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Das Ende der Strecke

von LilysEyes
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Ashley Dinah Greaseball Pearl
05.07.2018
03.10.2018
18
41.220
3
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Dieses Kapitel
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11.08.2018 2.306
 
Dinahs Zustandhatte sich verschlechtert, sehr sogar. Nach etwa einer Stunde hatte sie begonnen, sich im Schlaf zu krümmen und zu winden, immer in dem Versuch, sich von der Plane zu befreien. Greaseball hatte so gut er konnte versucht, sie zu beruhigen, aber sie schlief beinah wie betäubt. Wenn sie jedoch aufwachte, begann sie zu schluchzen und wirr über die Dunkelheit zu murmeln, bevor sie sich ängstlich an ihn klammerte und ihn anflehte, sie nicht allein zu lassen. Und er hatte es nicht. Er konnte es nicht.

Ihre Haut fühlte sich nun wirklich heiß an, besonders um einen langen, nun feuerroten, Kratzer auf ihrem Arm. Sie erinnerte ihn nun ein bisschen an eine Dampflok, der das Wasser ausgegangen war. Er konnte sich noch gut erinnern, wie er einmal heimlich mit einem angespitzten Bolzen ein kleines Loch in Rustys Wassertank gestochen hatte. Dann hatte er geduldig gewartet, bis das Wasser komplett herausgetropft war. Natürlich hatte Rusty bemerkt, dass etwas nicht stimmte, er hatte seine Schultern gerollt, wie um einen Krampf daraus zu lösen und immer wieder trocken gehüstelt, aber zu Greaseballs Freude hatte er nicht rechtzeitig gemerkt, was das Problem war. Er und seine Gang hatten vor Lachen gebrüllt, als die Dampflok plötzlich angefangen hatte zu keuchen und zu straucheln und es kaum noch bis zum nächsten Wasserkran geschafft hatte. Irgendwie schien das alles nun wesentlich weniger lustig.

Starlight, was wünschte er, Wrench wäre da, aber trotz seiner früheren Entscheidung, wagte er es nicht, Dinah allein zu lassen. Denn was, wenn er zurückkäme... und es keine Dinah mehr gäbe? Er hatte immer geglaubt, dass es nicht wirklich etwas Besseres gab, etwas das mehr Spaß machte, als Greaseball zu sein. Alle anderen Züge beneideten, fürchteten oder bewunderten ihn und das mit gutem Recht. Aber er hatte gelernt, dass es etwas gab, das besser war, als Greaseball zu sein, nämlich ein Teil zu sein von `Greaseball und Dinah`.

Nach seinem Unfall in dem desaströsen Finale war ihm einiges klar geworden. Nämlich, dass er nie wieder einem Wagon trauen würde, der nicht mit dem Lächeln aufhören konnte, dass er hätte gewinnen können, wenn er sich nicht ausschließlich auf Electra konzentriert hätte und dass er nie wieder betrügen würde, nur weil er es konnte. Er war viel zu talentiert um Betrug nötig zu haben, obwohl er durchaus auch ein talentierter Betrüger war.

Aber seine mit Abstand wichtigste Erkenntnis war die gewesen, dass Dinah einfach der richtige Wagon für ihn war. Er hätte es von Anfang an wissen müssen und nie das Rennen mit Pearl fahren dürfen. Wahrscheinlich hätte er es auch nicht, wenn er Electra nicht hätte provozieren wollen und ihm beweisen, dass er jeden Wagon haben konnte, auch Pearl. Pearl, die zwar hübsch war, aber viel zu unkonzentriert, viel zu zögerlich und die immer über ihre Schulter nach Jemand anderem geschaut hatte, Jemandem, der pfeifen konnte. Sie hatte einfach nie das notwendige Gespür für Diesel besessen wie Dinah es hatte.

Dinah, die ihre Arme um ihn schlang und vor Vergnügen quiekte, wenn sie unter der strahlenden Sonne pfeilschnell über die Ebenen dahin schossen, ihr Chrom, weiß und blau wie Diamanten funkelnd und schöner als jeder andere Wagon, den er je gesehen hatte. Dinah, deren Namen er sich am Tag nach dem Rennen in ein Schulterblatt hatte gravieren lassen. Er war sich nicht sicher, ganz und gar nicht sicher, ob er jemals wieder nur Greaseball würde sein können. Greaseball ohne Dinah.

Er dachte nicht, dass er sich jemals zuvor so hilflos gefühlt hatte, nein, das stimmte nicht, er hatte sich noch nie zuvor hilflos gefühlt. Und nun konnte er nur dort sitzen und zusehen, wie Dinah im Schlaf weinte und wimmerte und ihn manchmal nicht einmal erkannte, wenn sie von ihren Alpträumen erwachte. Starlight Express, Starlight Express, immer wieder tauchten die Worte in seinen Gedanken auf, obwohl er sie nicht sprach.

Es war sowieso nur eine Geschichte, eine Geschichte, die einem erzählt wurde, wenn man noch sehr jung war, damit man sich im Dunkeln nicht fürchtete. Da war kein Starlight Express für Dinah, da war nur Greaseball. Impulsiv ergriff er eine ihrer Hände, sie war immer noch sehr heiß und so zerbrechlich wie ein dünner Zweig. Ihre Augen öffneten sich langsam und versuchten, ihn zu fixieren.

„Greaseball?“

„Ich bin hier und ich fahr auch nicht weg.“

„Ich hab’ so Durst.“

„Ich hol’ dir was zu trinken.“ Er hatte den Raum schon halb durchquert.

Es war, bevor er schon im Kühlschrank war, als ihm bewusst wurde, dass er keine Ahnung hatte, was Dinah nun trinken konnte. Diesel? Öl? Wasser? Er wollte sie ja nicht vergiften. Auf den Regalen standen Dutzende kleiner Flaschen, auf die er bis jetzt keinen Blick verschwendet hatte. Was genau tranken Menschen überhaupt?

Er studierte die Etiketten einiger Flaschen. Coca Cola, sollte das etwa ein Getränk mit Kohlegeschmack sein? Er ließ es lieber stehen. Fanta, allein die Farbe war abstoßend und er entschied sich, es lieber nur mit den klaren Flüssigkeiten zu versuchen. War Volvic nun der Markenname, die Geschmacksrichtung oder nur eine Beschreibung des Zeugs in den Flaschen? Er öffnete eine und nippte vorsichtig daran...es war furchtbar! Das musste Wasser sein, Greaseball meinte, sich an den Geschmack zu erinnern. Er griff eine Handvoll der Volvic-Flaschen und auch ein paar, die eine Flüssigkeit enthielten, deren Farbe ihn an Diesel erinnerte. Ginger Ale, vielleicht würde Dinah das auch trinken können.

Sich wieder neben ihr niederkniend, stellt er die Flaschen vorsichtig auf dem Boden ab.

„Ich wusste nicht, was du wolltest, also hab ich dir Volvic und Ginger Ale geholt“, erklärte er, schon einige Flaschen öffnend, „aber wenn du das nicht magst, ist da auch noch...“

„Es ist okay“, flüsterte Dinah.

Greaseball schob einen Arm unter ihre Schultern und zog sie gegen seine Brust, bevor er ihr half, einige Schlucke aus einer Volvic-Flasche zu trinken. Er wartete mit beinah angehaltenem Atem auf irgendwelche Anzeichen, dass es ihr vielleicht nicht bekam. Wasser war ihm jedenfalls nicht bekommen, als er sich leichtsinnig entschieden hatte, aus Neugier einen großen Schluck aus einem Wasserkran zu nehmen. Er hatte gehustet und gewürgt, bis ihm fast sein Diesel wieder hochgekommen wäre. Aber obwohl Dinah nur in langsamen, kleinen Schlückchen trinken konnte, schien es vollkommen in Ordnung für sie zu sein.

Sie trank noch zwei von den Volvic-Flaschen und zwei von denen mit Ginger Ale, bevor sie ein erschöpftes „Danke“ gegen seinen Hals seufzte. Er half ihr, sich wieder auf dem Teppich hinzulegen und deckte sie sorgfältig zu.

„Wenn du noch irgendwas brauchst, zum Beispiel...also irgendwas halt, dann sagst du’s mir, okay?“

Dinah nickte nur, schon wieder halb eingeschlafen.

Greaseball wusste nicht, ob das Wasser dafür verantwortlich war, aber sie schien nun wesentlich ruhiger zu schlafen, nur einmal griff sie noch nach seiner Hand. Er hatte nie bezweifelt, dass sie ganz ihm gehörte, aber erst jetzt, wie er dort saß und ihre Hand hielt, wurde ihm wirklich bewusst, dass er ebenfalls ganz ihr gehörte. Er könnte sich genau so gut Eigentum von Dinahauf die Stirn gravieren lassen.

Als die Morgendämmerung endlich anbrach und er die Hoffnung, die Nacht würde jemals enden, schon beinah aufgegeben hatte, fühlte sich ihre Hand schon viel kühler an und ihre Atmung war tiefer und rhythmischer, als sie es gewesen war. Starlight Express, dachte er wieder, erleichterter als er es je in seinem Leben gewesen war.

Es war fast schon Mittag, als Dinah von ihrem Schlummer erwachte. Sie war zwar offensichtlich immer noch krank, aber es ging ihr besser als während der grauenvollen Nacht. Greaseball wollte immer noch Wrench bemühen, oder zumindest mit Papa sprechen. Irgendjemand musste doch wissen was ihr fehlte, irgendjemand musste ihr doch helfen können.

Aber sie begann sofort sich zu sorgen. Was denn, wenn sie wirklich ansteckend war, hatte sie gefragt. Was, wenn ihre Freunde wegen ihr krank würden? Eigentlich müsste sie doch sogar in Quarantäne. Greaseball argumentierte, dass das ja kein Grund war nicht wenigstens Jemanden zu informieren. Er könnte dem Reparaturwagon ja ihre Symptome beschreiben und sie würde wahrscheinlich schon so eine Behandlung empfehlen können. Es müsste ja niemand tatsächlich das Depot betreten.

„Aber sie würden es wahrscheinlich versuchen, wenn sie wissen, dass ich krank bin“, flüsterte Dinah.

Er musste nicht fragen, wer mit ’sie’ gemeint war.

„Na, sie werden ja wohl deinen Wunsch respektieren, wenn du sie nicht sehen willst, oder? Und Pech für sie, wenn nicht. Ich lasse hier niemanden rein, wenn du es nicht willst“, erwiderte er selbstbewusst.

Dinahs Stimme war nun kaum hörbar.

„Greaseball, ich weiß nicht, was mit mir passiert ist und ich weiß auch nicht wie, aber ich...ich habe Angst...vor mir selbst. Ich erkenne mich selbst kaum noch. Es ist nicht nur mein Körper...alles sieht anders aus...fühlt sich anders an. Wenn du mich berührst, dann fühlt es sich an als ob...ich nicht mehr ich bin und...du nicht mehr du bist. Vielleicht vergeht das ja auch, aber...bis es das tut...ich will einfach nicht, dass sie mich so sehen...ich will ihnen nicht auch Angst machen.“

„Aber...du bist doch immer noch du“, war alles, was er erwidern konnte. „Verdammt, selbst wenn du in einen Kürbis verwandelt worden wärst, wärst du immer noch du.“

Dinah rollte sich unter ihrer Plane zusammen und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

„Ich fühle mich nicht wie ich selbst...ganz und gar nicht. Ich will nicht, dass noch jemand anderes das durchmachen muss.“

„Aber es geht dir doch schon etwas besser, nicht wahr? Also gibt’s doch gar keinen Grund zu glauben, dass du nicht wieder gesund wirst“, meinte Greaseball, sich neben ihr hinsetzend und mit seinen Fingern durch ihr Haar fahrend. Selbst ihr Haar fühlte sich nun anders an, weich und fein wie Spinnweben.

„Aber was, wenn nicht?“, fragte Dinah traurig und er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Sie schlief bald wieder ein und er entschied sich zu tun, was er konnte um sicherzustellen, dass niemand sie stören würde. Er verfasste einen kurzen, an Ashley adressierten Brief, der Dinahs Abwesenheit erklärte.

Nach einigem Überlegen war der beste Grund, der ihm einfiel, warum sie den Bahnhof so abrupt und ohne sich zu verabschieden verlassen hatte, immer noch er selbst. Bei Krankheit würden sich ihre Freundinnen Sorgen machen und sie würden wissen wollen, wie es ihr ging und sich wundern, wenn er sie nicht in das Depot ließ. Er nahm an, dass niemand Verdacht schöpfen würde, wenn Dinah entschied, dass sie genug von ihm hatte, schließlich konnten Wagons ja manchmal recht eigensinnig, um nicht zu sagen irrational, sein.

Er lieferte den Brief sofort ab in der Hoffnung, er würde den erwünschten Effekt haben und ihre Freundinnen von seinem Depot fern halten. Als er zurückkehrte schlief Dinah noch und würde es auch noch fast den ganzen Tag tun. Er weckte sie nur einmal, um die Plane mit den Stoffen, um die er Rocky 2 erleichtert hatte, zu ersetzen. Der Kastenwagen war so glücklos gewesen, genau das geladen zu haben, was er suchte.

Er dachte nicht, dass er etwas Besseres als die Seide finden konnte. Sie war fein und leicht und die Menge war groß genug, um ein schönes, weiches Nest für Dinah zu machen und der andere, schwerere Stoff konnte eine Matratze oder eine Decke für die kommenden Winternächte sein. Unter anderen Umständen hätte der Ausdruck auf 2s Gesicht, als er merkte, dass er bestohlen worden war, Greaseball wahrscheinlich zumindest ein Grinsen entlockt, so aber hatte er sich schon schwer getan, auch nur Gleichgültigkeit vorzutäuschen und zu verbergen, wie dringend er zu seinem Depot zurück wollte.

Am Abend saß er lange im Zwielicht und beobachtete die immer noch schlafende Dinah. Er wünschte immer noch, er könnte Jemandem davon erzählen, aber er wusste auch, dass er es niemals ohne ihre Zustimmung tun würde. Trübsinnig starrte er zum Mond, der durch das Oberlicht hineinschien, herauf und zermarterte sich sein Hirn, ob es nicht doch etwas gab, das er tun konnte, als nur da zu sitzen und zu warten. Er fragte sich, ob es Sinn machen würde, zu der Brücke zurück zu fahren. Vielleicht würde ja, was immer es war, dem Dinah dort begegnet war, dorthin zurückkehren. Wenn es sie hatte krank machen können, würde es sie ja vielleicht auch wieder gesund machen können.

Er legte noch einmal leicht eine Hand auf ihre Stirn, um sicherzugehen, dass ihre Temperatur nicht wieder angestiegen war, bevor er sich aus dem Depot schlich und das Tor wieder so leise wie möglich hinter sich schloss. Selbst wenn er dort nichts fände, so sagte er sich, hätte er wenigstens überhaupt etwas getan.

Die Brücke lag so unbewegt und solide in der Dunkelheit wie immer. Der Diesel lauschte angestrengt nach der flüsternden Stimme, aber das leise Rauschen des Windes war alles, was er hören konnte. Beinah zwei Stunden wartete er dort, manchmal nur die Brücke anstarrend, manchmal frustriert mit seiner Faust dagegen schlagend, manchmal in dem Gestrüpp, in dem er Dinah gefunden hatte, herum streifend. Aber keine Stimme, keine seltsamen Lichter durchbrachen die stille Herbstnacht und letztendlich musste er zugeben, dass es sinnlos wäre, noch länger zu warten, wenn er nicht einmal wusste, worauf er wartete.

Als er zu ihrem Depot zurückkehrte, hatte er das Gefühl, nicht nur Stunden, sondern ganze Nächte dort gewartet zu haben. Einen Seufzer unterdrückend, streckte er sich neben Dinah auf dem Teppich aus. So müde wie er war, er wollte nicht wirklich schlafen, schlafen schien nun wie eine Zeitverschwendung. Zeit die er besser damit verbringen könnte, herauszufinden, was er noch für sie tun könnte. Er hatte einige Minuten dort gelegen und an die Decke gestarrt, als ihre Hand unter ihrer Decke hervor glitt, um nach seiner zu tasten. Nachdem sie sie gefunden hatte, schlang sie seinen Arm um ihre Taille und kuschelte sich an ihn.

Ein seltsames, wildes Gefühl stieg in Greaseballs Brust auf. Ganz richtig, Baby, du gehörst immer noch mir und ich gehör immer noch dir, egal was passiert, dachte er mit plötzlichem Stolz.
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