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Mit dir an meiner Seite

OneshotFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
04.07.2018
04.07.2018
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Marie Hofer:



Gut gelaunt klopfte Marie Hofer am frühen Nachmittag an die Bürotür von Frau Stockl. Sie hatte in ein paar Minuten einen Termin bei Herrn Achtziger. Vorher wollte sie sich aber noch einen kleinen Plausch und eine Tasse Kaffee gönnen. Zudem schadete es nie über den neuesten Klatsch und Tratsch Bescheid zu wissen.

„Ja bitte?“

Direkt drückte sie die Klinke nach unten und betrat das Büro. Frau Stockl saß an ihrem Schreibtisch und ging einen dicken Aktenordner durch. Sie hatte noch zwei weitere neben sich liegen. Marie grinste leicht, wahrscheinlich hatten ihr Bruder und Herr Hansen wieder einen Teil ihrer Arbeit an sie abgegeben.

„Grüß Sie Frau Stockl!“

„Ah, Frau Hofer! Kann ich Ihnen helfen?“

Lächelnd schüttelte sie nur den Kopf.

„Nein, nein! Ich hab gleich einen Termin beim Herrn Achtziger, bin aber noch etwas früh dran. Hätten Sie mir vielleicht einen Kaffee?“

„Sicher! Bedienen Sie sich. Ist noch ganz frisch.“, erwiderte die Sekretärin und deutete auf die Maschine.

Marie nahm sich daraufhin eine Tasse und schenkte sich einen Kaffee ein. Für einen Moment sah sie dann Frau Stockl schweigend beim Arbeiten zu und hing ihren eigenen Gedanken nach. Überrascht fuhr sie erst herum als die Bürotür ein weiteres Mal geöffnet wurde. Nur wenig später schob sich Herr Mohr vorsichtig herein, in seinen Armen eine große, übervolle Kiste.

„Morgen Stockl!“, meinte er.

Die Box trug er an ihnen vorbei in das angrenzende Büro der Kommissare und stellte sie dort auf dem Tisch ab. Schließlich kam er zurück zu ihnen und lehnte sich gegen den Tresen. Dann gähnte er hinter vorgehaltener Hand.

„Guten Tag Frau Marie!“

„Guten Tag Herr Michi!“, lächelte sie freundlich.

Er nickte ihr daraufhin zu, griff ebenfalls nach einer Tasse und goss einen großzügigen Schluck Kaffee ein. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete den Kaffeduft tief ein, erst dann trank er einen tiefen Schluck. Wenig später ging er ans Regal und nahm das Glas mit seinen Keksen heraus. Scheinbar hungrig legte er sich einen Stapel der Butterkekse auf einen Teller, einen schob er gleich in den Mund.

Bevor sie nun ein Gespräch beginnen konnten betraten ihr Bruder und Kommissar Hansen das Büro. Frau Stockl seufzte leise. Denn diese waren bereits in einer heftigen Diskussion untereinander, über einen potentiellen Tatverdächtigen, vertieft und reagierten kaum auf sie alle.

„Schwesterherz! Was führt dich hier her?“

„Ich hab einen Termin bei Herrn Achtziger!“

„Ah!“

Direkt darauf verlor er scheinbar das Interesse an ihrer Anwesenheit. Er nahm sich eine Tasse Kaffee und griff im Vorbeigehen auch nach einem der Kekse auf Michis Teller. Dessen schockierten Blick ignorierte er gekonnt und ging schließlich zu seinem Schreibtisch hinüber. Dort ließ er sich ächzend auf den Stuhl fallen.

„Guten Tag Frau Hofer!“, meinte Herr Hansen höfflich.

„Hallo Herr Hansen!“

Was sie jedoch am meisten überraschte war die Szene zwischen Michi und Herrn Hansen. Denn Michi schob diesem, mit dem scheuesten Lächeln das sie bei ihm je gesehen hatte, den Keksteller hin.

„Keks Herr Hansen?“

Mit einem Mal hatte Marie den Eindruck, dass hinter dieser Geste weit mehr steckte als das was offensichtlich war. Den Michi wirkte ganz so als ob er viel mehr wissen wollte. Dieses Gefühl wurde nur noch stärker als Herr Hansen nach einem der Kekse griff.

„Gerne!“, antwortete er.

Auf seinen Lippen lag dabei ein kleines, privates Lächeln. Irgendwie wirkte es echter wie alles andere was sie sonst gewöhnlich bei ihm sah. Für einen Moment hielt der Blickkontakt zwischen den beiden schließlich. Ganz kitschig wirkten sie dabei so als ob sie nichts außer einander mehr wahrnahmen.

Im Gegenzug legte Herr Hansen ihm eine braune Bäckertüte auf den Keksteller und schob diesen zurück. Marie streckte sich ein wenig um den Aufdruck darauf lesen zu können. Sie zog überrascht die Augenbrauen nach oben als sie das gelbe Oval erkannte das die ‚Bäckerei Preininger‘ als Logo verwendete.

Auch Herr Mohrs Augen weiteten sich ein wenig als er die Tüte sah und schließlich eine Butterbrezel darin entdeckte. Direkt daraufhin schenkte er Herrn Hansen ein warmes Lächeln.

Marie blinzelte nur verwirrt als ihr klar wurde wie die Situation eigentlich aussah. Aber konnte das wirklich wahr sein oder überinterpretierte sie da etwas? Eine Bestätigung bekam sie jedoch als ihr auffiel wie überraschend nah ihre Hände bei einander lagen. Zudem wirkte Herr Hansen so entspannt wie schon lange nicht mehr.

Mit einem Seitenblick sah sie daraufhin zu Frau Stockl hinüber. Diese wirkte jedoch genauso perplex wie sie selbst. Doch Marie zweifelte nicht daran, dass sie bereits überlegte welche ihrer Freundinnen sie zuerst anrufen sollte…



Miriam Stockl:



Es war erst früher Morgen doch Miriam Stockl sehnte sich trotzdem bereits nach dem Feierabend. Aber so stressig wie zur Zeit war die Situation auch schon lange nicht mehr gewesen, nur deshalb war sie auch früher als alle anderen schon im Büro. Alle waren in heller Aufregung da Herr Seitz auf den Quartalsbericht wartete und dieser noch nicht fertig war. Die Kommissare waren mitten in einer Mordermittlung, in der sie diese unterstützen musste. Zudem musste sie Herrn Achtziger bei der Organisation einer Feier für die Musikakademie helfen. Obenauf kamen noch ihre normalen Aufgaben als Sekretärin, zu diesen kam sie jedoch kaum mehr.

Im Moment stand sie neben dem Drucker und wartete darauf, dass die letzten Briefe ausgedruckt waren. Schließlich sortierte sie diese in die Unterschriftenmappe für Herrn Achtziger. Gerade als sie diese zu ihrem Chef ins Büro bringen wollte klingelte ihr Telefon. Mit einem leisen Seufzen legte sie die Mappe wieder beiseite und nahm den Hörer vom Gerät.

„Kripo Rosenheim, Apparat Stockl! Guten Morgen?“

Für die nächsten Augenblicke hörte sie Frau Pfeiffer zu. Die ältere Dame schilderte ihr aufgeregt, dass sie eine Leiche am Rodelhügel im Keferwald gefunden hatte. Nachdem sie ihr die Anweisung gegeben hatte nichts anzufassen und versprochen hatte die Kommissare zu schicken legte sie wieder auf. Miriam seufzte leise als sie überlegte wie sie Herrn Hansen den Weg zum Tatort am einfachsten erklären konnte. Denn dessen Ortskenntnis war immer noch nicht die beste, zudem war der Rodelhügel eher bei den Einheimischen bekannt.

Auf jeden Fall musste sie jetzt erst einmal dafür sorgen, dass die Kommissare und die Spurensicherung informiert wurden und die Ermittlungen aufnahmen. Als erstes griff sie deshalb nach dem Telefon und rief in der Pathologie, der Spurensicherung und bei Michi an. Herrn Hofer störte sie beim Frühstück mit seiner Schwester. Danach versuchte sie auch Herrn Hansen zu erreichen. Das Telefon klingelte jedoch minutenlang ohne, dass jemand antwortete. Sie befürchtete fast, dass einfach die Mailbox anspringen würde. Kurz überlegte sich Miriam ob sie nicht einfach bei Jo im ‚Times Square‘ anrufen sollte, meist frühstückte er sowieso dort.

„Hansen!“

Miriam zog eine Grimasse, denn seine Stimme klang so als ob sie ihn geweckt hatte. Das war wohl sogar wahrscheinlich, denn nach einer langen Nacht hatte er erklärt heute später kommen zu wollen.

„Herr Hansen? Hier ist Frau Stockl…“

Bevor sie jedoch mehr sagen konnte hörte sie ein Rascheln, wie von einer Bettdecke. Sie zog eine Grimasse und fühlte sich für einen Moment einfach nur schrecklich. Schließlich waren die letzten Wochen für sie alle stressig genug gewesen.

„Frau Stockl? Lassen Sie mich raten, es gibt Arbeit?“

Sie konnte fast schon hören wie er versuchte wach zu werden.

„Ja!“, meinte sie bedauernd. „Tut mir Leid, dass ich sie so früh stören muss…“

„Wo?“, unterbrach er schläfrig.

„Am Rodelhügel am Keferwald…“, kurz holte sie Luft um ihm zu erklären wie er am besten zum Tatort kommen konnte.

Zu ihrer Überraschung sprach er dazwischen bevor sie in ihre Wegbeschreibung beginnen konnte.

„Sie meinen den an der Meraner Straße, oder? In Fahrtrichtung Bad Aibling, wo die Lug ins Land die Meraner kreuzt, oder?“, fragte er nachdenklich.

Sprachlos öffnete und schloss sie ihren Mund ein paar Mal. Seit wann kannte er sich so gut aus? Bevor sie jedoch nachfragen konnte hörte sie wie Herr Hansen mit jemandem sprach.

„Du bist ein Schatz!“, flüsterte er voller Wärme.

„Werd erst mal wach!“, gab eine andere Stimme zurück und lachte leise.

Über den Lautsprecher des Telefons konnte sie jedoch nicht eindeutig ausmachen zu wem die Stimme gehörte. Miriam spürte aber wie sie rot wurde. Die Situation war ihr so unfassbar peinlich. Zuerst klingelte sie den Kommissar am frühen Morgen aus dem Bett und musste dann auch noch feststellen, dass er nicht alleine war.

„Ich mach mich so schnell wie möglich auf den Weg, Frau Stockl. Was ist eigentlich mit dem Herrn Hofer?“

„Den hab ich schon informiert, der trifft Sie am Tatort.“

„Ist gut, danke!“

Nur wenig später hatten sie sich wieder verabschiedet. Miriam konnte jedoch nicht verhindern, dass sie sich überlegte wer die Person war die am frühen Morgen bei Kommissar Hansen anzutreffen war. Sicher, in den letzten Wochen hatte sie schon öfter den Eindruck gehabt, dass Herr Hansen frisch verliebt war. Wer sein Herz erobert hatte, hatte sie aber nicht abschließend herausgefunden. Obwohl sie schon ein paar Vermutungen hatte. Gerade auch nachdem Elfie ihr erst vor ein paar Tagen erzählt hatte, dass Herr Hansen zu Michis inoffiziellem Fanclub beim Schafkopf-Turnier letzte Woche gehört hatte. Ihre Freundin war schließlich vor Ort gewesen und hatte ihr deshalb alle Details weitergeben können. Elfie war nur überrascht davon gewesen wie überschwänglich und lange Herr Hansen und Michi sich umarmt hatte nachdem dieser das Turnier gewonnen hatte…



Gert Achtziger:



Angespannt seufzte Gert Achtziger leise auf. Frau Stockls Redefluss konnte er trotzdem nicht bremsen. Mit einer Hand rieb er sich über das Gesicht. Eigentlich mochte er die Sekretärin wirklich, doch es gab Tage an denen sie ihn einfach nur in den Wahnsinn trieb. In solchen Situationen ärgerte ihn ihre Tendenz zum Tratschen maßlos. Gerade auch, weil sie oftmals Halbwahrheiten verbreitete oder Gerüchte in die Welt setzte die völlig aus der Luft gegriffen waren. Manchmal konnte er gar nicht mehr zählen, wie oft sie ihn selbst damit bereits in die Bredouille gebracht hatte.

Wobei er gestehen musste, dass ihre neueste ‚Geschichte‘ alles andere in den Schatten stellte. Denn seit ein paar Wochen verbreitete sie nun das Gerücht einer angeblichen Liebschaft zwischen Kommissar Hansen und Polizeihauptmeister Mohr. Nicht, das er persönlich etwas dagegen hatte, wenn es wahr sein sollte.

Aber er war einfach der Meinung, dass die Sekretärin etwas falsch interpretiert hatte. Schließlich hatten sie alle mitbekommen, dass Herr Hansen und Frau Ortmann sich ‚sehr nahe‘ gewesen waren als sie noch in Rosenheim gelebt hatte. Zudem hatte er selbst immer wieder beobachtet, dass er sonst auch gerne flirtete. Zu keinem Zeitpunkt hatte er aber erlebt, dass ein Mann sein Interesse geweckt hätte.

Schließlich seufzte er genervt. Er hatte genug Arbeit die er erledigen musste, da hatte er nicht vor sich die Zeit von so dummen Gerüchten rauben zu lassen. Gerade auch, weil Frau Hofer später vorbei kommen würde um eine geplante Konzertreihe für die Musikakademie zu besprechen. Bis dahin musste er alles andere erledigt haben.

Es war zwar gehässig, aber er freute sich fast schon als das Telefon klingelte und sie in ihrem Redeschwall unterbrach. Frau Stockl warf ihm daraufhin nur einen entschuldigenden Blick zu und eilte an ihren Schreibtisch. Während sie telefonierte kamen die Herren Hansen und Mohr bereits im Gespräch vertieft herein. Als sie ihn bemerkten unterbrachen sie ihre Diskussion für einen Augenblick um zu grüßen und führten ihre Debatte dann direkt weiter. Zu seiner Überraschung waren die beiden nämlich in einem gutmütigen Streitgespräch über das Kegelturnier vom Wochenende vertieft. Anscheinend waren sie sich einig darüber, dass die Mannschaft aus Rosenheim dieses hätte gewinnen müssen da der entscheidende, gegnerische Wurf nicht regelkonform gewesen sei.

Verwirrt schüttelte Gert Achtziger den Kopf. Denn gerade gab es mehrere Dinge die er so nicht erwartet hatte. Nicht nur, dass die Herren wohl gemeinsam bei dem Turnier gewesen waren und sich somit in ihrer Freizeit privat trafen. Sondern auch, dass sich Herr Hansen plötzlich beim Kegeln auskannte. Schließlich war er nicht der Meinung, dass dieser sich für so etwas Profanes überhaupt interessierte. Er kannte den Kommissar sonst nur als jemand der die gehobenen Dinge des Lebens zu schätzen wusste.

Zudem war er eigentlich davon überzeugt gewesen, dass sie nach den letzten Wochen genug von einander hatten. Auch aufgrund der Tatsache, dass sie beim letzten Fall gemeinsam ermitteln hatten müssen. Herr Hofer hatte sich für dringende Arbeiten auf dem Hof freistellen lassen und sie hatten so schnell keinen Ersatz gefunden. Eigentlich hatte er selbst ja einspringen wollen, dann aber nicht die nötige Zeit gefunden. Somit hatte er den Kommissar und den Polizeihauptmeister alleine arbeiten lassen. Wobei wohl niemand erwartet hatte wie gut die beiden miteinander harmonieren würden. Denn das sie mehr als Team arbeiteten als das eigentliche Kommissaren-Team war bemerkenswert.

Alle sahen schließlich zu Frau Stockl hinüber als diese nur kurz darauf ihr Telefongespräch beendete. Wobei Herr Hansen ihr den großen Auftritt vermasselte.

„Wo?“, fragte er grinsend.

Für einen Moment wirkte Frau Stockl ein wenig verstimmt, schnell fasste sie sich dann wieder.

„Wirtshaus ‚Zur Saline‘!“

Eigentlich erwartete Gert jetzt eine Spitze gegen Herrn Hofer und dessen Abwesenheit. Schließlich war ihm bewusst, dass diese ein wiederholtes Streitthema zwischen den beiden Kommissaren war. Und Herr Hansen oftmals verärgert war über die Mehrarbeit war die er deshalb verrichten sollte. Doch er blieb völlig professionell und schwieg dazu.

„Dann werde ich da jetzt hinfahren. Frau Stockl, informieren Sie bitte den Herrn Hofer. Der soll nachkommen sobald er abkömmlich ist.“, Herr Hansen zögerte nur für einen Sekundenbruchteil, dann lächelte er. „Solange nehme ich Michi mit und wir beginnen die Ermittlungen einfach schon einmal alleine. Wir bringen ihn dann auf den neuesten Stand sobald er dazu kommt.“

Der Polizeihauptmeister nickte begeistert, scheinbar freute er sich über die Herausforderung. Kurz überlegte er sich, dass er Herrn Mohr wirklich einmal zum Gespräch bitten sollte. Vielleicht wäre das interne Aufstiegsprogramm der Polizei eine Option für ihn?

Wobei Gert gerade eher das Gefühl hatte, dass er etwas verpasst hatte. Dieses verschwand auch nicht als er den beiden nach sah, als sie lebhaft diskutierend den Raum verließen. Erst als er in seinem Büro am Fenster stand, Kaffee trank und beobachtete wie die beiden zum Dienstwagen gingen wurde ihm bewusst was ihn so verwirrt hatte.

‚Michi‘

Seit wann duzten sich die beiden? Schließlich hatten selbst Jahre gemeinsamer Arbeit sie nicht aus der Angewohnheit sich zu siezen herausholen können. Zudem war es interessant wie gut sich die beiden in der Zwischenzeit zu verstehen schienen. Dass die Hand von Herrn Hansen beim Weg aus dem Kommissariat die gesamte Zeit über in Herrn Mohrs Rücken lag hatte er sich aber wohl doch eingebildet…



Korbinian Hofer:



Notdürftig versteckte Korbinian Hofer sein Grinsen hinter einer Hand. Denn inzwischen konnte er sehen, dass Herr Hansen an ihrem aktuellen Hauptverdächtigen immer mehr verzweifelte. Der Mann war gerade wortreich dabei sich selbst zu verteidigen und wollte sie davon überzeugen, dass er völlig unschuldig war. Da dieser bayrischen Dialekt sprach schien sein Kollege kaum etwas von dem zu verstehen was der Mann da eigentlich sagte.

„Was glaubscht du eigentlich? I bin doch ned auf da Brennsuppn daher gschwomma! I wear doch wissn, wos I gsehn hob! Der Brunner war des! Ned I! Des war ja au dem sei Messer mit dem der Huber abgstochen worden is!“, beschwerte er sich gerade.

Glücklicher Weiße verfügte er über genug Selbstbeherrschung um nicht laut aufzulachen. Vielleicht sollte er Herr Hansen wirklich einmal die Vortagsreihe ‚Sprache als Schlüssel zur Integration‘ empfehlen. Schließlich war dieser, trotz all der Jahre in Rosenheim, mit der Sprache völlig überfordert.

In dem Moment geschah jedoch etwas Merkwürdiges. Sein Kollege straffte sich plötzlich, in seinem Blick lag ein triumphierendes Funkeln. Für einen Augenblick war er selbst so perplex, dass er sich den plötzlichen Wandel nicht erklären konnte. Erst als er alles nochmals durchging wurde ihm klar was passiert war.

„So und jetzt fangen wir das ganze nochmal von vorne an.“, erklärte Herr Hansen mit einer eisernen Härte in der Stimme. „Wenn Sie nichts mit der Ermordung von Herrn Huber zu tun haben, woher wissen Sie dann wie er getötet wurde?“

Fasziniert beobachtete Korbinian wie ihr Verdächtiger blass wurde und sich dessen Augen weiteten. Er begriff nun wohl selbst, dass er sich verraten hatte. Denn sie hatten absichtlich nicht erwähnt wie das Opfer umgekommen war. Nur der wahre Täter konnte das somit wissen.

Perplex hielt Korbinian inne als ihm etwas anders bewusst wurde. Sein Kollege hatte mehr verstanden als er das geglaubt hatte, zumindest mehr als er das erwarten würde. Denn in den meisten solcher Fälle mussten Michi oder er selbst als ‚Übersetzter‘ fungieren. Scheinbar hatte er Herrn Hansen doch Unrecht getan und dieser hatte bayrisch gelernt.

Korbinian stutzte erst als er mit einem Seitenblick Michi streifte. Ein strahlendes Lächeln lag auf dessen Zügen und er wirkte unfassbar stolz und zufrieden mit sich. Aber konnte das wirklich sein? Hatte er ernsthaft Herrn Hansen ‚Sprachunterricht‘ erteilt?

Klar, er hatte mitbekommen, dass die beiden bereits öfter als Team zusammengearbeitet hatten. Laut Frau Stockl, waren sie damit auch äußerst erfolgreich gewesen. Angeblich würden die Kollegen munkeln ob Michi nicht einen weiteren Aufstieg in den Diensträngen plante. Er selbst hielt das ja für ausgemachten Blödsinn.

Er konnte aber trotzdem nicht leugnen, dass ihm der Mund aufklappte als er beobachtete wie Herr Hansen es tatsächlich schaffte aus ihrem Verdächtigen ein Geständnis herauszubekommen. Zwar tat er das mit einer merkwürdigen Mischung aus Hochdeutsch und bayrisch. Doch so lange es Resultate brachte konnte er sich ja nicht beschweren. Dafür konnte er auch Herrn Hansens selbstzufriedenes Grinsen ertragen. Korbinian winkte schließlich Michi heran und erklärte ihrem Verdächtigen die Festnahme.

Überrascht beobachtete er wie Michi anschließend, gemeinsam mit diesem, zum Streifenwagen ging. Voller Neugier folgte er den beiden nur wenig später. Wenn sie ihn bemerkten konnte er immer noch rein berufliches Interesse vorgeben. Der Wind wehte dann ein paar ihrer Worte zu ihm herüber.

„… Hast du wirklich grandios hinbekommen.“, erklärte Michi stolz.

Daraufhin schlug Herr Hansen ihm leicht gegen die Schulter.

„Hat ja auch lang genug gedauert bis ich das hinbekommen hab. Bayrisch ist kompliziert.“

Michi winkte grinsend ab.

„Aber Plattdeutsch ist so viel einfacher.“

„Wat den Eenen sien Uhl is, is den Annern sien Nachtigall.“

Scheinbar hatte Herr Hansen mit dieser Redewendung die Ausgangssituation einfach umgedreht. Denn dieses Mal hatten weder Michi noch er selbst verstanden was ihr Kollege gesagt hatte.

„Bitte was?“, fragte er in betontem Hochdeutsch nach.

„Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall. Bedeutet, dass jeder die Sache aus seiner Perspektive sieht!“

Michi öffnete schließlich die Fahrertür des Streifenwagens, stieg jedoch nicht direkt ein. Vielmehr lehnte er sich gegen den B-Holm und lächelte Herrn Hansen nur fröhlich zu.

„Du bist dir aber schon darüber bewusst, dass damit unsere Wette fällig wird, oder?“

Ohne etwas zu sagen nickte dieser bloß. Bildete er sich das gerade ein oder wurde sein Kollege wirklich rot? Worum hatten die beiden da wohl gewettet?

„Also heute Abend um sieben im ‚Times Square‘?“

„Ich freu mich schon!“, antwortete Herr Hansen leise.

Korbinian zog überrascht die Augenbrauen nach oben als er sich bewusst wurde, dass ihre Fingerspitzen vorsichtig und möglichst unauffällig ineinander verhakt waren. Michi lächelte nur und flüsterte Herrn Hansen daraufhin etwas zu. Verstehen konnte er selbst es auf die Distanz zwar nicht, da sie aber beide darüber lachen konnten konnte es nichts allzu schlimmes sein.

Für einen Augenblick dachte er dann, fast schon automatisch, an Frau Stockls ausdauerndstes Gerücht zurück. Herr Hansen und Michi? Das hatte er damals als völligen Quatsch abgetan. Aber wenn er die neugewonnene Vertrautheit der beiden so beobachtete konnte er da fast ins Zweifeln geraten…



Sandra Mai:



Bereits zum wiederholten Mal blinzelte Sandra Mai Regentropfen aus den Augen. Es war aber auch zu blöd, dass es ausgerechnet jetzt zu regnen begonnen hatte. Für einen Moment sah sie zu den Kommissaren hinüber. Herr Hofer und Herr Hansen standen am Rand des Tatorts und unterhielten sich. Dabei hielten sie beide jeweils einen Regenschirm in der Hand. Eigentlich war es ja unfassbar unhöflich, dass nicht einer von ihnen sich nach ihr erkundigte und ihr seinen Schirm anbot. Doch Herr Hofer hatte gar nicht wirklich reagiert, sondern sich bloß über den Regen aufgeregt. Herr Hansen hingegen hatte sich überhaupt nicht für ihre Beschwerde interessiert. Vielmehr hatte er bloß sicher gestellt, dass Herr Mohr in seine Polizeijacke eingepackt war und ebenfalls unter seinem Schirm stand. Und das alles nur, weil der Polizeihauptmeister ein wenig angeschlagen wirkte. Er schniefte immer wieder und hustete gelegentlich. Ohne eine genauere Untersuchung würde sie davon ausgehen, dass er einfach bloß erkältet war.

Warum Herr Hansen da so einen Aufstand darum machte verstand sie sowieso nicht. Zudem würde er ja wohl nicht gleich eine Lungenentzündung entwickeln, wenn er ein paar Minuten ohne Schirm da stand. Ihre Arbeit war da auf jeden Fall sensibler und wichtiger. Schließlich konnte Herr Hansen ihm sowieso nicht die ganze Zeit hinterher laufen.

Wobei es sie nicht wundern sollte, dass Herr Hansen so überreagierte. Schließlich kannte sie das von ihm bereits, auch damals mit Frau Leuchtenberger hatte er so übertrieben. Sie hatte der Frau eine kleine Notlüge aufgetischt. Na und?

Sie hatte ja nicht erwarten können, dass Herr Hansen darauf so empfindlich reagieren würde. Schließlich hatte sie ihn eigentlich gar nicht so spießig eingeschätzt. Dass er ihr die ganze Geschichte bis heute vorzuwerfen schien, sein passiv-aggressives Verhalten ihr gegenüber machte das mehr als deutlich, überraschte sie da auch nicht mehr. Dabei war sie wirklich der Meinung gewesen, dass er ihre Logik sehen würde und sie herzlich über die Situation lachen konnten. Wobei sie damit leben konnte, dass Herr Hansen solange nur das Nötigste mit ihr sprach. Gerade auch, weil jeder doch wusste, dass dieser ein Auge auf sie geworfen hatte. Somit war das eben alles eine Frage der Zeit. Schließlich dauerte es manchmal etwas länger bis die Leute begriffen, dass ihre Art doch die bessere gewesen war.

Genervt schüttelte Sandra den Kopf und wand sich wieder ihrer Arbeit zu. Für einen Moment hatte sie das Bedürfnis ein weiteres Mal zu den Leuten der Spurensicherung hinüberzurufen und nach dem Wetterschutzzelt zu fragen. Denn es war immer noch deren Aufgabe sich darum zu kümmern. Auch wenn sie sowieso schon eine sehr genaue Idee hatte wie der Mann vor ihr umgekommen war.

„Ah ha!“

Triumphierend nahm sie eine Pinzette aus ihrem Koffer, dann sammelte sie vorsichtig die kleinen Tonstücke ein die in der Wunde hafteten und verpackte diese sicher. Damit bestätigte sich bereits jetzt wohl ihre Theorie zur Todesursache.

Denn sie war der Meinung, dass der Mann mit einem tönernen Blumentopf erschlagen worden war. Höchstwahrscheinlicher einer von denen die, zur Ortsverschönerung überall in der Ortsmitte, aufgestellt worden waren. Jetzt mussten sie nur noch den richtigen, also ihre Mordwaffe, finden. Aber dafür gab es schließlich genügend Polizisten. Mit diesem Gedanken straffte sie sich und ging direkt zu den Kommissaren hinüber. Es dauerte jedoch ein paar Sekunden bis diese ihr Gespräch unterbrachen.

„Frau Mai!“, meinte Herr Hansen betont höflich. „Sind Sie schon zu einem Ergebnis gelangt?“

Voller Enthusiasmus erklärte sie den beiden schließlich was sie gefunden hatte. Deren Begeisterung hielt sich jedoch in Grenzen.

„In ganz Rosenheim gibt es hunderte dieser Töpfe!“, wand Herr Hansen ein. „Wie sollen wir daraus den richtigen finden? Und wer sagt Ihnen denn, dass der Täter den einen nicht mitgenommen oder sonst wie verschwinden lassen hat? Zudem haben Sie selbst gesagt, dass es nur eine Vermutung ist! Der Mann könnte mit sonst was aus Ton erschlagen worden sein! Wir können doch nicht auf ihre bloße Vermutung eine Hundertschaft jeden dieser Tontöpfe untersuchen lassen, nur um hinterher herauszufinden, dass es etwas ganz anders war! Können Sie sich vorstellen was das kostet?“

Etwas sträubte sich ärgerlich in ihrem Inneren als auch Herr Hofer zustimmend nickte. Was wussten die beiden schon über Spurensicherung und Beweise? Da sollten sie das letzte Wort darüber haben was untersucht werden sollte oder nicht? Und das sich ausgerechnet Herr Hansen auf die Kosten herausredete war ja einfach nur lächerlich.

„Warum eine Hundertschaft?“, fragte sie schnippisch. „Sie können ja auch nur ein paar Streifenpolizisten abstellen die das übernehmen! Herr Mohr hätte doch sicher Zeit!“

Perplex sahen sie alle drei sie bloß an. Sie blinzelte als Herr Hansen direkt widersprechen wollte, sein Beschützerinstinkt war gerade einfach lächerlich. Schließlich war es nur dadurch schon so weit gekommen, dass Menschen wie Miriam Stockl mehr in diese Beziehung hineininterpretierten konnten als da war. Was sollte er schon von dem Polizeihauptmeister wollen?

Herr Mohr war es dann der die merkwürdige Stimmung zwischen ihnen wieder aufbrach. Denn er legte ihm sanft eine Hand auf den Unterarm.

„Ist schon in Ordnung! Ich informier mich mal wer frei ist, dann suchen wir zumindest mal die nähere Umgebung ab.“

Triumphierend sah sie daraufhin in die Runde. Währenddessen zog der Polizeihauptmeister sein Handy aus der Jackentasche und begann zu telefonieren. Zufrieden damit, dass sie ihre Aufgabe soweit erfüllt hatte ging Sandra wieder zurück zur Leiche. Denn inzwischen waren die Fahrer angekommen die diese in die Pathologie bringen würden. Sie schüttelte nur den Kopf als sie mit einem Seitenblick bemerkte wie Herr Hansen Herrn Mohr seinen Regenschirm praktisch aufzwang.

Ansonsten achtete sie jedoch gar nicht mehr auf die Polizisten, sondern konzentrierte sich auf ihre Aufgaben. Erst als sie wenig später zurück zu ihrem Auto ging sah sie diese dann wieder. Denn ein paar Schritte entfernt standen Herr Hansen und Herr Mohr. Wo Herr Hofer abgeblieben war wusste sie nicht. Doch Sandra konnte dafür genau beobachteten wie Herr Hansen dem Polizeihauptmeister eine Hand an die Stirn legte und diesen besorgt musterte.

„Geht’s oder soll ich dich nach Hause fahren?“

Fast hätte sie abfällig geschnaubt. Wieso die beiden so viel Aufheben um eine simple Erkältung machten verstand sie sowieso nicht.

„Ist schon in Ordnung!“, meinte Michi nur und hustete.

„In Ordnung?“, wiederholte Herr Hansen. „Du hast Fieber, bist erkältet und gehörst ins Bett! Du solltest nicht als Laufbursche für Frau Mai fungieren müssen!“

Ärgerlich wollte sie schon dazwischen gehen. Schließlich fungierte hier niemand als ihr Laufbursche! Das war immer noch eine Mordermittlung und das Auffinden der Mordwaffe von essentieller Wichtigkeit! Sandra kam jedoch zu einem abrupten Halt als Herr Mohr seinen Kopf gegen Herr Hansens Schulter lehnte und müde lächelte. Selbst von ihrem Beobachtungspunkt aus erkannte Sandra wie dieser ihn ein wenig näher an sich zog und ihm sanft über den Rücken strich. Sie konnte es aber kaum fassen als Herr Hansen ihm einen Kuss irgendwo an den Haaransatz drückte…



Ignaz „Jo“ Caspar:



Seufzend verschränkte Jo die Arme und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen seines Restaurants. Inzwischen beobachtete er Sven bereits mehrere Minuten. Er konnte die Szene vor seinen Augen aber trotzdem nicht fassen. Sein Kumpel saß an einem der Tische, trank einen seiner vorzüglichen Rotweine und schien nach einem langen Tag entspannen zu wollen. Soweit alles noch völlig normal und ein fast täglicher Anblick. Was ihn jedoch wirklich verwunderte war die Tatsache, dass am Nebentisch eine bezaubernde junge Dame saß. Ihrem Akzent nach war sie Französin, hatte wunderschöne grüne Augen, dunkelbraune Haare die ihr in seidig-glänzenden Wellen über die Schultern fielen und einen Schönheitsfleck über dem linken Mundwinkel. Noch dazu wickelte sie immer wieder eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger und lächelte Sven zu.

Dieser schien sich der Situation aber gar nicht bewusst zu sein. Er hatte sie abwesend gegrüßt als er sich gesetzt hatte, dann aber sofort sein Handy aus der Sakkotasche gezogen. Seitdem war er in einem regen Austausch mit irgendjemandem versunken und völlig blind für alles andere.

„Du solltest ein Foto machen Chef. Das hält länger.“

Erschrocken fuhr Joe herum und sah Nina, seine Kellnerin, nur sprachlos an. Mühsam räusperte er sich und rieb sich entspannt durch die Haare, zumindest hoffte er, dass es entspannt aussah.

„Doch nicht für mich!“, meinte er schließlich. „Ich bin nur schockiert darüber, dass mein Kumpel so offensichtlich ist für alles was um ihn herum passiert. Die Chance sich mit diesem bezaubernden Wesen zu unterhalten würde ich mir nicht entgehen lassen!“

„Dann mach das doch!“, erwiderte sie grinsend und stellte mehrere Weingläser auf ihr Serviertablett.

„Weißt du was? Das tu ich jetzt auch!“

Entschieden füllte er ein Glas mit seiner neuesten Cocktailkreation und ging an den Tisch der Dame hinüber. Diese lächelte ihm nur zu und legte neugierig den Kopf schief. Jo schluckte gegen seinen plötzlich trockenen Hals an.

„Einmal unser Cocktail zum Menu! Das ist die neue Spezialität unseres Hauses!“, erklärte er mit seinem charmantesten Lächeln und stellte das Glas vor ihr ab.

„Aperitif?“, fragte sie zurück.

Für einen Moment wusste Joe nicht genau was er sagen sollte. Verzweifelt versuchte er sich an die paar Worte Schulfranzösisch zu erinnern die er noch nicht vergessen hatte. Irgendwo hinter sich hörte er Nina leise kichern.

„Oui!“, stammelte er schließlich unbeholfen heraus und stellte ihr das Glas hin.

„Das ist aber sehr freundlich von dich!“, meinte sie.

So schnell er konnte ging er dann wieder davon und rettete sich hinter die Bar. Sein Gesicht fühlte sich unfassbar warm an, also war er wahrscheinlich rot geworden.

„Beeindruckend!“, flüsterte Nina als sie auf dem Weg in die Küche an ihm vorbei ging. „Mit deiner Wortgewandtheit machst du Casanova Konkurrenz Chef! Wie kann dir nur jemals eine Frau widerstehen?“

Ihr Lachen begleitete ihn bis die Schwingtür zur Küche zugefallen war. Erst jetzt wurde Jo auch bewusst, dass sein Auftritt sogar Svens Konzentration auf dessen Handy durchbrochen hatte. Denn dieser sah nun zu ihm herüber, schmunzelte und reckte den Daumen nach oben. Schließlich presste er die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, ganz so als ob es der einzige Weg war damit er nicht laut lachte. Blamiert vergrub Jo das Gesicht in den Händen und atmete aus. Unwirsch schob er dann Nina leicht zur Seite als sie ihm grinsend die Schulter tätschelte. Fast schon erleichtert atmete er auf als die Eingangstür zum Restaurant geöffnet wurde und jemand hereinkam. Ein wenig Ablenkung konnte er gerade gut gebrauchen. Wobei er zugeben musste, dass diese Hoffnung sich direkt zerschlug als er einen Blick auf seinen Gast werfen konnte. Denn das war nun eher ein weiteres Rätsel. Polizeihauptmeister Michael Mohr; ohne Uniform dafür aber in dunkler Hose, weißem Hemd und farblich passendem Sakko. Auf die Distanz war er der Meinung, dass er sogar seine Haare gestylt hatte. Joe grinste nur. Er sah doch wirklich so aus als ob er ein Date hatte. Für einen extra langen Moment stellte er sich deshalb an die Theke und polierte Gläser. Vielleicht konnte er einen Blick auf die Dame erhaschen.

Ihm klappte jedoch eher der Mund auf als Michi zielgenau auf Svens Tisch zuging. Dieser wirkte jedoch nicht so als ob er sich durch dessen Anwesenheit gestört fühlte. Vielmehr stand er sofort auf um ihn mit einer Umarmung zu begrüßen.

„Also das hätte ich jetzt nicht gedacht!“

Erschrocken zuckte Jo zusammen und ließ fast das Wasserglas in seiner Hand fallen. Erst ein paar Sekunden später realisierte er, dass Nina nun neben ihm stand.

„Was meinst du?“

Sie zog nur eine Augenbraue nach oben und deutete mit einer Handbewegung auf Sven und Michi.

„Na das natürlich!“

Sprachlos beobachtete er die beiden nun ebenfalls, denn inzwischen saßen sie gemeinsam an Svens Tisch. Jo überlegte sich ernsthaft ob er Michi nicht einen eigenen Tisch zeigen sollte. Doch die beiden schienen gar nicht bestrebt darin zu sein sich wieder zu verabschieden, es wirkte eigentlich so als ob sie miteinander verabredet waren. Jos Gedanken kamen zu einem abrupten Halt als er begriff wie die Situation eigentlich aussah. Aber das konnte doch gar nicht sein! Völlig überrumpelt stellte er noch dazu fest, dass er von seinem Standpunkt aus sehen konnte, dass die beiden unter dem Tisch Hände hielten. Selbst die junge Französin wirkte ganz so als ob sie sich darüber bewusst geworden war, dass sie bei Sven keinerlei Chancen hatte. Denn inzwischen hatte sie ein Buch aus ihrer Tasche gezogen und las darin.

„Du willst mir ernsthaft sagen, dass du nicht verstehst nach was das aussieht?“, fragte Nina überrascht.

Jo legte, immer noch ungläubig, den Kopf schief und beobachtete die beiden. Merkwürdiger Weiße schien weder Sven noch Michi das zu bemerken. Vielmehr diskutierten sie gut gelaunt und lachten miteinander.

Und mit einem Mal verstand er auch sehr genau worauf Nina hinaus wollte. Das wirkte wirklich ganz so als ob die beiden ein Paar waren. Aber warum sollte Sven das verschwiegen haben? Schließlich war er der Meinung, dass sie eigentlich Freunde waren. Sie gingen gemeinsam segeln und etwas trinken.

„Männer!“, murmelte Nina neben ihm und schüttelte den Kopf.

Direkt darauf nahm sie ihr Serviertablett hoch und brachte die Getränke zu den Gästen. Jo beobachtete sie dann dabei wie sie zu Sven und Michi an den Tisch ging. Es wirkte fast so als ob sie erst durch sie in ihrer Unterhaltung aufgeschreckt wurden.

Jo selbst fühlte sich als ob er erst wieder richtig zu sich kam als Nina zurück kam um die Bestellung der beiden in die Küche weiterzugeben. Aus einem plötzlichen Gedanken heraus mischte er daraufhin zwei weitere Gläser seiner neuesten Cocktailvariante. Diese stellte er Nina auf ihr Tablett.  Sicher, er musste unbedingt mit Sven sprechen und die Wahrheit erfahren. Zudem wollte er auch wissen warum er nicht eingeweiht worden war. Doch jetzt würde er den beiden die Zweisamkeit gönnen und aus der Ferne beobachten. Schließlich konnte etwas das die beiden so lächeln ließ nichts Schlimmes sein…



Andreas „Andi“ Lorenz:



Summend und gut gelaunt schob Andi am frühen Nachmittag die Seitentür des Kommissariats auf. Ein Trick um ungesehen von den Damen Grasegger und Lange verschwinden und in den Feierabend gehen zu können. Er hatte aber einfach keinen Nerv auf eine ewige Diskussion zu seiner Arbeitsmoral oder seiner Freizeitgestaltung, zudem hatte er sich bei Herrn Achtziger bereits offiziell verabschiedet. Die Woche war lang und stressig gewesen und er wollte nur noch zum See und ein wenig surfen. Das Herbstwetter war zwar überraschend kühl, aber mit der richtigen Ausrüstung funktionierte das ohne Probleme.

Zudem wusste er sehr genau, dass die Kommissare ebenfalls schon im Feierabend waren. Herr Hofer hatte erklärt, dass er einkaufen musste, weil seine Schwester am Abend kochen wollte. Die Aussicht auf einen Schweinebraten war wohl genug um ihn in den nächsten Supermarkt zu bringen.

Sven hatte er ebenfalls dabei gesehen wie er die Wache verlassen hatte. Wohin der Kommissar wollte wusste er jedoch nicht. Komischer Weiße hatte er ein unfassbares Geheimnis um seine Pläne gemacht. Wobei Andi gestehen musste, dass er das bei einer Kollegin wie Miriam Stockl auch nicht anders machen würde. Er hatte nämlich ebenfalls kein gesteigertes Interesse daran, dass sein Privatleben Teil ihrer Gerüchteküche wurde. Schließlich hatte er selbst schon mitbekommen wie hartnäckig ihre ganzen Gerüchte sein konnten.

Entschieden schob er all die Gedanken dann aber beiseite. Er wollte seine Freizeit genießen und nicht die ganze Zeit an seine Kollegen denken. Deshalb stieg er in sein Auto und fuhr zum Chiemsee. Dort parkte er und nahm seine Tasche vom Rücksitz. Auf dem Weg zum Surfbereich kam er dann auch am Bootsanleger vorbei. Schon aus der Entfernung konnte er dabei sehen, dass die Abdeckplane von Svens Boot genommen worden war. Schmunzelnd fuhr Andi mit der Hand durch seine Haare. Anscheinend hatte dieser dieselbe Idee gehabt wie er auch. Aus einer spontanen Entscheidung entschied er sich dann dafür kurz bei ihm reinzuschauen.

Andi stutzte jedoch als er näher kam und bemerkte, dass Sven nicht alleine war. Allem Anschein nach hatte er einen Gast auf dem Boot. Wahrscheinlich war es unhöflich und er hätte einfach weitergehen sollen. Doch Andis Neugierde war nun endgültig geweckt. So unauffällig wie möglich ging er näher heran. Das erschrockene Aufkeuchen konnte er jedoch nicht unterdrücken als er die andere Person erkannte. Denn ganz klar sah er nun, dass es sich um Michi handelte. Doch das was Andi so sprachlos machte war vielmehr die ‚Position‘ in der sich die beiden befanden. Denn Sven stand am Heck und sah auf das Wasser des Chiemsees hinaus. Michi war dabei gegen seinen Rücken geschmiegt, hatte seine Arme um dessen Bauch geschlungen und das Kinn auf seiner Schulter liegen. Was Andi aber vielmehr erstaunte war der unfassbar zufriedene und glückliche Ausdruck auf Svens Gesicht als er sich einfach nur halten ließ. Andi schluckte schwer, mit einem Mal hatte er den Eindruck, dass er einen unfassbar intimen Moment beobachtete. Gleichzeitig wollte er jedoch fast lachen, schließlich verstand er nun warum Sven so ein Geheimnis um seine Pläne gemacht hatte. Wobei sich Andi nicht sicher war wer diesem geglaubt hätte, wenn er erklärt hätte, dass er einen ruhigen Nachmittag mit seinem Freund verbringen würde…



Sven Hansen:



Irgendwie war es ein surreales Gefühl. Das Wetter war kühl geworden, fast schon zu kalt um länger draußen zu sein. Trotzdem wollte er nirgendwo anders sein. Nicht, wenn er sich in Michis Wärme kuscheln und alles andere vergessen konnte. Inzwischen lebte er für diese kleinen privaten Momente die sie der Welt, trotz allem, immer wieder abringen konnten. Einfach nur sie beide, weit weg von allem anderen. Das Glücksgefühl das ihn durchflutete als Michi ihm hauchzart einen Kuss gegen die Schläfe drückte konnte er nicht in Worte fassen. In solchen Momenten wusste er was Perfektion war…



Michael ‚Michi‘ Mohr:



Selbst nach mehreren Monaten Beziehung konnte er manchmal immer noch nicht glauben, dass all das hier real war. Trotzdem waren sie nun hier angekommen, gemeinsam. Zärtlich hauchte er Sven einen Kuss gegen die Schläfe und hoffte, dass er so alles aussagen konnte was er nicht in Worte verpacken konnte. Das Glücksgefühl das ihn durchflutete als Sven sich mit einem leisen Seufzen tiefer in seine Arme kuschelte konnte er nicht in Worte fassen. In solchen Momenten wusste er was Perfektion war…
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