Das kleine Mädchen und die Ente und andere Geschichten

KurzgeschichteAllgemein / P12
03.07.2018
31.03.2020
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03.07.2018 473
 
Das kleine Mädchen und die Ente

Das kleine Mädchen drehte sich im Kreis. Aus dem Augenwinkel sah es eine Ente vorbeiwatscheln. Es versuchte, mit dem Drehen aufzuhören. Abrupt stoppte es in der Bewegung, geriet ins Taumeln und verlor fast den Boden unter den Füßen. Als es wieder in Richtung der Ente blickte, war die Ente verschwunden.

Mit einem Stirnrunzeln blickte das Mädchen zum Himmel. Grau. Nichts als Grau. Ein Grau, das dem Mädchen das Gefühl gab, blind zu sein, ein grelles und ekelhaftes Grau. Die Luft war klamm und die gelbe Strickjacke des kleinen Mädchens schien in den letzten Tagen nie ganz trocken geworden zu sein.

Doch auch am Himmel war die Ente nicht. Wo war sie bloß? Das Mädchen hätte schwören können, sie gesehen zu haben, wenn auch nur für einen Augenblick. Seine Eingeweide drehten sich und drückten leicht nach oben. Das Mädchen hob die Hand zum Mund und presste die Lippen aufeinander. Ihm war übel vom Drehen.

Mit einem Seufzer ließ das Mädchen sich zu Boden plumpsen und legte sich auf den Rücken. Das kalte Nass des Grases drang durch seine Strickjacke bis zu seiner Haut vor und in seine Knochen hinein. Es schloss die Augen, um das blinde Weiß – es war doch mehr ein Weiß als ein Grau – des Himmels nicht mehr sehen zu müssen. Vor seinen Augen flimmerten Bilder von Enten an einem Frühlingstag. Sie flatterten mit den Flügeln, rissen ihre senfgelben Schnäbel in stummen Schreien auf und landeten doch immer wieder auf dem Boden.

„Gaaaaak“, machte es am rechten Ohr des Mädchens.

Erschrocken riss es die Augen auf und blickte in das Gesicht der Ente. War es dieselbe Ente?

„Gaaaakgaaaaak“, machte die Ente wieder.

Das Mädchen blinzelte und zog die Augenbrauen zusammen.

„Was soll das denn?“, fragte es.

„Gaak.“

„Hm“, machte das Mädchen. Ihre Stimmung sank. Warum hatte es die Ente überhaupt gesucht? Um mit ihr ein paar philosophische Gespräche zu führen? Kritisch beäugte das Mädchen die Ente. Wohl kaum.

Die Ente flatterte mit den Flügen und verschwand aus dem Blickfeld des Mädchens. Zuerst war es erleichtert, doch dann setzte es sich abrupt auf. Die Ente war verschwunden. Hektisch wandte das Mädchen den Kopf hin und her und ließ ihre Augen über und unter das umliegende Gebüsch wandern. Doch von der Ente keine Spur.

„Hey, das war doch überhaupt keine richtige Begegnung!“, rief das Mädchen entrüstet und sprang auf die Füße. „Wenn ich schon eine Ente treffe, dann aber auch richtig!“

Doch die Ente blieb verschwunden, denn manche Enten haben Besseres zu tun, als kleinen Mädchen ins irritierte Gesicht zu blicken.

Und vielleicht vergass das kleine Mädchen an einem schönen Sommermorgen, als es schon nicht mehr klein war, dass es eine Ente suchte. Enten gab es genug auf der Welt. Ja, so musste es sein.

„Gaaak“, würde die Ente an dieser Stelle sagen. Oder auch nicht.
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