Des Einhorns rosaroter Traum

GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Hank Griffin Det. Nick Burkhardt Eddie Monroe Juliette Silverton
05.07.2018
07.09.2018
12
41808
26
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Und da ich euch eine fluffige Geschichte versprochen hatte, in der ein Einhorn mitspielt … und da die Kaleidoskop Serie aus 2 langen und dramatischen Teilen besteht und sich einfach dreist vorgedrängelt hat, dachte ich mir, ich mache den Lesern eine Freude und poste nebenher die leichtere und amüsantere „Einhornstory“.  Und es wird natürlich auch heiß ^^
Ich hoffe, ihr mögt sie. Lasst es mich wissen!

Edit: und ja, ich weiß, dass ich fies bin nur ein Kapitel zu posten und euch jetzt so lange auf eine Fortsetzung warten lasse. Sorry schon mal :E
~~~~~~~~~~~~~~~~+++++++++++++++++++++++~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~+++++++++++++++++++++++~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~++++++++++++++++++++++~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~+++++++++++




„Ist das nicht herrlich? Nur du und ich. Wir beide und kein griesgrämiger Blick aus seinem Büro!“ Demonstrativ hatte Hank erleichtert geseufzt und mit einer Kombination aus Augenrollen und Kopfzucken über seine Schulter in Richtung Renards Büro gedeutet.
„Du und ich und überhaupt kein interessanter Fall“, hatte Nick grinsend geantwortet.
„Na ja, Taschenraub, ähm, ich meine Kopfkissenraub im Altersheim kann durchaus sehr spannend sein, Nick. Wo genau ist der Captain eigentlich im Urlaub? Man hörte munkeln er ist in Rom. Was will er denn in Rom? Sich beim Papst heilig sprechen lassen?!“
„Renard und heilig? Witzig. Ich habe keine Ahnung Hank. Genießen wir einfach die entspannte Zeit.“
„Recht so, mein Freund!“, sagte Hank und gähnte ausgiebig, während er sich ungeniert in seinem Bürostuhl rekelte wie eine Katze während eines Sonnenbades auf der Fensterbank.


Das war heute Morgen gewesen. Der Tag war unglaublich ermüdend und so wenig anstrengend, dass Nick sich zu einer abendlichen Runde Joggen entschloss, doch gleichzeitig Monroes Haus ins Visier nahm. Das Blutbad schien hocherfreut ihn zu sehen. Er lotste ihn gleich nach hinten auf seine Terrasse und schubste ihn sanft auf die Hollywoodschaukel. Wie schon vorbereitet, drückte er ihm eine herrlich kühle Bierflasche in die Hand und nahm schweigend neben Nick Platz. Nach einem Weilchen Schaukeln fragte Nick vergnügt:
„Nun rück schon mit der Sprache raus, Monroe. Ich merke doch, dass du ein Anliegen hast. Keine Sorge, ich bin gerade unterbeschäftigt und hätte ganz viel Zeit.“
„Okay, wenn du mich so fragst … also, ich habe Gerüchte gehört …“ Er suchte sichtlich nach den passenden Worten  und Nick, der ihn neugierig betrachtete, musste einfach nachfragen.
„Gerüchte?“ Das Blutbad errötete leicht und wackelte dann unschlüssig mit dem Kopf.
„Okay, nicht nur Gerüchte. Also hör zu, Nick. Es gibt da jemand, der Wesen auflauert. Männlichen, jungen Wesen. Er bezirzt sie irgendwie, sie laufen in seine Falle, er sammelt sie ein und … keine Ahnung, was er mit ihnen tut. Sie tauchen nie wieder auf.“
„Sprichst du von Mord oder Entführung, Monroe? Denn, wenn das so wäre, müssen wir es offizielle machen.“ Das Blutbad wandte sich unglücklich und holte dann tief Luft.
„So einfach ist es nicht. Es gibt da einen Kerl namens Jim, doch das ist unwichtig. Aber er hat mir erzählt, dass der Neffe seines Freundes verschwunden ist. Der Neffe war gerade mal 19 Jahre alt. Die Komplikation an der Sache ist, dass der Junge wohl ziemlich hardcore im Internet unterwegs war und da wohl an einen Typen – ich denke zumindest, es ist ein Kerl – geraten ist, der ihn dazu gebracht hat, irgendwo hinzugehen, um ihn zu treffen. Von diesem Ort ist er nicht mehr wiedergekommen, wie angeblich noch ein paar andere männliche Wesen in und um Portland herum. Ein „Wesensfänger“ geht um, Nick. Das wird zumindest hinter vorgehaltener Hand gemunkelt.“
„Das hört sich ziemlich nach wilder Spekulation an, Monroe. Wenn die Leute jemand vermissen, müssen sie ein Vermisstenanzeige machen, dann kümmern wir uns darum.“
„Das haben sie, Nick. Doch ohne Erfolg. Stellt man die Suche nicht ein, wenn es zu lange her ist?“
„Sie wird nie ganz eingestellt, aber sie kommt irgendwann zu den kalten Fällen. Gerade bei Vermisstenanzeigen, wenn man davon ausgehen muss, dass das Opfer tot ist, passiert das irgendwann zwangsläufig. Wie lange ist das Verschwinden des jungen Mannes denn her?“
„Ein paar Monate bestimmt schon. Bestimmt ist er in euren Datenbanken. Karl Tyler heißt dieser Neffe, wenn du nachschauen willst. Aber wenn das PPD Erfolg gehabt hätte, wäre er ja wieder da … oder man hätte wenigstens seine Leiche gefunden, oder?“
Nick schwieg und dachte nach. Fälle von Vermissten waren immer schwierig zu lösen und führten eher selten zum Erfolg. Oft war es einfach so, dass die Vermissten ganz freiwillig ‚verschwunden‘ sind, aber absichtlich nichts oder nur Angst hinterlassen wollten. Das sagte er seinem Freund in diesem Moment aber besser nicht.
„Ich kann gern morgen nachschauen. Aber warum habe ich das Gefühl, du erwartest etwas anderes von mir Monroe?“ Sein Freund druckste rum und Nick verstand, dass da noch mehr gab.
„Na ja, die Jungs, die verschwunden sind, haben sich vorher, laut Gerüchten in einem gewissen, regionalen Chatraum herumgetrieben. Das habe ich schon herausbekommen. Ich vermute, sie haben dort denjenigen kennengelernt, der sie letztlich dazu animiert hat, abzuhauen oder Gottweißwas zu tun. Keine Ahnung, ob das in euren Berichten steht. Alle die ich gefragt habe, haben es mir nur nach intensivem Nachfragen und auch nur erzählt, weil ich selbst ein Wesen bin. Ich kann mir vorstellen, dass sie diese Tatsache der Polizei gegenüber lieber unerwähnt gelassen haben.“
„Ich kann da niemand offiziell dransetzen, wenn es keine entsprechende Anzeige oder einen schwerwiegenden Hinweis gibt. Das weißt du, Monroe?! Außerdem ist der Captain gerade nicht im Haus, der für solche Entscheidungen zuständig ist.“
„Ich weiß schon, Nick. Ich frage dich auch als Grimm. Denn die Sache hat einen Haken.“
„Welchen?“
„Es war ein ganz spezieller Chatraum. Ein SM-Chatraum, in dem sich Leute treffen, die ein Interesse an Sado- oder Masochismus oder Schlimmeren haben. Zumindest Karl war homosexuell. Was mit den anderen verschwundenen jungen Männern ist, weiß ich nicht.“ Nick hob erstaunt die Brauen und schwieg zerstreut.
„Und … du möchtest jetzt, dass ich mich da herumtreibe, um einen eventuellen Verführer zu finden, der es auf junge, männliche Wesen aller Art abgesehen hat? Ist das dein Ernst, Monroe?“ Das Blutbad stöhnte und rieb sich mit einer Hand übers Gesicht.
„Ja, ich gestehe. Es ist mein Ernst. Sag von mir aus nein, ich bin dir nicht böse. Aber um mein Gewissen zu beruhigen, musste ich dich einfach fragen. Nimm es mir bitte nicht übel, ja?“ Nick lächelte und schlug seinem Kumpel leicht auf den straffen Oberschenkel.
„Nein, ich nehme dir das nicht übel. Dafür mag ich dich doch, mein Freund. Wie heißt dieser Chatraum?“
„Ehrlich? Du willst es versuchen, Nick?“
„Ja, aber nur, weil ich mich gerade ziemlich langweile. Hatte ich dir erzählt, dass Hank und ich einen überaus spannenden Raub im Altersheim untersuchen, bei dem Bargeld unter den Kopfkissen verschwindet? Ich wette, es ist die Betreiberin der Anlage, die hochverschuldet ist. Wir brauchen nur noch genug Beweise und ein paar vollständige Sätze von den Zimmerbewohnern, was wirklich keine einfache Sache ist, obwohl die alten Damen Hank lieben.“
Monroe strahlte und Nick wusste, dass er das Richtige tat ihm zu helfen. Schon so oft hatte das Blutbad ihm geholfen. Was war da ein bisschen abhängen in einem Chatraum dagegen?
„Oh, Nick, du bist der Wahnsinn! Also gehe auf die Seite: TalkdirtyinPortland.com. Die Anmeldung ist gratis. Ich war schon mal ganz kurz dort, doch ich habe nicht deine Instinkte und weiß nicht, nach was ich suchen soll und unter uns gesagt, hat es mich ziemlich verstört.“ Monroe sah verlegen zur Seite und wieder musste Nick schmunzeln.
„Kein Problem. Ich sehe mich mal um. Danke fürs Bier!“


Nick verabschiedete sich und joggte motiviert nach Hause. Er war hellwach und würde gleich mal sehen, ob er etwas herausfinden konnte. Auf so ein Gerücht hin zu ermitteln, war zwar suboptimal und er müsste morgen dringend einen Blick in die Akte Karl Tyler werfen, doch sich diesen Chatraum anzusehen, würde nicht schaden.


Er sprang schnell unter die Dusche, sah Juliette schon tief und fest schlummern und setzte sich mit seinem Laptop ins Wohnzimmer auf das Sofa. Die Seite war einfach zu finden, ein Pseudonym, um sich anzumelden schon nicht mehr. Er versuchte verschiedene Kombination und seufzte dann entnervt, weil alle schon vergeben waren oder nicht akzeptiert wurden. Gedankenlos tippte er dann „Einhorn7“ ein und rechnete nicht im Traum damit, dass dieser dämliche Name frei war. Doch er war es und Nick war plötzlich im Hauptchatraum. Ein ganzes Weilchen las er einfach nur mit, war allerdings nur mäßig über den Inhalt und den Ausdruck der geschrieben Gelüste erstaunt. Vermutlich hatte er nicht nur als Detective, sondern auch als Grimm eine ganze Menge erlebt und war schon so abgestumpft, dass es ihn kaum berührte. Dann wurde es ihm langweilig und er schrieb seinen ersten Satz:
„Hallo, ich bin heute zum ersten Mal hier!“
Gleich stürzten sie sich auf ihn, wie die Fliegen auf einen Kackhaufen. Er bekam Anfragen, ob er dominant oder submissiv war, warum es nicht in seinem Profil stand und warum er kein Foto von seinem Schwanz drin hatte. Man wollte wissen, welche Vorlieben er hatte und ob er vielleicht sogar einen Zwilling hätte.
Zwilling? Dachte Nick irritiert und verstand mit einem Mal Monroes Verwirrung sehr gut.
Ein, dem Pseudonym nach männlicher Typ wollte sich von ihm bewusstlos schlagen lassen, ein anderer Typ Namens Hammerschlag suchte noch einen willigen Sklaven zum Stiefellecken und er wurde auch von Frauen (zumindest dem Chatnamen nach) angesprochen. Nick schrieb eine lange Zeit nichts, sondern las nur die Merkwürdigkeiten, die auf ihn einprasselten. Ein paar der User schrieben ihn privat an, er antwortete besser nicht. Noch regten sich seine Instinkte nicht. Deswegen verfeinerte er mit einem schmallippigen Grinsen die die Suchanfrage:
„Ich bin jung, männlich und suche einen erfahrenen Mann“, schrieb er, ohne ins Detail zu gehen. Ein paar Belästiger ließen ihn sofort in Ruhe. Trotzdem bekam er neue Angebote. Über Doppelpenetration bis Kastration war alles dabei. Nick holte sich gelassen ein Bier, grinste und sah, als er wiederkam eine neue Flut von Nachrichten.
„Oh man …“, murmelte, als er eine Nachricht nach der anderen las. Interessant war, dass ihn niemand wegen seines lächerlichen Namens ansprach. Die meisten User hatten volltönende und sehr bildliche Namen. Zehenlutscher war dabei noch einer der harmlosen. Er mit seinem Einhorn schien eher eine Besonderheit zu sein. Denn selbst die submissiv veranlagten User hatten kriecherische Namen wie Anallecker und meistens ein sub dahinter. Gemütlich las er sich die Kommentare durch und siebte instinktiv aus.
Einer, mit dem Namen Ritzenschlitzer nahm er genauer in Augenschein und schrieb ihn privat an. Er, wenn es ein er war, entpuppte sich als Analphabet, der kaum ein Wort orthographisch richtig schreiben konnte. Wieder schrieb Nick ein Häppchen, um wen auch immer anzulocken.
„Ich bin vielleicht ein wenig anders, als andere und suche daher eine speziellere, gern auch explizite Beziehung, die meinem Wesen entspricht.“ Einer schrieb empört:
„Ey, Alter, das hier ist ein Chat und keine Stellenanzeige! Schreib verständlich!“ Der nächste tippte:
„Ich gebe dir alles, was du willst, kleiner Honigtopf. Komm nur bei mir vorbei und ich stecke in jedes Loch etwas. Ich schneide es vorher für dich sogar ab …“ und es kamen weitere sinnlose Kommentare. Nach etwa zehn Minuten holte Nick tief Luft. Es war wohl doch nicht so einfach, wie er gedacht hatte. Vielleicht war dieser Eventuell-Entführer zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht mal hier unterwegs, sondern schlitzte gerade Wesen auf. Nick setzte sich ein paar verdächtige Namen auf die Liste, denen er Freundschaftsanfragen schickte. Jeder nahm an, bis auf einer.



Dieser User, der seine Freundschaftsanfrage nicht annahm, nannte sich selbst Bestie. Er hatte die deutsche Bezeichnung dafür benutzt und das hatte den Grimm dazu bewogen ihn überhaupt anzufragen. Nick wartete ein Weilchen und chattete gelangweilt mit einem User namens Pokerface23, der ihm vorschlug in einen privaten Chatraum zu wechseln. Nick zögerte, schloss einen Moment die Augen und versuchte seine Grimm Sinne zu aktivieren. War das hier Zeitverschwendung? Bestimmt. Bevor er sich einen privaten Chatraum mal ansah, schrieb er Bestie privat an:
„Warum nimmst du meine FA nicht an?“ Die Antwort kam umgehend.
„Weil ich dich nicht angefragt habe.“ Das war richtig. Nick hatte ihn gefragt, weil ihn sein Name reizte. Immerhin stammte er selbst von Deutschen ab und vielleicht lag es nur daran.
„Nur daran liegt es?“
„Nö. Ich finde auch deinen Namen nicht gerade ansprechend.“
„Ja, Bestie klingt natürlich auch sehr verführerisch und so, als wenn man dich unbedingt kennenlernen will. Bekommst du hier jemand ab?“
Bestie antwortete nicht und Nick wurde ein wenig verärgert. Bis jetzt war er eher amüsiert und gelassen und er hätte nicht gedacht, dass ihn heute noch irgendwas aus der Ruhe bringen würde.
Als der Kerl nicht antwortete und ihn dafür Pokerface nervte endlich in den Chat zu kommen, schrieb er Bestie:
„Warum Deutsch? Hast du einen Bezug dazu?“
„Warum nicht Deutsch?“, kam es einsilbig zurück. Okay, der Kerl hatte offenbar kein Interesse an ihm. Das war mehr als deutlich, musste Nick einsehen.
„Lust auf eine privaten Raum?“, fragte Nick frech, weil er sich auf unerklärliche Weise herausgefordert, ja beinah provoziert fühlte.
„Sagt dir niemand der anderen Spinner zu?“
„Nein, ich bin sehr wählerisch.“
„Ja, das schriebst du schon. Das schreibt jeder, der glaubt, etwas Besonderes zu sein und weißt du was? Die wenigstens sind es wirklich.“
„Oh Gott … es kann sogar mehr als drei Worte aneinander reihen …“, murmelte Nick ironisch vor sich hin. Wer auch immer diese Bestie war, es war eine arrogante, selbstverliebte Sau und es bereitete Nick nun fast ein diebisches Vergnügen ihm einen devot veranlagten Jungen auf der Suche nach Erniedrigung und Schmerz vorzuspielen. Doch so einfach sollte es nicht werden. Bestie eröffnete überraschend doch einen privaten Raum und lud Nick ein. Er nahm sofort an und ärgerte sich gleich darüber. Hätte er ihn nicht ein wenig zappeln lassen müssen, damit es authentisch wirkte? Andererseits war er devot veranlagt und hatte bisher eher die große Klappe. Er müsste ein wenig mehr in seine Rolle einfinden, wenn er hier etwas erfahren wollte. Irgendwie hatte er die Ahnung, dass Bestie etwas wissen könnte. Er schien zumindest nicht einer dieser dämlichen „oh-fick-mich-bitte“-User zu sein, die verzweifelt nach Sex suchten.



„Was gefällt dir an meinem Pseudonym nicht?“, fragte er mit drei Smileys nach dem Satz.
„Lass die Smileys weg, wir sind nicht im Kindergarten. Ich hoffe, du bist volljährig?“
„Bin ich. Beantwortest du mir vielleicht meine Frage?“
„Dein Name ist nicht gerade subtil.“
„So wie deiner auch nicht.“
„Richtig. Dein Problem ist die 7.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Das bedeutet, dass du nichts Besonderes mehr bist, weil es schon 6 andere Einhörner vor dir geben könnte und noch unzählige andere nach dir.“

„Häh?“, machte Nick leise. Der Typ hatte sie ja nicht alle, auch wenn er rein von der Logik her recht hatte.
„Ja, tut mir leid, dass ich so unkreativ bin. Kennst du nicht den Spruch: Fake it, till you make it?“
„Du willst also das 7. Einhorn werden? Glückwunsch. So eine dämliche Antwort lese ich hier selten. Und es gibt eine Menge Idioten hier.“
„Warum bist du dann hier?“
Virtuelles Schweigen. Nick ging sein Bier wegschaffen und merkte, dass er beschissen hellwach war, obwohl er sich nur mal zehn Minuten in diesem Chatraum umsehen wollte.
„Bist du jetzt angepisst, weil ich dich mit den Idioten in einen Topf geworfen habe?“, fragte Nick mit klopfendem Herzen, als er an seinen PC zurück kam und Bestie noch immer noch geantwortet hatte.
„Nein. Ich hatte Netzschwankungen.“

„Oh, na dann ….“, flüsterte Nick sarkastisch vor sich hin und schrieb:
„Bis du männlich oder weiblich?“
„Fragst du das jetzt ernsthaft? Bist du ein Pferd mit Horn oder ein Horn mit Pferd?“
„Wollen wir auf diesem Niveau weitermachen, Bestie?“
„Du kennst das Wort Niveau und kannst es sogar richtig schreibe. Das freut mich und deshalb folge ich dir auf deinen intellektuellen Wegen. Kommen wir zum Kern: Was schwebt dir so vor?“
„Kurze Fragen noch: Bist du im realen Leben auch so ein Ekel?“ Wieder kam ewig keine Antwort.
„Was ist? Netzschwankungen? Oder habe ich deine Gefühle verletzt?“
„Hast du ganz sicher nicht. Jetzt komm zum Punkt, Einhorn7. Du bist neu im Chat, das kann ich sehen. Doch auch neu in diesem Bereich?“
Jetzt zögerte Nick und überlegte, wie er auf diese Wesens-Sache kommen sollte, ohne, dass es zu unecht und zu aufgetragen sein würde. Er wollte gerade eine kryptische Andeutung schreiben, als Bestie schrieb:
„Nein, weißt du was? Erzähl mir erst einmal etwas über dich. Vielleicht kann ich dir dann schon sagen, was du brauchst.“
„Okay … was willst du wissen?“, versuchte sich Nick auf das allgemeine Chatniveau hinab zu begeben.
„Nur Dinge, die du mir sagen willst. Mich interessiert nicht wie groß du bist, ob du zwei Schwänze hast ist und ob deine Augenfarbe blau ist. Fangen wir ganz simpel an:
Wie war dein Tag?“
Unwillkürlich musste Nick schmunzeln. Seine Frage klang nett und wer auch immer am anderen Ende saß und vielleicht war es sogar der Entführer, dieser Typ konnte charmant und sehr überzeugend sein. Seine Nettigkeit nahm man ihm ebenso ab wie seine direkte Unfreundlichkeit. Spontan musste Nick an Sean Renard denken. Auch er hatte diese unmittelbare und unumwundene Art, die nicht immer gut ankam. Aber ganz selten hatte er ihn auch nett und einfühlsam erlebt und diese wenigen Male waren ihm sehr gut im Gedächtnis geblieben. Diese Momente hatten ihn berührt und ihm zugeflüstert, dass auch Renard nicht so übel war, wie er sich selbst gern darstellte.
„Ganz gut. Ein bisschen langweilig vielleicht.“
„Welchen Job hast du?“ Okay, dachte Nick beunruhigt. Fragen zum RL sollte man nie beantworten. Andererseits war Bestie offenbar kein Trottel und wenn er nun schrieb, er wäre ein Postbote, würde er das als Lüge durchschauen. Vielleicht sollte er seine Fantasie spielen lassen, schließlich war er Einhorn7.
„Ich bin ein Privatdetektiv.“
„Wie der berühmte Sherlock Holmes?“
„So ähnlich, ja. Vielleicht nicht ganz so clever.“
„Dann hast du heute einen Fall gelöst?“
„Fast. Noch nicht ganz. Es braucht noch ein wenig Feinarbeit.“
„Um was geht es in dem Fall?“
„Das ist vertraulich. Du weißt schon, berufliche Verschwiegenheit und so …“
„Verstehe. Ich glaube dir kein Wort, aber es ist amüsant mit dir zu plaudern.“
„Beantwortest du mir auch Fragen?“, versuchte Nick sein Glück. Inzwischen glühten seine Wangen verdächtig.
„Sicher. Wenn es die richtigen Fragen sind.“
„Bist du eher ein Realist oder glaubst du, dass es auf der Welt mehr gibt, als das was wir sehen können?“ Irgendwie versuchte Nick nun verkrampft zum Thema Wesen zu kommen, was keineswegs einfach war. Eine Zeit lang kam keine Antwort und Nick wollte schon ein ? schicken, doch dann schrieb Bestie.
„Ich bin beides. Realist und eine Art Fabelwesen. So wie du ein Einhorn bist.“ Nick verschlug es den Atem. Er las WESEN und die Worte „so wie du ein Einhorn bist“. Implizierte das, dass Bestie ihm unterstellte ein Wesen zu sein? Hatte er etwa seinen Verführer schon gefunden? So schnell? Unmöglich.
„Und wozu bist du dann in einem Chat wie diesem? Ich dachte, hier geht es um etwas anderes.“
„Man kann durchaus etwas anderes an Orten finden, an denen man nicht danach sucht. Ich bin hier, weil ich etwas suche, finde aber Einhörner, obwohl die mich nicht interessieren.“
„Du bist rätselhaft.“
„Das sagt man mir nach.“
„Und arrogant und von dir selbst überzeugt.“
„Auch das. Und du möchtest jetzt also, dass ich dich für deine große Klappe bestrafe, nehme ich an? Das hättest du auch einfacher haben können. Doch immerhin kannst du Groß- und Kleinschreibung unterscheiden und das zeichnet dich schon mal aus. Also, dann sag mir mal deine Wünsche und wenn sie sich mit meinen decken, können wir weiterschreiben.“
„Tust du das absichtlich?“
„Was tue ich denn?“
„Dich so abweisend verhalten, damit ja niemand auf die Idee kommt, dass du vielleicht ganz nett und umgänglich bist.“
„Das ist totaler Unsinn und die übliche Spekulation ohne jegliche Grundlage. Du kennst mich gar nicht und versuchst dir gerade dein Traumbild von der Bestie zu basteln. Aber das ist okay, dafür bist du hier. Vergiss nur nie wo du bist und wer du bist, Einhorn. Möchtest du jetzt mit mir über deine finsteren Gelüste sprechen? Wenn nicht, würde ich jetzt gern offline gehen, denn ich habe noch zu tun.“
„Ähm, nein. Warte …“


Plötzlich wollte Nick nicht, dass Bestie ihn schon verließ. Es fing an Spaß zu machen und in seinem Inneren war es angenehm warm geworden. Er hatte durchaus mit allerlei Abartigkeiten gerechnet und die auch zu lesen bekommen. Mit dieser amüsanten Wendung hatte er nicht wirklich gerechnet. Es machte Spaß mit Bestie zu plaudern. Witziger wäre es fast nur, wenn er Bestie sagen könnte, dass er ein Grimm war. Irgendwas war zwischen ihren Worten, was Nicks Herz erfreute und das fand er überaus seltsam, denn es war eine seltene Regung, die er nur manchmal hatte, wenn er mit Sean Renard zu tun hatte. Nick schob es immer auf sein Zauberbiest-Wesen, war sich aber nicht wirklich sicher, ob es daran lag. Aber es erinnerte ihn an die angenehmen Seitens des Captains, die man nicht allzu oft zu sehen und noch weniger oft zu spüren bekam. Doch wenn es mal so war, war man in positivem Sinne schockiert. Nick wusste, dass es diese angenehmen Seiten gab und er war sich sicher, dass Sean Renard auch nur ein Mann war, der insgeheim gemocht und geliebt werden wollte.
Und warum verdammt, kam er von der Bestie zu Sean Renard? Ermahnte er sich streng und setzte sich zurecht. Nur noch zehn Minuten nahm er sich vor.
Review schreiben