Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Des Einhorns rosaroter Traum

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Hank Griffin Det. Nick Burkhardt Eddie Monroe Juliette Silverton
05.07.2018
07.09.2018
12
41.732
29
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
28.07.2018 4.554
 
Na, mal sehen, wer und ob überhaupt noch jemand fanfiktion liest (bei diesem Wahnsinnssommer!). Ich bin jedenfalls wieder da und es gibt, wie gehabt ein Kapitel pro Woche. RV's werde ich im Laufe der nächsten Tage selbstverständlich auch beantworten. Wollte euch nur mal schon ein neues Kapitel gönnen, bevor ich mich dem "Ankommen" widme.

*********************************************************************************************************************************


Nur noch ein paar Minuten, sagte sich Nick und versuchte sich an seine Disziplin zu erinnern, die er normalerweise hatte.
„Ich bin noch Jungfrau“, tippte er ein. War er natürlich nicht, doch in Bezug auf das, was Bestie zu erwarteten schien, war er das ganz sicher. Und am besten kaschierte man eine Lüge mit ein wenig Wahrheit.
„Das habe ich mir schon gedacht“, kam die trockene Erwiderung, die Nick ein Seufzen entlockte.
„Wollen wir also besser gleich Schluss machen?“
„Wir haben doch noch gar nicht angefangen. Sind dir die Termini von Anfang und Ende bekannt, Einhorn? War ich noch nicht in dir drin, kann ich mich auch nicht von dort entfernen.“ Nick schluckte, weil sich spontan Bilder in seinem Kopf aufbauten, von denen er nicht recht wusste, was er davon halten sollte.
„Bist du noch da oder habe ich dich verschreckt?“, fragte Bestie und obwohl er keine Smileys benutzte, sah Nick ein teuflisches Grinsen.
„Du hörst dich an, wie jemand den ich kenne“, schrieb Nick lahm, weil er sich nicht unbedingt zum Thema „rein-raus“ äußern wollte.
„Ich bin ganz sicher niemand, den du kennst, Einhorn“, schrieb Bestie und las sich tatsächlich ein wenig gekränkt.
„Denkst du, du bist etwas Besonderes?“ Es dauerte länger mit der Antwort und Nick stellte dabei erschrocken fest, dass es eine Webcam-Funktion im Chat gab, die bei ihm aber noch nicht freischaltbar war, weil er ganz neu war. Ob sie bei Bestie benutzbar war, konnte er nicht sehen.



Nebenher chattete ihn ein anderer User namens Bloodsport an.
„Hey, Einhorn. Mit wem chattest du privat? Falls du dich langweilen solltest, sag mir Bescheid. Habe vorhin nur mitgelesen, als du in den Chat gekommen bist und wollte, dass sich die Aufregung um frisches Fleisch erst mal ein wenig legt.“
„Ich chatte mit Bestie“, gab Nick freimütig zu, in der Hoffnung, dass Bloodsport etwas über Bestie schrieb, damit er eine Ahnung bekam, mit wem er es zu tun hatte. Aber Bloodsport schrieb nur:
„Okay, falls du dich anders entscheidest, ich bin noch ein Weilchen hier.“ Bloodsport war einer der User, dem Nick vorhin eine Freundschafsanfrage geschickt hatte.


„Ich würde gern nichts Besonderes sein, wenn ich die Wahl hätte“, kam endlich Antwort von Bestie und Nick war sich unsicher, ob es nicht doch am lahmen Netz lag, wo auch immer Bestie hauste. Vermutlich in den Tiefen des Tillamook.
„Das heißt also, du bist etwas Besonderes?“
„Vielleicht bin ich das. Aber reden wir von dir!“
„Du hattest recht. Ich bin nichts Besonderes. Ich bin total langweilig und gewöhnlich.“
„Na ja, so sehr auch nicht, sonst würdest du nicht in diesem Chat sein, oder Einhorn7?“
„Vielleicht suche ich ja etwas anderes und finde etwas, was ich gar nicht will?“, erwiderte Nick und rieb sich mit den Händen über den Mund. Oh Gott, er müsste sich wirklich zurückhalten. Andererseits musste er ja den Kerl aus der Reserve locken. Er beschloss zum Angriff überzugehen.
„Gut, was habe ich in meinem Leben also bisher verpasst?“
„Du meinst Sachen wie von einem Mann gefickt zu werden? Oder denkst du dabei eher an Lustschmerzen diverser Art?“ Nick schluckte und merkte, dass er keine Ahnung von all den Dingen hatte und ihm sogar die direkte Erwähnung die Schamesröte ins Gesicht trieb. Vielleicht hätte er vorher doch ein wenig recherchieren sollen, um jetzt etwas Passendes antworten zu können.
„Ich schrieb dir doch, ich bin unschuldig, in jeder Hinsicht.“
„Niedlich. Aber ich glaube dir kein Wort. Du hattest einen konkreten Grund in diesen Chat zu gehen. Welchen?“
Fuck, dachte Nick nur nervös und öffnete sich mit leicht zittrigen Fingern eine weitere Flasche Bier. Der Kerl war clever, zielstrebig und ließ sich nicht leicht ablenken. Das wirkte auf ebenso subtile Art gefährlich auf Nick, wie das Zauberbiest Renard. Nur allein das Wissen um Renards Wesen war schon eine ständige, unterschwellige Gefahr.
„Na ja, ich habe da so eine Ahnung, das in mir etwas ist, was ich nicht ganz verstehe. Etwas, was ich vielleicht aber wissen sollte.“
„Das sind ganz schön ausweichende Andeutungen. Aber lass mich dir helfen, Einhorn7. Ich entwerfe dir ein Bild, eine Art Szenario und du sagst mir, ob es dir gefallen könnte. Einverstanden?“ Mit einem besorgten Blick sah sich Nick um, ob nicht Juliette doch unbemerkt ins Wohnzimmer gekommen war, um nach ihm zu sehen.
„In Ordnung“, schrieb er kurz und setzte sich zurecht. In seinem Körper war eine merkwürdige Anspannung entstanden, die er darauf zurückführte, dass er solche Dinge tatsächlich weder je getan, noch jemals gedacht hatte. Während Bestie etwas schrieb, sah er sich sein Profil an. Er hatte keinen Zugriff auf sein vollständiges Profil, dafür müsste er wenigstens seit einem Monat dabei sein und eine bestimmte Internetzeit in diesem Chat verbracht haben.
Alles was er sehen konnte, war Besties Profilbild. Er hatte das Bild eines Einhorns, welches auf einer rosaroten Wolke saß. Es sah kitschig und niedlich aus. Nick stand der Mund offen, bis er kapierte, dass Bestie das Bild scheinbar gerade für ihn hochgeladen hatte, weil er wusste, dass Nick sein Profil ansehen würde. Okay, der Typ war in der Tat listig und Nick musste sehr viel vorsichtiger sein. Vielleicht war er sogar auf der richtigen Spur, denn irgendwas reizte ihn in der Tat an dem mysteriösen Kerl, wenn es denn ein Mann war! Hatten seine Grimm-Sinne etwa angeschlagen?
„Stell dir vor, es gäbe da diesen einen tollen aber unerreichbaren Mann, den du schon lange anhimmelst. Ich kann mir vorstellen, dass du genau so ein Typ bist, der das tun würde. Du bist sicher jemand, der aus der Entfernung schwärmen kann, oder? Vielleicht unterstelle ich dir jetzt Verklemmtheit und Schüchternheit, vielleicht bist du einfach nur dumm oder klugerweise zurückhaltend. Vielleicht aber, bist du auch nur sehr jung und tatsächlich unerfahren. Gibt es da so einen Mann? Je nach deiner Antwort, werde ich in der Beschreibung fortfahren.“
„Vielleicht gibt es so einen Mann“, schrieb Nick mit klopfendem Herzen. Er nahm einen lange Schluck Bier und versuchte sich wieder unter Kontrolle bekommen. Es war nur ein Spiel, welches er mitspielte zu dem Zweck etwas über die verschwundenen Wesen zu erfahren. Nicht mehr!
„Zu vage“, kam die zu erwartende Antwort. Nick rollte die Augen und stöhnte genervt. Gut, er sollte an dieser Stelle aufhören. Gerade wollte er es tun, als sich Bloodsport wieder meldete:


„Ich habe gelesen, du hast ein besonderes Wesen? Wie ist das denn gemeint?“ Nick stutzte. Eigentlich hatte er gehofft, dass ihn jemand darauf ansprach, hatte aber nicht mehr damit gerechnet und war nun ein wenig überrumpelt. Er zögerte, raufte sich die Haare und schrieb dann der Bestie:
„Ja, es gibt tatsächlichen so einen Mann!“ Was hatte er schon zu verlieren? Schließlich war alles hier anonym.
Zu Bloodsport schrieb er:
„Na ja, vielleicht ist es zu seltsam, um es hier zu schreiben. Aber ich bräuchte wirklich eine außergewöhnliche Behandlung. Verstehst du etwas davon?“


„Beschreibe ihn mir und wenn du willst, werde ich dieser Mann hier für dich sein“, schrieb Bestie und Nick starrte auf die Buchstaben, bis sie vor seinem Blick verschwommen. Vielleicht lag es aber auch am Bier, das allmählich seine Wirkung zeigte.
„Das kann ich nicht. Ich versuche möglichst nicht darüber nachzudenken. Können wir ins Detail gehen, ohne, dass ich ihn beschreiben muss? Was soll ich mit ihm tun?“
„Die Frage ist, was hättest du gern, was er mit dir tut?“
Auf Leben und Tod kämpfen, oder? Dachte Nick ganz durcheinander und fuhr sich erneut abwesend durch die Haare. Bloodsport antwortete auch nicht und er wusste gerade nicht weiter. Mach einfach aus, befahl er sich selbst, doch er starrte nur weiterhin auf den Chatverlauf.
„Ich … vielleicht würde ich mich von ihm küssen lassen“, tippte Nick zögernd und verschrieb sich dabei einige Male.
„Putzig. Du bist wirklich unschuldig. Es sei denn, du spielst mir etwas vor. Aber das wäre auch in Ordnung, denn dafür sind wir in einem anonymen Chat. Aber vergiss nicht, dass aus diesem namenlosen Geplänkel jederzeit die Realität werden kann.“
War das etwa eine Drohung? Nick runzelte die Stirn. Er wollte gerade tippen, wie Bestie diesen letzten Satz meinte, als eine weitere Frage von ihm kam.
„Hättest du gern, dass dieser Mann dich auf den Mund küsst, Einhorn7?“


Und auch Bloodsport schrieb ihm eine Nachricht:
„Ich habe mich in gewisser Weise spezialisiert, mein Junge. Wie hättest du es gern? Möchtest du dabei bei Bewusstsein sein oder möchtest du eine leichte Sedierung? Falls ja, bräuchte ich zumindest eine Angabe über dein Körpergewicht.“



Nick wurde leicht übel und er fühlte sich für Sekunden vollkommen überfordert.
„Ja, auf den Mund“, schrieb er Bestie und versuchte weiterhin auf unschuldig zu tun, was er auch war. Leider kam er nicht mehr von dem Bild los, dass Seans Mund seine Lippen berührte. Dieser nächtliche Gefallen für Monroe war ja eine super Idee gewesen, dachte Nick bissig. Aber wenn Bloodsport etwas im Schilde führte, dann nahm er auch in Kauf mit seinen geheimsten Sehnsüchten konfrontiert zu werden, die er bisher in die hinterste, finsterste Ecke seines Verstandes verbannt hatte.
Bestie schrieb:
„Bist du schon allein von dieser Vorstellung schockiert, Kleiner?“ Nick lachte verächtlich. Eben noch dachte er, dass Bestie vielleicht doch zu den netten Menschen gehörte und dann kam er wieder mit seiner herablassenden Art um die Ecke.
„Vielleicht bin ich das ja wirklich. Vielleicht macht mir mein Verlangen Angst!“, tippte er wütend. Eigentlich wollte er es nicht abschicken, kam aber aus Versehen auf die Entertaste.


„Fuck!“, knurrte er aufgebracht und tippte Bloodsport mit erheblichen Schreibfehlern im Satz:
„Ich muss in Ruhe darüber nachdenken. Bist du morgen wieder hier?“ Bloodsport antwortete nicht und als er nachsah, war sein Name nicht mehr in der Chatleiste. Offenbar war er, enttäuscht über sein mangelndes Interesse offline gegangen. Nick öffnete sein Profil, sah anstelle des Bildes ein rein Schwarzes Quadrat und nur eine Informationen: Dominant.
In Besties Profil stand immer noch nichts, nur das Einhorn grinste ihn an. Auch Bestie antwortete nicht mehr und das ärgerte Nick nun endgültig.



Als Juliette ihn ansprach, zuckte er so heftig zusammen, dass er mit seiner Hand an die zum Glück schon leere Bierflasche stieß und sie zu Boden fiel.
„Nick, was machst du denn um die Zeit noch?“
„Ich … war noch nicht müde und wollte für einen Fall etwas recherchieren.“ Hastig klappte er seinen Laptop zu und sah zu seiner Freundin, die im Nachthemd an der Tür stand und wie ein Gespenst wirkte.
„Komm ins Bett, Nick.“
Gehorsam stand er auf und folgte ihr. Trotzdem es wirklich schon sehr spät war, lag er noch eine lange Zeit wach. Hatte er tatsächlich mit einer Person geschrieben, die es auf Wesen abgesehen hatte? Oder hatte er sich nur mit Idioten unterhalten und dabei seine Zeit verschwendet?
Warum war er so aufgewühlt?




Auch Sean klappte seinen Rechner zu, nachdem er gesehen hatte, dass sich das Einhorn ausgeloggt hatte, ohne sich zu verabschieden. Seinen schon getippten Satz, der gelautet hätte: „Da gibt es nichts, was dir Angst machen muss! Erst recht nicht, wenn ich es dir zeige.“ löschte er deshalb wieder.
Er saß in seiner eigenen Wohnung, die immer noch in Portland war. Sollten sie doch alle glauben, er war in Europa oder sonst wo. Leider war er gezwungen gewesen Urlaub zu nehmen und musste die viele freie Zeit  jetzt irgendwie totschlagen. Auf keinen Fall wollte er Portland verlassen, denn wenn hier etwas geschah, wenn dem Grimm etwas zustieß und er war nicht hier, würde er sich für den Rest seines Lebens Vorwürfe machen.
Dass er sich in diesem Chat herumtrieb, hatte Gründe. Sean hatte ernstzunehmende Gerüchte vernommen, dass es da draußen einen Perversen gab, der es auf Wesen abgesehen hatte. Jemand hatte ihm anonym den Tipp mit diesem Chatraum gegeben und er hatte sich angemeldet. Nachdem er einige Zeit nur mitgelesen hatte und sich nicht dazu überwinden konnte, eine devote und submissive Rolle anzunehmen, um zu heucheln und diesen Typen vielleicht damit anzulocken, hatte er ausgerechnet heute Abend beschlossen, die Sache anders anzugehen. Und dann kam Einhorn7 mit seiner entzückenden Naivität um die Ecke. Etwas an ihm – und Sean spürte, dass es ein Er war, erinnerte ihn so an Nick, dass es weh tat. So lange hatte er gebraucht diese unnötigen Gefühle für den Grimm zu verdrängen und jetzt waren sie alle wieder da. Es war ein Fehler sich auf dieses verfluchte Einhorn einzulassen. Sean hatte sich zu sehr gewünscht, dass er wie Nick wäre. Er hatte es zu sehr darauf angelegt ihn zu Nick zu machen, ihn dazu zu drängen jemand für ihn zu sein, den er niemals bekommen würde. Aber die Versuchung war sehr groß und dieser Junge war so unglaublich unschuldig, dass es schon wieder echt sein musste. Wenn sich die Bestie nicht um ihn kümmerte, würden ihn die anderen Perversen im Chat verderben und zerfleischen. Deswegen hatte er überhaupt mit ihm geschrieben. Sean hatte nicht gewollt, dass ihm etwas passierte, was er bereuen würde. Einhorn war nicht auf den Mund gefallen, ein cleveres, wortgewandetes Kerlchen und trotzdem erschreckend unwissend. Und eines war er ganz sicher nicht: Submissiv veranlagt.
Und trotzdem hatte Sean unter all den Worten eine unbestimmte Sehnsucht nach Halt gelesen, die ihn berührte. Vielleicht, weil er diesen Wunsch Nick zuschrieb. In seiner Vorstellung war Nick, der Grimm eine ausgesprochen machtvolle Person. Aber genau diese Charaktere hatten oft das Bedürfnis, dass jemand hinter ihnen stand, um sich auch mal fallenzulassen und festgehalten zu werden. Wer stand hinter dem Grimm?
Juliette? Lächerlich. Seine Freunde? Vielleicht. Aber wer wäre besser geeignet als ein mächtiges Zauberbiest?
„Hör auf damit!“, befahl er sich selbst scharf und ging endlich ins Bett. Aber er kam nicht mehr von dem Gedanken los, dass dieses Einhorn wenigstens so tun könnte, als wäre er der Mann, den er mehr begehrte, als er sich eingestehen konnte, geschweige denn, es jemals Nick gegenüber offenbaren würde. Vielleicht würden sie sich wieder treffen? Sean versuchte sich auf seinen morgigen, überaus öden Tag zu konzentrieren. Er würde Nick nicht sehen, das war schon mal das Übelste an allem. Aber er wollte sich mit den Eltern des einen verschwundenen Jungen treffen, um ein paar Details zu erfragen. Sie hatten sich einverstanden erklärt, auch wenn sie zuerst schockiert waren, dass sich ein Zauberbiest um diese Sache kümmern wollte. Erst als er ihnen gesagt hat, er wäre auch Polizist, hatten sie zögernd zugestimmt. Er würde deswegen morgen nach Salem fahren, denn dort wohnte der Junge namens Barry Spears. Dabei erinnerte Sean sich an einen Fall eines gewissen Karl Tylers, der auch als vermisst gemeldet worden war. Soweit er wusste, war er nie aufgetaucht. Am liebsten würde er nun selbst im Archiv nach den Akten schauen, doch er war ja in Rom. Verdammt!




Der folgende Tag schlug den letzten noch, was die Langeweile betraf. Nick und Hank mühten sich ab aus den teilweise hochgradig dementen Heimbewohnern eine sinnvolle Auskunft herauszubekommen. Die Angestellten wussten natürlich von nichts und Nick versuchte der Betreiberin des Heimes auf den Zahn zu fühlen, während sich sein Partner von den alten Damen mit Kuchen vollstopfen ließ. Die Betreiberin mauerte und Nick hatte heute einfach keine Nerven sachlich zu bleiben. Er wünschte sich sehnlichst sie wäre ein Wesen, denn das würde die Sache vereinfachen und abkürzen. Leider war Mrs Huber nur eine starrköpfige alte und überaus menschliche Ziege, die uneinsichtig war. Solange sie keine handfesten Beweise oder Indizien hatten, um ihr Büro oder ihr Haus zu durchsuchen, hatten, kamen sie hier nicht weiter.
Hank war auf dem Rückweg zum PD übel und Nick war gedanklich abwesend. Gleich nach dem Aufstehen war er noch der strikten Meinung gewesen, dass dieser Chatbesuch total sinnlos gewesen war und er das Monroe irgendwie schonend beibringen müsste. Als er heute Morgen zum ersten Mal ins PD kam und er sich dabei ertappte, wie er in Renards leeres Büro starrte, gab er sich selbst gegenüber zu, dass er es vielleicht als eine Art Gedankenexperiment sehen sollte, wenn er diese Bestie dazu brachte für ihn Sean Renard zu sein. Jetzt hatte er sich schon so weit aus dem Fenster gelehnt, hatte das Angebot der Bestie für ihn zu sein, was auch immer Nick aka Einhorn7 wollte, warum also ablehnen? Vielleicht fand er es ja alles andere als berauschend und dann könnte er seine Sehnsüchte wieder ordentlich und für immer wegpacken. Immerhin hätte er sie dann ein Mal zur Kenntnis genommen und wer weiß, vielleicht lag es ja gar nicht am Captain als Mann und Person. Vielleicht war sein einziges Problem, dass er einfach mal einen männlichen Penis tief in sich spüren wollte. Er stöhnte erschrocken über seine Gedanken auf und Hank sah ihn fragend an. Seine Stirn glänzte leicht schweißig und Nick sagte ablenkend:
„Vielleicht hättest du nach dem fünften Stück Kuchen aufhören sollen, Kumpel?“
„Halt mal kurz an …“ ächzte Hank leidend und Nick hielt fast mit einer Vollbremsung. Hank riss die Tür auf und erbrach sich in den Bordstein, ohne auszusteigen.
„Sie hörten sich so an, als wollten sie mir endlich das Geheimnis des verschwundenen Geldes preisgeben …“, wimmerte Hank jämmerlich. Nick grinste nur und dachte: Ja, so wie ich der Bestie erzählen will, dass ich gewisse Vorstellungen von meinem Vorgesetzten habe, der mich allein für diese perversen Gedanken am liebsten töten würde. Aus vielen anderen Gründen natürlich auch, denn schließlich ist er ein verdammtes Wesen und ich der Grimm.
Aber vielleicht war diese Idee gar nicht so übel. Vielleicht sollte Nick wirklich dieses Angebot annehmen, um ein für alle Mal über seine romantische Träumerei hinweg zukommen, die weder etwas in seiner Beziehung mit Juliette zu suchen hatte und erst recht nichts in der Beziehung zwischen Grimm und Wesen. Und selbst zwischen Captain und Detective war die Fantasiespielerei ausgeschlossen. Aber in diesem Chatraum könnte er das Szenario ungesühnt durchspielen und damit abschließen. Das hieße allerdings, er müsste wieder in diesen Chat und vielleicht war Bestie nun gekränkt und würde gar nicht mehr mit ihm schreiben. Schließlich hatte er sich gestern noch nicht mal verabschiedet.


Sean hatte überraschendeweise fast bis mittags geschlafen. Irgendwie war sein Rhythmus ganz durcheinander gekommen, wenn er nicht zur Arbeit gehen musste. Er hätte keinen Urlaub gebraucht, wurde aber gesetzlich dazu gezwungen. Nach einem schnellen Frühstück fuhr er nach Salem zu Spears Eltern.
Er fand das Haus schnell, die Sonne schien und der Tag war wirklich angenehm. Auf der Fahrt nach Salem hatte er sich versucht vorzustellen, wie sein Leben aussehen würde, wenn er nicht der Captain des PPD wäre. Wenn er wirklich nur ein ganz gewöhnlicher Mann wäre und Nick nur ein ganz normaler Mensch. Würde es eine Chance für sie beide geben? Könnte er selbst darauf verzichten in allem und jedem mehr zu sehen, als da war? Woher kam Einhorns Frage, ob er Realist wäre oder auch an andere Dinge glaubte? War Einhorn vielleicht tatsächlich ein Wesen? Sein Satz im öffentlichen Chatraum hätte darauf hindeuten können. Doch Sean wollte lieber nicht mit der Tür ins Haus fallen. Dann war Einhorn vielleicht ein Mauseherz und würde schneller verschwinden, als er schreiben konnte. Aber gerade, weil Einhorn vielleicht ein Wesen war, fühlte sich Sean besonders dafür verantwortlich. Erst recht, weil er vermutete, dass sich in diesem Chat jemand herumtrieb, der es auf Wesen abgesehen hatte. Jeden, der Einhorn öffentlich angeschrieben hatte, hatte Sean einer Kontrolle unterzogen. Inzwischen hatte er auch den Betreiber des Chatrooms herausgefunden und sich seine Adresse besorgt. Im Notfall würde er ihn zwingen Daten rauszugeben. Aber noch wollte er nicht mehr Staub aufwühlen, als sein musste. Ja, gestand er ein, es war, weil er darauf hoffte, doch noch mal ein paar Sätze mit Einhorn zu wechseln. Welches Wesen konnte sich mit einem Einhorn vergleichen? Oder war es nur ein Scherz? Sean kam nicht dahinter. Das Einzige, was er wusste, war, das Einhorn sich offensichtlich ebenso vom Fantastischen und Übernatürlichen angezogen fühlte, wie er. Aber vielleicht hatte er einfach auch nur zu viel Fantasie. Vielleicht war er aber auch ein Wesen, was in Gefahr lief getötet zu werden. Und wenn er Einhorn nur unbedingt zu jemanden machen wollte, was er gar nicht war? Andererseits, wenn Einhorn das selbst so wollte, war es doch nicht so schlimm, oder?
Aber Sean war weitsichtig genug, um zu wissen, dass es die Sache mit Nick eigentlich nur verschlimmerte, wenn er sich darauf einließ. Andererseits musste er seinen verdammten Urlaub, in dem er Nick nicht treffen und überwachen konnte, irgendwie herumbekommen.


Die Eltern des Jungen Barry waren dieselben Wesen wie Rosalee eines war: Fuchsbau.
Sie waren ängstlich, weil sie wussten, was er war. Aber Sean zeigte sein Wesen nicht, zeigte den Eltern stattdessen seine Polizeimarke, ohne seinen Namen und seinen Rang zu nennen. Glücklicherweise reichte ihnen das, denn sie wollte nichts anders, als ihr Kind zurück. Sie baten ihn ins Haus, beäugten ihn aber weiter nervös. Erst als Barrys Mutter ihm eine Tasse Kaffee brachte und Sean sich demonstrativ entspannt zurücklehnte, entkrampften sich auch die Wesen. Sie hatten ihren Sohn damals als vermisst gemeldet, doch da er volljährig war, wurde eher halbherzig nach ihm gesucht. Zu viele Menschen verschwanden täglich und Sean kannte eine Statistik, die besagte, dass die meisten ganz freiwillig verschwanden. Bei Barry sah das auf den ersten Blick anders aus. So wie er das verstand, waren die Spears liebende Eltern, die ein gutes Verhältnis zu ihrem Sohn hatten, der noch zu Hause wohnte und hier im Ort eine Lehre als Bäcker begonnen hatte. Über den Fall gab es sicherlich Akten, doch im Moment hatte Renard darauf keinen Zugriff, weil er ja offiziell im Urlaub war.
Er durfte sich Barrys Zimmer ansehen und nach ein paar schwierigen Momenten erzählte ihm Barrys Mutter von der Leidenschaft ihres Sohnes für Leder, Peitschen und allerlei „Instrumenten“, wie sie es ausdrückte. Sie zeigte dabei ihr Wesen und Sean fragte nur ruhig, ob er sich den Computer des Jungen ansehen dürfte. Er durfte und fand natürlich den Chat. Leider waren weder Benutzername, noch Passwort gespeichert. Kluger Junge, dachte er und korrigierte sich gleich. Nicht klug genug, um die Gefahr zu erkennen. Alarmiert dachte er an das naive Einhorn und hoffte still, dass er vor ihm im Chat sein würde, um ihn davon anzuhalten sich mit anderen Monstern abzugeben. Sonst war auf dem PC nichts Interessantes zu finden. Unter dem Bett war eine Kiste, die Mrs Spears sogar für ihn hervorholte.
„Ich glaube, Barry wusste nicht, dass wir es wusste. Aber wir wollten ihm alle Freiheiten lassen und wenn er glaubt, dass er das brauchte, dann musste er es eben tun …“, sagte sie dabei leise und traurig. Sean warf einen Blick in die Kiste, fand ein paar Fessel- und Bondagesachen, ein paar Vibratoren und Analketten, ein paar Latexslips und zwei Peitschenarten. Er schloss den Deckel wieder und fragte:
„Wo wollte er an diesem Samstagabend hin? War er mit Freunden verabredet?“
„Barry hatte keine Freunde. Er war ein Einzelgänger und trieb sich hauptsächlich im Internet herum. Aber an diesem Samstag wollte er wirklich weggehen. Er wollte nach Portland fahren, weil er da irgendein Spiel lief, zu dem er wollte.“
„Ein Spiel?“
„Ich weiß nicht, was er damit meinte. Ich habe nachgefragt, doch er hat nur gegrinst und mir einen Abschiedskuss gegeben. Oh, mein armer Junge. Könnte er noch am Leben sein?“
„Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich werde es herausfinden. Doch ich ermittele nicht offiziell. Der Fall liegt bei den offenen Akten, Mrs Spears. Ich werde alles tun, um Barry und die anderen Jungs lebend zu finden, kann aber nichts versprechen.“
„Wer spricht mit mir? Der Polizist oder das Zauberbiest?“, fragte sie ihn mit Tränen in den Augen. Sean legte ein wenig den Kopf schief, erwiderte ihren Blick und sagte dann ernst:
„Der Mensch in mir.“


Ein Spiel in Portland? Mit diesen Gedanken fuhr Sean zurück nach Portland. Wenn das mal keine Einladung war, um im Internet zu recherchieren, welche Art Spiel da wohl gemeint sein könnte. Nebenher könnte er ja den Chat laufen lassen, vielleicht tauchte das Einhorn wieder auf. Hoffentlich.



Nick las sich aufmerksam die kurze Akte von Karl Tyler durch. Er war ein hübscher Kerl gewesen und obwohl Nick wusste, dass er ein Wesen war, sah er keines in ihm. Er müsste zu der Mutter fahren, um zu erfahren, welche Art Wesen Karl war. In den Akten standen ein paar Gesprächsprotokolle die mit Freunden, Mutter und anderen Personen geführt wurden. Es gab keine gemeinsame Richtung, in welche die Aussagen deuten würden. Karl war an einem Samstag verschwunden. Ein Bekannter sagte aus, er wäre auf dem Weg auf die Westseite des Willamette Rivers gewesen, weil da wohl irgendeine Event stattfand, bei dem er unbedingt dabei sein wollte. Um welche Art Event es sich handelte, wusste er nicht, da er wortwörtlich „zugedröhnt“ war, als Karl mit ihm sprach. Nach dem Karl am Montag immer noch nicht wieder aufgetaucht war, hatte ihn seine Mutter als vermisst gemeldet. Die Untersuchungen hatten nicht viel ergeben, außer, dass Karl homosexuell war, was wohl selbst die Mutter überrascht hatte.
Auf dem Weg nach Hause fuhr Nick bei Karls Mutter vorbei.
Sie entpuppte sich als ein Katzenfußer, von dem Nick zwar schon gelesen hatte, ihn aber noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Katzenfußer zählten ähnlich wie Mauseherzen eher zu den scheu und ängstlich veranlagten Wesen. Die Mutter wollte dem Grimm die Tür vor der Nase zuschlagen, doch Nick drückte sie mit den Worten auf:
„Keine Angst, ich will nur Karl finden. Ich bin Polizist.“ Er hielt der Frau seinen Ausweis und seine Marke hin und versuchte möglichst ruhig zu bleiben.
„Du bist ein Grimm!“, wimmert sie, warf aber einen schnellen Blick auf seinen Polizeiausweis.
„Und auch ein Polizist. Ich bin hier, weil ich nach Karl suche.“
„Aber das ist schon so lange her. Ich bin sicher, er ist schon längst tot.“
„Vielleicht aber auch nicht. Ich würde gern versuchen ihn zu finden.“
„Warum?“
„Weil mich ein Freund um diesen Gefallen gebeten hat und ich nicht zulassen kann, dass hier jemand in meinem Revier wildert. Wenn jemand Wesen tötet, dann bin ausschließlich ich das.“ Sie sah ihn lange zweifelnd an und dann endlich verschwand ihr Wesen wieder. Dann sprach sie mit ihm und Nick musste leider einsehen, dass sie von ihrem Sohn nicht allzu viel wusste. Er führte sein eigenes Leben, gab sich mit den falschen Freunden ab, die ihn ausnutzten, nahm hin und wieder Drogen und erzählt seiner Mutter kaum etwas. Er hatte im selben Mietshaus wie sie einen Wohnung, in der man laut Akte nichts gefunden hatte. Inzwischen war sie wieder vermietet und Karls Mutter ließ Nick die Kisten durchsehen, die Karls ehemaliges Leben waren. Er fand nichts, dem er Beachtung schenken musste.
„Und … sie wussten wirklich nicht, dass ihr Sohn auf Männer stand und eine Neigung zum Sado-Masochismus hatte?“, fragte er sie ungläubig.
Sie legte den Kopf schief und meinte dann nur:
„Na ja, dann hat er doch wenigstens etwas von seinem verfluchten Vater. Der stand auch darauf mich zu verprügeln. Nein, Deputy, ich wusste nicht, dass er schwul war. Er war nicht allzu gesprächig und mitteilungsbedürftig.“
„Ich bin Detective“, entgegnete Nick gelassen und rollte nur innerlich die Augen. Er bedankte sich kühl und verließ dann die ungemütliche Wohnung dieser verbitterten Frau. Kein Wunder, dass sich der Sohn in so einem Chat herumgetrieben hatte. Da fand man vielleicht seltsame Gestalten wie diese Bestie, doch selbst die verströmten mehr Wärme als diese Mutter.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast