss jetzt auflegen und ein paar Dinge nachprüfen.“
„Pass auf dich auf, Nick!“
„Immer.“

Unumwunden loggt sich Nick im Chat ein und war maßlos enttäuscht, dass Bestie nicht da war. Hatte er ihn gestern also doch verärgert. Dafür war Bloodsport da und er begann mit ihm eine ermüdende, vor Plattitüden nur so strotzende Unterhaltung.



Sean hatte lange unter der Dusche gestanden und versucht sich seinen Misserfolg vom Körper zu waschen. Den ganzen Tag hatte er damit verplempert irgendwelche Orte abzugrasen, an denen Events hätten stattfinden können. Er hatte sinnlose Gespräche mit dummen Menschen geführt, die ihn nicht selten aggressiv gemacht hatten. Die Absicht ihn zu beschäftigen, hatte allerdings vollen Erfolg gehabt. Bisher zumindest. Jetzt war er zwar müde, doch auch überaus hungrig. Trotzdem legte er sich nur nackt auf sein Bett und dachte darüber nach, zu was für eine Art Spiel Barry Spears wohl unterwegs gewesen war.
Wäre Hörnchen im Chat? Kam ihm ein Gedanken dazwischen. Falls ja, würde er auf ihn warten? Würde es etwas ändern? Einhorn war nicht Nick und würde es nie sein. Alles, was geschah war nur eine Illusion, die ihn im Moment zwar besänftigte, doch niemals langfristig funktionieren würde. Diese Spielerei würde sein Begehren im Endeffekt nur drastisch verschlimmern.
Ach verdammt. Er angelte sich seinen Laptop und ließ ihn hochfahren. Er wollte ja nicht unhöflich sein und letztlich könnte er ja mal im Chat nach so einer Art Spiel fragen. Diese Perversen dort wussten so etwas bestimmt.


Sofort sah er Einhorn7, der allerdings in einem privaten Raum mit Bloodsport war.
Na schau an, dachte er und fühlte sein Wesen abrupt nach oben kommen. Das Zauberbiest war absurderweise eifersüchtig und Sean war verwundert, denn sein Wesen reagierte einzig und allein auf den Grimm derart unbesonnen. Ansonsten hatte er es unter absoluter Kontrolle. Er war doch nicht etwa dabei sich in einen völlig unbekannten Kerl zu verlieben, nur weil er ihm Nicks Eigenschaften gab und sich daran aufgeilte?
Beschämt über sich selbst, schrieb er ihn trotzdem an.
„War es schön gestern?“ Die Antwort kam sofort.
„Du bist nicht sauer?“
„Nein, warum sollte ich? Das war doch der Zweck der Übung.“
„Warum warst du dann weg?“
„Ich musste noch etwas erledigen, was mir zu diesem Zeitpunkt erst wieder eingefallen ist.“
„Lüge.“
„Du hast recht. Aber dir zu schreiben: Es geht dich nichts an, fand ich gerade unhöflich.“
„Stell dir ein freundliches Lächeln vor  meins.“
„In Ordnung. Jetzt sind wir beide jeder ein Mal abgehauen und sind damit quitt?“
„Sind wir. Erklärst du mir deinen letzten mysteriösen Satz von gestern?“
„Nein. Aber ich mache einen Raum auf und lade dich ein.“
„Ähm, warte kurz. Ich kann hier jetzt nicht raus.“
„Warum nicht?“ Sean schluckte aufgewühlt und verstand nicht so ganz, was da gerade zwischen Hörnchen und Bloodsport lief.
„Ich muss mit Bloodsport etwas klären. Nicht eifersüchtig sein.“
„Bin ich nicht.“
Und ob er das war. Verärgert stand er auf und machte sich in aller Ruhe ein großes Glas Whisky. Nach seinem anstrengenden Tag, mit all den unerträglichen Begegnungen, hatte er sich das verdient. Er trank es langsam und versuchte seine Selbstkontrolle zu aktivieren. Als er wiederkam, hatte Einhorn7 geschrieben:
„Du liest dich aber eifersüchtig und das freut mich. Hast du mich vermisst?“

„Du spinnst doch …“, sagte Sean leise vor sich hin, fand es aber trotz allem überaus entzückend.
„Das ist Unsinn. Ich lese mich sicher nicht eifersüchtig, sondern verwende nur einfache, klar strukturierte Sätze, um so wenig wie möglich Verwirrung und Doppeldeutigkeit aufkommen zu lassen. Direktheit ist nicht unbedingt ein Fehler. Ja, ich habe dich vermisst und hätte gern gesehen, wie du es gestern getan hast.“
Na super, das zum Thema Selbstdisziplin, dachte Sean von sich selbst genervt.
„Ich bin gleich bei dir und dann erzähle ich dir vielleicht wie es war.“
„Ich warte.“ Ja, das tat er und zwar schon seit gefühlten Ewigkeiten und für umsonst. Vermutlich war das sein beschissenes Schicksal. Was zur Hölle hatte Hörnchen mit Bloodsport zu besprechen? Während er wartete, las Sean ein wenig im Hauptchat mit. Es ging darum, ob das Ziehen eines Fußnagels geil machte. Er schüttelte nur angewidert den Kopf. Als ob es sonst keine Probleme gäbe.
Gerade wollte er fragen, ob jemand eine Idee hätte, wo man an speziellen Spielen teilnehmen konnte, als Hörnchen in einlud. Er nahm an und wartete dann. Natürlich hätte er gern gewusst, was man mit einem Verrückten wie Bloodsport besprach, doch das ging ihn ebenso wenig etwas an, wie Hörnchen nicht Nick war.



„Tut mir leid, dass ich plötzlich nicht mehr geantwortet habe. Mit einer Hand schreiben und dabei … na, du weißt schon … ist nicht so einfach.“
„Nein, ich weiß nicht. Beschreibe es mir, Hörnchen“, forderte er und musste unwillkürlich grinsen.
„Also, es ist nicht so, dass ich das noch nie getan habe. Doch ich hatte noch nie so das Bedürfnis danach wie gestern. Als meine Freundin nach Hause kam, habe ich sogar nochmal mit ihr geschlafen, weil ich immer noch so erregt war.“
Das saß. Wie betäubt starrte Sean auf die Worte und merkte, wie das Zauberbiest die Kontrolle übernahm. Fast hätte er seinen Laptop genommen und hätte ihn wütend gegen die Wand geschmettert, weil er einfach diese reizlose Juliette vor sich sah, die Nick haben durfte und er nicht.
„Schön für dich“, schrieb er mit angestrengter Contenance, die ihm jederzeit wieder entgleiten konnte. Vielleicht verarschte ihn der Kerl auch nur, wollte ihn provozieren und aus der Reserve locken. Er war doch klug genug nicht auf solche Spielchen reinzufallen, oder? Trotzdem war er total verstimmt.
„Komisch war, ich dachte dabei an ihn.“, schrieb das Einhorn.
An ihn? Ging es eigentlich noch schlimmer? Es waren verwirrende Gedanken.
„Nicht an mich? Warum nicht? Hat dir nicht gefallen, wie wir uns gestern begegnet sind?“ Die Antwort dauerte ziemlich lange.
„Doch, es hat mir sehr gefallen. Es war fast zu anschaulich, wenn du verstehst, was ich meine?“
„Das soll so sein. Du willst doch wissen, was auf dich zukommt und du willst doch wissen, ob du das mögen könntest. Wie war es zu knien, Hörnchen?“ Sean beruhigte sich langsam wieder, obwohl Hörnchen zwei seiner Fragen einfach übergangen hatte.
„Es war ungewohnt aber … nicht schlecht.“
„Beantworte mir doch eine Frage: Hat er die Neigung zu cholerischen Ausbrüchen? Einen Hang zur Gewalt?“
„Wer?“
„Dein Traummann? Von wem reden wir sonst?“
„Ach so, verstehe. Nein, ich glaube nicht. Er ist eher verschlossen wie eine verdammte Auster, für die man diese fiesen kleinen Messer braucht, um sie zu knacken.“
„Ärgert dich seine Verschlossenheit?“ Sean hatte ein seltsames Gefühl. Bisher war er der Meinung, dass Hörnchen in seiner Fantasie schwelgte und ihm einen Mann beschrieben, der vielleicht irgendein angehimmelter Schauspieler oder Sänger oder sonst was war, doch dieser echte Ärger, den Sean gerade zwischen den Zeilen las, ließ ihn stutzen. Gab es diesen rosaroten Traum-Kerl etwa wirklich?
„Manchmal, ja.“
„Warum? Was wäre anderes, wenn er offener wäre?“
„Nun, vielleicht wären wir dann sogar Freunde, weil ich wüsste, welche Absichten er hegt?“
„Was würde er denn tun, wenn du ihm deine Gefühle gestehst?“
„Das würde ich ganz sicher nicht.“
„Warum nicht? Ist er vergeben? Hast du Ärger zu erwarten, wenn du es tust? Traust du dich nicht?“
„Das sind Fragen, die doch nichts mit der Thematik zu tun haben, oder?“ Hörnchen hatte leider recht und er müsste aufhören in ihn zu dringen.
„Du hast recht. Lass es mich anders anfangen. Du überwindest dich zu ihm zu gehen und ihm zu sagen, dass du ihn besser kennenlernen willst. Sei höflich, sei ehrlich und geradlinig. Vielleicht verstehen Frauen verschlungene Gedankenwege intuitiv, Männer leider nicht. Sieh ihm in die Augen und sage es ihm! Los! Beschreib es mir!“
„Geht es noch um sexuelle Dinge?“, kam eine vorsichtige Frage.
„Ja, doch zuvor müssen andere Dinge passieren. Stell dir vor, was ich dir suggeriere und schreib mir deinen Weg.“
Sean rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. Wie war es möglich, dass er sofort wieder in diesem berauschenden und träumerischen Sehnsuchts-Modus war, wenn er mit diesem unbekannten Kerl schrieb? War sein reales Verlangen nach Nick wirklich so stark? Und goss er gerade wie ein Narr Öl ins Feuer seiner unstillbaren Sehnsucht?
Sah ganz danach aus.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast