Verlorenes Kind

von irish
OneshotDrama / P16
Karen Kasumi Nataku
02.07.2018
02.07.2018
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Eine leichte Brise wog über die Straße hinweg, nahm den Kischblütenteppich mit sich und trug die zartrosa leuchtenden Blumenfedern bis in den kleinsten Winkel der Stadt.
Jenes Lüftchen war ein weiterer Bote, der einen warmen Sommer erahnen ließ.
Die junge Frau rollte die Schultern, das leise Knacksen ihrer verspannten Muskeln erinnerte unweigerlich daran, wie unausgeglichen das Innere, wie das Äußere schienen.
So ließ sie die Türen des Etablissements hinter sich, trat auf den Gehsteig und bemerkte, wie angenehm und ruhig dieser Stadtteil in den Stunden des Morgengrauens wirkte.
Ein trügerischer Schein.
Ihre Füße trugen sie der aufgehenden Sonne entgegen, und in wenigen Stunden würde sie ihr abermals folgen. So wie jeden Tag, den es neu zu bestreiten galt.
War das ihr Leben? Sollte sie jener Tätigkeit bis ans Ende ihres Daseins nachgehen müssen?
Nein, dachte sie mit einem stillen Lächeln und ließ die schlanken Finger durch ihre rote Mähne gleiten. Nein, ihr Weg war ein anderer, nur dass sie jene Klippen umschiffen musste, die ihr als Prüfung auferlegt wurden.
Was war schon ein Leben? Was nützen Familie, Freunde, eine Partnerschaft, wenn die Enttäuschung hinter jede Ecke lauerte und ihre Krallen in alles schlug, das verloren, haltlos und verlassen war?
Tief sog sie den lieblichen Duft des Morgens ein, spürte ihn in jeder Faser ihres Körpers glimmen. Zu dieser Zeit gab es keine Hektik, keinen Trubel, kein Gewirr an Menschen, die zur Arbeit, zur Schule oder ihren Geliebten hetzten. Keine Frauen, die nach ihren ungehorsamen Kindern riefen, keine kichernden Schulmädchen, keine schmierigen Angestellten, die Einkehr hielten, ihre Ehefrauen betrogen und die Hände nach der vermeintlichen Unschuld ausstreckten, die sie ihnen jede Nacht vorgaukeln musste. Niemand, der sie schief ansah, sie für ihre Tätigkeit ächtete.
So wie Krankenschwestern ihre Schwesterntracht, Polizisten ihre Uniformen trugen, so war ihre Arbeitskleidung stets einem speziellen Anreiz geschuldet. Dessous, Strapsen, Pumps
Sie schlang den langen Mantel fester um ihren Leib. Später, im schummrigen, roten Licht ihres Arbeitsplatzes, würde es der nächste Kandidat kaum erwarten können, ihr die wenigen Fetzen vom Körper zu reißen.
Schwer schluckte sie das Gefühl des Ekels hinab. Wie lang schon wünschte sie sich, all dem zu entkommen? Einfach alles niederzubrennen, bis nichts als Asche übrig blieb? Von ihrer fanatischen Mutter als Dämon beschimpft, nur weil ein magischer, mächtiger, auserwählter Teil in ihr die Angst der Frau ins Unermessliche schürte?

„Niemand wäre traurig, wenn du stirbst!“


Sie schüttelte den Kopf, richtete ihren Blick auf den Weg, der vor ihr lag. Ihr Zuhause war nicht das Bordell, auch nicht die feinen Hotelzimmer, in die man sie einlud, um sich zu vergnügen.
Ihre Füße trugen sie durch einen kleinen, künstlich angelegten Park, der den hohen Häusern der Stadt ein wenig Kontrast bot. Ihr Heim war eine Mietwohnung in einem der angesagtesten Viertel Tokios. Teuer, edel … So wie sie.
Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie schmälerte die Augen, um die Person besser betrachten zu können, die fernab des Pfades stand. Ein Mann, vielleicht ein wenig jünger als sie, schien sehr interessiert an dem Vögelchen, das auf einem noch kahlen Ast hockte und genauso verloren wirkte, wie er selbst. Nicht ein Ton entkam dem Tierchen, kein Zwitschern, kein fröhliches Tirilieren. Stattdessen waren die schwarzen Augen auf den Menschen fixiert.
Als der Kies unter ihren teuren Schuhen knirschte, war ihr, als fuhr der junge Mann kaum merklich zusammen. Doch dieser verbarg eine mögliche Reaktion hinter einem neutralen, nichtssagenden Ausdruck auf dem Gesicht. Das Haar silbern, fast grau, die Haut blass, beinahe kränklich.
Der arme Kerl schien nicht oft an die Luft zu kommen, geschweige denn in die Natur zu gehen.
„Entschuldige, ich … wollte dich nicht erschrecken“, erklang ihre Stimme. Der Junge wusste nicht, ob sie mit ihm, oder den gefiederten Freund sprach.
Der Vogel legte binnen eines Wimpernschlages das kleine Köpfchen schräg und gab einen melodischen, hellen Laut von sich, als wolle er die Frau begrüßen, als kannten sie einander.
Der Fremde inspizierte die Gestalt, die sich auf ihn zubewegte, schwieg jedoch beharrlich.
Als das Tier einen weiteren Ton zum Besten gab, lächelte sie.
„Dir auch einen schönen, guten Morgen“, sanft, ruhig und mit einer Art Melodie durchwoben, gelangten ihre Worte in die Welt.
Ihr Blick war auf den Frühlingsboten gerichtet, dennoch nahm sie jede Regung neben sich aus dem Augenwinkel heraus wahr. Nur, das keine Regung von dem jungen Mann auszugehen schien.
„Du … bist nicht oft an der frischen Luft, wie mir scheint“ Ihre Bemühungen um ein Gespräch, ging in seinem Schweigen unter.
„Ein herrlicher Morgen, nicht wahr? Die Luft ist noch sauber und frisch. Der Tau sitzt noch auf den Grashalmen ...“, fuhr sie fort.
Obschon ihm ein Gedanke im Kopf umher geisterte, blieben seine Lippen versiegelt. Die Luft war frisch und sauber? Unverbraucht? Die Menschen sorgten doch bereits dafür, dass ihr Dasein auf diesem Planeten bald zur reinen Hölle wurde. Jenem Gedanken folgend, huschten Argwohn und Zorn über sein maskenhaftes, gar leblos wirkendes Gesicht.
„Nur jene, die die Last der Welt nicht kennen, den Schmerz des Planeten ignorieren, empfinden einen solchen Moment als lebenswert“, hob er an, die Stimme hart und unnachgiebig.
Der kleine Vogel auf dem Ast erschrak und flog davon.
Ihre Augen schmälerten sich. Etwas in ihr riet zur Vorsicht. Jemand, der sich solcher Worte bediente, war entweder sehr weise, oder führte etwas im Schilde. Etwas, das sie als Schicksal beschrieb, und nur jenen vorbehalten war, die um den letzten Kampf wussten.
„Die Menschheit … sie ist nicht mehr als ein Parasit, der seine Zähne in den Kern der Erde gräbt, ihn aussaugt, verkümmern lässt und mit Füßen tritt.“ Bitterkeit spiegelte sich im Gesagten des jungen Mannes wider.
„Das klingt recht düster. Ist das … deine Meinung?“, hakte sie nach und erntete ein bejahendes Nicken.
„Die Welt stirbt“, erklärte er. „Die Meere sind verschmutzt, die Natur verendet … und Schuld daran sind diese Kreaturen, die sich über allem erheben. Stürme, Unwetter …“
Seine Worte bestritt sie nicht. Dennoch überkam sie das Gefühl, ihm eine andere Sichtweise darlegen zu müssen.
„Du scheinst nicht gut auf die Menschen zu sprechen zu sein?“, riet sie. „So viel … Wut … du … bist einsam, hm?“
Er ließ ihre Frage unbeantwortet.
„Es gibt auch schöne Dinge, die das Leben lebenswert machen“, auf ihren Lockversuch ging der Fremde jedoch nicht ein. Das Piepsen in ihrer Manteltasche mahnte sie plötzlich zur Eile. Ihre Finger langten nach dem Mobiltelefon, das eindringlich zu Läuten begann. Hastig drückte sie einen der vielen Knöpfe und schaltete dann das nervige Plärren des Handys ab.
„Bitte entschuldige“, murmelte sie verlegen und ließ das Telefon wieder im Innern des Mantels verschwinden. „Wie heißt du?“
Der junge Mann wägte ab, entschied sich dennoch dazu, ihr seinen Namen zu verraten. „Nataku“
„Nataku?“, sie legte den Kopf schief. „Sehr angenehm, dich kennen zu lernen. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder? Dann könnte ich dir erklären, was diese Welt so unbeschreiblich schön macht.“
Sie wandte sich zum Gehen, nicht ahnend, das dies in nicht allzu ferner Zukunft geschah.
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