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Das Ende der Strecke

von LilysEyes
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Ashley Dinah Greaseball Pearl
05.07.2018
03.10.2018
18
41.220
3
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Dieses Kapitel
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14.07.2018 1.486
 
Obwohl die Worte des Rauchwagons Pearls Sorgen etwas gemindert hatten, hatten sie sie nicht ganz vertreiben können. Den Tag hindurch kehrten ihre Gedanken immer wieder zu der seltsamen Unterhaltung, die sie mit Caboose gehabt hatten, zurück. Sie war beinah froh, dass sie heute nicht mit Rusty fahren würde, so wie sie ihn kannte, würde er ihr Zerstreutsein wahrscheinlich für Langeweile halten. Sie hatte die Stunden gezählt, bis die Bahnhofsuhr endlich acht schlug. Sie würde heute mit Greaseball sprechen, komme was wolle.

Am Ende musste sie noch eine ganze weitere Stunde warten, immer in der Nähe von seinem Depot auf und ab rollend, bis sie ihn endlich erspähte, wie er die Anhöhe, auf der das Gebäude lag, hinauf geschossen kam.

Pearl konnte sehen, wie er seinen Schlüssel auf seine übliche Art aus dem Handschuh schüttelte und geschickt wieder auffing. Anscheinend ohne ihre Anwesenheit zu bemerken, hatte er das Tor aufgeschlossen und geöffnet, ohne auch nur anzuhalten und war kurz davor, dadurch zu verschwinden, als sie sprach.

„Hallo, Greaseball“, sagte sie, geschwind auf ihn zu rollend. Sie hoffte, er würde ihr nicht das Tor vor der Nase zumachen.

Der Diesel wandte sich um und zog das Tor sofort wieder hinter sich zu.

„Pearl!“ Er schenkte ihr ein freches Grinsen. „Ich würde ja sagen, `was für eine nette Überraschung`, aber ich bin eigentlich überhaupt nicht überrascht. Die Dampfkraft scheint ja sehr schnell schlapp gemacht zu haben.“

Pearl verdrehte die Augen.

„Das hättest du wohl gerne. Nein, eigentlich bin ich hier, weil ich dich etwas fragen möchte.“

Die Lok hob eine Augenbraue.

„Ich bin ganz Ohr.“

„Ähm, vielleicht könnten wir uns drinnen unterhalten“, schlug Pearl vor.

„Ach, mir macht‘s gar nichts aus, hier zu reden“, sagte Greaseball und verschränkte die Arme, seine Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht interessiert war, sie in sein Depot zu lassen.

„Wie du möchtest“, meinte Pearl nonchalant, sie war zwar enttäuscht, aber nicht wirklich überrascht.

„Ich wollte dich nur fragen, ob du vor hast, Dinahs Sachen zu behalten“, begann sie. „Ich bin mir bewusst, dass das, was zwischen euch passiert ist, mich nichts angeht...“

„Ja“, stimmte die Lok monoton zu.

„Und ich würde es verstehen wenn du es...schwer fändest, von Erinnerungen an Jemand umgeben zu sein, den du...im Moment wahrscheinlich lieber vergessen würdest“, fuhr sie vorsichtig fort.

„Nö, nicht wirklich“, sagte Greaseball leicht.

„Nun, ich wollte dich nur fragen, solltest du dich eines Tages anders entscheiden, würdest du es mich bitte wissen lassen? Ich habe Platz genug in meinem Depot. Da könnte ich alles für Dinah aufbewahren, bis sie zurück kommt.“

Der Diesel schwieg für einen zu lang scheinenden Moment.

„Also denkst du, sie kommt zurück?“, fragte er schließlich.

„Aber natürlich tue ich das“, erwiderte Pearl, aber sie fühlte sich nicht ganz so überzeugt, wie sie hoffte zu klingen. „Du denkst doch nicht, dass ich hier bin, um dich zu überreden, mir ihre Sachen zu überlassen, weil ich glaube, dass sie nicht zurück kommt?“

Greaseball hob eine Schulter. „ Nein, wahrscheinlich nicht“, meinte er nach einiger Zeit.

„Das hoffe ich doch“, sagte Pearl nachdrücklich.

Greaseball neigte seinen Kopf in einer Weise, die als Entschuldigung hätte gedeutet werden können.

„Jedenfalls, danke für das Angebot. Sollte ich es irgendwann satt haben, dass mir Dinahs Zeugs die Bude zu stellt, erfährst du‘s als Erste.“

Er schob das Tor wieder auf, ihre Unterhaltung war jetzt wohl zu Ende.

„Danke.“ Pearl lächelte etwas verhalten.Die Lok antwortete mit etwas, dass ein Lächeln gewesen sein könnte, und war schon im Begriff, das Tor hinter sich zuzuziehen.

„Greaseball!“, platzte Pearl plötzlich heraus, „ nur noch eine weitere Sache...ich muss dich einfach fragen.“

„Was denn?“, fragte er beinah zögerlich.

„Ich muss einfach wissen...als du Dinah zuletzt gesehen hast...war sie da wirklich in Ordnung?“

Der Diesel atmete aus, dass es fast wie ein Seufzer klang.

„Ich schätze, das wirst du sie fragen müssen, wenn sie zurück kommt.“

Das Tor schloss sich mit einem leisen Klicken.

Pearl seufzte, das hätte besser laufen können, aber auch viel schlechter. Sie hatte Greaseball nicht dazu bringen können, sie in sein Depot zu lassen, etwas, das sie sehr gehofft hatte zu schaffen. Sie wusste nicht einmal, was sie dort zu finden hoffte. Einen eindeutigen Beweis, dass er einen neuen Wagon hatte? Das ging sie doch nichts an, oder? Aber sie wurde das Gefühl einfach nicht los, dass etwas hier nicht stimmte, dass die Dinge nicht so klar waren, wie sie schienen. Gedankenverloren setzte sie sich auf den feuchten Boden und zupfte ein paar tote Gräser von einem kleinen Hügel neben ihr.

Das Geräusch, das sie wieder aus ihren Gedanken riss, war so leise, dass sie es zuerst kaum wahrnahm. Das Geräusch eines schweren Tores, das langsam wieder aufgeschoben wurde. Instinktiv zog Pearl ihre Beine gegen die Brust, um nicht bemerkt zu werden. Angestrengt lauschend, konnte sie hören, wie das Tor abgeschlossen wurde, gefolgt von dem gedämpften, aber unverkennbaren Rumpeln einer schweren Lok, die sehr langsam fuhr. Sie reckte ihren Hals, um einen verstohlenen Blick über den Hügel zu werfen. Greaseball glitt vorsichtig und anscheinend so leise wie möglich in die Dämmerung. Pearl runzelte die Stirn, eine seltsame Idee war ihr in den Kopf gekommen.

Sie stand langsam auf und blickte mehrmals um sich. Wenn sie doch nur einen Weg finden könnte, einen Blick in das Depot des Diesels zu werfen...Sie hatte es kaum zu Ende gedacht, als sie eine Bewegung bemerkte, nah am Boden, halb verdeckt von dem Gebäude. Eine Gestalt kletterte langsam auf die Räder. Eine rote Gestalt! Caboose war nicht einmal zwei Schritte gerollt, bevor er sie bemerkte.

Pearl dachte, sie könne ihn ein wenig zusammenzucken sehen, aber er erholte sich sofort wieder.

„Oh, guten Abend, Pearl“, seine Stimme klang ungewöhnlich seidig, selbst für seine Verhältnisse.

„Hallo, Caboose“, Pearl wünschte, sie könnte ihre Überraschung so gut verbergen wie er. „ Wenn du zu Greaseball wolltest, er ist nicht zu Hause. Du hast ihn gerade verpasst“, platzte sie heraus, in der Hoffnung, der Bremswagon würde so schnell wie möglich wieder wegfahren.

„Oh je“, schnurrte der Bremser, „ Wie unglücklich.“

Pearl hoffte, ihr Lächeln wirkte nicht so angestrengt, wie es sich anfühlte.

„Na, da werde ich wohl auf ihn warten müssen“, sagte er und zuckte nonchalant die Schultern.

Das war genau was sie nicht wollte.

„Er wird wohl noch eine ganze Weile weg sein. Wie ich schon sagte, er ist gerade erst gefahren“, versuchte sie es.

„Ach, ich habe es nicht eilig“, erwiderte Caboose, einen eleganten Kreis um sie herum fahrend.

„Ich verstehe“, meinte Pearl nur dumpf.

Der Bremswagon hielt direkt vor ihr.

„Pearl, warum habe ich das Gefühl, du wärst nicht gerade unglücklich, wenn ich wieder wegführe?“

„Ich weiß nicht“, antwortete sie, ihre Hände in die Seiten stemmend. „ Vielleicht denkst du ja, dass das eine natürliche Reaktion auf deine Anwesenheit ist.“

Caboose lachte leise.

„Ich habe auch das Gefühl, dass wenn jemand käme und, sagen wir mal, versuchen würde, sich Zutritt zu Greaseballs Depot zu verschaffen, du dich nicht gerade überschlagen würdest, um ihn aufzuhalten“, fuhr er fort, ohne, dass sein mildes Lächeln verschwand.

„Warum würde Jemand das tun wollen?“ fragte Pearl ein wenig aufmüpfig.

„Oh, ich weiß nicht, vielleicht weil dieser Jemand glaubt, dort Etwas zu finden, dass seinen Verdacht bestätigen würde.“

„Verdacht?“, echote Pearl, ihr war plötzlich kalt.

„Ja, dass hier etwas absolut nicht stimmt.“

Sie wollte nicht wirklich fragen, was er damit meinte.

„In welcher Weise? Wenn du meinst, was zwischen Greaseball und Dinah passiert ist...“

„Nein, ich meine, dass Greaseball weder dir noch Buffy die Wahrheit gesagt hat“, unterbrach Caboose sie, „ und dass er auch derjenige war, der das Stück von Dinahs Kleid in die Absetzmulde geworfen hat.“

Pearl schluckte, ihre Kehle fühlte sich unangenehm trocken an.

„Was willst du damit sagen? Du weißt, dass das nichts bedeuten muss“, sagte sie schließlich, „ selbst wenn er es war.“

„Nein, das muss es nicht“, gab Caboose tonlos zu. „ Aber kannst du das auch über die Blutflecken auf Dinahs Kleid sagen?“

Nun lächelte er nicht mehr.

„Was? Aber...aber ich dachte, das wäre Rost!“, stammelte Pearl bestürzt.

Wortlos nahm der Bremswagon das Stück Stoff aus seiner Tasche und hielt es ihr hin.

„Sieht das für dich immer noch nach Rost aus?“, fragte er.

Die Flecken waren nun beinahe schwarz. Pearl konnte ihren Blick nicht davon abwenden.

„Aber wie soll denn Blut auf Dinahs Kleid kommen?“, fragte sie kaum hörbar. „Züge bluten doch nicht.“

„Nein“, stimmte der Bremser zu, „aber Menschen bluten. Menschen, die verletzt worden sind als ihrem Wagon etwas zugestoßen ist.“

„Du denkst doch nicht...“ Sie brachte den Gedanken nicht zu Ende und schüttelte den Kopf, „ Nein, Caboose, nein. Wenn es irgendwo einen Unfall gegeben hätte, dann wüssten wir es inzwischen. Jeder würde es wissen.“

„Wenn es einen Unfall gegeben hätte, ja“, erwiderte er.

„Was genau willst du also damit sagen?“, fragte Pearl, obwohl sie nun die Antwort wirklich nicht hören wollte.

Caboose antwortete nicht, denn sie spürten beide plötzlich eine leichte Vibration in den Gleisen. Ein Zug kam!
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