Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Ende der Strecke

von LilysEyes
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Ashley Dinah Greaseball Pearl
05.07.2018
03.10.2018
18
41.220
3
Alle Kapitel
25 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.08.2018 1.306
 
„Es...ist wahrscheinlich nicht Rost“, sagte er, nach einem scheinbar endlosen Moment. Nein, kein Rost, aber Dinah ging es trotzdem offensichtlich sehr schlecht. Das Rot, das aus ihren Kratzern geflossen war, musste Blut sein und das konnte definitiv nichts Gutes bedeuten. Die lila Verfärbungen waren dann also Prellungen. Er war sich nicht sicher, was genau eine Prellung war, aber er nahm an, dass es wohl so ähnlich war wie eine Delle bei Zügen und Dellen, das musste er zugeben zu wissen, konnten höllisch wehtun.

Dinahs Atmung hatte sich etwas verlangsamt und sie fuhr nun mit zitternden Fingern über ihren so unvertrauten Köper. Ihre Fingernägel blieben an einem Flecken blauen Lacks auf ihrem Oberschenkel hängen und binnen einer Sekunde war eine große Fläche weggebröselt, um noch mehr Haut freizugeben.

„Es ist überall“, wimmerte sie und kratze jetzt mehr und mehr Lack von ihren Beinen, ihre Augen beinah wild. Greaseball konnte nur zusehen, wie sie sich wie ein Schmetterling von einer Hülle von Lack befreite. Selbst ihre Räder waren brüchig wie Glas geworden und splitterten in winzige Scherben, als sie immer verzweifelter an ihren Beinen und Füßen rieb.

„Tut weh…“, keuchte sie.

Und er mochte es glauben. An einigen Stellen hatte sie nicht nur Lack, sondern offensichtlich auch Haut mit weggekratzt. Schluchzend schabte sie immer und immer wieder über die gleichen Stellen und er konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Er ergriff ihre Hände gerade fest genug, um sie davon abzuhalten, sich noch mehr zu verletzen.

„Es ist okay, es ist jetzt alles weg.“

Dinah blickte ihn an und die wilde Verzweiflung in ihren Augen wich langsam Kummer und Erschöpfung. Sie ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken und hickste ein wenig vom Schluckauf. Zusammen starrten sie jetzt schweigend auf ihre bloßen Beine und Füße. Kleine, zierliche Menschenfüße.

„Oh Baby, was ist nur mit dir geschehen?“, flüsterte Greaseball, sanft über ihr Haar streichelnd, ohne sich dessen auch nur bewusst zu werden.

„Ich weiß nicht...ich bin wach geworden und ich...ich habe Jemanden meinen Namen rufen hören. Nur meinen Namen, immer wieder.“ Die Lok musste ein Schaudern unterdrücken.

„Und ich bin dieser Stimme gefolgt...und plötzlich war da dieses...Ding...wie ein riesiger Schatten...aber es bewegte sich und es verzerrte alles, wie...wie eine Luftspiegelung ...ich habe versucht wegzurollen, aber dann war es überall um mich herum...ich konnte fühlen, wie es mich umschlang...und es fühlte sich an wie Regen...warmer Regen.“

„Und dieses Ding hat dich verletzt?“, fragte er leise. Ob sie wohl auch dieser bizarren Anomalie begegnet war, die er gesehen hatte?

„Ich weiß nicht...ich habe versucht, mich loszureißen und dann bin ich, glaube ich, gestürzt... ich erinnere mich an nichts mehr danach.“

Sie barg ihr Gesicht in den Händen und seufzte erschöpft, aber nur ein paar Sekunden später schnellte ihr Kopf wieder hoch, ihre Augen voller Entsetzen.

„Oh Starlight, was, wenn mich dieses Ding mit irgendetwas... infiziert hat? Was, wenn ich krank bin und...du steckst dich an…was, wenn du es schon hast?“

Dieser Gedanke war ihm nicht gekommen.

„Hab’ ich nicht, ich fühl’ mich super“, sagte Greaseball, der sich alles außer super fühlte. „Das würde ich ja wohl kaum, wenn ich krank wär, oder?“

„Vielleicht dauert es ja nur eine Zeit...“ Dinah zitterte jetzt am ganzen Köper und sie rollte sich mit einem schmerzvollen Stöhnen auf ihrer Seite zusammen.

„Mir geht’s gut, ehrlich, aber dir nicht, du braucht immer noch Hilfe. Lass mich Wrench jetzt holen, die wird schon wissen, was zu tun ist.“

Er legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter. Starlight, wie zerbrechlich sie sich anfühlte.

„Bitte bleib“, flüsterte sie nach einer Weile, „wenn...das hier ansteckend ist...,“ sie hickste wieder, „ich will nicht, dass noch Jemand anderes krank wird.“

„Aber ich kann dich doch hier nicht einfach so liegen lassen!“

Natürlich war das nicht wahr und Greaseball wusste es. Wenn er wollte, konnte er ihr einfach eine gute Besserung wünschen und davon rollen. Es gab genug Wagons, die nichts dagegen hätten, ihn ein paar Tage in ihren Depots zu beherbergen. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass er sie im Stich ließe, als sie ihn brauchte, sie hatte sich wahrscheinlich schon daran gewöhnt. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er ihr ins Gesicht gelacht, während sie weinte und versuchte, sich bei ihm zu entschuldigen und er war sogar recht stolz darauf gewesen, weil er sich von niemandem kritisieren lassen musste.

Aber wie gesagt, die Dinge hatten sich geändert und er hatte sich geändert. Ihm war bewusst geworden, nicht, dass er es jemals zugäbe, dass wenn überhaupt, er sich Dinah gegenüber wie ein komplettes Weichei verhalten hatte. Die schnellste, stärkste und attraktivste Diesellok, die es gab, musste mit Kritik umgehen können, selbst mit unverdienter Kritik, alles andere war einfach nicht...cool. Er hatte sich ihr gegenüber wirklich uncool verhalten und sie war ihm trotzdem immer treu geblieben.

„Will nur schlafen“, murmelte sie, ihr Blick nun seltsam verschwommen.

Greaseball wusste nicht, was er erwidern sollte. Was, wenn ihre Schläfrigkeit ein Resultat ihrer Verletzungen war? Sollte er sie jetzt einfach schlafen lassen? War das in ihrem Zustand überhaupt ratsam? Was, wenn es schlimmer würde, wenn sie einfach so auf dem Boden schlief? Wäre das nicht viel zu kalt für sie? Er hatte keine Ahnung, er hatte nie großes Interesse für die Schlafgewohnheiten von Menschen gehabt. Er meinte nicht, dass sie für gewöhnlich auf dem Boden schliefen, er war sich aber auch nicht sicher, dass sie es nicht taten. Wenn Belle noch da wäre, hätte er sie fragen können, sie hätte es bestimmt gewusst.

Aber Belle hatte eine junge französische Lok kennen gelernt, die eine Schwäche für etwas reifere Wagons und sich Hals über Kopf in den Schlafwagen verliebt hatte. Soweit Greaseball wusste, genoss Belle jetzt irgendwo in Südfrankreich ihr Leben und konnte ihm so natürlich keine Hilfe sein.

Er war sich jedoch ziemlich sicher, dass Menschen Kopfkissen benutzten, ähnlich wie das von Papa wahrscheinlich. Aber er konnte ja nicht einfach hingehen und Papa bitten, ihm sein Kopfkissen zu leihen, die alte Lok würde doch sicher wissen wollen, warum. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht sollte er Papa alles erzählen, vielleicht konnte er Dinah ja helfen.

„Hey, vielleicht sollten wir Papa erzählen, was passiert ist, vielleicht weiß er ja, was dir fehlt. Ich meine, der ist ja so ungefähr eine Million Jahre alt, da hat er doch bestimmt schon viel, äh...Ungewöhnliches gesehen“, schlug er vor.

Aber Dinah schien schon fest zu schlafen, ihr Brustkorb hob und senkte sich rapide und ein leichter Film von Kondensation hatte sich auf ihrer Stirn gebildet. War das normal? Es war eigentlich nicht feucht genug in dem Gebäude dafür. Aber hatte sie nicht gesagt, ihr wäre kalt? Für einen Zug wäre das ja nicht schädlich, aber jetzt... Es gab nichts in ihrem Depot, das er als Decke für sie hätte verwenden können, selbst ihre Kleider kamen nicht in Frage. Für einen Moment zog er die Vorhänge in Betracht, aber ihr dünnes Material würde noch weniger Schutz vor der Kälte bieten, als die staubige Plane.

Sich neben der Schlafenden hinkniend, berührte er leicht ihre Stirn. Sie fühlte sich recht warm an, wärmer als zuvor zumindest und er hatte keine Ahnung, ob das gut oder schlecht war. Vorsichtig zog er die Plane noch ein wenig enger um sie, er würde sie etwas schlafen lassen, entschied er, aber wenn sich ihr Zustand auch nur noch ein kleines bisschen verschlechterte, würde er Wrench und Papa holen und es würde ihm egal sein, ob, was immer Dinah fehlte, ansteckend war und der ganze Bahnhof es kriegte.

Er legte sich leise neben sie. Er war versucht, seinem Arm um sie zu schlingen, wie er es üblicherweise tat, aber er wusste nicht, ob das nicht auch schmerzhaft für sie wäre. Seine Augen weit offen, begann er so, was für ihn die längste Nacht seines Lebens werden sollte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast