Für Noah

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
01.07.2018
01.07.2018
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Wir sind uns noch niemals im Leben begegnet. Alles, was ich von Dir kenne, ist ein Foto, auf dem Du lässig und cool in die Kamera lächelst. Ein einziges Bild, nicht mehr, ist alles, was ich von Dir habe.
Ich weiß nichts über Dich, kenne nur Deinen Namen, sowie die wenigen Informationen, die Du in Deinem Online-Profil veröffentlicht hast. Nur ein paar kleine Dinge, die mir von Dir bekannt sind und die im Grunde genommen fast gar nichts über die Person aussagen, die Du bist und die Dich ausmacht.
Und trotzdem war ich von Anfang an fasziniert von Dir, habe mir all Deine Angaben genaustens durchgelesen und jede noch so kleine Unwichtigkeit deutlich registriert.
Immer öfter habe ich Deine Seite aufgerufen, habe jedes Mal aufs Neue die immergleichen Texte gelesen und mich dabei still und heimlich gefragt, wie wohl der Mensch aussieht, der in Wirklichkeit dahintersteckt.
So absurd das jetzt auch klingen mag – aber ich war ganz einfach angetan von Dir und wollte gern noch mehr über Dich herausfinden, weshalb ich mich nach einigen Tagen des Abwartens schließlich dazu durchgerungen habe, Dir eine Nachricht zu schreiben und damit den ersten Schritt in Sachen Kontaktaufnahme zu machen.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt nicht gewusst, was ich Dir eigentlich schreiben soll. Ich wusste nicht, ob meine Formulierungen richtig oder falsch sind, ob ich es damit schaffe, Dein Interesse zu wecken oder ob ich Dich verunsichere oder gar verschrecke.
So neutral wie möglich – und trotzdem ganz interessiert – habe ich also die erste Nachricht an Dich verfasst, habe immer wieder umformuliert, Passagen gelöscht und dafür neue hinzugefügt. Und nach fast zweieinhalb Stunden des Kopfzerbrechens, des Herumprobierens und Korrekturlesens war meine Mitteilung schließlich vollendet.
Ein paar Augenblicke lang habe ich noch gezögert, bevor ich sie abgeschickt und mit gemischten Gefühlen im Bauch die Einblendung „Nachricht versandt“ bekommen habe. Noch eine ganze Weile saß ich dann vor meinem PC und habe auf den Bildschirm gestarrt, im Unklaren darüber, ob es jetzt wirklich das Richtige war, Dich anzuschreiben.
Gleichzeitig habe ich mich aber auch darauf gefreut, von Dir zu hören und war gespannt, was Du wohl von mir, meinem Profil und meiner mühevoll zusammengestopselten Mitteilung halten wirst.
So habe ich dann schließlich begonnen abzuwarten, habe fast täglich meinen Posteingang überprüft und gespannt wie angespannt zugleich auf eine Antwort von Dir gehofft. Eine Antwort, die ich bis heute nicht erhalten habe.
Fast sieben Monate sind inzwischen vergangen, seit ich Dir das erste Mal geschrieben habe – fast sieben Monate lang warte ich nun schon darauf, dass Du Dich bei mir meldest und ein Zeichen von Dir schickst. Seit über einem halben Jahr denke ich fast täglich an Dich, frage mich, wer Du bist, wie Du bist und welche Art von Mensch in Dir steckt.
Aber das von mir so sehnlichst gewünschte Lebenszeichen kommt einfach nicht. Tage vergehen, Wochen vergehen – aber mein Postfach bleibt ständig leer. Du meldest Dich nicht, hast Dir bis zum heutigen Tag noch nicht einmal mein Profil angeschaut, geschweige denn, Dir die Mühe gemacht, meine Nachricht zu lesen.
Und eigentlich sollte mir klar sein, dass das auch nie mehr geschehen wird. Eigentlich sollte ich das Kapitel abhaken und einsehen, dass der von mir erhoffte Kontakt nicht zustande kommen wird. Eigentlich bist Du die vielen Gedanken, die ich mir um diese Sache und Dich mache, gar nicht wert, wenn Du es noch nicht einmal für nötig befindest, meine Nachricht zu lesen oder Dir wenigstens mal mein Profil anzusehen.
Denn auch wenn ich lange Zeit nach tausend anderen Gründen gesucht habe, auch wenn mir die absurdesten Ideen und Erklärungen eingefallen sind – wie etwa dass Du in Urlaub bist oder im Ausland unterwegs –, irgendwie ist mir mit meinem gesunden Menschenverstand längst klar, dass Du wohl einfach kein Interesse hast, mich kennenzulernen. Entweder weil ich Dir nicht gefalle, weil ich nicht Deinen Vorstellungen entspreche – oder weil Du vielleicht längst jemand anderen kennengelernt hast.
Ich weiß, dass es nach über einem halben Jahr fast ausgeschlossen ist, noch jemals etwas von Dir zu hören – und trotzdem schaue ich nach wie vor fast täglich in mein Postfach, mit der Hoffnung, eine Nachricht von Dir dort vorzufinden.
Für einen Außenstehenden mag es jetzt vielleicht verrückt und kindisch klingen und er würde mir sicher auch dazu raten, die Sache abzuhaken und Dich zu vergessen.
Aber das geht nicht so einfach wie mancher sich das vielleicht denkt. Ich kann Dich nicht vergessen oder hinter mir lassen, ganz gleich, wie sehr ich mich auch anstrenge. Und der Grund dafür ist ebenso simpel wie seltsam.
Noah, ich kann nicht mit Dir abschließen, weil Gefühle sich nicht einfach abschalten lassen.
Ja, Noah, Gefühle. Sehr starke und tiefe Gefühle. Auch wenn es noch so bescheuert und naiv klingt, aber ich spüre, dass ich mich in Dich verliebt habe.
In einen Jungen, von dem ich so gut wie gar nichts weiß – und der mich trotzdem so tief berührt hat wie noch nie irgendein anderer je zuvor.
Auch wenn ich nur ganz wenig von Dir kenne, hat es trotzdem dazu ausgereicht, um ihn geschehen zu lassen, diesen einen, magischen Moment, in dem man die Kontrolle über sein Herz verliert.
Ich kann selbst nicht mehr genau sagen, wann oder wie es geschehen konnte, geschweige denn, warum. Ich weiß nur, dass es die Wahrheit ist, dass ich Dich aufrichtig liebe und mir sehnlichst wünsche, Dich endlich kennenzulernen.
Gleichzeitig schäme ich mich auch und komme mir dumm vor, weil ich ja schließlich gar nichts von Dir habe – mal abgesehen von einem einzigen Foto. Und unweigerlich stellt sich mir dabei die Frage: Kann man sich tatsächlich in ein Foto verlieben? Kann man ehrliche, tiefe Gefühle für einen Menschen haben, dem man noch nie begegnet ist?
Ich glaube, das ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. Meine Antwort lautet ganz klar: Ja, das kann man.
Egal, wie kindisch und naiv es auch sein mag – ich habe mich in Dich verliebt, Noah. Und ich weiß genau, dass ich auch nicht aufhören kann, Dich zu lieben, solange ich von Dir nicht eine klare, eindeutige Absage bekomme.
Was auch immer ich versuche, um Dich loszulassen, es klappt einfach nicht. Dein Bild hat sich in mich eingebrannt – und der Einzige, der es löschen kann, das bist Du, Noah.
Nur Du kannst mich von dieser Sehnsucht befreien, indem Du mir ein klares Zeichen schickst, welches unmissverständlich ist und keinen Platz mehr für jede noch so kleine Hoffnung lässt.
Doch solange das nicht passiert, werde ich nie von Dir loskommen, weil mein Herz sich jede Nacht zu Dir träumt und wir zusammen auf eine Reise gehen, die schöner und atemberaubender nicht sein kann.
Auch wenn Du gar nichts davon weißt und es wahrscheinlich auch niemals erfahren wirst, werde ich immer diese starken Gefühle, sowie diese tiefe Sehnsucht nach Dir haben.
Weil ich Dich liebe, Noah. Weil ich Dich von ganzem Herzen liebe.
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