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Das Ende der Strecke

von LilysEyes
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Ashley Dinah Greaseball Pearl
05.07.2018
03.10.2018
18
41.220
3
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Dieses Kapitel
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11.09.2018 6.439
 
Und hier ist auch schon das 15te Kapitel :D Diesmal wieder ein ziemlich langes. Ich sage wie immer vielen Dank fürs Lesen und natürlich vielen Dank an meine (hart arbeitende) Korrekturleserin  -Maxine- :)
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Nach langem Überlegen und Abwägen aller Pros und Contras jeder Möglichkeit, war Dinah zu dem Schluss gekommen, dass es wohl am einfachsten wäre, wenn sie zum Bahnhof ginge, so wie sie es immer getan hatte. Alle Züge fuhren am Morgen dort durch. Sie könnte sich einfach auf einen Bahnsteig setzen, wo Jeder sie würde sehen können.

Sie war sich wohl bewusst, dass es sicherlich nicht wenig erstaunte Blicke geben würde, und sie konnte nicht grade behaupten, dass sie sich darauf freute, sich einer neugierigen Menge zu stellen, aber so würde sie es wenigstens schnell hinter sich bringen. Die anderen Züge konnten sich so an ihre neue Erscheinung gewöhnen (und das täten sie besser, hatte Greaseball schon recht ominös gesagt), und sie würden nicht weiter spekulieren, was er wohl getan haben könnte, um sie zu endgültig zu verlieren.

Es machte sie immer noch traurig, dass er sich selbst für den plausibelsten Grund für ihr plötzliches Verlassen des Bahnhofs gehalten hatte, selbst wenn, bis vor nicht allzu langer Zeit, an dem Gedanken vielleicht zumindest ein Fünkchen Wahrheit gewesen wäre. Aber nun nicht mehr. Nun wollte sie, dass jeder wusste, dass Greaseball an ihrem Verschwinden nicht die geringste Schuld zukam. Sie würde ihnen auch gerne erzählen, wie er sich während ihrer Krankheit um sie gekümmerte hatte, aber was das anging, bestand er darauf... bescheiden zu sein.

Sie seufzte leise, sie hatte keine Ahnung, wann sie in der Lage sein würde, ihr Depot zu verlassen. Vor einer Woche hatte Ashley mit ihrem Kleid begonnen und Dinah wusste nicht, wie lange es dauern würde, es fertigzustellen. Ihr war wirklich nicht danach, in ihrer improvisierten Toga auf dem Bahnhof zu erscheinen. Sie wackelte ihre Zehen und fragte sich, ob sie ein wenig zu gehen üben sollte. Obwohl es sich für sie immer noch nicht vollkommen natürlich anfühlte, konnte sie es jetzt ohne Hilfe und stolperte kaum noch.

Sie stellte sich auf die Füße und ging, absichtlich nicht nach unten sehend, hinüber zum Küchenbereich. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie so lange nicht gekocht oder neue Rezepte ausprobiert oder auch nur in einem ihrer vielen Kochbücher geblättert. Jetzt, wo es ihr besser ging, fing all das an ihr zu fehlen. Sich auf Zehenspitzen stellend, das war immer noch nicht leicht, griff sie ein Kochbuch von einem der oberen Regale. Es war eines aus den 1950igern, das sich ausschließlich mit dem Kochen mit Gelatine befasste.

Sie hatte bis jetzt nur ein oder zwei Rezepte daraus ausprobiert. Kaum einer ihrer Passagiere war mutig genug gewesen, den bunten gelierten Salat oder das leuchtend rote Tomatenmousse zu probieren. Dinah lächelte, als sie sich daran erinnerte, damals war sie etwas verwundert darüber gewesen, beide Gerichte hatten so hübsch ausgesehen. Nun dachte sie, dass sie wahrscheinlich auch nicht wirklich nach ihrem Geschmack gewesen wären.

Sie stellte das Buch vorsichtig wieder an seinen Platz. Für den Fall, dass, nein, wenn sie wieder kochen würde, würde sie trotzdem etwas aus dem Buch zubereiten und wenn auch nur, weil sie es jetzt auch selbst kosten konnte. Oh, wie hatte sie es genossen, wenn mehrere Töpfe und Pfannen gleichzeitig auf dem Herd blubberten und brutzelten und sie hatte Suppen gerührt und Pfannkuchen gewendet und Dressings und Soßen aufgeschlagen. Sie fragte sich, ob sie all das immer noch mit derselben Leichtigkeit schaffen würde. Vielleicht sollte sie versuchen, etwas Einfaches zu machen, wie zum Beispiel Waffeln oder eben Pfannkuchen, nur um zu sehen, ob sie es noch konnte.

Ihre Überlegungen wurden von einem Klopfen am Tor unterbrochen.

„Ich bin‘s, Ashley!“, rief eine Stimme von draußen.

In ihrer Eile, dem Rauchwagon aufzumachen, wäre sie nun doch beinah über ihre eigenen Füße gestolpert. Vor dem Tor wartete Ashley mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und einem Paket in den Händen.
„Zweihundert der feinsten kubanischen Zigarren“, strahlte sie und hielt ihr das Paket hin. „Ich habe mir gedacht, jetzt, wo sich dein Geschmack, was Essen angeht, so gewandelt hat, möchtest du ja vielleicht auch mit dem Rauchen anfangen.“

„Oh, tja eigentlich...habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht“, stammelte Dinah und nahm reflexiv das angebotene Paket, „aber...aber ich könnte es natürlich probieren...oh und Dankeschön.“

„Ach, Süße“, der Rauchwagon kniff ihr liebevoll in die Wange, „ich albere doch nur mit dir herum, es ist dein Kleid.“

„Ashleyyy!“ Dinahs Klage endete in einem Kichern, als sie ihr Paket wesentlich langsamer öffnete, als sie eigentlich wollte.

Das Kleid war anders als jedes, das sie zuvor besessen hatte. Der Saum des Rocks, oder besser gesagt, der Röcke, würde sicherlich bis zu ihren Knöcheln herab reichen und die hohe Taille, langen Ärmel und der nur moderat tiefe Ausschnitt gaben ihm eine ansprechende Einfachheit.

„Ich weiß, es ist nicht grade der letzte Schrei“, gab Ashley zu, „aber ich dachte, es wäre vielleicht ganz praktisch und wärmer als nur ein einzelner, kurzer Rock.“

„Aber es ist wundervoll!“ Dinah warf impulsiv die Arme um ihre Freundin, „ vielen, vielen Dank!“

„Gern geschehen“, lächelte der Rauchwagon. „Obwohl ich wahrscheinlich nicht empfehlen würde, dir die Nähte zu genau zu betrachten“, fügte sie hinzu. Die Nähte waren nicht ganz so gerade geworden, wie sie es sich gewünscht hätte.

„Für mich sehen sie vollkommen in Ordnung aus“, meinte Dinah. „Ich kann kaum abwarten, es anzuprobieren.“

„Dann warte doch nicht“, sagte Ashley mit einem Schulterzucken. „Ich bin ehrlich gesagt auch gespannt, zu sehen, wie es dir passt.“

Dinah zurrte schon an dem Streifen Seide, den sie benutzt hatte, um die vielen Stofflagen um ihre Taille zusammenzuraffen. Sie schlüpfte in ihr neues Kleid, bevor sie sich ihres Behelfs entledigte.

„Und, wie seh‘ ich aus?“, fragte sie aufgeregt.

„Besser als ich dachte“, antwortete Ashley wahrheitsgemäß. „Nicht, dass ich dachte, es würde dir nicht stehen“, fügte sie schnell hinzu, „ich hatte nur nicht erwartet, dass es so sehr zu dir passen würde.“

„Ja, das tut es, nicht wahr?“, sagte Dinah leise, ihr Spiegelbild in einem großen, glänzenden Edelstahlspiegel betrachtend.

Und es stimmte, obwohl es viel weniger aufwändig als ihre anderen Kleider war, besaß es trotzdem den mädchenhaften, verspielten Stil, den sie so mochte. Kombiniert mit ihrem runden Cherubsgesicht und ihren blonden Locken, erinnerte sie Ashley nun ein wenig an eine viktorianische Puppe.

„Oh, es ist so schön, nicht mehr wie ein Statist aus Die Mumie herumlaufen zu müssen“, seufzte Dinah. Sie war versucht, eine kleine Pirouette vor dem Spiegel zu machen.

„Kann ich mir vorstellen, obwohl du ja eine ganz niedliche Mumie abgegeben hast“, lächelte Ashley.

Dinah begutachtete ihr Spiegelbild noch einen Moment.

„Jetzt kann ich zum Bahnhof gehen“, sagte sie leise.

Der Rauchwagon nickte nur.

„Wirst du mich begleiten?“ Dinah wandte sich vom Spiegel ab.

„Natürlich werde ich das, Süße.“


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Zumindest was das Wetter anging, hätte sie kaum mehr Glück haben können, die Herbstsonne legte sich noch einmal richtig ins Zeug, als sie dort stand, umringt von den anderen Wagons, die gekommen waren, um ihr ihre moralische Unterstützung und, in Buffys Fall, auch eine große Tasse heißer Schokolade zu geben.

„Deine Haare sehen gut aus so, ehrlich“, versicherte Pearl, als Dinah immer wieder versuchte, ein paar widerspenstige Locken hinter ihre Ohren zu streichen. Sie hatte zu ihrer Überraschung feststellen müssen, dass ihr Haar, wo es nun so weich war, nicht nur schwerer in Form zu bringen war, sondern auch angefangen hatte zu wachsen.

Sie gab sich geschlagen und ließ die Locken einfach über ihre Ohren fallen.

„Ich glaube, ich bin einfach nur nervös“, gab sie zu.

„Kann ich mir vorstellen, aber ich denke nicht, dass du Grund dafür hast“, sagte Pearl sanft.

„Vielleicht nicht“, stimmte Dinah zu, „ich möchte nur nicht zu...seltsam aussehen.“

Ohne das Weiß und Blau auf ihren Augenlidern und das leuchtende Pink auf ihren Lippen, wirkte ihr Gesicht noch jünger und weicher.

Pearl schüttelte nur den Kopf. „Du siehst sehr hübsch aus und überhaupt nicht seltsam, glaub mir.“

„Okay, ich glaube dir“. Dinah lächelte etwas verlegen.

„Ich denke, deine Lok steht bereit“, sagte Ashley, zu Greaseball, welcher sich grade seine Handschuhe anzog, hinüber deutend. Obwohl er seine Sonnenbrille trug, konnte Pearl sehen, dass er Dinah einen fragenden Blick zuwarf. Sie antwortete ihm mit einem stillen Nicken und er öffnete seine Arme für sie. Sie schlang ihre Arme um seine Schultern und ließ ihn sie sicher gegen seine Brust schmiegen. Obwohl ihre Füße nicht mehr so empfindlich waren, wäre der Weg zum Bahnhof immer noch zu weit und der Boden auch sicherlich zu kalt für sie gewesen, um dorthin zu gehen.

Der Rauchwagon öffnete das Tor für sie und machte eine scherzhaft übertriebene Verbeugung, als sie vorbeirollten. Dinah glaubte, sie könne beinah hören, wie die Lok die Augen verdrehte, während sie gegen seinen Hals kicherte.

„Okay, dann kuppelt euch mal an, Ladies“, sagte der Diesel und Ashley glitt elegant hinter ihm auf die Schienen, gefolgt von den anderen Wagons.

Früher wäre sie direkt hinter ihm gefahren, dachte Dinah etwas wehmütig, aber es war auch gar nicht so schlecht, so in seinen Armen zu sein, sagte sie sich. Sie erinnerte sich nicht an wirklich viel von der Nacht, in der er sie zu ihrem Depot getragen hatte und nun stieg eine angenehme Art von Aufregung in ihr auf, als die Lok an Geschwindigkeit zulegte. Das tiefe Rumpeln der Kolben, der kühle Wind, der gegen ihre Wangen strich, das rhythmische Klick- Klack der Räder, war alles so wundervoll vertraut und so lange vermisst.

Mensch oder nicht, sie wollte niemals ohne diese Dinge sein und ihr Lächeln wurde zu einem ehrlichen, fröhlichen Lachen.

Hinter ihr konnte sie die anderen Wagons ihr Lachen echoen hören und obwohl ihre Lok nicht darin einstimmte, wandte er seinen Kopf leicht und drückte einen verstohlenen Kuss auf ihre Schläfe. Dinah seufzte zufrieden, alles war beinah so, wie es immer gewesen war und es wäre ihr nicht schwer gefallen, so zu tun, als ob sich nichts geändert hätte.

Sie genoss die Fahrt so sehr, dass sie nicht anders konnte, als einen Funken von Enttäuschung zu spüren, als der Bahnhof am Horizont auftauchte. Von Weitem sah er in der blassen Morgensonne beinah verlassen aus. Aber es war immer noch recht früh und wahrscheinlich würden nur die Rockys oder vielleicht Flat Top und Dustin schon da sein.

Die Lok kam vor Bahnsteig 1 zum Stehen und setzte sie vorsichtig darauf ab.

„Ich glaube, wir sind wohl ein bisschen zu früh“, sagte sie, sich etwas nervös umschauend.

„Nein, alle Anderen sind zu spät, wie immer“, behauptete der Diesel selbstbewusst, ohne sich die Mühe zu machen, auf die Uhr zu sehen.

„Dann haben wir also noch Zeit, um uns in ästhetisch ansprechender Weise zu arrangieren“, sagte der Rauchwagon mit einem Zwinkern und setze sich neben Dinah.

Greaseball, der sich offensichtlich schon für ansprechend genug hielt, lehnte sich nur gegen den Bahnsteig und kreuzte seine Arme auf eine Art und Weise, die immer Aufmerksamkeit auf seine beeindruckende Brustmuskulatur lenkte.

„Oh ja“, stimmte der Buffetwagon enthusiastisch zu, „vielleicht könnten Greaseball und ich links und rechts von dir niederknien, wie zwei dekorative Putten.“

„Und Ashley und ich könnten unsere Hände hoch über dir verschränken, dann hättest du einen hübschen Baldachin“, meinte Pearl.

Dinah schüttelte den Kopf in gespielter Verzweiflung und barg ihr Gesicht in den Händen, um ihr Kichern zu verbergen.

„Nun ja, es ist nicht gerade der gläserne Thron, den ich mir erhofft hatte, aber es ist wahrscheinlich besser als nichts“, sagte sie seufzend.

Plötzlich ertönte ein fernes Rumpeln, welches die Ankunft eines Zuges verheißen musste. Das selbst noch von Weitem unverkennbare Schnaufen einer Dampflok.

Dinah wurde sofort wieder ernst und ergriff instinktiv die Hände ihrer Freundinnen, welche sich wieder neben sie gesetzt hatten.

„Das ist Rusty“, flüsterte sie.

In der Tat, kamen nur kurz darauf Rusty und die Rockys in den Bahnhof gerollt.

„Hey, Dinah ist wieder da!“, rief Rocky 1 fröhlich, als er sie auf dem Bahnsteig erspähte.

„Morgen, Dinah, schön dich zu...sehen“, fügten 2 und 3 hinzu und drei Augenpaare wurden größer und größer und warfen sich dann verdatterte Blicke zu.

„Ich freue mich auch, euch zu sehen“, antwortete Dinah etwas verlegen.

Für einen Moment starrten die Kastenwägen sie nur stumm an, bis Greaseball sich geräuschvoll räusperte.

Drei Augenpaare flitzten von Dinah zu ihm und dann sofort wieder zu ihr zurück.

„Also, wie war denn dein, äh, Urlaub?“, fragte 1 hölzern.

„Hast du Spaß gehabt?“, fügte 2 recht lahm hinzu.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte 3, der offensichtlich noch zu verblüfft war, um etwas anderes als ehrlich zu sein.

„Mir geht es gut“, erwiderte Dinah schnell, „danke. Aber was meinen `Urlaub` angeht, nun, das ist eine etwas längere Geschichte.“

„Wir sind nicht in Eile“, sagte Rusty lächelnd. „Oder besser gesagt, sie sind es nicht.“ Mit einem Blick über seine Schulter fügte er hinzu, „wenn ihr möchtet, könnt ihr ja hier bleiben, bis ich Flat Top und Dustin abgeholt habe.“

„Äh, ja okay“, sagte 1 geistesabwesend und schaute drein, als ob er immer noch nicht glauben könnte, was er sah.

Das Lächeln der Dampflok wurde breiter und er zwinkerte Dinah zu, bevor seine Finger im Vorbeifahren sanft gegen Pearls ausgesteckte Hand strichen und er mit einem lauten, fröhlichen Pfeifen wieder aus dem Bahnhof dampfte.

Immer noch mit großen Augen, formten die Kastenwägen einen Halbkreis vor Bahnsteig 1, um Dinahs Erzählung zu lauschen. Sie hatte sich entschieden, nur ein kleines bisschen kreativ mit den Fakten zu sein. Greaseball war Nacht um Nacht zu der Brücke zurückgekehrt und das wochenlang, ohne etwas auch nur im geringsten Ungewöhnliches dort vorzufinden und sie wollte den anderen Zügen nicht unnötig Angst machen. Und wenn sie ganz ehrlich war, fiel es ihr immer noch nicht leicht, über die Geschehnisse dieser Nacht zu sprechen.
Also erklärte sie, dass sie in der Nähe der Brücke ohnmächtig geworden war und die Diesellok sie dort gefunden hatte. Sie war einige Tage krank gewesen und da nicht klar war, was ihr gefehlt hatte, hatte sie es für am besten gehalten, sich für eine Weile sozusagen in Quarantäne zu begeben, bis es ihr wieder gut ging. Ihr jetziger Zustand war zweifellos ein Resultat ihrer Krankheit, so wie eine sehr tiefe Rostnarbe, die selbst, wenn sie verheilt und überlackiert war, immer sichtbar bleiben würde. Der Brief war Greaseballs Idee gewesen, weil dieser keine Lust gehabt hatte, von ihren Freundinnen genervt zu werden, die sonst sicher alle zwei Minuten an das Tor geklopft hätten, um zu fragen, wie es ihr ging oder um unnötige Hilfe aufzudrängen.

Die Kastenwägen lauschten schweigend, ihre Stirne vor Spannung gerunzelt, und nickten nur manchmal in Zustimmung oder schüttelten verblüfft die Köpfe.

Sie hatte ein paar Minuten erzählt, als plötzlich Krupp auftauchte und die Rockys gebieterisch mit ein paar knappen Gesten von den Gleisen beorderte.

Der Diesel schnaubte verächtlich und lehnte sich noch steiler gegen den Bahnsteig, um noch mehr Platz einzunehmen. Er wollte doch mal sehen, wie Krupp versuchte, ihm Befehle zu erteilen. Aber der Rüstungswagen war offensichtlich clever genug, um sich bewusst zu sein, dass es eine Sache, war ein paar Kastenwägen herum zu kommandieren und eine ganz andere, das mit einer ehemaligen Weltmeister-Lok zu versuchen.

Den Bahnhof noch ein letztes Mal mit den Augen absuchend, drehte Krupp sich um und fuhr stoisch in die Richtung, aus der er gekommen war, davon. Jetzt konnte es nur noch eine Frage von Minuten sein, bis Electra selbst eintreffen würde. Greaseball war klar, dass der Rüstungswagen Dinah nicht übersehen haben konnte, obwohl er keine sichtbare Reaktion gezeigt hatte.

Er konnte schon das komische Surren in den Gleisen, das die E- Lok erzeugte, spüren. Es ließ seine Zähne immer ein klein bisschen schmerzen. Seine Wirbelsäule streckend, hakte er die Daumen hinter seinen Gürtel, er wollte nicht zu lässig erscheinen.

Sein Kopf absichtlich hoch erhoben, eine Hand leicht gegen die Stromleitung streichend, gab Electra seine beste Interpretation von Jemandem, der ganz entschieden nicht etwas Bestimmtes anblickte. Nur seine Augen bewegten sich wie die Linse einer Überwachungskamera, als er vorbeifuhr.

Während Krupp, welcher gleich hinter ihm fuhr, die Gleichgültigkeit der Lok perfekt kopierte, hoben sich Purses Augenbrauen sichtbar beim Anblick des ehemaligen Speisewagens und selbst, als er schnell wieder wegblickte, blieb eine kleines Stirnrunzeln auf seinem Gesicht. Joule und Volta schienen kein Interesse zu haben, sich hinter falscher Gleichgültigkeit oder Höflichkeit zu verbergen und starrten ganz unverhohlen, wobei sie sogar noch über ihre Schultern sahen, um einen letzen Blick zu erhaschen, bevor sie ganz an ihr vorbei gerauscht waren. Hinter ihnen hatte Wrench nur den Anflug eines Lächelns auf den Lippen.

Greaseball warf einen schnellen Seitenblick auf Dinah und verfluchte die E- Lok innerlich für den unbehaglichen Ausdruck, den er auf ihrem Gesicht sah.

Bald danach schlug die Uhr acht und ein ständiger Strom des Kommen und Gehens begann. Rusty kehrte zurück mit Dustin und Flat Top im Schlepptau, grade als Dinah ihre Erzählung beendete.

„Hey, willkommen zurück, Dinah!“, rief der Steinwagen, bevor sein Gesicht in einem Ausdruck der Verwirrung gefror. Dustin winkte enthusiastisch, nur um Momente später verdattert zu blinzeln. Es war offensichtlich, dass Beiden aufgefallen war, dass etwas an dem Speisewagen ungewöhnlich war, nur war ihnen noch nicht klar, was genau.

„ Danke, Flat Top. Hallo, Dustin.” Dinah lächelte und winkte zurück.

„Ich fürchte, wir müssen jetzt los“, meinte Rusty zu den Kastenwägen und deutete über seine Schulter zu den beiden anderen Güterwagons.

„Kommen sofort,“ erwiderte 2.

Die Kastenwägen verabschiedeten sich rasch, 1 und 2 mit einem High Five und 3 sogar mit einer etwas schüchternen Umarmung, bevor sie sich bei dem Steinwagon anhängten.

„Flahat Tohop“, flüsterte der Big Hopper plötzlich aufgeregt, anscheinend war ihm gerade klar geworden, was an dem Speisewagen nun anders war.

„Schhh, ich weiß, hör auf zu gaffen“, zischte Flat Top und lächelte angestrengt, wohl um zu demonstrieren, dass er überhaupt nichts Überraschendes an ihrer Transformation finden konnte.

Da er nicht wusste, was er sonst tun sollte, imitierte Dustin einfach das sonderbare Lächeln des anderen Wagons und sie fuhren wie Bauchrednerpuppen grinsend vorbei.

Ashley wandte sich ab und tat, als ob sie sich eine Zigarette anzünden würde, um ihr Lachen zu verbergen.

„Die Rockys haben mir versprochen, dass sie es ihnen erklären werden“, sagte Dinah schnell und versuchte, nicht selbst über den offensichtlich gut gemeinten, gespielten Frohsinn der beiden Güterwagons zu schmunzeln.

Wie auf Kommando, schien fast der gesamte Frachtzug in wildes Durcheinanderreden auszubrechen.

„Armer Rusty, das wird bestimmt eine lange Fahrt“, sagte Pearl mitleidig. Es war nicht einfach, sich zu konzentrieren, wenn hinter einem mehrere Wagons sich gleichzeitig Gehör verschaffen wollten.

„Tja, soviel zu `Kraft und Ruhe`“, stimmte Buffy zu und tat eine Zitronenscheibe in ein Glas mit Eistee, bevor sie es Dinah anbot.

„Danke.“ Dinah lächelte, das Glas dankbar annehmend. Das ganze Erzählen, zusammen mit der Tatsache, dass sie immer noch etwas nervös war, hatte ihren Mund ziemlich ausgetrocknet.

„Und hier kommt Electra...schon wieder“, verkündete Greaseball nach einer Weile monoton, als er wieder das typische Surren in den Gleisen bemerkte.

Dem vergleichsmäßig gemächlichen Tempo und den nun wieder völlig gleichgültigen Mienen seiner Components nach zu urteilen, hatte die E-Lok offensichtlich schon einen ganz bestimmten Frachtzug nach Informationen ausgefragt. Elegant kam er vor ihnen zum Stehen.

„Dinah, wie schön, dich zurück zu sehen“, sagte er geschmeidig,

Dinah lächelte ein wenig schüchtern und Greaseball starrte Blitze durch seine Sonnenbrille auf die andere Lok.

„Ich muss zugeben, dass ich dich zuerst beinah gar nicht erkannt hätte“, fuhr Electra fort.

„Wir auch nicht“, fügten Joule und Volta unisono hinzu.

„Seh‘ ich denn so anders aus?“ Dinah war ehrlich überrascht.

„Nun, es ist ein sehr gewagtes Make- over“, erwiderte die E-Lok, seine ausdrucksvollen, dunklen Augen über sie gleiten lassend, „aber auch ein sehr erfolgreiches, muss ich sagen.“

Der Diesel knirschte angeekelt mit den Zähnen. Electras Getue war einfach unerträglich, aber da die Worte der anderen Lok Dinah zum Lächeln brachten, riss er sich zusammen und ignorierte ihn, so gut er konnte.

„Ashley hat das Kleid genäht“, sagte Dinah, nicht ohne Stolz.

„Wirklich?“ Electras Augenbrauen hoben sich, „da fragt man sich ja, welche unerwarteten Talente sie sonst noch so vor uns versteckt.“

„Ja, ich höre nie auf, mich selbst zu überraschen“, sagte Ashley nonchalant.

„Und uns hoffentlich auch nicht“, erwiderte die E-Lok mit einem koketten Lächeln, seine Finger leicht gegen den Saum von Dinahs Kleid streichend.

„Ah, Seide. Warm, wenn es kühl ist und kühl, wenn es heiß ist“, gurrte er und veranlasste Joule und Volta, selbstzufrieden zu lächeln, als hätte er über sie gesprochen.

Greaseballs Rücken versteifte sich instinktiv, das ging jetzt aber bald ein bisschen sehr weit. Aber Dinah nickte nur fröhlich in Zustimmung.

„Und es ist auch sehr bequem.“

„Nun, das ist ja beinah ein bisschen unfair allen Anderen gegenüber“, sagte Electra neckisch. „Die Meisten von uns müssen sich entscheiden, ob sie bequem oder chic sein wollen.“

Der Diesel hatte keine Zweifel, dass Electra sich für Bequemlichkeit entschieden hatte.

„Anwesende natürlich ausgenommen“, sagte Buffy zuckersüß.

„Natürlich“, stimmte die E-Lok zu, seinen Blick flüchtig zu Greaseball schweifen lassend, wie um klar zu stellen, dass er eine Ausnahme von der Ausnahme machte.

Dinah errötete ein wenig.

„Oooh, wie hast du denn das gemacht?“ Joule schien wie gebannt von der plötzlichen Farbe auf ihren Wangen. „Ist es temperaturempfindlicher Lack?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, streckte sie die Hand nach Dinahs Gesicht aus.

Electra fing sie ab, bevor sie ihr Ziel erreicht hatte.

„Ich glaube nicht, dass Dinah es schätzen würde, wenn du so einfach in ihrem Gesicht herum patschst, das ist nämlich sehr unhöflich“, sagte er milde.

„Nein, dass würde sie nicht“, stimmte Greaseball gereizt zu.

Der Sprengstoffwagon zuckte nur eine Schulter und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Es ist kein Lack“, sagte Dinah schnell, um die plötzliche Anspannung aufzulösen. „Ich bin jetzt nämlich überhaupt nicht mehr gestrichen.“

„Es sieht ganz...nett aus“, sagte Joule langsam und ziemlich gleichgültig.

„Nett? Es sieht einfach bezaubernd aus“, meinte die E-Lok seidig. Greaseball glaubte, nun wirklich kurz vorm Würgen zu sein.

Die Bahnhofsuhr schlug neun.

Electra öffnete die Hände, als würde er sich einer höheren Macht geschlagen geben.

„Das ist unser Marschbefehl, fürchte ich.“

Innerhalb von Sekunden hatten sich seine Wagons wieder bei ihm angehängt. Dinah nickte.

„Unsere kleine Unterhaltung war mir ein Vergnügen.“ Er streckte ihr, großzügig wie ein Mafiapate, eine Hand entgegen, und Dinah schüttelte sie leicht.

„Danke für deine freundlichen Worte“, sagte sie.

„Oh, dank mir doch nicht dafür, ich habe ja nur die Wahrheit gesagt“, erwiderte Electra, und so wenig Greaseball die andere Lok auch ausstehen konnte, musste er doch zugeben, dass er keinen Grund hatte anzuzweifeln, dass sie tatsächlich ehrlich gewesen war.

Dinah ein letztes Lächeln schenkend, berührte er leicht die Stromleitung und rollte gemessenen Tempos davon. Grade, bevor der Zug völlig außer Sichtweite war, drehte Wrench ihren Kopf und warf Dinah ein kleines Grinsen, welches ihre scharfen, weißen Zähne zeigte, zu. Es war das erste Mal, dass sie die stoische Wrench so hatte grinsen sehen.

Pearl gab ihr einen leichten Rippenstoß.

„Siehst du? Du siehst `einfach bezaubernd` aus“, sagte sie mit einem spitzbübischen Lächeln.

„Ich hoffe, Electra wollte nicht einfach nur nett sein“, erwiderte Dinah und versuchte, vor Greaseball nicht allzu erfreut dreinzuschauen.

Ashley schüttelte den Kopf. „Hast du jemals gesehen, dass der versucht, einfach nur nett zu sein? Der ist doch Anna Wintour auf Rädern.“

Bevor Dinah etwas darauf erwidern konnte, zupfte Buffy an ihrem Ärmel.

„Schau mal, da kommen Bobo und Estella“, flüsterte sie.

Ashley setzte sich nur ein klein wenig gerader hin. Nach dem Rennen hatte sie für eine Weile gedacht, dass zwischen ihr und Bobo eines Tages vielleicht mehr sein könnte, als nur zusammen Rennen zu fahren. Es hatte geschienen, als ob er sie möge, sehr sogar, aber abgesehen von einigen sehr formellen Dates und einigen recht keuschen Küssen, war nichts weiter geschehen. Bobo hatte nicht geglaubt, dass eine Fernbeziehung, wie es ihre ja hätte sein müssen, auf längere Sicht funktionieren konnte und sie hatten sich mit einem letzten Kuss als Freunde getrennt. Nun ja, Ashley seufzte, sie war im Moment recht zufrieden mit ihrem Leben als Single- Wagon und sie war überzeugt, dass sie die richtige Lok noch finden würde...irgendwann. Ihr Kinn in die Hände gestützt, beobachtete sie, wie Bobo und Estella in den Bahnhof einfuhren.

Estella war der Speisewagen, der während Dinahs Abwesenheit ihren Dienst übernommen hatte. Obwohl sie anscheinend sehr nett war, hatte Dinah sich ein wenig gescheut, sie zu treffen. Sie war sich wohl bewusst, dass die Anderen ihre Ersetzung nur so wenig wie es möglich war, ohne unhöflich zu sein, erwähnt hatten, um sie nicht unnötig daran zu erinnern, dass ihre Zeit als Speisewagen wahrscheinlich endgültig vorbei war.

Als sie sich näherten, konnte Dinah erkennen, wie der angespannte Ausdruck auf Bobos Gesicht von einem fröhlichen Lächeln verdrängt wurde. Sie nahm an, dass die Rockys ihre Geschichte schon so gut wie jedem Zug erzählt haben mussten, sonst, vermutete sie, hätte die französische Lok wahrscheinlich ihre Überraschung und Neugier nicht ganz so gut hinter ihrem charakteristischem Charme verbergen können. Er warf ihr (und Ashley) einen Kuss zu und deutete zur Bahnhofsuhr, seine Schultern wie zur Entschuldigung zuckend, dass er gerne angehalten hätte, um mit ihr zu plaudern, aber die Zeit es leider nicht zuließ. Estella spähte etwas schüchtern über seine Schultern und versuchte augenscheinlich, ihr Staunen so gut sie konnte zu verbergen, sie lächelte sogar ein wenig.

Dinah fand, zu ihrer Überraschung, dass es nicht schwer war, das Lächeln des Speisewagens zu erwidern.

„Sie ist ziemlich hübsch, nicht wahr?“, sagte sie leise, als die Beiden schon wieder nur ein kleiner Punkt am Horizont waren.

„Na ja, kommt drauf an, was man so als hübsch bezeichnen würde“, meinte Greaseball beiläufig.

Vom Aussehen war Estella beinah das komplette Gegenteil von Dinah. Groß und schlaksig mit dunklen Augen und einem fülligen, kirschroten Mund. Ihr pechschwarzes Haar war geflochten und hinter ihren Ohren zu Schlaufen gedreht, nicht unähnlich den Henkeln einer Zuckerdose und die Teile ihres an allen Seiten geschlitzten, crèmefarbenen Rocks boten ihre verschiedenen Speisekarten, Vorspeisen, Hauptgänge, Desserts und Weine dar.

Dinah seufzte leise.

„Ich wünschte, ich hätte lesen können, was auf ihren Speisekarten steht“, murmelte sie zu sich selbst.

Der weitere Morgen verstrich rasch und es war kaum eine Lok oder Wagon, die nicht zumindest kurz anhielten, um sie wieder willkommen zu heißen, oder einige Worte mit ihr zu wechseln. Und obwohl viele von ihnen ihrer Überraschung nicht völlig Herr werden und sich das Starren ganz verkneifen konnten, gab es doch von keinem urteilende Blicke, Spott oder gar Abscheu, wie sie zuerst befürchtet hatte. Kurz vor Mittag rollte auch Caboose in den Bahnhof und verwunderte sie damit, dass er ihr im Vorüberfahren nur etwas hölzern zuwinkte, ohne jedoch anzuhalten.

„Ich glaube, es ist ihm noch ein bisschen peinlich“, meinte Ashley. „Caboose beschämt, wer hätte das gedacht?“

„Warum denn?“, wollte Dinah wissen „er weiß doch, dass ich nicht böse auf ihn bin, oder?“

„Na, das ist es ja gerade. Ich bin mir sicher, dass er erwartet hat, dass du stocksauer auf ihn sein würdest, ganz gleich, wie gut er es gemeint hat, aber du bist es nicht und ich denke, er weiß nicht wirklich, wie er damit umgehen soll.“ Ashley lächelte schief. „Wahrscheinlich hätte er sich wohler damit gefühlt, wenn du ihn hochkant aus deinem Depot geworfen hättest und ihm gesagt hättest, dass er dir ja nie wieder unter die Augen kommen soll.“

Dinah blickte den Bremswagon stirnrunzelnd hinterher.

„Das ist eigentlich sehr traurig“, sagte sie nach einer Weile.

„Nichts gibt's umsonst“, erwiderte der Rauchwagon etwas zynisch. „Wenn man dir nicht trauen kann, kannst du wahrscheinlich auch niemandem trauen. Auch schlechte Erwartungen können ja schließlich enttäuscht werden.“

Ich traue Caboose“, sagte Dinah mit großen Augen.

Ashley unterdrückte ein Seufzen ob der gutmütigen Naivität ihrer Freundin.

„Vielleicht ist das ja ein Anfang“, sagte sie.

Am Mittag endlich, kam Papa in den Bahnhof gerollt, sein Gesicht ernst, aber nicht unfreundlich. Natürlich würden ihm die Rockys schon alles erzählt haben. Dinah entschied sich aber, ihn auch die ungekürzte Version ihrer Geschichte erfahren zu lassen, vielleicht in der geheimen Hoffnung, dass er von so einem Geschehnis schon einmal gehört hatte. Die alte Lok lauschte konzentriert, die Stirn tief gefurcht, und rührte sich kaum, bis sie ihre Erzählung beendet hatte.

„Es tut mir sehr leid, Kind“, sagte Papa schließlich, langsam den Kopf schüttelnd. „Ich habe in meinem Leben doch einige seltsame Dinge gehört und gesehen, aber du bist, denke ich, das erste Wunder.“

„Glaubst du, dass es das ist?“, fragte Dinah leise, „ein Wunder?“

„Ich glaube, dass das manchmal die einzige Erklärung ist. Du kannst erfahren, was vor dir noch kein anderer Wagon erfahren hat, was es heißt, ein Mensch zu sein, und du hast erfahren, was außer dir noch kein Mensch erfahren hat, nämlich, was es heißt, ein Wagon zu sein.“

„So habe ich es eigentlich noch gar nicht gesehen“, gab Dinah zu.

„Ja, das ist ja alles wirklich nett und philosophisch“, grummelte Greaseball. „Aber meine Vorstellung von einem Wunder ist jetzt nicht gerade etwas, das einen Grün und Blau schlägt und dann bewusstlos irgendwo in der Botanik liegen lässt.“

„Aber um ehrlich zu sein, wir wissen ja nicht, wie Dinah ihre Verletzungen erhalten hat“, meinte Pearl.

Der Diesel zuckte abschätzig die Schultern, sagte aber nichts weiter.

„Greaseball, du hast erzählt, dass du Lichter hinter diesen `Wellen` sehen konntest, hast du sonst noch etwas erkennen können?“, fragte Papa, sich der anderen Lok zuwendend.

„Nein, nur diese Lichter...warum? Denkst du, ich hätte noch etwas anderes sehen sollen?“, fragte Greaseball, plötzlich misstrauisch.

Die alte Dampflok kratzte sich am Kopf und griff ein Stück Kohle aus seinem Tender.

„Es gibt da eine Geschichte, die ich vor vielen, vielen Jahren, lange bevor einer von euch auf der Welt war, gehört habe. Ich hatte sie schon völlig vergessen, aber eure Erlebnisse haben mich wieder daran erinnert.“

Ein gespanntes Schweigen senkte sich sofort über den kleinen Kreis seiner Zuhörer.

„Sie handelte vom `Ende der Strecke`“, fuhr Papa fort, nachdenklich an der Kohle knabbernd. „Dieser Geschichte zufolge, gab es einen Ort, wo die Gleise im vollkommenen Nichts endeten. Eine Dunkelheit ohne Sterne wäre es und wenn man ihr nah genug kam, würde man Jemand seinen Namen flüstern hören und jeder Zug, der diesem Flüstern folgte, würde spurlos verschwinden und nie wieder gesehen werden.“

Ein sichtbares Schaudern überkam die Wagons und selbst die Diesellok sah nun ein wenig unbehaglich aus.

„Natürlich, wie ich sagte, ist es ja nur eine Geschichte“, fuhr Papa beschwichtigend fort. „Eine Geschichte, die schon alt war, als ich noch jung war.“

„Also, ich hab keine `Dunkelheit ohne Sterne` gesehen“, sagte Greaseball, „daran würd ich mich ja wohl erinnern.“

Auch Dinah schüttelte den Kopf.

„Und der Schatten, den ich gesehen habe, sah mehr aus wie ein sich bewegender, dreidimensionaler Tintenklecks.“

„Und natürlich ist keiner von euch verschwunden, Starlight sei Dank“, meinte Pearl.

„Allerdings, eine Welt ohne mich möchte ich mir gar nicht vorstellen“, sagte der Diesel, zu Dinah herüberblickend, welche völlig verstand und lächelte.

Sie sprachen noch ein wenig über die kleinen und nicht so kleinen Schwierigkeiten, die Dinahs Transformation mit sich gebracht hatte und wie ihre Freunde ihr geholfen hatten, sie zu meistern. Wie Pearl ihr geholfen hatte gehen zu lernen, immer geduldig mit Dinah, die an ihren Arm geklammert neben ihr her gestolpert war, wie Ashley Wochen damit verbracht hatte, ein Kleid für sie zu nähen, wie Buffy während ihrer Genesung für sie gekocht hatte und wie dankbar sie für ihre Unterstützung und Freundschaft war.

Bevor er wieder gefahren war, hatte Papa sich bei ihr für ihr Vertrauen bedankt, sie väterlich umarmt und, zu jedermanns Erstaunen, Greaseball fest die Hand geschüttelt.

Der Diesel schaute der alten Dampflok mit einem kleinen, irritierten Stirnrunzeln hinterher, nicht sicher, warum er ihm wohl die Hand geschüttelt hatte, aber Dinah lächelte wissend. Sie hatte den Diesel während ihrer Erzählung kaum erwähnt, genau so, wie er es gewollt hatte, aber Papa hatte offensichtlich trotzdem genau die richtigen Schlüsse gezogen.

„Komischer alter Kauz“, murmelte Greaseball zu sich selbst, aber es lag keine wirkliche Bosheit in seinen Worten.
Die Uhr über ihnen schlug eins.

„Ich schätze, wir werden jetzt wohl los müssen“, verkündete er, „Tank übernimmt nur noch eine weitere Stunde für mich.“

„Tank?“, echoten Pearl und Ashley ungläubig. Sie hatten beide schon das fragwürdige Vergnügen gehabt, mit Tank zu fahren.

Der Diesel zuckte nur die Schultern. „Ist nicht meine Schuld, dass ich unersetzlich bin, oder?“

Unter den Mitgliedern von seiner Gang war Tank der schnellste und zuverlässigste, was aber nicht viel hieß.

Also verabschiedete Dinah sich von den anderen Wagons und dankte ihnen noch einmal für ihre Unterstützung, bevor sie wieder in Greaseballs wartende Arme hüpfte. Er war auf ihrem Weg zum Bahnhof kaum langsam gefahren, aber nun schien der Diesel geradezu zu fliegen, als wäre sie nicht die Einzige, die erleichtert war, dass alles so gut gelaufen war, viel besser sogar, als sie es zu hoffen gewagt hatte.

Sich in seiner Umarmung sicher fühlend, öffnete Dinah ihre Arme und breitete sie wie Flügel aus, um den Wind darum rauschen zu spüren. Die Anspannung, die sie am Morgen gefühlt hatte, hatte sie nun völlig verlassen.

Plötzlich und ohne Vorwarnung, sprang Greaseball hoch in die Luft, drehte sich im Sprung um 180° und landete wieder sicher auf den Gleisen. Er fuhr nun rückwärts, was, im Grunde genommen, nur in bestimmten Situationen erlaubt war.

Nun konnte sie über seine Schulter blicken und die Welt direkt auf sich zu sausen sehen, wie sie es immer getan hatte, als sie noch sein Wagon war.

„Aber jetzt kannst du doch gar nicht sehen, wo du hin fährst“, protestierte sie halbherzig.

„Muss ich auch nicht, weißt du noch?“, sagte der Diesel nur und lehnte sich in eine Kurve, die er nur erspürt haben konnte.

Dinah wusste es noch, sehr gut sogar. So hatten sie sich das erste Mal geküsst. Sie war damals noch sehr schüchtern und ein bisschen verschämt gewesen und hatte versucht zu verbergen, wie verknallt sie in die Superstar-Lok war. Er hatte manchmal unverbindlich mit ihr geflirtet, aber das tat Greaseball mit jedem hübschen Wagon, sie hatte also keinen Grund gehabt, das für etwas Besonderes zu halten, oder sich. Eines Tages, als sie zusammen nach Kristall Ebene, einem 300 Meilen entfernten, von weißen Quartzsand umgebenen Bahnhof fahren sollten, war er ohne anzuhalten einfach am Frachthof vorbeigerauscht, ohne die Rockys abzuholen, die normalerweise auf dieser Strecke mit ihnen fuhren.

„Fahren die Rockys heute nicht mit uns?“, hatte Dinah überrascht gefragt.

„Nein, heute nicht“, hatte Greaseball erwidert. „Die würden uns nur zu langsam machen.“

Und dann hatte er beschleunigt, mehr und mehr und sie hatte sich vollkommen fasziniert festgehalten. Noch nie war sie so schnell gefahren, dass die Landschaft wie Farbstreifen an ihr vorbei raste. Es war einfach unglaublich gewesen, selbst die Berge hinauf, an deren Fuß Kristall Ebene lag, war die Lok nicht langsamer geworden. Und als sie die Serpentinkurven auf der anderen Seite wieder hinunterkamen, schien es mehr, als flögen sie. So muss es sein wenn man ein Rennen fährt, hatte sie gedacht und ein fröhlicher Ausruf war ihren Lippen entkommen, als sie auf die Ebene hinaus geschossen waren.

Greaseball hatte über seine Schulter geblickt und nur ein ganz wenig gebremst.

„Macht Spaß, was?“, hatte er mit einem Grinsen gefragt.

Plötzlich wieder schüchtern, hatte sie nur gelächelt und genickt. „Mm mm.“

Dann plötzlich, hatte der Diesel sich abgekuppelt, um sich auf den Gleisen umzudrehen und sie anzusehen und Dinah hatte sich noch schüchterner gefühlt. Greaseball war eine attraktive Lok, vielleicht die attraktivste, die sie je gesehen hatte.

„Wenn wir zusammen das Rennen fahren, werden wir noch schneller sein“, hatte er ziemlich selbstbewusst gesagt.

Dinah hatte ihren Ohren kaum trauen können.

„Du willst, dass ich mit dir ein Rennen fahre?“, hatte sie geradezu gequiekt. „Aber...aber warum denn?“

„Weil ich einen Wagon will, der die Kraft des Diesels wirklich zu schätzen weiß und ich würde sagen, du tust das mit Sicherheit.“

Ihr Gesicht hatte sich plötzlich sehr heiß angefühlt, natürlich war ihm aufgefallen, wie verknallt sie in ihn war.

„Ja...ja, ich nehme an, das tue ich“, hatte sie verlegen gestammelt.

Greaseballs Grinsen war noch breiter geworden.

„Und weil dieser Wagon auch zufällig noch der hübscheste, süßeste und“, hier wurde sein Grinsen ziemlich schalkhaft, „heißeste im ganzen Bahnhof ist.“

Für einen Moment hatte es ihr die Sprache verschlagen, aber dann war all ihre Schüchternheit beim Anblick seiner Augen verschwunden und ein antwortendes Grinsen hatte sich auf ihrem Gesicht breit gemacht.

„Dann fahre ich sehr gern mit dir“, hatte sie gemeint, ohne ein Kichern ganz unterdrücken zu können.

„Gut,“ war alles, was Greaseball gesagt hatte und sie hatten sich noch einen Moment angeblickt, bevor er sie endlich in seine Arme gezogen und geküsst hatte, wie sie noch nie zuvor geküsst worden war.

Die Erinnerung entlockte ihr ein Lächeln und ihr Kinn gegen die Schulter ihrer Lok gelehnt, genoss sie die Fahrt nach Herzenslust. Ginge es nach ihr, wäre ihr Depot noch Meilen entfernt, anstatt weniger als eine halbe und schon viel zu bald waren sie schon wieder vor seinem Tor. Sogar rückwärts fahrend und mit ihr in seinen Armen, hatte Greaseball nicht darauf verzichtet, den Schlüssel auf seine übliche Art aus dem Handschuh zu schleudern und aufzufangen.

Im Depot hatte er sie nicht abgesetzt, bevor er den mit Teppich bedeckten Schlafbereich erreicht hatte.

„Ich wünschte, du könntest bleiben“, sagte Dinah impulsiv.

„Tja, du weißt ja...Tank“, erwiderte der Diesel mit einem halben Lächeln, offensichtlich auch unwillig, zu gehen.

„Ach ja“, Dinah nickte, sie hatte Tank ganz vergessen. „Ich hoffe, er hat dieses Mal wenigstens nichts in Brand gesetzt.“

Das letzte Mal, dass Tank für Greaseball eingesprungen war, war ein Kohlenbunker auf mysteriöse Weise in Brand geraten. Tank hatte beharrlich geleugnet davon zu wissen, aber Ashley hatte behauptet, dass er ihr ihre Zigarette weggenommen und in eben jenen Bunker geworfen hatte, weil, wie er sagte, der Rauch ihm auf die Nerven ging, da er ihn an Dampfloks erinnerte.

„Dann werde ich ihm so in die Achsen treten, dass seine Räder eine ganze Woche nicht mehr die Gleise berühren“, sagte Greaseball ohne eine Spur von Humor.

Dinah schüttelte den Kopf und setzte sich lächelnd auf den Teppich, ihre Arme um ihre Knie schlingend.

„Nun, wir sehen uns dann heute Abend“, sagte der Diesel ein wenig zu beiläufig, schon wieder auf seinem Weg zum Tor.

„Ja, wir sehen uns“, erwiderte sie, ohne ein Seufzen ganz unterdrücken zu können.

„Greaseball?“, fragte sie leise, als die Lok schon fast dabei war, das Tor wieder hinter sich zuzuziehen.

„Ja?“

„Ich wollte nur sagen...ich bin glücklich. Ich weiß nicht, wie es morgen sein wird, ich weiß nicht einmal, wie es in fünf Minuten sein wird, wenn ich ehrlich bin“, gab sie zu, „aber jetzt gerade, bin ich glücklich.“

„Dann bin ich's wohl auch“, murmelte Greaseball nach einer kurzen Pause.

Dann klickte das Tor sanft in sein Schloss und er war fort.
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