Verwaltungsfehler auf höherer Ebene

von kijkou
GeschichteHumor, Übernatürlich / P16
02.07.2018
26.05.2019
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„W-Wie bitte?“ Ich schlucke. Hat sie sich versprochen?
Sie steht auf und mustert mich. „Du bist es, oder?“
„Was – was meinen Sie?“ Ich lege die Betriebsanleitungen auf den Tisch.
„Ich weiß nicht, wie das möglich ist, aber du – du bist Alexandra.“ Mom kommt auf mich zu, setzt sich neben mich und blickt mir tief in die Augen.
„Misses Preston, ich bin – Sie glauben wirklich …“ Vehement schüttle ich den Kopf. „Wie kommen Sie denn darauf?“ Sie darf es nicht wissen! Ich muss mir etwas einfallen lassen – und das schnell!
„Wie du das Bild auf der Teetasse zu dir gedreht hast – das machst du immer so.“
Was?! Deswegen?!
„Und wie sie dann kaputt gegangen ist, hat dich das mindestens genau so traurig gemacht wie mich.“
„E-Es war ja auch eine schöne Tasse …“
„Du hast ganz genau gewusst, wo ich den Früchtetee aufbewahre“, begründet Mom ihre Vermutung.
Das kann genauso gut Zufall gewesen sein!
„Und das Erste Hilfe Köfferchen.“
„Das ist doch bei den meisten Leuten im Bad.“ Sie hat recht – es war dumm von mir, nicht nachzufragen!
„Und die Art, wie du gerade mit Gegenargumenten kommst.“ Sie lächelt.
„Ja, weil ich – hören Sie, ich bin nicht …“
„Das erklärt auch, warum es dich so getroffen hat, als du das von deiner Schwangerschaft erfahren hast.“
Hat man mir das so sehr angesehen? Vielleicht sollte ich doch auf die Geschichte mit der Affäre eingehen …
„Aber wie du beim Lesen der Betriebsanleitung dann auch noch deine Lippen bewegt hast, wie du es immer tust, da war ich mir sicher.“
„Misses Preston, bitte … Sie wissen genau, dass das nicht möglich ist“, seufze ich.
„Nein, ich weiß nicht, wie das möglich ist, aber ich fühle, dass du es bist, Alex.“
„Mom – ich meine, Misses Preston, bitte …“ Ich muss hier raus! Ohne sie anzusehen, stehe ich auf und gehe zur Tür. „Ich – ich bin es nicht“, sage ich leise und drehe mich noch einmal um.
Mom steht auf und komm langsam auf mich zu.
„Bitte …“
Sie nimmt mein Gesicht in ihre Hände und wischt mit den Daumen meine Tränen weg. „Warum streitest du es ab?“, fragt sie mit feuchten Augen. „Warum?“
Nicht weinen, Mom … „Es – es darf keiner wissen“, hauche ich. „Hörst du?“ Ich nehme ihre Hände von meinem Gesicht. „Bitte … Du darfst niemandem davon erzählen.“
„Aber Marc …“
„Versprich es mir!“, unterbreche ich sie und weiche zurück.
Mom nickt wortlos und greift nach meiner Hand. Die Tränen laufen ihr übers Gesicht, aber sie lächelt. „Wann werde ich dich wiedersehen?“, fragt sie leise.
„Ich weiß es nicht“, entgegne ich, während ich meine Jacke nehme. „Sobald ich kann“, sage ich noch und verlasse die Wohnung.
Mich immer wieder umblickend eile ich aus dem Haus und laufe zurück zum Auto. Noch bevor ich einsteige, werfe ich von außen einen Blick auf die Rückbank. Als ich mich wieder aufrichte, bleibt mir fast das Herz stehen.
Da hockt er – im Schneidersitz auf dem Dach des japanischen SUVs und sieht mich ernst an.
„Keefur …!“ Ich mache ein, zwei Schritte zurück.
Regungslos starrt er mich weiter an.
„I-Ich habe nicht …“
„Alexandra“, fällt er mir ins Wort.
„Ich habe es ihr nicht gesagt!“, will ich klarstellen.
Der rote Fuchs schüttelt den Kopf. „Ich habe dich gewarnt, Alex. Ich habe dir gesagt, was passieren wird, wenn du jemanden einweihst“, spricht er streng. Sein Gesichtsausdruck macht mir Angst. Kein Anzeichen auch nur irgendeines Gefühls! Keine Wut, kein Hass – nein, nicht einmal Enttäuschung.
„Keefur, bitte …“ Ich sinke auf meine Knie.
„Bitte?“, wiederholt er.
„Hast du es nicht gesehen? Warst du nicht in meinen Gedanken wie sonst auch? Meine Mom, sie hat es ganz alleine herausgefunden!“
Er verzieht nicht eine Miene.
„Hast du gehört?“
Wortlos springt er vom Dach des Wagens und stellt sich kopfschüttelnd vor mich.
„Ich – ich hab ihr gesagt, sie darf es niemandem sagen. Sie wird es für sich behalten, das versichere ich dir, Keefur!“
„Du hättest vorsichtiger sein müssen, Alexandra.“
„Vorsichtiger … Hast du oder hast du nicht mitbekommen, wie sie mich in die Enge getrieben hat?“ Muss er wohl, sonst wüsste er nicht, dass Mom Bescheid weiß…
„Bewusst oder auch nicht – du hast deiner Mutter nicht nur einen Hinweis gegeben.“
„Keefur, ich bitte dich!“ Ich will mein altes Leben zurück!
„Alex …“ Wie der Seelensammler seine Hand auf meinen Kopf legt, zucke ich zusammen.
Ich will nicht in die Hölle … Soll das alles umsonst gewesen sein?
„So war die Abmachung“, seufzt er.
„Keefur …?“ Ich blicke hinauf in seine funkelnden grünen Augen. „Müssen wir sofort los?“
Abwartend sieht er mich an.
„Kann ich mich noch verabschieden?“
„Verabschieden? Von wem, Alex?“
„Wenn ich ihn wirklich nie wieder sehen soll … Gib mir bitte die Chance, mich von Marc zu verabschieden.“
„Du darfst ihm nichts sagen.“
„Ja, ich weiß.“ Ich balle meine Hände zu Fäusten. „Ich werde kein Wort darüber verlieren. Er würde es ohnehin nicht glauben. Nein, ich werde mich als Lucian verabschieden.“
„Gut.“ Keefur tritt zurück.
„Morgen Abend.“
„Alex, das kann ich nicht …“
„Bitte, Keefur!“ Ich stehe auf und greife verzweifelt nach seinem Arm. „Ich gehe morgen mit ihm in diese Bar.“
Skeptisch blickt mich der Fuchs an.
„Was soll Marc denn denken, wenn ich ihn jetzt so plötzlich aufsuche, mich von ihm verabschiede und er dann von Lucians Tod erfährt?“
„Keine Ahnung – Selbstmord?“
„Lass mich das bitte auf meine Weise machen, dann komme ich auch ohne Widerstand mit“, bitte ich ihn.
„Ohne Widerstand …“ Keefur schüttelt den Kopf. „Du könntest dich in keinster Weise dagegen wehren, Alex.“
„Das ist ein Tag – ein beschissener Tag!“
„Einverstanden.“
Wirklich? „Meinst du das ernst?“ Ich lasse seinen Arm los.
„Fahr schon nach Hause, bevor ich es mir anders überlege.“
„Danke.“ Ich atme tief durch. „Sag mal …“
„Was denn nun noch?!“ Genervt verdreht er seine Augen.
„Was ist mit Lucian?“, frage ich. „Soll ich ihm Bescheid sagen?“
„Diese Entscheidung überlasse ich dir, Alex.“
„Was passiert mit ihm, wenn …“ Ein Schauder überkommt mich, wenn ich daran denke, zur Hölle zu fahren.
„Nun, seine Seele wird wieder zurückgeschickt.“
„Zurück, wo sie war oder dorthin, wo man ihm versprochen hat?“ Lucian trifft keine Schuld. Er muss zu Isabelle und seiner Cousine kommen! Alles andere wäre …!
„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, meint Keefur, klopft mir auf die Schulter und wendet sich von mir ab. „Fahr nach Hause, Alex.“

Mit einem Kloß im Hals betrete ich Lucians Wohnung. Ich kann noch nicht ganz glauben, dass es vorbei ist. Was wird Mom denken, wenn sie hört, dass Lucian verstorben ist, nachdem sie nun weiß, dass ich in seinem Körper war.
Und Lucian! Wenn er das hier alles völlig umsonst hat ertragen müssen, bringt er mich um …
Was wird aus Javiers Körper? Seine Mutter wird sich sicher Vorwürfe machen, ihn hier gelassen zu haben …
Wie es McBrady und Patricia verkraften werden, kann ich nur erahnen.
Ich bin so bescheuert! Verdammt, wieso konnte ich nicht vorsichtiger sein?!
Ich nehme die blaue Kaffeetasse, die auf der Kücheninsel steht, und starre sie an. Alles wegen einer blöden Tasse? Wütend werfe ich sie gegen die Wand, sodass die Scherben in alle Richtungen fliegen und breche in Tränen aus.
Ich will nicht! Ich will nicht, dass es so endet! Die Hölle könnte ich ja irgendwie akzeptieren, aber noch nicht jetzt! Nicht so!
Wenn ich Marc morgen treffe, muss ich jeden Moment genießen. Ich muss mir genau überlegen, was ich ihm sage. Eine Verabschiedung würde er vielleicht falsch auffassen. Bis morgen Abend hab ich noch Zeit. Aber zuvor habe ich ein weitaus schwierigeres Gespräch zu führen.
Mit der Tequilaflasche setze ich mich an den Tisch und warte darauf, dass Lucian von der Schule nach Hause kommt.
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