13

von Suiren
GeschichteThriller / P18 Slash
Akira Mado Juuzou Suzuya Ken Kaneki Koori Ui Koutarou Amon Nimura Furuta
30.06.2018
19.04.2020
17
96.729
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30.06.2018 5.349
 
Für Tsunekazu


***



»Sind wir endlich da?«, quengelte Juuzou, während er mit seinem Kinn in seiner Handfläche abgestützt durch das Fenster des Kleinbusses zusah, wie die Landschaft als Strudel als verschiedenen Grün- und Brauntönen an ihnen vorbeizog.
»Keine Ahnung… Also frag nicht alle paar Minuten!«, antwortete ihm sein Sitznachbar Seidou gereizt, »Die anderen wollen vielleicht schlafen!«
Der junge Angestelle mit dem weißblonden Haar drehte sich um, sodass er die restlichen Personen, die mit ihnen in dem angenehm klimatisierten Fahrzeug unterwegs waren, ansehen konnte: Haise und sein Sitznachbar Arima lasen beide schweigend in ihren Büchern, Tooru hinter ihnen schien ihrem Vorgesetzten über die Schulter schauen und mitlesen zu wollen und Urie neben ihr hatte Kopfhörer auf, während er gelangweilt aus dem Fenster starrte. Auf der anderen Seite saßen in der ersten Reihe Herr Ui, der sich offenbar konzentriert mit seiner Kamera beschäftigte und Frau Ihei, die in ihrer Zeitschrift blätterte und gelegentlich verträumt zu Arima hinüber schaute. Gleich dahinter war Furuta, der mit ausdruckslosem Lächeln geradeaus starrte, Däumchen drehte und gelegentlich nickte, während sein Sitznachbar und Vorgesetzter Herr Kijima leise auf ihn einredete. Die letzte Reihe teilten sich Akira und Amon, die so taten, als ob sie in eine Reisebroschüre bzw. eine Bibel vertieft wären, obwohl sie Händchen hielten und sich gegenseitig immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen.

»Keiner schläft«, teilte Juuzou seinem Kollegen das Ergebnis seiner Beobachtungen in freundlichem Ton mit.
»Ich würde aber gerne schlafen, Juuzou! Das Schaukeln des Buses macht mich sowieso schon ganz seekrank!«, jammerte Seidou genervt. Er zupfte ungeduldig an seiner Nackenrolle und schob sich seine Schlafmaske demonstrativ aus dem Haar wieder über die Augen.
»Mir ist aber langweilig«, seufzte der andere schwer.
Als keine Antwort kam, drehte er sich auf seinem Sitz schwungvoll um und begann mit seiner Hand vor dem Gesicht seines Freundes Haise herumzuwedeln, bis dieser den Kopf hob und ihn lächelnd ansah.
»Hi, Juuzou«, sagte er sanft.
»Hast du etwas Süßes, Haise? Ich habe schon solchen Hunger!«, quengelte Juuzou.
»Ja… Augenblick«, antwortete Haise freundlich. Er klemmte das Lesezeichen zwischen die Seiten, in denen er gerade las und legte das Buch in seinen Schoß, bevor er seinen schweren Rucksack, der vor seinen Füßen stand, auf seine Oberschenkel hievte, um darin kramen zu können.
Als er die Tüte mit den Lieblingskeksen seines Kollegen ertastet hatte, zog er sie heraus und reichte sie ihm. Juuzou nahm sie freudestrahlend an sich und lachte glücklich auf.
»Du bist der beste, Haise!«, jubelte er, während sich der Angesprochene verlegen am Hinterkopf kratze und schließlich in die Runde fragte: »Möchte sonst jemand etwas? Ich habe mehr als genug dabei…

»Haben Sie vielleicht auch einen Apfel, Meister?«, fragte Tooru hinter ihm schüchtern.
»Natürlich…«, antwortete Haise freundlich, während er wieder in seinem Rucksack zu wühlen begann. Nach wenigen Augenblicken hatte er das Obst gefunden und übergab es seiner Untergebenen.
»Dankesehr…«
Geradezu ehrfurchtsvoll nahm Tooru die Frucht, die der Mann, in den sie schon so lange verliebt war, angefasst hatte, in ihre Hände und begann sie langsam zu essen.
»Noch jemand? Vielleicht etwas zu trinken?«, bot Haise freundlich an, doch seine Kollegen verneinten dankend, sodass der Ermittler seinen Rucksack wieder schloss und zu seinen Füßen stellte, damit er wieder weiterlesen konnte. Tooru beobachtete ihn, während sie den Apfel aß – weil sie nur auf der Kante ihres Sitzes saß, konnte sie ihrem Vorgesetzten so nahe sein, dass sie den dezenten Lavendelduft seines Shampoos riechen konnte – unheimlich gut…
Sie war so froh, Haise endlich nahe sein zu können und dankbar, dass Kuki sie auf den Ausflug mitgenommen hatte – auch, wenn sie nicht verstehen konnte, warum er überhaupt eine Einladung bekommen hatte. Schließlich hatte Matsuri Washuu, der stellvertretende Direktor der Firma, sonst nur die besten und erfolgreichsten Angestellten letzten Jahres eingeladen, mit ihm zehn Tage auf der einsamen Insel Rushima zu verbringen. Weil Aura und Hirako ihre Einladungen dankend abgelehnt hatten, nahmen von der Chefetage nur Arima und Ui sowie die Abteilungsleiter Amon, Kijima und Suzuya mit jeweils einer Begleitung an dem Ausflug teil – und eben Kuki und sie, die in der Hierarchie viel weiter unten als die anderen angesiedelt waren.
Ob Kuki vielleicht eine tolle Leistung erbracht hat, die der stellvertretende Direktor mit der Einladung würdigen wollte?

»Sind wir endlich da?«, wiederholte Juuzou mit vollem Mund mampfend, worauf Seidou mürrisch knurrte: »Kannst du nicht schlucken, bevor du redest? Du spuckst mich mit Kekskrümeln voll! Außerdem dauert die Fahrt so lange, wie sie eben dauert und –«
»Wir sind da«, unterbrach Akira in trockenem Tonfall von weiter hinten.
»Das kann nicht sein! Wir fahren doch noch, Frau Mado!«, rief Seidou genervt durch den Bus.
Als dieser im nächsten Moment auf einen kleinen Parkplatz abbog und anhielt, zog der junge Mann frustriert einen Schmollmund.
»Na endlich«, atmete Hairu auf, bevor sie ihre Zeitschrift achtlos zusammenknüllte, ihren Hut vom Boden aufhob und aufstand, um sich einmal ausgiebig zu strecken. Dass Kijima hinter ihrem Rücken ihren schlanken Körper mit einem gierigen Blick musterte, bemerkte sie nicht, aber dafür ihr Vorgessetzter, dessen Miene sich sofort verdüsterte. Als eine der Ersten verließ die junge Frau mit dem blassrosa Haar den Bus und wartete, dass der Chauffeur begann, die Koffer und Reisetaschen auszuladen und neben dem Fahrzeug auf den Parkplatz zu stellen. Heller, leicht verwitterter Kies bedeckte die Fläche und knirschte unter den Schritten der Angestellten. Während in Tokyo schwüle Spätsommerhitze geherrscht hatte, war die Luft am Rand des grünen Waldes angenehm kühl.
Bevor Hairu ihren großen mit Blumenmuster verzierten Rucksack an sich nehmen konnte, hatte Ui ihn geschnappt und geschultert.
»Koori! Glaubst du, weil ich ein Mädchen bin, kann ich mein Gepäck nicht selbst tragen?«, fragte die junge Frau mit gespielter Empörung. Ihr Gegenüber erstarrte einen Moment verwundert und nahm den schweren Rucksack schließlich wieder bedrückt ab.
»Es war nett gemeint…«, murmelte Ui verlegen.
»Ich weiß, danke! Aber wie kommst du denn dazu, dich für mich so abzuschleppen!«, lachte seine Stellvertreterin heiter und schwang das schwere Gepäck selbst auf ihren zarten Rücken, als ob es nur ganz leicht wäre. Ui hievte nur seinen eigenen Koffer und wollte der jungen Frau folgen, als ein Gespräch seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Furuta, meine Sachen trägst du«, befahl Kijima, der seinen Untergebenen scheinbar zu dem Ausflug mitgenommen hatte, um einen Diener zu haben.
»Sehr wohl, Herr Kijima…«, säuselte der schüchterne Schwarzhaarige mit dem strengfrisierten Seitenscheitel ergeben, doch als er seinen eigenen schweren Rucksack schulterte und danach die beiden Koffer seines Vorgesetzten nehmen wollte, verfinsterte sich Uis Blick erneut.
»Bei allem Respekt, Herr Kijima… Herr Furuta kann nicht alleine drei Gepäckstücke tragen«, kritisierte er.
»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, Grünschnabel«, antwortete der ältere Angestellte schnippisch. Uis Wangen liefen vor Wut rot an, doch als er den Mund öffnete, um zu kontern, schaltete sich Furuta ein: »Danke, dass Sie sich für mich eingesetzt haben, Herr Ui. Aber es macht mir wirklich nichts aus, die Koffer zu tragen. Dann bekomme ich wenigstens Muskeln. Meine Arme sind sowieso so schwabbelig wie Wackelpudding, sehen Sie?«
Während er nervös lachte, den linken Arm hob und mit dem rechten Zeigefinger in den schlanken schlaffen Muskel piekte, blaffte Herr Kijima bissig: »Sehen Sie?!«
Dann ging er an seinem jungen Kollegen mit der Pilzfrisur vorbei, während sein Untergebener mit den zahlreichen Gepäckstücken hinterher stolperte.
»Schrecklicher Kerl… Er ist nur neidisch, weil du jünger und trotzdem ranghöher bist«, wisperte Hairu ihrem Vorgesetzten vergnügt ins Ohr. Sanft nahm sie ihn am Handgelenk. »Lass dir von ihm nicht die Laune verderben, Koori! Es ist so schön hier!«
Augenblicklich verflog Uis Ärger. Er liebte den Anblick der jungen Frau, die gerade glücklich lächelnd nach oben sah, wo zwischen den saftig grünen Blättern ein Teil des strahlendblauen, wolkenlosen Himmels zu sehen war.
»Ich glaube, ich kann schon den Fluss rauschen hören«, lächelte sie fröhlich.
Hairu… Das ist nur der Wind in den Blättern der Bäume…
»Ich glaube, ich auch«, log er gutmütig.

»Soll ich dir mit deiner Tasche helfen, Tooru?«, bot Haise freundlich lächelnd an.
Die junge Angestellte, die nicht wollte, dass sie ihren Liebsten in irgendeiner Weise belastete, schüttelte den Kopf, und lief danach mit dem schweren Gepäck in der Hand Kuki hinterher, der schon vorgegangen war.
Haise kramte noch seine Sonnencreme aus dem kleinen Rucksack, bevor er seinen Koffer nahm und an der Seite seines Vorgesetzten, der geduldig auf ihn gewartet hatte, den Weg antrat.
»Müssen wir weit laufen?«, fragte Seidou hinter ihnen klagend, »Es ist heute so heiß… und die Tasche ist echt schwer…« Juuzou, der seinen großen schweren Rucksack trug, als ob er kein Gewicht hätte, zog im Laufschritt an seinen Kollegen vorbei an die Spitze der Gruppe, die von Amon und Akira angeführt wurde, die während des Gehens die Landkarte im Reiseführer studierten.
»Auf der anderen Seite des Waldes ist der See, wo das Schiff wartet«, antwortete die Blondine, »Wenn wir nicht trödeln, müssten wir in zwei Stunden dort sein.«
»Zwei Stunden?«, wiederholte Seidou leidend.
»…Wenn wir nicht trödeln«, ergänzte Akira, mit der er auf der Akademie immer konkurriert hatte.
Auf dem breiten Pfad im weichen Waldboden, der von alten braunen Blättern des letzten Herbstes und des Herbstes davor bedeckt war, marschierten die zwölf Angestellten neben einer metertiefen Felsenschlucht entlang und lauschten dem Zwitschern der Vögel. Es war ein schöner Tag zum Wandern – sanfter Wind zog durch den Wald und das helle Sonnenlicht ließ die saftigen Blätter der Bäume in verschiedenen Grüntönen erscheinen.

Haise ließ den Deckel der Flasche Sonnenmilch aufschnappen und etwas flüssigen Sonnenschutz auf seine Finger laufen, um ihn danach seinem Vorgesetzten liebevoll lächelnd auf die Nase zu schmieren. Arimas Augen weiteten sich kurz vor Überraschung, doch er verzog keine Miene und ließ es schweigend zu, dass sein Untergebener ein bisschen Sonnenmilch behutsam und sorgfältig mit dem Zeigefinger in seinem Gesicht und auf seinem Nacken verteilte.
»Danke«, sagte er trocken.
»Gerne«, lächelte Haise.
Kaum war er fertig, drehte er sich bereits zu seinen Untergebenen um, aber noch bevor er etwas sagen oder tun konnte, wandte Kuki demonstrativ den Kopf zur Seite.
Er soll mir mit dem Zeug bloß vom Leib bleiben…
»Ich brauche keinen Sonnenschutz. Wir marschieren schließlich im Schatten«, kam er jedem Angebot zuvor.
Haise legte den Kopf ein wenig schief und lächelte gutmütig.
»Momentan gehen wir im Schatten, ja… Aber ich bin sicher, dass wir uns später noch länger in der Sonne aufhalten werden…«
»Kuki, ich glaube, der Meister hat recht«, stellte sich Tooru auf die Seite des Mannes, den sie schon liebte, seit sie in der Firma angefangen hatte.
»Naja, du kannst dich auch später einschmieren«, lenkte Haise schließlich ein und wandte sich an seine Untergebene, »Willst du gleich?« Entschlossen nickte Tooru, voller Vorfreude darauf, dass ihr geliebter Meister gleich ihr Gesicht berühren würde… doch stattdessen reichte er ihr einfach mit einem verlegenen Lächeln die Flasche Sonnenmilch.
»Meister… können Sie nicht vielleicht…?«, bat sie schüchtern, »Ich kann nicht ohne Spiegel…«
»Äh… Gerne«, lächelte ihr Vorgesetzter schließlich und begann sehr vorsichtig und behutsam, einen Klecks Sonnenmilch in ihrem Gesicht zu verteilen.

Seidou, der seinem Teampartner in das vordere Dritte der Gruppe gefolgt war, drehte sich um und wartete ungeduldig, dass Haise fertig war und wieder geradeaus blickte.
»Haben Sie auch Insektenspray?«, wollte er wissen, »Ich bin sicher, dass Mücken auf uns lauern werden…«
»Leider nicht. Tut mir leid…«, entschuldigte sich der junge Mann verlegen.
»Na toll«, schnaubte sein Gegenüber.
»Reg dich ab, Takizawa«, kam es von Akira vor ihm, »Du hast sieben Liter Blut im Körper… Da kannst du doch ein paar Tropfen abgeben, ohne gleich sterben zu müssen…«
»Darum geht es nicht!«, brauste der junge Mann auf, »Die Stiche jucken doch so!«
»Herr Sasaki?«, wurde Haise, der amüsiert die Diskussion der ehemaligen Konkurrenten verfolgt hatte, angesprochen. Sofort drehte er sich um und versuchte an Ui vorbei zu sehen, der zwischen ihm und Furuta ging, der ihn eben gerufen hatte.
»Hätten Sie für mich bitte auch ein bisschen Sonnencreme?«, fragte Furuta schüchtern, »Ich habe so empfindliche Haut, die von der Sonne schnell rot wird… Leider kann ich mich nicht selbst einschmieren, weil ich keine Hand freihabe…«
»Sehr gerne«, freute sich Haise, noch einem Kollegen etwas Gutes tun zu können. Er ließ sich nachhinten fallen, worauf Ui den leeren Platz an Arimas Seite einnahm, um neben ihm weiterzugehen und mit ihm ein paar Worte wechseln zu können.
Haise schmunzelte liebevoll, weil Furuta ihm den Kopf regelrecht entgegenstreckte und dabei stark an eine Wasserschildkröte beim Luftholen erinnerte, während sein Kollege behutsam und sorgfältig ein wenig Sonnenmilch in seinem Gesicht verteilte.
»So, fertig…«
»Herzlichen Dank, Herr Kollege.«
»Oh nein… Mir fällt gerade auf, dass ich mein Mineralwasser im Bus vergessen habe«, stöhnte Kijima plötzlich auf, nachdem er die Taschen seiner schwarzen Jacke abgeklopft hatte.
»Ach ja?«, fragte sein Untergebener.
»Ich habe genug Mineralwasser«, warf Haise ein und machte bereits Anstalten, seinen Rucksack von den Schultern gleiten zu lassen, um ihn nach einer Trinkflasche durchsuchen zu können.
»Machen Sie sich keine Umstände, Herr Sasaki«, erwiderte der untersetzte Abteilungsleiter höflich, »Furuta läuft zurück zum Bus und holt es.«
»…Selbstverständlich, Herr Kijima…«, seufzte der junge Mann, der gehorsam die Gepäckstücke am Rande des Weges abstellte und danach den Weg, den sie bereits zurückgelegt hatten, wieder retour joggte. Sichtlich zufrieden mit der Unterwürfigkeit seines Untergebenen zupfte der dickliche Mann seine Jacke zurecht.

Hairu, die das Schlusslicht der Gruppe bildete, weil sie immer wieder stehen blieb, um am Wegesrand Wildblumen zu pflücken und zu einem Kranz zu flechten, beschloss die Gelegenheit zu nutzen, um Haise anzusprechen. Gerne würde sie sich vor allem mit den jüngeren Kollegen anfreunden, doch im stressigen Arbeitsalltag fehlten oft die Zeit und die Möglichkeiten dafür.
»Ich finde es sehr schön, wie Sie sich um alle kümmern«, begann sie freundlich ein Gespräch.
Haise lächelte ein wenig verlegen.
»…Das ist doch nicht der Rede wert«, meinte er bescheiden.
»Doch, ich finde schon«, widersprach die junge Frau sanft, »Sie sind die gute Seele in Ihrer Abteilung, das habe ich schon öfter gehört…«
Auch, wenn sie wünschte, selbst mit Arima, den sie liebte, zusammenarbeiten zu können, war sie froh, dass er zumindest jemanden wie Haise in seinem Team hatte, der auf den Einzelgänger achtete und sich um ihm kümmerte.
»Danke«, lächelte der junge Angestellte reichlich spät für das Kompliment.
»Ich finde die Idee des Ausflugs sehr gut«, wechselte Hairu schließlich das Thema, »So kann man endlich seine Kollegen ein bisschen besser kennen lernen…«
»Ja, das finde ich auch«, stimmte ihr Gegenüber zu, entspannter, weil ihm die Richtung, in die sich das Gespräch entwickelt hatte, mehr behagte, als wenn er selbst im Mittelpunkt stünde.
»Ich bin positiv überrascht gewesen, dass Herr Arima an dem Ausflug teilnimmt«, fuhr Hairu im Plauderton fort, »Normalerweise kann er schon Meetings nicht besonders leiden…«
»... Stimmt…«, tat Haise so, als ob er nicht wüsste, warum sein Vorgesetzter sich für die Teilnahme an dem Kurzurlaub entschieden hatte.
Ihr Gespräch wurde plötzlich unterbrochen, als Furuta vollkommen außer Atem und mit Schweißperlen auf der Stirn trotz der vielen Gepäckstücke, mit denen er beladen war, schnellen Schrittes an ihnen vorbei joggte, um wieder zu seinem Vorgesetzten aufschließen zu können.
»Hah… Der… hah… Bus war… hah… schon… weg… hah. Entschuld-hah-igung«, keuchte Furuta.
»Schade...«, brummte Kijima.

Als die Gruppe etwa eine Stunde durch den Wald gelaufen war, begann sich die Landschaft allmählich zu verändern: Der breite, von altem Laub bedeckte Pfad, auf dem sie bisher gegangen waren, wurde so schmal, dass es nicht mehr möglich war, dass zwei Menschen nebeneinander gingen. Außerdem führte er inzwischen steiler nach unten und war von Steinen und dicken Wurzeln durchzogen. Durch die Schlucht daneben schlängelte sich inzwischen ein breiter, seichter Fluss und die Sonne, die inzwischen höher am Himmel stand, brannte heißer auf den lichter werdenden Wald hinunter.
»Den steilen Berg herabfließend: das helle Wasser«, zitierte Haise gut gelaunt ein Haiku.
»Schön…«, antwortete Arima mit tonloser Stimme, »Ist es von Santouka?«
»Ja«, lächelte sein Untergebener.
»Sind wir überhaupt noch richtig?«, fragte Seidou währenddessen zweifelnd.
»Selbstverständlich sind wir richtig«, erwiderte seine blonde Kollegin, die vor ihm ging, barsch, worauf der Brünette sein Gesicht verzog.
»Ein Eichhörnchen!«, rief Juuzou plötzlich unvermittelt und rannte aufgeregt zu der Kante der Schlucht, um das kleine Tier, das in den meterhohen Bäumen im Tal kletterte, besser beobachten zu können. Bevor er sich jedoch über den Abgrund beugen konnte, wurde er von Seidou am T-Shirt gepackt und zurückgezogen.
»Bist du verrückt, Juuzou?«, rief er entgeistert.
»Beruhig dich, es ist alles okay«, entgegnete sein Kollege entspannt und versuchte, sich Seidous Griff zu entwinden, doch dieser war hartnäckiger als erwartet. Amon drehte sich wegen des Tumults hinter ihm um und erstarrte, als er sah, wie seine beiden jungen Untergebenen am Rande des Abgrunds miteinander rangelten. Steine lösten sich bereits bedrohlich unter ihren Schuhen und fielen in die tiefe Schlucht, wo sie nach beunruhigend langem Fall leise in den Kronen der im Tal stehenden Bäume aufschlugen.

»Ihr solltet wirklich vorsichtiger sein…«, mahnte Haise so schüchtern, dass es eher wie ein gut gemeinter Vorschlag, als nach einer ernstzunehmenden Warnung klang.
»Hey, Seidou! Juuzou! Hört sofort auf mit den Kindereien, sonst stürzt ihr noch ab!«, rief Amon in einem Kommando-Ton, der beide jungen Angestellten augenblicklich innehalten ließ. Juuzous wache Augen suchten sofort nach dem Eichhörnchen, doch das kleine Tier schien vor dem Lärm geflüchtet zu sein, denn es war nicht mehr zu sehen.
»Schade…«, seufzte er, bevor er sich von seinem Kollegen abwandte, weiter lief und sich wieder umsah.
»Ich bin wirklich enttäuscht«, seufzte Amon, als er an die Seite seiner Stellvertreterin, die Seidou mit einem verständnislosen Kopfschütteln tadelte, zurückkehrte, »Von meinen Untergebenen habe ich wirklich etwas mehr erwartet…«
»Aber Herr Amon… -!«, protestierte Seidou niedergeschlagen. Möglichst unauffällig ließ Amon seinen Arm nach hinten hängen, um die Hand der jungen Frau ergreifen zu können. Lächelnd beugte sich Akira leicht nach vorne, sodass sich ihre Lippen näher beim Ohr ihres Partners befanden, damit er sie gut verstehen konnte, als sie ihm schließlich amüsiert zuflüsterte: »Deswegen will ich keine Kinder, Koutarou…«
Als sie daraufhin sah, wie der ehemalige Untergebene ihres Vaters verärgert seine Kiefermuskeln anspannte und die Hände zu Fäusten ballte, musste sie sich ein schadenfrohes Kichern verkneifen.
»Wenn ich wegen den beiden Kindsköpfen nie Vater werden darf, können sie was erleben«, murrte er in gedämpfter Lautstärke.

Ui blieb kurz stehen, um die mächtigen, in einander verschlungenen Wurzeln eines umgestürzten Baumes zu fotografieren, als er plötzlich von hinten einen festen Stoß in die Kniekehlen bekam. Der junge Mann verlor dabei das Gleichgewicht und stolperte gegen Arima, der sich gerade noch rechtzeitig umdrehte, um seinen ehemaligen Untergebenen geistesgegenwärtig an den Schultern abfangen und festhalten zu können.
»Hast du dir wehgetan?«, fragte er ruhig.
»…Nein… Danke für Ihre Hilfe«, antwortete Ui, bevor er sich ruckartig umdrehte, um nachzusehen, was ihn beinahe zu Fall gebracht hatte. Sein Blich wurde sofort finster, als er Furuta entdeckte, der unkontrolliert mit den schweren Koffern seines Vorgesetzten nach allen Seiten schlenkerte, während er unbeholfen den Abstieg wagte.
»Passen Sie bitte besser auf!«, tadelte er den schüchternen Kollegen, der daraufhin erschrocken zusammenzuckte und ängstlich den Blickkontakt mit dem höherrangigen Angestellten suchte.
»Habe ich Sie erwischt?«, fragte Furuta begriffsstutzig, »D-Das tut mir sehr leid, Herr Ui! Entschuldigen Sie bitte!«
»Ja… Schon gut«, murmelte der Angestellte mit der Pilzfrisur, bevor er sein Hemd zurecht zupfte und danach seinen Weg fortsetzte, »Sei in Zukunft nur etwas vorsichtiger…«
Kukis Miene verdüsterte sich augenblicklich und er beschloss, ab jetzt mehr darauf zu achten, dass genügend Abstand zwischen ihm und seinen Kollegen lag, damit ihm nicht dasselbe passieren konnte wie Ui.
Was für eine bescheuerte Idee, so eine große Gruppe mit so viel Gepäck stundenlang durch den Wald wandern zu lassen… Kein Wunder, dass wir noch niemandem begegnet sind. Wer will denn schon auf so eine langweilige, verlassene Insel? Hätte der stellvertretende Direktor uns nicht lieber in eine All-inclusive-Ferienanlage einladen können?

»Ist alles in Ordnung, Kuki?«, fragte Tooru hinter ihm plötzlich schüchtern, »Du bist so schweigsam…«
»Ja, alles bestens«, antwortete er knapp und in ziemlich barschem Tonfall, um bloß wieder in Ruhe gelassen zu werden. Er spürte, dass seine blasse Haut bereits zu viel Sonne ausgesetzt war und hitzte. Doch obwohl er inzwischen bereute, Haises Sonnenmilch vorhin abgelehnt zu haben, war er viel zu stolz, um jetzt danach zu fragen und somit seine Fehleinschätzung indirekt einzugestehen. Der ganze Ausflug ging ihm sowieso schon genug auf die Nerven.
Im Grunde war er nur mitgekommen, um die Chance zu nutzen, mit höherrangigeren, einflussreicheren Kollegen und vorzugsweise mit dem Stellvertretenden Direktor bessere Kontakte knüpfen zu können. Die anderen aus seiner Abteilung waren nicht so clever gewesen, diese Chance zu erkennen – denn Tooru war die einzige von ihnen gewesen, die sich bereit erklärt hatte, ihn auf diesen Ausflug zu begleiten und das auch erst, nachdem sie erfahren hatte, dass Haise als Begleitung von Arima daran teilnehmen würde. Für Toorus Schwärmerei gegenüber ihres trotteligen Vorgesetzten hatte Kuki nicht das geringste Verständnis, doch er hatte sich fest vorgenommen, sich aus dieser unangenehmen Angelegenheit komplett herauszuhalten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – seine Karriere…
Plötzliches Knacken von trockenen Ästen, die in dem hinteren Teil des Waldes, der noch dichter war, brachen, rissen ihn jedoch jäh aus seinen Gedanken und ließen ihn dorthin blicken, woher die Geräusche kamen.
Zwischen den enger zusammenstehenden Baumstämmen war es finster, sodass Kuki nichts erkennen konnte, doch dafür waren auch seine Kollegen auf die knackenden Äste aufmerksam geworden.
»Ist da jemand?«, fragte Furuta ängstlich.
»Das ist bestimmt nur ein Reh«, warf Ui gelangweilt ein.
»Aber irgendwie fühle ich mich beobachtet…«, beharrte der junge Mann, »… Herr Kijima…«
»Was du dir immer einbildest, Furuta«, tat sein Vorgesetzter mit einer wegwerfenden Handbewegung lapidar ab, »Was soll dir passieren? Wir sind doch zu zwölft…«
»…Ist gut…«, antwortete sein Gegenüber ein bisschen besänftigter.

Haise, der sich ebenfalls nach dem Geräusch umgeblickt hatte, stieg mit seinem linken Fuß plötzlich auf einen größeren Stein und rutschte so unglücklich ab, dass er mit dem Knöchel schmerzhaft umknickte. Der junge Mann gab einen erstickten Schmerzlaut von sich, konnte sich aber noch rechtzeitig an der rauen Rinde eines mit Moos bewachsenen Baumes abstützen, bevor er gestürzt wäre. Sein linkes Fußgelenk pochte schmerzhaft, als er versuchte, es wieder mit seinem Gewicht zu belasten. Tooru drängte sich an ihren Kollegen vorbei, um an die Seite ihres geliebten Meisters zu kommen.
Als sie ihm besorgt eine Hand auf den Oberarm legte, zwang sich der junge Mann zu einem Lächeln.
»Ist alles in Ordnung, Meister?«, fragte sie fürsorglich.
»Ja… Es geht mir gut, Tooru.«
»Brauchen Sie keinen Verband?«
»Es geht schon… Gehen wir weiter.«
Obwohl Haise niemandem Umstände bereiten oder die Gruppe aufhalten wollte, bemerkten seine Kollegen, dass er offenbar starke Schmerzen in seinem verletzten Knöchel hatte, als er versuchte, weiterzugehen.
»Ich würde Sie ja stützen, aber der Weg ist so schmal«, meinte Ui nachdenklich und sah sich in der Umgebung um, als ob er dort die Lösung für das Problem finden könnte, »Geben Sie mir wenigstens Ihren Koffer…«
»Machen Sie sich keine Gedanken«, bat Haise beschämt, »Ich schaffe es schon, weiterzugehen…«
Arima stieg mit gleichgültigem Gesichtsausdruck die Böschung hoch und verschwand schnellen Schrittes zwischen den Baumstämmen in dem dichteren Teil des Waldes.
»Was hat er vor?«, fragte Furuta ahnungslos.
»Wahrscheinlich muss er mal«, vermutete sein Vorgesetzter trocken, als sie im nächsten Augenblick das laute Krachen splitterndes Holzes hörten. Aufgeschreckte Vögel ergriffen laut kreischend aus den umliegenden Bäumen die Flucht in den strahlendblauen Himmel.

»Herr Arima?«, fragte Hairu unsicher, doch statt einer Antwort kam Arima mit einem Ast, der etwa anderthalb Meter lang und ein paar Zentimeter dick war, zurück zu der Gruppe.
»Jetzt kannst du weitergehen, oder?«, fragte er gleichgültig an seinen Untergebenen gewandt, als er ihm den Ast entgegenstreckte. Dankbar lächelnd nahm Haise ihn an, um sich an ihm abstützen und seinen verstauchten Knöchel dadurch zumindest ein bisschen entlasten zu können.
»Danke, Herr Arima …«, gab er verlegen von sich.
Ui nahm ihn schweigend seinen Koffer aus der anderen Hand und schließlich begann sich die Gruppe wieder in Bewegung zu setzen.
»Wir haben es gleich geschafft!«, versuchte Amon seine Kollegen zu motivieren, dabei hatten sie noch etwa ein Drittel des Weges vor sich.
»Geht es wirklich, Meister?«, erkundigte sich Tooru besorgt, als sie zusah, wie sich ihr Mentor mithilfe des Steckens weiter über den unebenen, bergabführenden Weg quälte und dabei versuchte, auf seinen verstauchten Knöchel so wenig wie möglich aufzutreten.
»Alles gut, Tooru«, tat Haise erschöpft lächelnd ab, obwohl jeder Schritt und jede Erschütterung des verletzten Gelenkes schmerzhaft waren.
»Wenn Sie eine Pause brauchen, dann sagen Sie es bitte«, rief Hairu von weiter von hinten.
»…Ja…«, antwortete Haise freundlich. Dabei hatte er nicht vor, seinen Kollegen irgendwelche Mühen zu machen, immerhin war es ihm schon unangenehm genug, dass er wegen seiner Verletzung nicht mehr so schnell weitergehen konnte und somit die ganze Gruppe ausbremste.
Aber schon nach wenigen Minuten zog Seidou die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich, weil er erschrocken aufschrie: »Oh Gott, es stinkt nach verwesendem Fleisch!«
»Takizawa, hör auf im Wald rumzuschreien«, tadelte Akira, »Es kommt eben vor, dass Tiere im Wald sterben und ihre Körper dann verwesen…«
»Wo ist ein verwesendes Tier?«, horchte Juuzou voller Interesse und Faszination auf, »Ich will es sehen!«
Gerade, als er die Böschung hoch und in den Wald laufen wollte, wurde er von seinem Kollegen erneut am T-Shirt gepackt und zurückgehalten.
»Nein, du gehst jetzt ganz sicher nicht das verwesende Tier suchen, Juuzou!«, stellte Seidou klar, worauf der Jüngere schmollend die Unterlippe vorschob.
»Warum denn nicht?«, fragte er unschuldig.
»…Weil man so etwas nicht macht, Juuzou!«, keifte Seidou, »Tote Tiere sind eklig!«
»Könnt ihr mal mit den kindischen Streitereien aufhören? Wir sind nicht mehr in der Grundschule«, warf Kuki genervt ein. Tooru legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter und schmunzelte hilflos.

Letztendlich dauerte es weitere anderthalb Stunden, bis die Gruppe endlich die andere Seite des Waldes erreichte und den See erblickte, der ruhig vor der Bergkette am Horizont da lag und den strahlendblauen wolkenlosen Himmel spiegelte. Ein großes Motorboot hatte an einem verwitterten Holzsteg, der weit in den See hinein reichte, angelegt und war mit einem langen, dicken Tau an einem der Pfosten festgebunden. Die Oberfläche des Wassers glitzerte im Sonnenlicht, als ob unzählige kleine Kristalle darin schwimmen würden.
»Traumhaft schön«, schwärmte Hairu sofort hingerissen und lief zum Ufer des Sees, um neugierig ihre Hand in das kühle Wasser tauchen zu können. Verglichen mit dem warmen Spätsommerwind kam es ihr fast eisig vor, aber es war herrlich rein und so klar, dass sie die hellen Kiesel am Grund noch scharf sehen konnte…
Die Kollegen versammelten sich um einen lockeren Halbkreis auf der Lichtung.
»Na endlich«, stöhnte Seidou auf und ließ sich zu einem erleichterten Lächeln hinreißen, nachdem er sich wie ein schwerer Sack Mehl auf den weichen, moosbedeckten Boden plumpsen hatte lassen. Juuzou hingegen erschien keineswegs erschöpft, als er neugierig und energiegeladen die Gegend erkundete.
Kuki holte aus seinem Rucksack eine Flasche Mineralwasser, die er in ein paar Zügen beinahe austrank und Furuta, dessen Arme und Beine bereits vor Erschöpfung zitterten, ließ die schweren Gepäckstücke aus seinen wundgescheuerten Händen fallen. Er lehnte sich gegen einen rauen Baumstamm, während sich Amom genüsslich streckte, als ob die Wanderung durch den unebenen Wald ein locker-leichtes Aufwärmtraining gewesen wäre.

»Wie geht es Ihnen, Kollege Sasaki?«, erkundigte er sich.
»Alles halb so wild«, tat Haise seine Verstauchung ab, doch der strenggläubige Abteilungsleiter hatte schon bemerkt, dass der Knöchel des Jüngeren inzwischen stark angeschwollen war.
»Sie haben tapfer durchgehalten«, lobte Amon, »Aber jetzt sollten wir zum Boot gehen, damit wir uns etwas ausruhen und Ihren Fuß verarzten können.«
»Okay«, lächelte Haise dankbar und wollte sich gerade wieder auf dem abgebrochenen Ast abstützen, als er ihm von Arima unvermittelt abgenommen wurde.
»Jetzt können wir dich selbst stützen«, teilte er seinem Untergebenen sachlich mit und warf den Stock achtlos in ein Gebüsch, aus dem das Zirpen von Grillen zu hören war.
»Danke«, antwortete Haise schüchtern. Mit Akira und Tooru im Schlepptau ließ er sich von Amon und Arima über den Steg und auf das kleine, weißlackierte Schiff helfen und setzte sich nahe der Reling auf eine der Holzbänke unter einen Sonnenschirm. Obwohl an Bord des Schiffes der Wind etwas stärker als im Wald wehte, war es hier wesentlich wärmer als im schattigen Wald. Der fischige, leicht modrige Duft des Süßwassersees mischte sich mit dem sterilen, leicht beißenden Geruch von warmem Lack des Schiffes.
»…Du solltest deinen Fuß hochlagern«, sagte Arima schließlich emotionslos und hob das linke Bein seines Untergebenen an der Kniekehle vorsichtig hoch, um es auf der Bank daneben behutsam wieder abzulegen. Obwohl die Erschütterungen sich schmerzhaft gerächt hatten, schenkte Haise seinem Vorgesetzten ein dankbares Lächeln.

»Ich werde mich mal auf die Suche nach dem Kapitän machen«, verkündete Amon, bevor er sich zusammen mit Akira auf den Weg machte, das Deck des Schiffes, sowie das Führerhaus zu erkunden. Währenddessen kniete sich Tooru vor ihrem Meister auf den Boden und legte vorsichtig ihre Hände auf den Schuh an seinem verletzten Fuß.
»Darf ich es mir ansehen?«, fragte sie leise.
»Wenn du willst…«, erwiderte Haise zögernd, doch half der jungen Frau, in dem er seine Hose über seine Wade hochschob, während sie ihm höchst vorsichtig den Schuh auszog und ihm dabei dennoch so starke Schmerzen verursachte, dass er gepeinigt keuchte.
»Entschuldigung… Es tut sicher weh«, flüsterte Tooru schuldbewusst.
»Dein Knöchel ist wirklich stark angeschwollen«, bemerkte Arima beunruhigt, als er das Fußgelenk, das ungefähr doppelt so dick wie gewöhnlich war, durch seine schmalen Brillengläser hindurch gemustert hatte.
»Vielleicht kann das helfen?«, kam es unvermittelt von Hairu. Die anderen, die gar nicht bemerkt hatten, wie ihre Kollegin ihnen an Bord des kleinen Schiffes gefolgt war, blickten nun zu ihr auf, als sie näherkam. Ihr zusammengerolltes Halstuch, das die junge Frau vorhin mit kaltem Seewasser getränkt hatte, verlor Tropfen auf den ausgeblichenen hölzernen Planken, die den Boden des Schiffdecks belegten.
Hariu legte ihr nasses Accessoire vorsichtig auf den geschwollenen Knöchel ihres Kollegen, um die Verstauchung zu kühlen.
»Danke, das tut gut…«, seufzte Haise erleichtert lächelnd.
Nach und nach trudelten auch die anderen Angestellten an Bord des Schiffes ein.

»Willst du ein paar Himbeeren gegen die Schmerzen, Haise?«, fragte Juuzou freundlich lächelnd, als er seinem befreundeten Kollegen die Hand entgegenstreckte. Auf der Handfläche lagen ein paar rote, runde Beeren.
»Das sind doch gar keine Himbeeren!«, fuhr Seidou alarmiert dazwischen und schlug seinem Kollegen die Früchte sofort aus der Hand, »Wo hast du die denn nun wieder her? Hast du eh keine gegessen?«
»Behandle mich nicht immer wie ein kleines Kind«, protestierte Juuzou empört.
»Aber du benimmst dich doch wie ein kleines Kind!«, warf ihm sein Kollege genervt vor.
»Ihr seid beide kindisch!«, tadelte Amon, der soeben mit Akira und einem älteren Mann in Matrosenuniform zu der Gruppe stieß, »Ich schäme mich für euch!«
»Aber, Herr Amon…«, jammerte Seidou frustriert.
»Willkommen an Bord der ›Umineko‹. Mein Name ist Tanaka und ich bin der Kapitän. Wir nehmen jetzt Kurs auf die Insel Rushima und werden voraussichtlich in ungefähr einer halben Stunde anlegen«, verkündete er, »Um dieses Gewässer handelt es sich nicht wirklich um einen See, sondern um eine sehr breite, ruhigere Stelle des Flusses. Aber an manchen Stellen gibt es starke Strömungen. Bedenken Sie das bitte, wenn Sie schwimmen gehen.«
»Äh, Herr Kapitän… Guten Tag. Ich hätte eine Frage… Und zwar: Was kann man tun, wenn man seekrank wird?«, meldete sich Furuta nervös.
»Da das Schiff kaum schaukelt, kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand seekrank wird…«, antwortete der erfahrene Seemann tonlos, »Aber versuchen Sie bitte, sich über die Reling zu beugen, wenn Sie sich doch übergeben müssen…«
»A-Alles klar…«
Genervt verdrehte Kuki die Augen.
Warum tun solche Waschlappen nicht allen den Gefallen, zuhause zu bleiben?
Wie hat der Typ überhaupt die Aufnahmeprüfungen bei der Firma geschafft? So leicht sind die nun auch wieder nicht…

Er beobachte mit düsterer Miene, wie zwei Matrosen die dicken Taue lösten, mit denen das Schiff am Steg festgebunden war. Als er seinen Blick wieder abschweifen ließ, stellte er fest, dass der Kapitän inzwischen ins Führerhaus gegangen war und die Motoren gestartet hatte. Sie gluckerten und brummten leise, während das kleine Schiff durch die glitzernde, ruhige Wasseroberfläche glitt und dabei kleine Wellen schlug.

Voller Faszination von ihrer Schönheit fotografierte Ui Hairu, deren weißer Rock verspielt im warmen Spätsommerwind tanzte, als sie an der Reling stand und beobachtete, wie sich das Ufer und der Wald immer weiter und weiter von ihnen entfernten.

Niemand von den Angestellten ahnte, dass nicht alle von ihnen wieder nachhause zurückkehren würden.