Where's my love?

von baesad
GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P16
Sophie Koch Sören Petersen Susanne Kaspary
29.06.2018
11.02.2019
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*Alisia’s Sicht*


Der Abend war rasend schnell vorbeigezogen und die Nacht war hereingebrochen, unaufhaltsam hatte die Dunkelheit die letzten Lichtstrahlen der Sonne aus meinem Zimmer verdrängt, erdrückt und erstickt, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Ich hatte das ganze Schauspiel zwischen endlosen Decken und Kissen in meinem Bett beobachtet, bis ich tatsächlich so müde war, dass ich aufhörte den Verlauf des Lichts zu verfolgen und mich in Richtung meines Fensters drehte.
Es war still. So still, dass ich mich beinahe fragte, ob die Welt um mich herum aufgehört hatte zu existieren. Dabei dachte ich eigentlich immer, dass ich es war, die vor der Welt nicht mehr existieren würde. Auch wenn die Stille kein wirkliches Geräusch war, hatte ich genau vor diesem am meisten Angst. Ein Geräusch, das mich dazu veranlasste meine Gedanken noch lauter wahrzunehmen, als sie ohnehin schon waren. Fast wie Schreie hallten sie durch meinen Kopf, riefen Fragen aus, die ich nie zu beantworten wusste. Fragen über Fragen, ohne je eine Antwort zu erhalten, ohne je laut ausgesprochen zu werden. Fragen, die im Schutze der Stille gedacht, aber niemals gesagt werden dürfen.
Als ich die Augen wieder aufschlug, hatte sich die Welt wieder angefangen zu drehen. Lichtstrahlen durchdrängten die Dunkelheit und ein himmlisches Feuer aus rot, orange und rosa breitete sich über die Wolken aus, bis alle von ihnen von Farben durchstrahlt waren. Eine Mischung aus Kälte und Morgentau hatte sich über mich gelegt, als würde mir die Welt versuchen Trost zu spenden. Als würde sie versuchen mich und sich selber von gestern, von der letzten Nacht, von dem was war und nie wieder sein wird zu heilen.
Ich vernahm das Geräusch von Autos, von Fahrrädern, die mit klingelnden und klappernden Geräuschen den Gehweg vor meinem Haus hinabgefahren wurden. Ich nahm alles wahr, außer mich. Ich lag ewig so da, unbewegt und unberührt, versuchend von all den Gefühlen und Schwingungen um mich herum zu mir selber zurück zu kehren, zum wirklichen und echten Ich. Aber es gelang mir nicht.
„Alisia, Frühstück ist fertig!“ Ein weiteres Geräusch, das die Stille durchbrach, die mich vor wenigen Stunden noch umhüllte. Und auch wenn ich diese eigentlich so sehr hasste, sehnte ich mich danach. Mehr, als mir je bewusst war.
„Guten Morgen, mein Schatz.“ Mum gab mir einen Kuss auf die Stirn, bevor ich mich an die Theke in unserer Küche setzte. Ich beobachtete sie eindringlich, während sie etwas ungeschickt versuchte das Rührei in der Pfanne zu verteilen. War sie letztendlich der Grund für meinen Zustand? Für mein verlorenes Ich? Für mein neues Ich? Zerstörte ich mich, da ich sie zerstört hatte?
Ich gab den Gedankengang auf, verdrängte alles in die hinterste Ecke meines Bewusstseins und schnappte mir meine Tasche. Normalerweise half mir die Kälte, die mir jeden morgen auf dem Fahrrad entgegenschlug immer, aber nicht mal die konnte mir heute Morgen den unsichtbaren Nebel in und um mir nehmen.
Als ich meine Schule zwischen den Bäumen erblickte, sprang mir augenblicklich das Auto entgegen, das sich schon gestern vor meiner Schule platziert hatte. Sophie war hier. Schon wieder. Noch unauffälliger als sonst versuchte ich die Schule zu betreten, annehmend dass sie nach gestern schon hier auf mich warten würde. Aber ich hatte unrecht. Hatte sie mir doch geglaubt? Ich blieb kurz stehen, grübelnd, was ich als nächstes machen sollte. Ein metallener Geschmack in meinem Mund riss mich aber kurzerhand wieder aus meiner Starre los und ich hörte augenblicklich auf auf meiner Lippe herumzubeißen.
Vielleicht hatte Sophie mir ja wirklich geglaubt. Ich war früh, oder aufjedenfall früher als sonst. Wenigstens war ich nicht wie immer die letzte in den Gängen, aber so eilig wie manch andere hatte ich es nicht zu meinem Klassenzimmer zu kommen.
„Alisia!!“ Mein Name hallte fast wie eine Erinnerung durch die Gänge. Eine Erinnerung an die, die ich mal war. Ich wandte mich um. „Guten Morgen Hannah.“ Ich lächelte sie leicht an, bevor ich in eine überstürzte Umarmung gezogen wurde. „Wenn du so weiter machst, bekomm ich keine Luft mehr..“, scherzte ich. Aber war das nicht eigentlich mein Wunsch?
„Na dann komm, ich war nur so überrascht dich auch mal so früh morgens zu sehn.“, sie zwinkerte mir zu, bevor sie meine Hand umschloss und mich eilig die Treppen in den Keller hinab zog.
Als ich durch den Türrahmen trat, erstarrte ich regelrecht. Sophie und Sören standen vorne und hängten verschiedene Plakate an die dunkelgraue Tafel, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Depressionen“ , „Magersucht“.. meine Augen glitten über die weit aufgeklappte Tafel, suchend nach etwas, obwohl ich nicht einmal genau wusste nach was. Als meine Augen schließlich an einem hellblauen Plakat hängen blieben, breitete sich eine Gänsehaut über meine Arme aus, die wie eine Explosion in meinem Innersten einschlug. Fast ungläubig tastete ich mit meinem Blick jeden Buchstaben ab, hinterfragend woher dieser Bann plötzlich kam, in den ich unaufhaltsam gezogen wurde. Blau war definitiv nicht die richtige Farbe, aber gab es dafür überhaupt eine richtige Farbe? Eine Farbe, die diesen Begriff perfekt repräsentieren könnte?
„Gespannt was wir heute machen?“, Sören hatte mich bemerkt und strahlte mich mit seinem offenen Lächeln an. Als Sophie sich umdrehte, um zu schauen, mit wem ihr Kollege da sprach, durchbohrte mich erneut dieses abgrundtiefe Grün in ihren Augen. Ich spürte mein Herz schlagen, fast meine Rippen durchbrechend. Ich öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.
Ich löste meinen Blick von Sophie, nickte Sören kurz grinsend zu, bevor ich mich eilig auf den Platz neben Hannah setzte. Sophie sah mich immer noch an, stirnrunzelnd blickte sie zur Tafel und schien gedanklich selber die einzelnen Begriffe durchzugehen. Ich hielt die Luft an, hoffend, flehend, dass sie sich keinen Reim daraus machte, dass sie sich keinen Reim aus mir machte. Ich war erstarrt. Erstarrt vor Angst blickte ich sie an, Angst ob ich mich verraten hatte, ob ich für einen Augenblick wirklich so unvorsichtig war und sie genau diesen Moment erspäht hatte. Ihre Augen wanderten zurück zu mir. Ich wendete meinen Blick nicht ab und tat das, was für mich in diesem Moment als das einzig Richtige empfunden wurde: Ich lächelte. Ich lächelte, das Symbol dafür, dass wirklich alles gut ist und niemand sich darüber auch je einen Gedanken machen müsste oder sollte. Und dann wendete ich mich zu Hannah, versuchend eine Konversation zu beginnen. In Wirklichkeit betete ich einfach nur, dass es funktionierte, dass sie sich täuschen ließ.
Als sie sich schließlich zu Sören drehte und anfing die Stunde zu beginnen, versuchend mich nicht andauernd ins Visier zu nehmen, strömte alle Anspannung aus mir heraus und ich wagte einen letzten Blick auf das hellblaue Plakat, das wie eine Wolke an der Tafel schwebte, wie eine Drohung, wie eine Vision.

Ein Begriff. Sechs Buchstaben. „Suizid“
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