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Das Ende der Strecke

von LilysEyes
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Ashley Dinah Greaseball Pearl
05.07.2018
03.10.2018
18
41.220
3
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25 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.09.2018 4.194
 
So und hier ist auch schon Kapitel Nr. 16 :) Ich sage wie immer vielen Dank fürs Lesen und vielen Dank an meine Korrekturleserin -Maxine-



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Es war schon recht spät und Dinah war kurz davor, in ihrem Nest einzunicken, als Greaseball endlich zurückkam. Unsicher, ob sie schon schlief, bewegte er sich so leise wie möglich, sogar seine Schultern dehnte er nur mit dem leichtesten Knacken, bevor er sich neben ihr ausstreckte.

 „Hat Tank wieder Mist gebaut?“, erkundigte sich Dinah leise.

 „Frag nicht“, ächzte der Diesel beinahe, „im Moment will ich an diesen Vollpfosten nicht einmal denken.“

 Er schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie näher an sich.

 „Mmm, viel besser“, murmelte er gegen ihren Nacken.

 Dinah lächelte schläfrig und kuschelte sich zufrieden für ein paar Momente in seine Umarmung, aber da war noch etwas, was sie unbedingt sagen musste.

 „Greaseball?“

 „Ja?“ Die Lok klang, als ob sie schon dabei wäre, einzuschlafen.

 „Weißt du, als du mich heute zum Bahnhof gebracht hast, da hat es sich beinah so angefühlt, als ob sich nichts geändert hätte...als ob ich mich nicht wirklich geändert hätte. Als wäre ich noch dein Wagon.“

 „Na, das bist du doch auch. Macht doch keinen Unterschied, ob du Räder hast oder nicht.“

 „Aber wenn ich noch Räder hätte, dann müsstest du mich nicht tragen“, erwiderte Dinah langsam. „Es ist nicht dasselbe, ich weiß, dass es das nicht sein kann, so wundervoll es auch war. Ich bin jetzt nur ein Mädchen und selbst wenn Papa recht hat und ich wirklich so eine Art Wunder bin, ändert es nichts an der Tatsache, dass ich nun nicht mehr dein Wagon bin.“

 „Also...was willst du damit sagen?“ Der Diesel klang verwirrt.

 „Ich will damit sagen, dass, wenn du das vermisst, einen richtigen Wagon, einen, der Räder hat, der überall mit dir hinfahren kann, der mit dir Rennen fahren kann, dann...dann würde ich das verstehen.“

 Greaseball schwieg so lange, dass Dinah annahm, er müsse eingeschlafen sein, aber dann legte er eine Hand auf ihre Schulter und drehte sie vorsichtig zu sich um.

 „Ich werde das nur einmal sagen, also hör gut zu. Ich. Will. Keine. Außer. Dir“, sagte er entschieden, „okay?“

 Dinah nickte. „Okay“, flüsterte sie.

 „Gut, dann hör jetzt auf, so albernes Zeug zu reden und schlaf.“ Er drückte einen Kuss gegen ihre Schläfe und zog sie wieder in seine Arme.

 

 

 

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 Die folgenden Wochen hatten einige Änderungen an Greaseballs Depot gesehen. Dustin und Flat Top, die ihren ursprünglichen Schock schnell wieder überwunden hatten, hatten es geschafft, ein Bett für Dinah zu finden. Sie hatte zuerst nicht erkannt, was es war, als sie es ihr präsentierten. Es hatte wie ein riesiges, blaues Himmelbett ausgesehen, aber dann hatte Flat Top einem der `Pfosten` einen leichten Knuff versetzt und der Groschen war gefallen.

 „Es ist eine Hüpfburg!“, hatte Dinah entzückt gerufen und in die Hände geklatscht, und weder der Big Hopper, noch der Steinwagen hatten sich ein stolzes Grinsen verkneifen können.

 Obwohl ihr Seidennest vollkommen akzeptabel gewesen war, war ihr neues Bett zweifellos bequemer.

 Die Dusche war nun, da Papa und Rusty einen Boiler für heißes Wasser installiert hatten, wesentlich einladender geworden und Dinah hätte Stunden unter der nun angenehm warmen Brause verbringen können.

 Ashley hatte noch mehr Seide und diesmal auch einige Ballen Tweed mitgenommen, fest entschlossen, ihre Fähigkeiten mit Nadel und Faden noch zu verbessern, und bald hatte Dinah außer einem diesmal tadellosen Tweedmantel, Strümpfe, Höschen, Blusen und, zur allgemeinen Erheiterung, sogar ein Paar altmodischer, knielanger Pumphosen.

 „Warum denn nicht?“, hatte Ashley unschuldig gefragt, „der Winter steht ja schon vor der Tür.“

 Das erste Zeichen, dass der Winter nun eingetroffen war, waren die Rockys, die sich wie jedes Jahr mit Fichtengrippe ansteckten. Die tausenden zukünftigen Weihnachtsbäume, die sie transportierten, bedeuteten auch immer Millionen kratziger Nadeln, die sich in jeder Ecke und jedem Winkel festsetzten und dazu führten, dass die armen Kastenwägen sich kratzen mussten wie flohbefallene Welpen und noch wochenlang trockene Fichtennadeln husteten und niesten.

 Pearl, die noch nie echten Schnee gesehen hatte, blickte nun jeden Morgen erwartungsvoll gen Himmel, in der Hoffnung, dass die ersten Flocken des Jahres bald fallen würden.

 Anfang Dezember kam Estella vorbei, um sich bei Dinah vorzustellen, und sie entschieden sich, spontan zusammen Lebkuchen zu backen. Obwohl Estella zuerst ein wenig zurückhaltend gewesen war, hatte sie sich schnell als ein wirklich freundlicher und liebenswerter Wagon herausgestellt und Dinah hoffte, dass sie mit der Zeit enge Freunde würden. Es wäre schön, noch Jemanden zu haben, mit dem man Rezepte tauschen und sich neue Gerichte ausdenken könnte.

 In den Tagen vor Weihnachten waren alle Züge jedoch immer außergewöhnlich beschäftigt und fanden nur selten Zeit für einen Besuch. Also beschäftigte sich Dinah damit, einige Rezepte, die sie von Estella bekommen hatte, auszuprobieren. Sie backte Kuchen und Kekse und Pasteten, die Buffy ihren Gästen servierte, und putzte und schrubbte außerdem das Depot vom Boden bis beinah zur Decke. So war eine Woche vor Weihnachten alles blitzsauber und die Speisekammer war fast bis zum Bersten mit Leckereien gefüllt.

 Sie hatte gerade noch das letzte Küchenregal ausgewischt und lag jetzt zusammengerollt auf ihrem Bett, um ihre etwas wunden Füße auszuruhen. An einem schwarz-weißen Plätzchen knabbernd, blickte sie zufrieden auf das Ergebnis ihrer Mühen. Es hatte schon lange neun geschlagen und normalerweise wäre Greaseball schon vor über einer Stunde zurück gewesen, aber es schien, dass vor Weihnachten so gut wie Jeder reisen wollte, und selbst eine Lok so schnell wie der Diesel es war, konnte dann nicht immer pünktlich sein.

Dinah stützte sich auf ihren Ellbogen auf, als sie das Rattern einer sich nähernden Lok wahrnahm. Den Klang dieser Bestimmten würde sie überall erkennen. Greaseballs Auftritt war nicht ganz so dynamisch wie gewöhnlich und seine Gelenkte quietschten, dass es in den Zähnen schmerzte, als er auf ihr Bett zurollte.

 „Ach Süßer, du klingst ja wie eine rostige Türangel“, sagte Dinah mitfühlend.

 „Tu‘ ich nicht“, widersprach er halbherzig.

 „Nun, vielleicht nicht ganz so schlimm, aber ich denke, dass dir ein bisschen Öl nicht schaden würde, komm, setz dich.“ Sie tätschelte den Platz neben sich.

 „Hm, vielleicht ein ganz klein bisschen.“ Der Diesel tat so, als ob er es sich überlegen müsste, bevor er sich auf den angebotenen Platz sinken ließ.

 Dinah hüpfte vom Bett und holte das Ölkännchen aus seinem Work-Out Bereich. Sich wieder hinter ihn setzend, träufelte sie eine kleine Menge auf seine Schultergelenke.

 „Es muss jetzt ja wirklich sehr kalt sein, dass du so quietschst“, meinte sie, das Öl mit den Fingerspitzen einarbeitend.

 „Na, nichts, was ich nicht aushalten könnte“, erwiderte Greaseball nonchalant, sich in die Massage entspannend.

 „Natürlich nicht“, bestätigte sie schmunzelnd und ließ ihre Finger seinen Nacken hoch gleiten. Die Lok machte ein Geräusch, das einem Schnurren nicht ganz unähnlich war.

 „Rocky 2 hatte aber wohl einen kleinen Unfall auf der Silberbrücke“, sagte er nach einer Weile, „anscheinend waren die Gleise dort vereist.“

 „Oh je und die Rockys fühlen sich doch alle schon so schlecht. Er ist doch aber in Ordnung?“

 „Ja, ja, nur ein paar Kratzer, hat sich immer noch gut genug gefühlt, um eine ordentliche Delle in die Gleise zu treten.“ Greaseball streckte seinen Rücken durch, als sie einen letzten Tropfen Öl auftrug.

 Seine Schultern rollend und Bizepse anspannend, nickte er zufrieden, als nicht mehr das geringste Knarren oder Quietschen zu hören war.

 „Dann bist du jetzt dran, würd‘ ich sagen“, grinste er über seine Schulter.

 „Oh, ich brauche jetzt gar kein Öl mehr, weißt du“, sagte Dinah etwas verlegen.

 „Ich hab auch nicht von Öl gesprochen, komm her.“ Damit zog er ihre Füße unter ihr hervor und begann, sie zu massieren.

 „Du warst heute ganz schön viel auf den Beinen, was?“, fragte er, als er ihre etwas geröteten Fußsohlen bemerkte.

 „Ich habe nur ein bisschen geputzt“, meinte Dinah mit einem genüsslichen Seufzen und schloss ihre Augen. Sie hatte das Gefühl, vor Entspannung geradezu in ihrem Bett zu versinken.

 „Ja, `ein bisschen`“, echote Greaseball, sich umblickend. Sogar seine Trophäen waren spiegelblank poliert.

 „Oh, das ist gut“, seufzte Dinah, als er vorsichtig eine besonders verspannte Stelle in ihrem Fußgewölbe massierte.

 Der Diesel lachte leise, seine Finger langsam über ihren Knöchel hinauf gleitend, um dort nur sehr sanft zu reiben und Dinah lächelte schläfrig. Ihr Lächeln erwidernd, beugte Greaseball sich herab, um einen Kuss auf ihren Knöchel zu drücken.

 Dinahs Augen öffneten sich wiederwillig ein wenig, als er anfing, ihre Wade zu massieren oder besser gesagt, seine Fingerspitzen leicht darüber gleiten zu lassen, bevor er sie auch dort küsste.

 „Greaseball?“, flüsterte sie. Seine Hand war jetzt schon oberhalb ihres Knies angekommen und seine Finger begannen, langsame Kreise auf der Innenseite ihres Oberschenkels zu zeichnen.

 „Ja?“ Die Lok versuchte nicht einmal, unschuldig zu klingen, als er nun den Punkt direkt über ihrem Knie küsste.

 „Ich...ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist“, stammelte Dinah.

 „Warum? Gefällt es dir denn nicht?“ Greaseball klang ehrlich überrascht.

 Nein, ich...das ist es nicht.“ Sie setzte sich auf, konnte sich aber nicht dazu bringen, sich ganz seiner Berührung zu entziehen.

 „Na, wunderbar“, grinste der Diesel, seine Hand wieder höher gleitend, bevor sie sie in ihrer auffing.

 „Ich glaube nicht, dass wir noch...kompatibel sind...auf diese Weise“, sagte sie leise.

 Der Diesel atmete langsam aus, bevor er sich auf seiner Seite neben sie legte.

 „Das ist schon möglich, nehme ich an“, gab er zu, sie aufmerksam musternd.

 „Ich denke nur, wir sollten besser nichts anfangen, was wir vielleicht nicht zu Ende bringen können.“

 Greaseball neigte den Kopf zur Seite und überdachte ihre Worte einen Moment.

 „Aber wir wissen ja nicht einmal, was wir zu Ende bringen könnten, oder?“, erwiderte er schließlich, seine dunklen Augen jetzt warm und sinnlich.

 Da hatte er schon recht, musste Dinah zugeben. Gänsehaut prickelte auf ihren Armen, als das Gesicht der Lok nun so nah war, dass sie die angenehme Wärme, die sein Körper noch abstrahlte, spüren konnte. Er bewegte seinen Kopf in einer kleinen, geschmeidigen Geste, so dass seine Lippen leicht gegen ihr Ohr streichelten, als er sprach.

 „Ich bin mir ziemlich sicher, dass da noch so Einiges ist, was wir tun können“, flüsterte er.

 Eine seiner Hände kam nun auf ihrer Taille zum Liegen. Dinah hatte es immer geliebt, dass er ihre Taille fast ganz mit seinen großen Händen umspannen konnte, es hatte ihr immer ein herrliches Gefühl des Beschütztseins gegeben.

 Der Diesel ließ nun seine Hand leicht ihre Seite hinauf gleiten und fuhr dann sanft mit den Fingerspitzen über ihre Wange und ihre Lippen.

 „Aber natürlich werden wir das nie mit Sicherheit wissen, wenn wir es nicht ausprobieren“, sagte er.

 Er neigte seinen Kopf ein wenig, so dass seine Lippen nun ihren Hals berührten.

 „Wir müssten vielleicht eine ganze Weile experimentieren“, meinte er und Dinah hatte das Gefühl, seine dunkle Stimme nun fast durch ihren ganzen Körper hindurch vibrieren zu spüren, bevor nur für eine Sekunde, seine heiße, glatte Zungenspitze ihre empfindsame Haut berührte.

 Seine Hand glitt hinunter zu ihren Brüsten und begann, sie zart durch den feinen Stoff ihres Kleides zu massieren. Dinah stockte der Atem, Starlight, was hatte sie seine Berührung und seine Zärtlichkeit vermisst. Sie spürte eine immense Woge von Sehnsucht und Verlangen in sich aufsteigen.

 „Also, was meinst du, sollen wir sehen, ob wir es herausfinden können?“

 Sie konnte nur noch nicken.

 Und sie fanden es heraus, sehr zu ihrer beider Zufriedenheit.

 

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 Nach dieser Nacht war es, als ob das letzte Teil des Puzzles, das ihre neue Existenz war, endlich seinen Platz gefunden hätte. Es hatte ihr auf eine Weise ein neues Gefühl des Ganzseins vermittelt. Als ob sie nun endlich sehen könnte, dass jede Veränderung, mit der sie leben musste, ihr nicht neue Einschränkungen auferlegte, sondern ihr auch neue Möglichkeiten aufwies. Ein neues Jahr lag vor ihr und im Inneren ihres Herzens glaubte Dinah, dass sie als Mensch genauso glücklich und zufrieden sein könnte, wie sie es als Speisewagen gewesen war.

 Am Küchentresen sitzend, eine Tasse heißer Schokolade vor ihr, blickte sie gedankenverloren hinauf zum Oberlicht, ein noch blasser Halbmond kristallisierte sich langsam aus der beginnenden Dämmerung.

 Dinah, die einmal ein Speisewagen war, dachte sie, Dinah, die erfahren kann, was noch kein anderer Wagon vor ihr erlebt hat. Ich nehme an, dass ich ohne zu prahlen behaupten kann, einzigartig zu sein.

 Der Gedanke ließ sie lächeln. Draußen ertönte das Rumpeln eines sich nähernden Zuges, bald gefolgt von einem Pfiff und, seltsamerweise, einem schrillen Quieken.

 „Rusty, sieh doch!“ Das war Pearls Stimme. Dinah konnte Rustys Antwort nicht ausmachen, da er offensichtlich nicht schrie.

 „Schnee!“, rief Pearl und quiekte erneut entzückt auf.

 Dinah schaute wieder hinauf und tatsächlich, dicke, weiche Flocken hatten begonnen, herab zu rieseln. Sie glitt von ihrem Hocker und hüpfte geradezu zum Tor, erfüllt von plötzlicher froher Aufregung. Draußen hatte schon eine weiße Decke begonnen, den Boden zu verbergen.

 Sie erspähend, grinste Pearl über beide Backen.

 „Oh, Dinah, sieh doch nur! Ist das nicht wie verzaubert?“

 Ein paar Flocken in ihrer Hand auffangend, konnte Dinah nur zustimmen. Selbst der Schnee fühlte sich nun anders an.

 „Doch, das ist es“, sagte sie leise.

 Rusty lächelte zärtlich angesichts Pearls unverhohlener Freude. Er hatte schon einen Schneeball geformt, von dem er nun herzhaft abbiss. Das war ein Vergnügen, das sich nur eine Dampflok gönnen konnte.

 „Ich fange an zu glauben, dass Pearl in Wirklichkeit ein verkleideter Kühlwagon ist“, meinte er, Dinah zuzwinkernd.

 „Nun, wer weiß“, sagte Pearl spitzbübisch, „vielleicht will ich ja einfach keine Konkurrenz.“ Und mit noch einem „Juhu!“, warf sie sich in den Schnee.

 „Komm, Rusty, lass uns Schneeengel machen!“, strahlte sie.

 Die Dampflok folgte ihr nur allzu gerne und legte sich neben sie, um einen schönen, rußbestäubten Engel zu machen.

 „Oh Mann.“ Greaseball hatte bei dem Anblick in voller Fahrt angehalten.

 „Ach, die Beiden haben doch nur ein bisschen Spaß“, meinte Dinah mit einem Schulterzucken, bevor sie ihn mit einem Kuss auf die Wange begrüßte.

 „Muss toll sein, wenn man so leicht zu unterhalten ist“, sagte der Diesel kopfschüttelnd, bevor er den Kuss erwiderte.

 Pearl und Rusty hatten inzwischen genug Engel kreiert und waren nun dazu übergegangen, einen Schneezug zu bauen.

 „Du könntest mich heute Abend ganz leicht unterhalten.“ Dinah lächelte schalkhaft.

 „Schätze, dass könnte ich“, meinte Greaseball lässig, offensichtlich recht angetan von der Idee.

 „Du könntest mit mir eine Fahrt durch den Schnee machen“, kicherte Dinah.

 „Oh“, sagte die Lok nur.

 „Was? Woran hattest du denn gedacht?“, fragte sie unschuldig.

 Der Diesel zuckte nur die Schultern, aber der Anflug eines Lächelns lag auf seinen Lippen.

 Plötzlich drang ein Geräusch durch Rustys und Pearls Gelächter. Jemand schrie in der Ferne. Beide Paare hielten inne, um zu lauschen.

 „Hilfe!“, schrie eine Stimme.

 „Das ist Dustin!“, sagte Rusty, das Lächeln auf seinem Gesicht nun von Überraschung und Beunruhigung vertrieben.

 Wie auf Kommando, erschienen zwei Gestalten am Horizont, nur vage Umrisse gegen den immer dunkler werdenden Himmel, aber einer davon wesentlich breiter als der andere.

 „Und Flat Top!“

 Der Geschwindigkeit, mit der sie sich näherten, nach zu urteilen, rollten beide so schnell sie konnten.

 „Flieht!“, brüllte Flat Top.

 In weniger als einer Minute hatten sie die verblüffte Gruppe erreicht, die nur dastand und sie anstarrte.

 „Flieht! Schne-hell!“, wiederholte der Steinwagen.

 „Wieso? Was ist denn passiert?“, fragte Rusty besorgt, aber keiner der Güterwagons schien vorzuhaben, anzuhalten.

 „Es schmilzt“, japste der Big Hopper im vorbei rollen.

 „Flat Top, Dustin, wartet doch!“, rief Pearl.

 „Geht nicht“, ächzte Flat Top über seine Schulter.

 „Hier, ich helfe euch“, meinte Greaseball liebenswürdig und hielt beide Wagons unsanft an ihren Krägen fest.

 „Oh, bitte lass mich los!“, heulte Dustin sofort auf, „ich will nicht schmelzen!“

 Der Steinwagon knirschte mit den Zähnen und versuchte vergeblich, sich dem eisernen Griff des Diesels zu entziehen.

 „So, nun könnt ihr uns erzählen, was los ist“, ermunterte die Lok sie milde.

 „Alles schmilzt“, jammerte Dustin elend, „einfach alles!“

 „Schmilzt? Was zum Teufel soll das denn heißen?“ Greaseball schüttelte ihn ruppig.

 „Greaseball, die Beiden haben doch offensichtlich schon genug Angst“, sagte Dinah sanft und legte ihre Hand über seine, die den Kragen des Big Hoppers immer noch fest umklammert hielt. „Ich bin mir sicher, du kannst sie jetzt loslassen und sie werden uns sagen, was passiert ist.“

 Die Lok ließ ihn sofort los, lockerte aber nur seinen Griff an Flat Top.

 „Okay, dann spuckt‘ s mal aus“, sagte er unwirsch.

 „Gut, na schön, ich werd‘ s euch sagen, aber es wird deine Schuld sein, wenn wir alle sterben“, erwiderte der Steinwagen widerspenstig.

 „Sterben?“, echoten Rusty, Pearl und Dinah bestürzt und Dustin wimmerte verängstigt.

 „Allerdings, denn genau das wird passieren, wenn wir hier noch länger bleiben“, knirschte Flat Top grimmig. „Weißt du, der ganze Laden hier schmilzt nämlich tatsächlich. Dustin und ich haben‘s am Himmel anfangen sehen. Der ganze verdammte Himmel war plötzlich wabbelig und wackelig wie Gummi.“

„Und da war dieses total helle Licht...“ krächzte Dustin, „irgendwie hinter...der Welt“, fügte er stockend hinzu.

 Die Lok warf Dinah einen unbehaglichen Blick zu.

 „Und habt ihr sonst noch was gesehen?“, forschte der Diesel ungeduldig.

 „Was denn noch? Reicht‘s dir nicht, wenn der Himmel schmilzt? Wirst du mich jetzt wohl endlich loslassen!“, schrie der Steinwagen zornig, von seiner Furcht mutig gemacht.

 Greaseball entließ ihn endlich aus seinem Griff.

 „Komm, Dustin“, knurrte er, dem Diesel noch einen giftigen Blick zuwerfend, aber der andere Güterwagon reagierte nicht, sondern starrte nur wie gebannt über Flat Tops Schulter.

 „Es ist hier!“, heulte er plötzlich und begann, in Panik davon zu stolpern. Auf dem Boden vor ihnen hatte der Schnee begonnen, sich in konzentrischen Kreisen zu bewegen, wie ein Teich, in den Jemand einen Kiesel geworfen hatte. Dinah schlug entsetzt eine Hand vor den Mund.

 „Oh Starlight, was ist das?“, flüsterte Pearl, reflexiv nach der Hand ihrer Lok greifend.

 „Das sieht aus wie das, was ich in dieser Nacht auf der Brücke gesehen habe“, keuchte Greaseball, als die seltsamen Kreise nun anfingen, sich in den Himmel auszubreiten.

 „Was? Du hast das schon mal gesehen?“, keifte Flat Top. „Warum hast du uns das nicht gesagt?“

 „Schnauze halten und ankuppeln“, kommandierte der Diesel, Dinah in seine Arme nehmend. „Du auch, Dustin“.

 „Pearl“, sagte Rusty nur, sie hinter sich ziehend. Pearls Hände zitterten so sehr, dass sie sich kaum an seiner Kupplung festhalten konnte.

 Wie zwei Raketen schossen die beiden Loks in die Nacht davon.

 Ein ominöser Wind begann, sich hinter ihnen zu erheben.

 „Ich...ich glaube es folgt uns!“, rief Dustin.

 Der Diesel warf einen hastigen Blich über seine Schulter. Der Big Hopper hatte recht, die Wellen waren schon kurz davor, sie einzuholen, alles in ihrem Weg wie einen schwindelerregenden Tornado verzerrend. Der Wind war nun zu einem regelrechten Sturm angewachsen, einem Sturm, der, zu Greaseballs Schrecken, anstatt sie vor sich her zu schieben, anfing, sie auf sich hin zu ziehen.

 Auf dem Gleis neben ihm musste die Dampflok schon schwer gegen den Sog ankämpfen und auch er bemerkte, wie er immer mehr an Geschwindigkeit verlor.

 Er biss die Zähne zusammen. Die Rennen, an denen er bis jetzt teilgenommen hatte, kamen ihm im Vergleich wie eine gemütliche Spazierfahrt vor, es bedurfte jetzt fast seiner gesamten Kraft, seine Räder auch nur auf den Gleisen zu halten. Es schien ihm geradezu unglaublich, bis jetzt hatte er sich immer für eine unvergleichlich starke Lok gehalten, von den Elementen kaum beeinträchtigt, wenn nicht gleich unbezwingbar.

 Wie sollte er nun von einem Sturm bezwungen werden können? Greaseballs ganzer Körper begann, von der Strapaze zu schmerzen und doch hatte er das Gefühl, sich kaum noch vom Fleck zu bewegen.

 „Oh Starlight, wir schaffen‘ s nicht!“, rief Pearl bestürzt, als der sonderbare Wirbelsturm sich immer mehr näherte.

 Plötzlich, eine ruckartige Bewegung, als ob sich ihre gesamte Umgebung blitzschnell auf sie gestürzt hätte und der Diesel registrierte vage, wie Rusty und Pearl außerhalb seines Blickfeldes geschleudert wurden.

 Beide stießen einen wortlosen Schrei aus, als die Anomalie sich jetzt auf den Diesel zu fokussieren schien. Wie eine horizontale Windhose bewegte sie sich um ihn herum, nun ein fahles, aber immer stärker werdendes Licht ausstrahlend.

 „Es wird uns alle umbringen!“, jammerte Dustin, seine Augen mit der Hand bedeckend. Auch Dinah schloss ihre Augen und begann, gegen Greaseballs Schulter zu weinen.

 Wieder riss der Sog abrupt an ihnen und der Diesel spürte, wie das Gewicht der beiden Güterwagons hinter ihm so schlagartig verschwand, dass sie nicht einmal Zeit zu schreien hatten. Er konnte jetzt wieder ein klein wenig beschleunigen, aber am Ende würde auch das keinen Unterschied machen, wie ihm nun bewusst wurde.

 „Dinah“, keuchte er und fühlte, wie sie als Antwort ihn noch fester umarmte, bevor ein weiterer gewaltiger Ruck, diesmal beinah wie eine unsichtbare Flutwelle, gegen seinen Rücken, ihn auf die Knie warf. Das Licht um sie herum war nun fast so hell, wie es in der Nacht auf der Brücke gewesen war. Der Sog schien nun ein wenig schwächer und Greaseball fand, dass er mit größter Mühe wieder auf seine Räder kommen konnte. Dinah sah mit schreckensgeweiteten Augen zu ihm auf.

 „Glaubst du, dieses Ding wird uns töten?“, flüsterte sie zittrig.

 „Nein“, sagte er nur mit soviel Überzeugung, wie er in diesem Moment aufbringen konnte.

 In der Peripherie seines Blickfelds, erschienen vier Silhouetten, die sich hinter der Helligkeit näherten. Er konnte sie schwach mit angsterfüllten Stimmen rufen hören. Und dann begann der Sog von Neuem. Und dieses Mal wusste er mit völliger Klarheit, was er wollte. Beinahe sanft und doch mit unvorstellbarer Stärke, wie eine trügerisch stille Unterströmung, begann er, an dem Mädchen in seinen Armen zu ziehen.

 „Greaseball!“, schrie Dinah, ihre Umklammerung an ihm nach Leibeskräften verstärkend.

 Selbst als sie noch ein Speisewagen war, hätte er sie mühelos stundenlang tragen können, aber jetzt schien es ihm mehr und mehr unmöglich, sie einfach nur festzuhalten. Eine der Silhouetten war nun neben ihm, aber der Diesel erkannte sie erst, als Rusty eine von Dinahs Schultern ergriff. Aber auch seine Hände schienen kaum stärker als die eines Kindes, als sie immer weiter aus den Armen des Diesels glitt. Von Schluchzern geschüttelt, versuchte sie, sich vergeblich an ihm festzuklammern.

 Weitere Hände tauchten nun auf, um nach ihr zu greifen, die anderen Wagons, die alle verzweifelt versuchten, sie zu halten, alle fast geblendet von der schieren Gewalt des Sturms. Leicht wie eine Feder, entglitt sie ihnen dennoch weiter und weiter. Jemand ächzte erschrocken auf, als ein plötzlicher Ruck Dinah völlig aus Greaseballs Halt riss. Irgendwie gelang es ihm noch gerade, eine ihrer Hände zu ergreifen, bevor sie in das Herz des Sogs davon schoss.

 „Ich lass dich nicht los, Baby“, schrie er, in der Hoffnung, sie würde ihn über das Tosen des Windes hören. Aber wahrscheinlich würde es keinen Unterschied machen, denn nun schien das Auge des Sturms sie beide anzuziehen. Verzweifelt versuchte er, sich seiner Macht zu widersetzen.

 „Oh nein“, keuchte Jemand direkt neben ihm.

 Ein Paar starker Arme schlang sich plötzlich um seinen Brustkorb und noch ein Paar um seine Schultern, während zwei weitere sich an seine Beine klammerten.

 „Wir haben dich!“, rief die Dampflok.

 Aber selbst ihre vereinten Kräfte konnten den Diesel kaum aufhalten, immer näher und näher auf das Wüten des Sturms hinzu zu rollen. Dinah schwebte nun wie ein Drachen im Wind, Greaseballs Hand ihr einziger Anker.

 Rustys Arme um seine Schultern begannen schon, vor Anstrengung zu zittern und auch den Anderen erging es kaum besser in ihrem Kampf, die wuchtige Lok davon abzuhalten, wie ein trockenes Blatt in den leuchtenden Mahlstrom gesogen zu werden.

 Greaseballs Halt an Dinahs Hand war nun so fest, dass es ihr sicherlich wehtat, ihre Fingerspitzen hatten sich schon Blau verfärbt.

 „Du wirst ihr den Arm ausreißen!“, schrie Pearl entsetzt.

 Es stimmte, Dinahs zerbrechlicher Arm schien kurz davor, aus seinem Gelenk gerissen zu werden.

 „Greaseball, du musst mich loslassen!“, flehte sie durch ihre Tränen.

 „Nein!“ Er wusste nicht, was er nur tun konnte, aber sie loslassen konnte er nicht.

 Ein weiterer, plötzlicher Ruck und der Diesel war dem Halt seiner Freunde entzogen worden. Mit Funken sprühenden Rädern versuchte er vergeblich, gegen die immensen Kräfte, die an ihm zerrten, anzukämpfen.

 Eine Hand ergriff seine Schulter, nur um wieder abzurutschen. Greaseball griff blind hinter sich, packte erst einen Arm, dann wieder die Hand.

 „Wir können das nicht viel länger durchhalten!“, rief Rusty.

 Hinter ihm klammerten sich die Wagons alle verzweifelt an die Dampflok.

Ich kann!“, schrie Greaseball und glaubte es tatsächlich. Dinah festzuhalten war das einzig Vorstellbare, also würde er sie festhalten.

 Er fühlte, wie etwas Nasses begann, unter seinen Fingern hervor zu tropfen. Dinahs Hand hatte zu bluten begonnen. Kleine Schmerzenslaute gesellten sich nun zu ihrem herzzerreißenden Schluchzen. Es war mit Abstand das schlimmste Geräusch, das Greaseball je gehört hatte.

 „Lass mich los“, jammerte sie, „es will nur mich!“

 „Es kann dich aber nicht haben, du gehörst mir!“, schrie er über das Tosen des Windes.

 „Bitte!“

 Die Anstrengung musste selbst für so eine starke Lok wie ihn zu viel gewesen sein. Der Diesel spürte, wie etwas in seinem Inneren nachgab und zersplitterte bei diesem einen Wort.

 „Ich kann nicht, verstehst du denn nicht? Ich liebe dich und ich lasse dich nicht los!“

 Wenn er doch nur vorher gewusst hätte, wie einfach es war, es zu sagen.

 „Greaseball, sie hat recht, du musst sie loslassen.“ Rustys Stimme drang überraschend laut und fest durch den Lärm. Er klang plötzlich seltsam ruhig.

 Der Diesel starrte nur auf Dinahs blutende Hand.

 „Es tut mir leid, Baby“, flüsterte er, wissend, dass sie ihn hören würde.

 Und dann ließ er los.
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