Verwaltungsfehler auf höherer Ebene

von kijkou
GeschichteHumor, Übernatürlich / P16
02.07.2018
22.02.2019
50
79909
7
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
„Wunderbar!“ Ich gebe McB. einen kleinen Stoß mit meinem Ellenbogen, der daraufhin mit voller Begeisterung die Handbremse anzieht und sich suchend umblickt.
„Sie können den Wagen ruhig hier stehenlassen. Meine Schwester parkt ständig hier und hat noch nie ein Ticket bekommen. Abgesehen davon kostet die Parkgarage hier in der Nähe mehr, als ein Ticket für Falschparken.“ Die junge Frau lächelt und steigt aus.
Sofort tue ich es ihr gleich. „Jetzt habe ich Ihnen gar nicht die Tür aufhalten können“, meine ich ein wenig enttäuscht.
„Sie sind ein richtiger Gentleman, Lucian, nicht wahr?“
Nun, ich bin eben auch kein Kerl. Ich weiß, wie man eine Dame behandeln solle – oder zumindest, wie ich mir wünschen würde, von einem Mann behandelt zu werden. „Finden Sie?“
„Ja, ich habe schon den Eindruck.“ Sie streicht sich ihren blonden Pony zur Seite. „Das Restaurant befindet sich fünf bis zehn Minuten entfernt“, erklärt sie dann und deutet uns die Richtung.
Der Miesepeter im Anzug sperrt den Honda ab und trottet uns schweigend hinterher.

Wir betreten ein kleines italienisches Restaurant, dessen Ambiente auf einen Familienbetrieb schließen lässt. Es ist gemütlich eingerichtet und das Personal geht sehr herzlich miteinander um, aber was weiß ich schon von italienischen Geschäftspraktiken.
„Wollen wir uns dorthin setzten?“ Samantha deutet auf einen von zwei Tischen direkt am Fenster, um den vier modern designte Stühle stehen. „Das ist mein Lieblingsplatz“, erklärt sie mit einem schüchternen Lächeln.
Ihr Lächeln ist wirklich wunderschön! Ich frage mich, wie diese Lippen wohl küssen …
Okay, da ist wohl wieder ein bisschen von Lucian durchgekommen. Konzentration, Alex!
Mein Aufpasser lässt uns den Vortritt und setzt sich neben mich, nachdem ich gegenüber von der hübschen Dame Platz genommen habe.
Kaum haben wir bestellt, taut Miss Coleman langsam etwas auf. „Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, dass Sie mich hergefahren haben.“
„Ehrlich, das macht uns nichts aus“, erwidere ich.
„Ihr Bodyguard scheint aber nicht sehr begeistert zu sein.“ Sie wirft ihm einen prüfenden Blick zu. „Oder irre ich mich da, Mister McBrady?“ Freundlich legt sie ihren Kopf schief und wartet geduldig auf seine Antwort.
„Ich …“ Er atmet tief durch und seufzt dann. „Mir ist das eigentlich ziemlich gleich. Mir liegt nur Mister Pierces Sicherheit am Herzen.“
„Ja, das wollte ich Sie vorhin schon fragen – warum benötigen Sie eigentlich einen Bodyguard?“, wendet sie sich nun wieder an mich. „Sind Sie reich oder so?“
Bin ich reich? Ich bin nicht arm, so viel ist sicher. „Irgend so ein völlig irrer Geschäftsmann will mich umbringen lassen, um meinem Vater eins auszuwischen“, sage ich ernst.
„Oh mein Gott, waren Sie bei der Polizei?!“ Sie greift nach meiner Hand und drückt sie mitfühlend.
Gott … Wenn ihr wüsstet!
Ich seufze. „Die guten Herren bei der Polizei können nichts tun. Dieser reiche Schnösel sitzt bereits hinter Gittern und die Männer, die er dafür bezahlt, sind leider nicht bekannt.“ Diese Situation mir wieder durch den Kopf gehen zu lassen, macht mir bewusst, in was für Schwierigkeiten ich eigentlich stecke. Kann ich keinen Detektiv oder so beauftragen? Wenn das etwas bringen würde, hätte es Lucians Vater bestimmt schon in Betracht gezogen. „Ich kann mich nur geduckt halten und abwarten, bis sie aufgeben oder einen Fehler machen.“
„Ach du Scheiße – oh, bitte entschuldigen Sie!“ Samantha zieht ihre Hand zurück und errötet.
„Nein, Sie haben schon recht. Das ist sogar ziemlich 'scheiße'.“ Ich lächle, um die Stimmung wieder etwas aufzulockern. „Hat aber auch etwas Gutes … Ich hätte sonst nie McBrady kennengelernt“, versuche ich mich wieder bei ihm einzuschmeicheln, was zu funktionieren scheint.
Begleitet von einem gutmütigen Brummen schwindet seine finstere Miene und er wirft mir einen zufriedenen Blick zu.
„Sie sind offensichtlich ein Optimist, Lucian“, stellt Samantha schmunzelnd fest.
Bin ich das? Ich hätte mich selbst nie als Optimistin bezeichnet, aber in so einer Lage, in der ich mich hier befinde, nicht durchzudrehen, kann man wohl als optimistisch bezeichnen. „Ich versuche zumindest, nicht alles schwarzzusehen. Die Welt, in der wir leben, ist schon grau genug, finden Sie nicht, Samantha?“
„Das wiederum klingt jetzt nicht mehr so positiv. Sie scheinen eine vielseitige Persönlichkeit zu haben“, meint die junge Frau amüsiert.
Ich kann zumindest mit zwei Seiten dienen.
Verdammt, ihre Augen sind noch viel atemberaubender, wenn sie lächelt!
Wie hypnotisiert beobachte ich ihre Lippen, wie sie einen Schluck von ihrem Mineralwasser nimmt. So zart … Okay, was passiert hier?! Ich fühle mich eindeutig zu ihr hingezogen. Dabei sieht sie gar nicht so besonders aus. Und sie ist blond! Ich kann blonde Frauen eigentlich überhaupt nicht ausstehen, was auf Lucian scheinbar nicht zutrifft.
Moment mal – ich stehe generell nicht auf Frauen! Diese männlichen Hormone treiben mich noch in den Wahnsinn. Wenigstens bleibt der Soldat auf seinem Posten. Für irgendwelche waghalsigen Manöver hätte ich momentan nicht die Nerven.
Ich schiele zu McBrady hinüber, der nur still dasitzt und unserem Gespräch kommentarlos zuhört, während er seine Suppe löffelt.
„Was machen Sie beruflich, Samantha?“, versuche ich mehr über mein Gegenüber herauszufinden.
„Ich bin in der Kundenbetreuung eines Pharma-Konzerns tätig – das heißt, ich war. Ich habe mich erst kürzlich versetzen lassen und weiß noch nicht, ob ich wieder die gleichen Aufgaben übernehmen werde. Die telefonische Beratung hat mir ganz gut gelegen.“
„Sagten Sie nicht, Sie müssen ein Projekt fertig bekommen?“, frage ich verwundert, woraufhin sie etwas verunsichert auf den Tisch blickt.
„Ähm … Ja, genau … Anhand dessen entscheidet sich dann, welchem Aufgabenbereich ich zugewiesen werde“, entgegnet die junge Frau und stochert mit der Gabel nachdenklich in ihrer Lasagne.
„Verstehe …“ … ich zwar nicht, aber mich interessiert sowieso eher Persönliches über diese Frau. „Und was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit?“, frage ich weiter.
„Ich lese sehr gerne und helfe gelegentlich im Altenheim aus. Ich mache auch Yoga an den Wochenenden.“
Yoga … Das heißt, sie ist bestimmt sehr beweglich. Ich mustere ihren sehr zierlichen Oberkörper, der mit einem Paar gut proportionierten Rundungen durchaus seine Vorzüge hat – ganz besonders in dieser eng anliegenden blaue Bluse.
Rühren, Soldat! Das war kein Aufruf zum Gefecht!
Die blonde Schönheit legt Gabel und Messer beiseite, faltet ihre Hände ineinander und blickt mich mit großen Augen an. „Aber Sie haben mir noch gar nicht erzählt, was Sie arbeiten, Lucian.“ Sie neigt den Kopf leicht zur Seite und mustert mich. „Sie wirken auf mich ein bisschen wie ein Anwalt … oder jemand, der im Finanzwesen tätig ist“, mutmaßt sie.
Anwalt! Ich kann mir ein Grinsen kaum verkneifen.
„Was denn? Liege ich etwa völlig daneben?“, fragt sie überrascht.
„Ja, da muss ich Sie leider enttäuschen, Samantha.“ Ich lehne mich etwas nach vorne. „Mein Job ist aber auch nicht sonderlich aufregend. Ich schreibe für ein Mag- …“
Plötzlich reißt mich McBrady vom Stuhl und ich höre, wie das Fenster in tausende Scherben zerspringt.
Geschrei ertönt und mein Bodyguard zerrt mich von unserem Tisch weg, während sich auch Samantha und die fünf anderen Gäste panisch irgendwo verschanzen.
War das ein Schuss?!
„Alles in Ordnung, Sir?! Wurden Sie getroffen?!“, brüllt mich McBrady an und mustert mich.
Aus der Küche kann ich hören, wie einer des Personals die Polizei ruft.
„Sir?!“
„J-Ja … alles okay“, hauche ich und blicke den Mann vor mir an, der nun sichtlich erleichtert ist, dass ich unverletzt bin.
Wo ist Samantha? Ich sehe mich im Raum um. Drei Frauen, die am Nebentisch gegessen haben, kauern in einer Ecke, während zwei Männer einen der Esstische umgelegt haben und hinter diesem in Deckung gegangen sind, aber unsere blonde Begleitung kann ich nirgendwo ausmachen.
„Wo ist sie?“, frage ich McB. aufgeregt.
„Miss Coleman?“
„Nein, die Königin von Großbritannien!“, fahre ich ihn an.
„Bleiben Sie unten, Sir!“, weist er mich an, steht auf und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen.
Verdammt, kann ich denn jetzt nicht mal mehr essen gehen, ohne Angst haben zu müssen, dass irgendwo ein Irrer mit einer Waffe auf mich zielt?! Woher wussten die überhaupt, wo wir sind?!
„Sir, ich kann Miss Coleman nirgendwo ausmachen. Sie ist verschwunden.“
Review schreiben