Something Strange - Vanished

GeschichteHorror, Sci-Fi / P18
02.07.2018
24.08.2019
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Am Ende war keines dieser Szenarien, in denen technisches oder menschliches oder sonstiges Versagen ein weiteres Mal die Fertigstellung des Referates hätte verhindern können, eingetreten, und so dauerte es nur eine gute Stunde lang, bis das letzte Bild schließlich platziert und der letzte Rechtschreibfehler korrigiert war, und Randall seinen Laptop zuklappte, nachdem er die Datei auf einem USB-Stick gesichert hatte.
Es war grade einmal halb sieben, als Randall sich, endlich allein, auf sein Bett fallen ließ und die Augen schloss.
Er hatte Kopfschmerzen. Außerdem schmerzten seine Rippen, so als hätte er sie sich irgendwo angeschlagen, und trotz der Tatsache, dass er seine Heizung bereits vor einer halben Stunde auf die höchste Stufe gestellt hatte, fror er. Großartig, dachte er. Jetzt werde ich wirklich krank…
Die Aussicht, am morgigen Tag nicht in die Schule gehen zu müssen, hatte zwar durchaus etwas Positives, doch auf dieses Gefühl aufsteigender Übelkeit hätte er dennoch gerne verzichtet; sich einmal pro Woche übergeben zu müssen reichte ihm vollkommen. Diese Übelkeit war eine andere, als die, die er immer wieder verspürte, wenn er gestresst oder verängstigt oder sonst etwas in dieser Art war; er vermochte den Unterschied nicht richtig in Worte zu fassen, sie war einfach… anders. Aber deshalb nicht weniger unangenehm.
Laut prasselnd schlugen Regentropfen gegen die Scheibe, wieder einmal war das Wetter reichlich schnell umgeschlagen. Als er Roger vor zehn Minuten nach unten gebracht und sich von ihm verabschiedet hatte, waren grade die ersten dunklen Wolken am Horizont aufgezogen, und nun schüttete es wie aus Eimern. Empfand Randall das Geräusch von Regen doch normalerweise immer als recht angenehm, sogar entspannend, so sorgte es dieses Mal dafür, dass der Schmerz in seinem Kopf intensiver wurde, stechender. Als würde etwas von innen gegen seinen Schädel Schlagen, ein sich ausbreitendes Pochen, das mit dem Geräusch, jeder Bewegung die er vollzog, stärker und schneller wurde…
Es klopfte. Sicherlich nicht lauter, als es normalerweise der Fall war, wenn jemand vor der Tür stand und sein Eintreten ankündigte, doch in diesem Augenblick fühlte es sich an als stünde jemand mit einem Presslufthammer direkt neben seinem Ohr.
Die Tür wurde geöffnet, und auch das Quietschen schmerzte, ebenso wie die darauf folgende Stimme seiner Mutter: „Willst du auch noch was essen?“
„Nein!“, erwiderte Randall, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. Essen war nun wirklich das letzte, was er wollte, alleine bei dem Gedanken daran wurde ihm flau im Magen. Unter größter Anstrengung gelang es ihm, seine Augen zu öffnen, und auch das Licht schmerzte; ein Stechen zog sich durch seine Wangenknochen und seine Augen begannen zu tränen.
Ein wenig besorgt blickte seine Mutter ihn an. „Ist alles in Ordnung?“
„Geht so. Ich glaube, ich werd krank.“
„Ach, na super… was hast du denn?“
„Kopfschmerzen. Und mir ist schlecht. Und kalt.“
„Kalt?“ Irritiert blickte seine Mutter ihn an, warf dann einen Blick auf die Heizung. „Dann bist du wirklich krank! Ich komm mir hier vor wie in der Sauna!“
„Ja, ich weiß, meinte Roger auch! Kannst du mich jetzt bitte in Ruhe sterben lassen?“ Zugegeben, das war ein wenig übertrieben, noch fühlte er sich nicht, als hätte seine letzte Stunde geschlagen, doch wenn es sich hierbei wirklich um einen grippalen Infekt handelte würde dieses Gefühl wohl sehr bald folgen.
Seiner Mutter schien zumindest durchaus bewusst zu sein, dass es ihm nicht gut ging, sie warf ihm einen mitfühlenden Blick zu und senkte ihre Stimme, um in einem leiseren Tonfall fortzufahren: „Willst du einen Tee? Oder irgendwas anderes?“
„Ja… Tee klingt gut… und eine Kopfschmerztablette wäre nett.“
„Alles klar. Ich koche dir Pfefferminztee. Und essen möchtest du nichts?“
„Nein, danke, mir ist schon schlecht!“
„Alles klar, dann kriegst du auch noch einen Eimer neben das Bett!“
Obwohl ich nicht wirklich danach zumute war, musste Randall lachen. Gleich darauf hustete er, und das Pochen in seinem Kopf wuchs allmählich zu einem Hämmern heran; Schmerz zwang ihn dazu, seine Augen wieder zu schließen und sich so durch die angenehme Dunkelheit zumindest ein wenig Linderung zu verschaffen. Durch das Dröhnen in seinem Schädel hindurch hörte er die Stimme seiner Mutter: „Dann ruh dich mal aus! Ich bringe dir gleich den Tee und eine Aspirin!“
Das Quietschen der Tür, dann ein leises Klack, als sie ins Schloss fiel. Und Randall war wieder alleine.
Der Regen schien noch stärker geworden zu sein, jeder einzelne Regentropfen, der gegen das Glas schlug, schmerzte, und auch die Decke, die er sich schließlich über den Kopf zog verschaffte nur geringfügige Dämpfung.
Wieso ging es ihm praktisch von einer Sekunde auf die andere so unglaublich mies?
Eine gute Dreiviertelstunde hatten sie an dem Referat gearbeitet gehabt, als Randall die ersten Anzeichen von Kopfschmerzen verspürt hatte. Er hatte ihnen keine weitere Beachtung geschenkt, sie als Symptom von Stress oder was auch immer abgetan, entschieden, sie zu ignorieren. Und dann war die Kälte gekommen. Innerhalb von fünf Minuten hatte er derart stark gefroren, dass er die Heizung auf die höchste Stufe gedreht hatte, doch auch das hatte kaum etwas geholfen. Die Übelkeit war dann zuletzt gekommen. Als Randall sich, mit inzwischen wirklich intensiven Kopfschmerzen von Roger verabschiedet und ihm dabei, nur halb im Scherz, geraten hatte, darauf zu achten Simon aus dem Weg zu gehen, hatte er das erste Mal das Gefühl gehabt, sich auf der Stelle übergeben zu müssen. Glücklicherweise hatte er das nicht tun müssen, doch das Gefühl war geblieben, und mittlerweile wünschte er sich, er könnte sich übergeben, damit dieses Gefühl endlich nachließ und er sich wenigstens entspannen könnte.
So würde er morgen auf keinen Fall in die Schule gehen können.
Dieser Gedanke erleichterte und beängstigte Randall gleichermaßen; sicher, die Schule war nicht der angenehmste Ort, an dem er sich vorstellen konnte, sich aufzuhalten, doch wusste er, wie schwierig es ihm dann wieder fallen würden, sich dazu aufzuraffen dort hinzugehen. Es war schon nach jedem Wochenende eine Qual. Nach den Ferien noch schlimmer; die drei freien Monate im Sommer an sich waren zwar nicht wirklich angenehm gewesen, doch der Gedanke an den ersten Schultag hatte ihn damals beinahe um den Verstand gebracht. Wenn er nun einen Tag fehlte, würde er sich am Montag noch unwohler fühlen als ohnehin schon. Sollte es ihm bis dahin wieder besser gehen, so würde er sich dennoch sagen, dass er noch diesen einen Tag zuhause bleiben konnte, und dann den Dienstag auch noch, und den Mittwoch, am besten die ganze Woche… und mit jedem Tag würde es schwieriger werden. Er würde sich Gedanken darüber machen, was die anderen in seiner Abwesenheit geredet hatten, darüber, das ihre Blicke, sollte er sich dann irgendwann wieder in die Schule trauen, noch stechender und bohrender sein würden als für gewöhnlich. Die Lehrer würden ihn nach Dingen fragen, die er verpasst hatte, und sie würden ihm sagen, dass er sich darum kümmern sollte, diese Dinge nachzuarbeiten, und er würde keine Ahnung haben, wie er das tun sollte, wer sich bereiterklären würde, sich diesbezüglich mit ihm zusammenzusetzen…
Ob Roger das tun würde?
Im ersten Augenblick beruhigte ihn dieser Gedanke in der Tat. Auch wenn er es nie so eindeutig zugegeben hätte, und trotz all der unangenehmen Dinge wie beispielsweise Simon, hatte er diesen Nachmittag insgesamt doch als recht angenehm empfunden. Sein Misstrauen war noch immer nicht vollends verschwunden, doch es war um einiges schwächer geworden; nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Roger sich quasi seinetwegen mit seinem Cousin hatte anlegen müssen.
Doch dann war da wieder dieses Bild vor Randalls innerem Auge. Janet, die sich mit Roger unterhielt, grinsend und keinerlei Hehl daraus machend, was sie da von sich gab, und dieses Lächeln, das sie ihm zugeworfen hatte…
Wer wusste schon, ob die beiden sich nicht doch besser verstanden als Roger behauptete? Oder zumindest noch damit anfangen würden, wenn Randall selbst nun ein paar Tage nicht in der Schule wäre? Diese Gedanken mochten reichlich paranoid klingen, und noch dazu unfair; Roger wirkte wirklich nicht so als würde er Randall irgendetwas verheimlichen. Doch andererseits hatte Randall so etwas auch schon von anderen Personen gedacht.
Und sich getäuscht.
Es war so müßig, über all diese Dinge nachzudenken, doch konnte er einfach nicht anders; diese Zweifel waren da, hatten sich in seinem Hirn festgebissen wie eine Zecke und sonderten nun ihr giftiges Sekret ab, das sich immer weiter und weiter ausbreitete… Krank über derartige Dinge nachzudenken war grundsätzlich eine schlechte Idee. Er würde ohnehin nichts tun können, und selbst, wenn er gewollt hätte, wenn es ihm bis morgen früh nicht besser ginge konnte er sich unmöglich zur Schule schleppen, das würde er einfach nicht schaffen!
Was für eine Scheiße.
Ein eisiger Schauer durchfuhr seinen gesamten Körper und ließ ihn zusammenzucken. Selbst hier, unter der Decke, unter der die Luft schnell derart stickig geworden war, dass Randall kaum noch atmen konnte, war ihm kalt, und als er sich für einen kurzen Moment wieder in die Außenwelt wagte, um statt Kohlenstoffdioxid frischen Sauerstoff in seine Lungen zubekommen, fühlte er sich, als würde er an einem eisigen Wintertag vor die Tür gehen.
So unglaublich kalt… und müde. Müdigkeit, die von Sekunde zu Sekunde stärker wurde, und die sogar die Kopfschmerzen, das Pochen und die Übelkeit in den Hintergrund zu verdrängen vermochte. Sie war ebenso schnell gekommen, wie dieses komplette Krankheitsgefühl, und sie legte sich schwer über seinen Körper, ließ die Gedanken verblassen und ihn langsam aber sicher in ein stummes, tiefschwarzes Nichts gleiten.
Es dauerte nicht mehr lange, bis seine Mutter wieder das Zimmer betrat, bei sich ein Tablett, auf dem sich neben einer dampfenden Tasse Tee außerdem ein Wasserglas und eine Tablettenpackung befand.
Davon jedoch bekam Randall nichts mehr mit. Längst war er in einen traumlosen Schlaf gefallen, der, obgleich er durch keinerlei Alpträume oder ähnlich unangenehme Vorkommnisse geprägt werden würde, nicht sonderlich erholsam sein würde.
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