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Das Ende der Strecke

von LilysEyes
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Ashley Dinah Greaseball Pearl
05.07.2018
03.10.2018
18
41.220
3
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Dieses Kapitel
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21.08.2018 1.626
 
Der Diesel öffnete seine Hände in einer `das war’s` Geste, die wohl das Ende seiner Erzählung bedeutete. Sie alle hatten ihm mit abwechselnder Verwirrung, Furcht und Mitgefühl, aber vor allem schierem Unglauben gelauscht und fühlten sich nun wirklich nicht wenig wie Kinder, denen man eine besonders unrealistische Geschichte erzählt hatte.

„Ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll“, begann Ashley, nachdem sie alle noch einen Moment nur schweigend dagesessen hatten. „Es klingt einfach so…unfassbar.“

„Tja, es ist aber so passiert“, erwiderte Greaseball, der offenbar glaubte, das der Rauchwagon seine Worte anzweifelte, gereizt.

„Ich bezweifle das nicht“, sagte Ashley, beschwichtigend eine Hand hebend. „Ich glaube, keiner von uns hier tut das, wir verstehen es nur nicht.“

„Ich kann nicht glauben, dass Dinah dachte, wir würden Angst vor ihr haben“, flüsterte Pearl.

„Aber keiner von uns kann ja wirklich wissen, was sie im Moment durchmacht. Wenn sie wirklich glaubt, das sie uns gefährden könnte...du weißt doch, wie sie ist“, erinnerte Buffy sie sanft.

„Der Witz ist, dass ihr das jetzt vielleicht selbst geschafft habt“, sagte der Diesel grimmig.

„Fühlst du dich denn krank?“, wollte Ashley wissen. „Ich meine, würdest du dich nicht schon angesteckt haben, wenn, was immer es ist, das Dinah fehlt, ansteckend wäre?“

„Nein, ich kann nicht sagen, dass ich mich krank fühle, aber...“ Die Lok verstummte.

„Aber wenn es keine Krankheit ist, was könnte es denn sonst sein?“, fragte Pearl.

„Du hast gesagt, dass Dinah dir erzählt hat, sie wäre gestürzt, nachdem sie diesem `Schatten` begegnet ist. Glaubst du, sie könnte sich dabei ihre Verletzungen zugezogen haben?“ Ashley faltete die Hände, um den Drang, nach einer Zigarette zu greifen, zu unterdrücken.

„Ich weiß nicht, vielleicht...wie gesagt, sie kann sich nicht erinnern, ob ihr dieses Ding etwas getan hat oder nicht.“

„Konnte sie dir sonst noch etwas sagen darüber, was passiert ist, bevor du sie gefunden hast?“, wollte Buffy wissen.

Greaseball schüttelte müde den Kopf.

„Nur, was ich euch erzählt habe.“

Der Buffetwagon schürzte nachdenklich die Lippen.

„Weißt du, ich denke, Dinah könnte Recht haben, ich denke, sie könnte tatsächlich krank sein.“

Buffy dachte nicht, dass der Diesel sie jemals zuvor mit so viel gebündelter Aufmerksamkeit angeschaut hatte.

„Ihre Symptome klingen wie die von einem Fieber bei Menschen. Die hohe Temperatur, die beschleunigte Atmung, Delirium, Durst.“

„Weißt du auch, was man dagegen tun kann? Denn vielleicht hat das ja auch die anderen Symptome verursacht“, fragte Greaseball.

„Nun, ich weiß auch nicht so viel über Menschenkrankheiten“, gab Buffy zu bedenken. „Ich weiß, dass Fieber viele Ursachen haben kann, von recht harmlosen bis zu sehr ernsten. Aber ich denke nicht, dass das Fieber die anderen Symptome verursacht hat, ich glaube eher, dass es ein Resultat davon war.“

Die Lok schnaubte frustriert.

„Aber es kommt doch nicht wieder, oder? Dinah wird es doch nicht wieder schlechter gehen?“

„Ich fürchte, dass ich dir das auch nicht sagen kann, die schwersten medizinische Notfälle, mit denen ich sonst zu tun habe, sind Kinder, die am Buffet zu reichlich zugegriffen haben.“

„Hast du dieses `Ding`, diesen Schatten von dem Dinah gesprochen hat, auch gesehen?“, fragte Caboose, nachdenklich an einer Strähne seines maisblonden Haars zupfend.

„Nein, ich habe nur diese komischen `Wellen`, oder was immer das war, und dieses Licht gesehen.“

Der Bremser stützte das Kinn auf seinen Handballen und atmete langsam aus.

„Glaubst du, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem, was du gesehen hast und diesem Schatten?“

„Woher zum Teufel soll ich das wissen?“, blaffte Greaseball.

„Ja natürlich, woher auch“, sagte Caboose schnell entschuldigend. „Ich habe mich nur gefragt, wenn es eine Art von Verbindungen zwischen euer beiden Erlebnissen gäbe, warum würde nur Dinah davon so beeinflusst worden sein?“

„Tja, wir haben ja nicht mal eine Ahnung, was es überhaupt war, also nochmal: woher zum Teufel soll ich das wissen?“

„Ich frage mich, warum diese `Ding` deinen Namen gerufen hat“, sagte Pearl, die Knie gegen ihre Brust ziehend. „Ich meine, wenn du absichtlich zu der Brücke gelockt worden bist, und so scheint es ja, warum ist dir nichts passiert?“

Der Diesel lachte bitter.

„Woher kannte es denn überhaupt meinen Namen?“

„Na ja, wer immer da gerufen hat, kannte ja auch Dinahs Namen und du bist eine sehr berühmte Lok.“

„Ich meine meinen richtigen Namen, woher kannte diese Stimme den?“

„Greaseball ist nicht dein richtiger Name?“, fragte Pearl überrascht.

„Nein“, sagte die Lok nur nach einer lang scheinenden Pause.

„Was ist denn dein richtiger Name?“, erkundigte sich Caboose.

Greaseball warf ihm einen Blick zu, der Stahl hätte schmelzen können und den Bremswagon entschuldigend sein ergebenstes Lächeln lächeln ließ.

„Nun, irgendwer muss ja deinen richtigen Namen kennen“, sagte Buffy.

Der Diesel deutete nur schweigend auf die schlafende Dinah.

„Und sie würde ihn niemandem verraten“, seufzte der Buffetwagon.

„Mal angenommen wir finden nicht raus, was mit ihr passiert ist, also niemals, meine ich und angenommen, sie wird nicht wieder gesund?“, fragte Pearl, ihren Blick zu Boden gesenkt.

Niemand schien eine Antwort darauf zu haben.

Ashley knackte leise ihre Fingergelenke, der Nikotinentzug machte sie unruhig.

„Ich habe einen Vorschlag zu machen“, begann sie. „Wir bleiben heute alle hier für die Nacht, mit deiner Erlaubnis natürlich, und wenn dann keiner von uns morgen irgendwelche Symptome von Dinahs Krankheit zeigt, können wir wahrscheinlich zumindest einigermaßen sicher sein, dass es nicht ansteckend ist. Vielleicht würde sie das ja etwas beruhigen und möglicherweise ist sie dann ja auch einverstanden, Wrench zu informieren und vielleicht auch Papa. Denn ich denke, es ist offensichtlich, dass keiner von uns irgendwelche befriedigenden Antworten hat.“

Ich habe keine Einwände“, sagte Greaseball.

„Aber Rusty wird sich Sorgen machen, wenn ich nicht nach Hause komme, wahrscheinlich tut er das jetzt schon“, bemerkte Pearl bedrückt.

„Es ist nur ein Vorschlag“, erwiderte Ashley. „Natürlich erwarte ich nicht, dass jemand gegen seinen Willen hier bleibt. Aber ich denke auch, dass es keine schlechte Idee ist, wenn wir sichergehen wollen.“

Pearl seufzte tief.

„Rusty wird es verstehen“, murmelte sie.

„Ich hab’ Glück, niemand wird sich fragen, wo ich bin“, meinte Buffy zynisch.

Und so richteten sie sich für die Nacht ein. Der Diesel nahm wieder seinen Platz neben Dinah ein, die Personenwagons lehnten ihre Schultern in einer Art Dreieck gegeneinander und Caboose stützte sein Kinn auf seine verschlungenen Finger. Keiner von ihnen versuchte wirklich zu schlafen, oder auch nur so zu tun.

Eine dumpfe Trance senkte sich über sie, wie sie da saßen und ins Dunkel starrten, Jeder von ihnen mit dem Gefühl, er hätte genau so gut völlig allein sein können. Jede Minute schien mit sirupzäher Langsamkeit zu verstreichen und keiner von ihnen hätte sagen können, ob es noch spät oder schon wieder früh war, als ein leises Klopfen am Tor sie aus ihrer trüben Benommenheit riss.

Das Klopfen wurde wiederholt, diesmal etwas kräftiger.

„Greaseball?“ Die Stimme vor dem Tor schaffte es irgendwie gleichzeitig zu schreien und zu flüstern.

Pearl war plötzlich hellwach.

„Das ist Rusty!“

„Na und? Was will der denn hier, mitten in der Nacht?“, knurrte Greaseball leise. „Er wird Dinah noch wecken.“

„Er sucht mich wahrscheinlich! Oh, was machen wir denn jetzt? Sollten wir ihn herein lassen?“

Anstatt zu antworten, rollte der Diesel zum Tor, öffnete es und zerrte den verdatterten Rusty einfach am Kragen herein.

„Wirst du jetzt wohl ruhig sein“, zischte er die erschrockene Dampflok an. „Hier sind Wagons, die schlafen möchten.“

Rustys Blick wanderte von Pearl, die jetzt so leise wie möglich auf ihn zu rollte, zu den anderen, noch am Boden sitzenden Wagons, zu Caboose, welcher ihn zurückhaltend anlächelte, und wieder zurück zu Greaseball.

„Was...was ist denn los?“, krächzte er, ohne wirklich zu klingen, als ob er es wissen wollte.

„Ich erkläre es dir“, flüsterte Pearl und nahm seine Hand. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht gesagt habe, wo ich bin, ich kann mir vorstellen, wie das hier wohl für dich aussehen muss. Aber es gibt einen sehr guten Grund, warum ich hier bin und es ist definitiv nicht was du wahrscheinlich gerade denkst.“

Sie führte die völlig widerstandslose Lok herüber zu den anderen Wagons. Sich wieder hinsetzend, tätschelte sie den Platz neben sich. Obwohl er immer noch etwas unbehaglich dreinblickte, folgte Rusty ihrer Einladung sofort. Sie schlang einen Arm um seine Schultern und zog ihn näher, bis sich ihre Gesichter beinah berührten, um dann in einem Flüstern von den Geschehnissen, die sie dort hin geführt hatten und der unglaublichen Geschichte, die die Diesellok ihnen erzählt hatte, zu berichten.

Obwohl Ashley ihre Worte nicht verstehen konnte, war es an Rustys Gesicht klar abzulesen, an welchem Punkt in ihrer Geschichte Pearl gerade war. Es war recht liebenswert, fand sie, jede Emotion von Sorge zu Freude zu Traurigkeit, so offensichtlich auf seinem süßen Gesicht zu sehen.

Es musste schon bald Sonnenaufgang sein, als Pearl ihre Erzählung abschloss.

„Du weißt doch, dass, wenn ich eine Möglichkeit gehabt hätte, dich wissen zu lassen, wo ich bin, ich nicht zugelassen hätte, dass du dir Sorgen um mich machst, oder?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Anstatt zu antworten nahm Rusty nur sanft ihr Gesicht zwischen seine Hände und drückte einen langen, festen Kuss auf ihre Lippen. Pearl seufzte erleichtert, irgendwie war dieser Kuss genau das gewesen, was sie gebraucht hatte. Seine Anwesenheit erfüllte sie mit einer Hoffnung, wie sie sie die ganze Nacht nicht gespürt hatte. Hoffnung, dass alles wieder gut werden könnte, dass Dinah wieder ganz gesund würde.

„Ja, das weiß ich“, flüsterte er mit einem zärtlichen Lächeln.

Es schien Pearl als trüge Rusty eine Art von Leuchten in sich, seit ihm der Starlight Express erschienen war, ein Licht das in ihr einen antwortenden Funken entzündete, auf eine Weise, die so machtvoll und doch so still war, dass er es selbst wahrscheinlich gar nicht bemerkte.

Sie saßen schweigend Arm in Arm noch eine lange Zeit einfach nur da, bis ihr Kopf gegen seine Schulter sank und sie endlich in einen traumlosen Schlaf fiel.
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