Like Day, Comes Night

GeschichteFamilie, Übernatürlich / P6
Detective Nick Knight Lacroix
01.07.2018
01.07.2018
2
4770
2
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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Titel: Refuge  
Autor: Lady Charena
Fandom: Forever Knight
Episode: 3x22 Last Knight
Prompt: # 083 Prison (100 Situations)
Charaktere: LaCroix, Nicholas
Pairing: --
Rating: pg, gen, AR
Beta: T'Len
Worte:2240

Summe:  Fortsetzung zu „Fading Stars“ – LaCroix bringt Nicholas nach Hause.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

A/N: Meinen Dank an Gaby für die Übersetzungen ins Französische!



Nicholas: I hate you.
LaCroix: Good, Nicholas. Hate is a step into the right direction (2.01 Killer Instinct)


Seine Welt hatte sich auf diesen Raum, auf diese Suite eingegrenzt.

Nicholas trat ans Fenster, seine Handflächen berührten die schweren Falten der Vorhänge, die das Sonnenlicht draußen hielten. Der Stoff fühlte sich warm gegen seine Haut an. Den Körper leicht zur Seite gedreht, schob er zwei Finger in einen Spalt zwischen die Vorhangbahnen und zog sie etwas auseinander. Ein dünner, heller Strahl Tageslicht fiel in den halbdunklen Raum.  Die Verbrennung auf seinem Handrücken begann zu pochen und er zog die Hand zurück, schloss das Licht erneut aus.

Er achtete darauf, dass die Vorhänge dicht waren – um eine Wiederholung der Ereignisse etwas früher zu vermeiden. Den Schmerz eines einzelnen, schmalen Sonnenstrahls, der direkt auf seinen Handrücken traf, als er durch den Spalt zwischen den beiden Vorhanghälften in den Raum drang. Er riss die Hand weg und spürte das Sonnenlicht seinen Brustkorb treffen. Sekundenlang war er wie gelähmt, dann warf Nicholas sich nach hinten, weg vom Licht und hin zur Wand, wo er sich in sich zusammenkauerte. Einen Moment lang lag er einfach nur da und wartete darauf, dass der weißglühende Schmerz verschwand; der Geruch nach verbranntem Fleisch schlug sich mit jedem Atemzug in seinem Mund nieder, bis er ihn auch schmecken konnte.

„LaCroix?“ Er hasste, wie schwach seine Stimme klang; doch sein Körper war noch immer in dieser Mattigkeit gefangen, seine Gedanken überwältigt von Lethargie. „Lucien. Où es-tu?“

Er erhielt keine Antwort und als er in sich hinein lauschte, verstärkte sich die Gewissheit, dass LaCroix nicht hier war. Zumindest weder in diesem Raum, noch im Hotel selbst. War das seine Strafe? Hilflos und schwach und schutzlos in diesem Bett zu liegen und darauf zu warten, dass die Nacht kam? Was, wenn jemand entdeckte wer oder was er war? Wo war LaCroix? Die bleierne Müdigkeit zog ihn zurück ins Dunkel.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, war das Licht weitergewandert und er nicht mehr in akuter Gefahr, spontan in Flammen aufzugehen. Nicholas rollte sich zurück auf die andere Seite des Bettes und schwang die Beine über die Bettkante. Er setzte sich auf – und musste beiden Handflächen gegen die Matratze stemmen, um die Balance zu halten, als sich der Raum vor seinen Augen drehte. Als der Schwindel nachließ, hob Nicholas den Kopf und sah sich um. Er war alleine.

Und das war er nach wie vor. Nicholas trat vom Fenster weg. Es hatte mehrere Versuche benötigt, bis seine Beine stabil genug schienen, um ein paar zaghafte Schritte zu wagen; doch inzwischen bewegte er sich wesentlich sicherer durch die Suite. Nicht, dass er irgendwo hätte hingehen können.

Er verließ das Schlafzimmer und trat den angrenzenden Raum – er erinnerte sich vage an sein erstes Erwachen; an die Stimmen, die von dort zu ihm drangen und dass LaCroix durch diese Tür eintrat. Vor ihm erstreckte sich eine großzügig angelegte Wohnlandschaft. Es erinnerte eher an eine elegante Wohnung, als an ein Hotelzimmer – vielleicht für Leute, die längere Zeit hier wohnen wollten.

Aber LaCroix würde sicherlich nicht vorhaben, länger als nötig in einem Hotel zu bleiben. Er schätzte seine Privatsphäre zu sehr. Und sie waren in Paris - Zuhause. Er fragte sich, ob das Haus noch stand, in dem sie zu Dritt lange Jahre gelebt hatten, oder ob es irgendwann einem Wohnblock hatte weichen müssen. Und auch wenn nicht, es gab immer jemand, der eine Unterkunft für sie arrangieren konnte, dafür würde die Gemeinschaft Sorge tragen. LaCroix hatte ausgezeichnete Kontakte, wohin auch immer sie gingen.

Er durchquerte den Raum und öffnete einen der Wandschränke. Er enthielt eine Stereoanlage und eine Sammlung an CDs mit Klassischer Musik. Doch als Nicholas das Gerät einschaltete und auf den Knopf für das Radio drückte, kam nichts als Rauschen und Rascheln aus den Lautsprechern.

„Wie kannst du diesem Irren nur zuhören? Das ist gruselig.“ Die Stimme eines Mannes echote durch sein Bewusstsein... sie war vertraut und er dachte, er müsse einen Namen, ein Bild zu der Stimme kennen... Er sah sich selbst im Caddy sitzen und hörte LaCroix’ Stimme im Radio, und die Antwort, die aus seinem Mund kam: „Es ist eine Sache der Gewöhnung...“

Der Mann auf dem Beifahrersitz... Schanke... das Flugzeug...

Dann war das Bild verschwunden.

Nicholas rieb sich übers Gesicht, nicht erstaunt darüber, dass sich seine Haut trocken und rau anfühlte.

Er runzelte die Stirn. Woher war dieser Gedanke gekommen? Er konnte sich nicht entsinnen, wer dieser Schanke gewesen war – nur daran, dass er tot war und dass er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Nicholas fühlte, dass er ihn kennen sollte, dass der Name ein Bild... eine Flut an Bildern und Empfindungen und Erinnerungen auslösen sollte – doch diese Flut blieb einfach aus. Alles was zu ihm kam, waren Echos und Dunkelheit. Er schüttelte den Kopf und schloss den Schrank wieder.

Er war sich nicht sicher, wie lange er sich in diesem Raum schon aufhielt. Da war nichts, an dem er den Verlauf der Zeit festmachen konnte. Seine Armbanduhr war verschwunden und auch sonst fanden sich in der Suite keine Uhren.

Nicholas schätze aufgrund der Intensität des Lichts dass es gegen Mittag sein musste – doch an welchem Tag?

Sein Blick fiel auf einen weiteren, ähnlichen Wandschrank, dessen größere Abmessungen vermuten ließen, dass er einen Fernseher verbarg. Die Lösung für sein Problem. Es musste sich irgendeine Nachrichtensendung finden, aus der er erfuhr, welcher Tag es war und welche Uhrzeit... Doch als er die Türen öffnete, entpuppte sich die dahinter zum Vorschein kommende Nische als leer – abgesehen von einem aus der Wand ragenden Antennenkabel.

Natürlich. LaCroix überließ nie etwas dem Zufall.

Nicholas schloss die Türen und lehnte resigniert die Stirn gegen das kühle Holz. Es war sinnlos. Die einzige Wahl, die er hatte, war hier auf LaCroix zu warten – oder die Vorhänge zu öffnen und der ganzen Ungewissheit ein Ende zu bereiten. Die Vorstellung allein ließ kalte Schauer über seinen Rücken rinnen.


* * *


Beide Hände auf den Rand des Waschbeckens gestützt, betrachtete Nicholas sich im Spiegel.

Wasser lief in kleinen Rinnsalen aus seinem Haar über seinen Nacken und seine Schultern. Über seinen Hals und die blassen, aber deutlich sichtbaren Bissmarken.

Über seine Brust, wo sich vor dem Duschen noch blutrotes Fleisch unter einer schwarzen Kruste verbrannter Haut gezeigt hatte.

Die Haut hatte sich endlich geschlossen als der Wundschorf abfiel, doch die Heilung setzte nur stark verzögert ein und schritt besorgniserregend langsam voran. Ein weiteres, deutlich sichtbares Zeichen seiner Schwäche.

Er hob die Hand und die vernarbte Haut auf dem Handrücken spannte sich, selbst diese – im Gegensatz zu der an seiner Brust – geringfügige Wunde hätte unter normalen Umständen bereits geheilt sein müssen. Es war fast, als wehre sich in ihm etwas dagegen, zu heilen... Nicholas strich mit den Fingerspitzen über die rauen, offenen Bissspuren an seinem Hals.

Was hatte LaCroix vor?

In all den Jahrzehnten... Jahrhunderten... hatte LaCroix ihm gedroht, ihn wie einen ungehörigen Welpen geschüttelt, geschlagen und gegen Wände geworfen. Er hatte ihn manipuliert – mit Worten und Taten, ihn gedemütigt und seinen Willen gebrochen. Er hatte ihn an der Hand geführt und ihn vor dem Zorn der Enforcer geschützt, und mit Worten väterlicher Fürsorge und Worten der Liebe zu ihm gesprochen.

„Que suis-je?“, hatte er LaCroix vor 800 Jahren in den Katakomben gefragt. Er hatte die ewige Frage der Menschheit gestellt: Was bin ich?

„Mon protégé.“, antwortete LaCroix.

„Ta esclave.“ Bereits damals kannte er die Wahrheit. Dein Sklave.

LaCroix hatte nie versucht, seinen Widerstand dadurch zu überwinden, indem er ihn langsam ausblutete. Nichtsdestotrotz war es effektiv. Nicholas schloss die Augen. Ohne frisches Blut zu trinken konnte er sehr lange in diesem hilflosen Zustand vor sich hin vegetieren.

Damit wurde jeder Ort zu einem Gefängnis.

Mit LaCroix als seinem Gefängniswärter.

Nicholas fühlte zynisches Gelächter in sich aufsteigen, und unterdrückte es. Er senkte den Kopf - welchen Sinn machte es, sich weiterhin im Spiegel anzustarren? – und sah Blutstropfen auf dem vorher makellos weißen Porzellan des Beckens zerplatzen. Nicholas hob den Blick und starrte auf sein Spiegelbild, auf die blutigen Tränen, die über seine Wange und sein Kinn rannen. Er hob die Hand, wischte die Tränen ab und sah lange auf seine Fingerspitzen, bevor er die dringend benötigte Flüssigkeit von ihnen sog. Nicholas wandte dabei den Blick von seinem Spiegelbild ab.


* * *


Zurück in seinem Schlafzimmer fand er einen Koffer mit seiner Kleidung im Wandschrank. Er ließ die Sachen, in denen er – wer weiß wie viele Stunden – geschlafen hatte, auf einem Stuhl liegen und zog seinen seidenen Morgenmantel und eine Pyjamahose an. Er ließ den Mantel offen, denn selbst das leichte, kühle Material irritierte die Brandwunde auf seiner Brust.

Nicholas legte sich zurück aufs Bett, sein kurzer Ausflug in den Raum und die Dusche hatten ihn erschöpft. Sein Kopf berührte kaum das Kissen, als er auch schon einschlief.






II.

Es war wieder dunkel, als er erwachte. Dazu musste er nicht erst die Vorhänge beiseite ziehen, um nach draußen zu sehen. Nicholas konnte fühlen, dass die Sonne untergegangen war.

Nacht.

Er könnte sich anziehen und die Suite – das Hotel – verlassen, ohne dass ihn jemand daran zu hindern vermochte. Denn er spürte deutlich, dass er noch immer alleine war. LaCroix war nicht hier.

Nicholas setzte sich auf und dieses Mal war er auf den Schwindel vorbereitet, so dass er bereits nach wenigen Augenblicken sicher auf den Beinen stand. Während er schlief, war die Wunde auf dem Handrücken zu einer blassen Narbe verheilt. Die Brandwunde auf seiner Brust war jedoch noch immer rot und es hatte eben erst eine neue Hautschicht begonnen, sich wie ein milchiger Film darüber zu bilden.

Er trat aus dem Schlafzimmer und durchs Wohnzimmer zu einer weiteren Tür. Sie führte – wie er vermutet hatte – in ein zweites Schlafgemach. Das Bett war unberührt und auch sonst deutete kaum etwas auf den Bewohner des Raumes hin.

Dennoch konnte Nicholas LaCroix’ Gegenwart in diesem Zimmer überdeutlich spüren. Es war ähnlich wie in einen Raum zu treten und das Parfüm einer schönen Frau zu riechen, das sofort ihr Bild vor dem inneren Auge erscheinen ließ. Doch es war nicht seine Nase, mit der er LaCroix wahrnahm. Es war ein anderes Sinnesorgan, etwas in seinem Kopf... er hatte diesen Sinn genutzt, dieses Spüren der Präsenz einer anderen Person, der er sich verbunden fühlte – Janette auf diese Weise spüren zu können, hatte ihn Jahrzehnte lang gewärmt – aber er hatte nie verstanden, woher es kam und wie es funktionierte. Vielleicht hatte er es auch nie hinterfragen wollen; aus Angst, das Wissen führe ihn nur immer weiter und weiter von seiner Menschlichkeit weg.

Er setzte sich auf die Bettkante und starrte auf seine Füße, bloß und blass gegen den dezent gemusterten Teppich.

Nur ein paar Schritte, ein oder zwei Türen und etwas Mauerwerk standen zwischen ihm und der Freiheit. Aber es war mehr als die Mattigkeit seiner Glieder und die Erschöpfung seines Geistes, die es ihm unmöglich machten, diese Schritte zu gehen.

Er hatte Angst. Wohin sollte er gehen? Er wusste nicht, weshalb ihn LaCroix aus Toronto weggebracht hatte; doch irgendwo in ihm war die Gewissheit, dass er dorthin nie wieder zurückkehren konnte.

Nicholas verbarg das Gesicht in den Händen, presste die Fingerspitzen gegen Schläfe und Stirn, als könne er die Erinnerungen auf diese Weise greifen. Etwas war passiert. Etwas sehr Schlimmes. Irgendwo in ihm echoten körperlose Stimmen und Erinnerungsbilder warteten darauf, dass er sie ansah - gerade außerhalb seiner Reichweite, wie hinter einer undurchdringbaren Nebelwand.

Er war sich seiner selbst weniger sicher, als jemals zuvor.

„Où es-tu, LaCroix?“ Erst als er seine eigene Stimme hörte, wurde ihm bewusst, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte.  Er grub die Finger in die Kopfhaut und presste sein Gesicht gegen die Unterarme. So in sich gefaltet, saß er eine Zeitlang reglos da, bis es ihm still wurde und die allverschlingende Müdigkeit es ihm sogar unmöglich machte, zu denken.

Langsam hob Nicholas den Kopf und sein Blick fiel auf eine Notiz, die an einem - seitlich vom Bett angebrachten - Schränkchen mit kunstvoll verzierter Tür, haftete. Es stand nur ein einziges Wort darauf, in LaCroix’ vertrauter Handschrift: „Santé“

Zögernd stand Nicholas auf und öffnete das Schränkchen, das sich als Minibar entpuppte. Doch statt Snacks, Süßigkeiten und kleinen Fläschchen mit Alkohol befand sich nur ein silberner Becher in dem kleinen Kühlschrank.

Das Metall fühlte sich sehr kalt an, als er den Becher mit klammen Fingern heraus nahm. Das Gefäß beschlug sofort in der Wärme des Raumes.

Der Becher war mit Blut gefüllt und an seinen Lippen, bevor er darüber nachdenken konnte. Der Hunger, der vorher geschlafen zu haben schien, erwachte wieder zu vollem Leben und es war kaum genug in dem Becher, um ihn einigermaßen zu besänftigen.

Der leere Becher glitt aus seinen Fingern und landete auf dem Teppich, wo er sich für einen Augenblick um sich selbst drehte und ein Stück davon rollte. Nicholas ließ sich auf das Bett zurücksinken, rollte sich auf die Seite und in sich zusammen.

Er schlief, tief und traumlos -  und die Brandwunde auf seiner Brust begann endlich zu heilen.


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